Der ideologische Kitsch

In einem Ambiente von gedämpftem Licht und mit einem Mojito in der Hand kann ich die Lieder genießen, die mir in einem anderen Umfeld mit ihren einfachen Texten süßlich und kitschig erscheinen. Ich bringe die Kritik in mir zum Verstummen und lasse mich, wenn die Situation es verdient, von jenen Sätzen mitreißen, die „dolor“ auf „amor“ und „sufrir“ auf „morir“ reimen (deutsch: Schmerz, Liebe, leiden, sterben). Den romantischen Kitsch kann ich tolerieren, aber der schlechte Geschmack in der Politik ist etwas, was ich unerträglich finde.
Der Missbrauch von Bildern und Parolen, die so lange wiederholt werden, bis sie ihre emotionale Bedeutung, die sie einmal besaßen, verlieren, verstärkt noch diesen reichlich vorhandenen Kitsch in extrem ideologisierten Gesellschaften wie der unseren.

Einige kurze Bildsequenzen aus einem „Basar der revolutionären Kunst“ in einer zentral gelegenen Straße in Havannas Altstadt bestätigen meine Hypothese der dekorativen Elemente in Verbindung mit einer Ideologie. Um dort irgendeines jener Attribute zu kaufen, die einen politischen Entwicklungsprozess kennzeichnen, muss man in einer anderen Währung bezahlen als der, die unsere Arbeit uns einbringt. Kurioserweise werden die „Ikonen“ selbstloser Hingabe an ein soziales Projekt auf der klaren Basis von Angebot und Nachfrage verkauft. Das Geld verwandelt sich so in einen Pullover, eine Kappe oder einen Rucksack, welche dann wie eine Reliquie, wie ein Stück Holz aus Utopia hergezeigt werden.

Die Gesichter, die man in diesem kleinen Geschäft sieht, sind für viele Personen außerhalb Kubas Teil der Gegenkultur, die sich dem Status quo entgegen stellt. Sie sind die Embleme, auf die sich manche in der Absicht berufen, das zu verändern, was ihnen in ihrer eigenen jeweiligen Gesellschaft nicht gefällt. Aber auf dieser Insel tritt genau das Gegenteil ein. Die Männer, die uns von den Plakaten und T-Shirts anblicken, sind für uns jene, die die aktuelle Ordnung erschufen, die Verwalter des Systems, in dem wir seit fünfzig Jahren leben. Wie kann man diese Symbole tragen, ohne den Eindruck zu haben, dass man dadurch die Kultur der Macht, die Embleme der Herrschenden annimmt?

Übersetzung: Werner Jäckle

Advertisements

Hinterlassen Sie uns ein Kommentar

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s