34

(Hier sollte ein kleines Video mit einem Song von Habana Abierta* zu sehen sein. Sorry, aber das Video ließ sich diesmal nicht herunterladen. Bitte seht es euch auf der spanischen Originalseite an.)

Heute werde ich doppelt so alt wie ich 1993 war, als ich anfing, mich um mich selbst zu kümmern und beschloss von zu Hause fort zu gehen. Ich verzichtete auf Schutz, das warme Essen – wohl eher den Witz eines Essens, weil es der schlimmste Moment der Sonderperiode* war – die sehr geringe finanzielle Unterstützung, die mir meine Eltern zukommen lassen konnten, und den Schutzschirm, den diese für mich zwischen der Härte der Straße und meinen jugendlichen Illusionen bildeten. Ich belud mich mit einem Käfig voller Vögel, einem Haufen Bücher und mit meiner einzigen Garnitur zum Wechseln von Kleidung, um mich ohne Sicherheitsnetz auf die Suche zu begeben nach dieser Unabhängigkeit, die mich auch heute noch in ihrem Bann hält.

An diesem heutigen 4. September habe ich schon die Hälfte meines Lebens in eigener Verantwortung für meine Handlungen zugebracht. In dieser Zeit habe ich gelernt, die Autonomie zu schätzen, Unterstützungen zu misstrauen und all den „Geschenken“, die man uns Bürgern ständig hinterher wirft. Ich genoss es und litt darunter, verantwortlich sein zu müssen für das, was ich tat, und mich nicht in den Satz flüchten zu können „ich weiß nicht, fragen Sie meine Mutter“. Nach vielen Umwegen gelangte ich zu der Erkenntnis, dass meine wahre Heimat die Form einer Insel hat und dass ich zumindest nicht daran denke, sie zu verlassen, indem ich die Tür mit lautem Knall hinter mir zuschlage. Ich bin schon einmal weggegangen mit meinen Habseligkeiten auf dem Rücken, jetzt, da ich das Doppelte jenes Alters habe, muss ich bleiben.

Anmerkung der Übersetzerin:

*Thema des Liedes: „Das Leben ist ein göttliches Drehbuch“. Gruppe: Habana Abierta
*Sonderperiode: Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Wefall der Unterstützung Kubas begann eine Zeit der Not und Nahrungsmittelknappheit.

Übersetzung: Iris Wißmüller /iris.wissmueller@gmx.de

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3 Gedanken zu „34

  1. Nachträglich alles Gute zum Geburtstag, Yoani! Ich wünsche Dir vor allem, dass Du eines Tages (so wie ich übrigens auch) sagen kannst: Ich lebe bereits mehr als die Hälfte meines Lebens in einem freien Land.

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