Der Antiheld

Er hätte ein Alkoholiker bleiben können, der, in einer Ecke hingestreckt, seinen Rausch ausschläft – wie es so viele in dieser Stadt gibt – aber er wollte auch rebellieren. Er sprang vor eine Kamera und schrie nach Essen, was, gemeinsam mit der Sehnsucht nach Veränderung, zur nationalen Besessenheit geworden ist. Seine Spontaneität und der Nachdruck, den er in die Bitte nach „Futter“ legte, verwandelten das kurze Video von Juan Carlos – alias Pánfilo, dem Einfältigen – in einen „Superhit“ in den alternativen Informationsnetzen. Ich kann mich an kein anderes Videomaterial erinnern, das in unserer Gesellschaft so schnell wachsende Metastasen hervorgerufen hätte, außer dem Video von Eliécer Ávila* gegen Ricardo Alarcón im vergangenen Jahr.

Pánfilo hätte – wenige Tage nach der Ausstrahlung seiner Bilder – wissen müssen, dass er sich durch seinen Auftritt verraten hatte. Seine Worte waren wie ein roter Kreis um seinen Kopf, eine leuchtende Anzeige an seinem Hauseingang oder ein Finger, der auf sein Leben zeigt. Die Lupe der Macht, die über uns allen hängt, nahm ihn ins Visier und begann, in seinen Schwächen zu stöbern. Er hielt sich über Wasser, ohne Arbeit zu haben, war schon einmal wegen Raubes verurteilt, kaufte wahrscheinlich Rum auf dem Schwarzmarkt und beging viele andere Schwindeleien, die wir Kubaner jeden Tag begehen, um zu überleben oder zu entkommen. Dass er vor einem Mikrofon aufrichtig war und die Maske abwarf, genügte, um das Skalpell der Repression zu fühlen, das seine Existenz sezierte.

In einer Gesellschaft, die geprägt ist von der Bestrafung derer, die ihre Meinung offen äußern, sagen weder Narren noch Kinder, höchstens Betrunkene, was sie denken. Deshalb überraschte mich auch die Nachricht nicht, dass nach Pánfilo als einem zu verurteilenden Verbrecher mit der Anklage der „vorkrimineller Gefährlichkeit“ gesucht wurde, worauf zwei Jahre Gefängnis stehen. Der juristische Prozess dürfte ihn schneller wieder nüchtern gemacht haben als ein Eimer kaltes Wasser und ein extrem starker Kaffee. Obwohl er immer noch die Möglichkeit hat, diese Entscheidung vor ein Tribunal zu bringen, ist es wenig wahrscheinlich, dass er ohne Strafe davon kommen wird, da es sich hier nicht um eine Warnung handelt, die nur an ihn gerichtet ist. Wenn sie ihn nicht bestrafen, wer könnte dann verhindern, dass die Alkoholiker auf der Straße, die Betrunkenen des Viertels sich vor eine Kamera hinstellen und anfangen, nach allem zu schreien, was uns fehlt: Futter! Zukunft! Freiheit!

Anmerkung der Übersetzer:

*http://www.youtube.com/watch?v=X_nMQD2xwJs

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Ein Gedanke zu „Der Antiheld

  1. Klasse: statt das Problem anzugehen (Erwerbslosigkeit, Hunger) wird das Symptom „behandelt“ – derjenige, der die Probleme deutlich macht.

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