Geschminkte Lippen

policias

Die Wirtschaftskrise in Kuba zwang uns, einen Ersatz für fast alles zu finden, inklusive der Kosmetika. In den neunziger Jahren wurde Schuhcreme verwendet, um die Wimpern zu tuschen, Geschirrspülmittel verwandelte sich in Shampoo, und Essig in Weichspüler. Eine Freundin aus sehr bescheidenen Verhältnissen war erleichtert, als sie entdeckte, dass sie ein Taschentuch an den weiß gekalkten Wänden reiben und sich damit das Gesicht pudern konnte. Das Abführmittel ließ man lange stehen, damit das darin enthaltene Mineralöl sich abschied, welches man zur Hauttönung benutzte.

In einer stummen Komplizenschaft vereinbarten Männer und Frauen, sich bei gelöschtem Licht auszuziehen, um nicht die Löcher und Flicken in ihrer Unterwäsche zu offenbaren, welche man nachts wusch und hinter dem Kühlschrank trocknete, um sie am nächsten Tag wieder zu tragen. Das Entwürdigendste war, zu der Gewohnheit unserer Großmütter zurückzukehren, die Damenbinden an den Tagen der Menstruation zu waschen oder – auf der Toilette sitzend – zu Hause zu bleiben, wenn der Monatszyklus eintrat.

Ab dem Herbst 1993 hatten diejenigen, die schön aussehen wollten, die Möglichkeit, neuartige Produkte zu kaufen und sogar zwischen verschiedenen Marken zu wählen, aber sie mussten in ihrer Brieftasche die Währung des „Feindes“ mitbringen. Auch zum Preis vieler Opfer ließen sich also die Frauen dieser Insel nicht in ihrem Wunsch besiegen, schöner auszusehen. Mit ihren geschminkten Lippen und der hautengen Kleidung lachten sie über jene, die – in den Momenten des größten Extremismus – den menschlichen Wunsch, sich herauszuputzen, als „kapitalistische Frivolität“ bezeichneten. Seine Haare blau zu färben, sich ein Tattoo machen zu lassen oder sich einen Ring durch den Bauchnabel zu stecken, wird nun nicht mehr als eine ideologische Schwäche angesehen. Auf den Körpern begannen sich Zeichen von Verführung und Wandel breit zu machen.

Übersetzung: Werner Jäckle

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