Was uns Polen hinterließ

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Ich war gerade 14 Jahre alt und alles passierte allzu schnell um mich herum. Die materiellen Entbehrungen verschärften sich, und es war schon schwierig in den Kiosken meiner Stadt die Zeitschriften mit vielen Farben, aber wenigen Wahrheiten zu finden, die aus der Sowjetunion stammten. Wir hatten die Fernsehübertragung von Ochoas* Gerichtsverhandlung gesehen und meine Eltern verloren ihre Illusionen, als sie sahen, wie die Justiz sich vor den olivgrünen Uniformen beugte.

Genau in diesen Tagen erreichten uns die Nachrichten von dem, was in Polen geschah. Wir verstanden nichts, da uns bis dahin der europäische sozialistische Block als etwas erschien, was für die Ewigkeit entworfen war. Eine weit entfernte Cousine erzählte uns nach einem kurzen Aufenthalt in Moskau von ihren Befürchtungen, aber wir glaubten weiterhin, dass der RGW**, der Warschauer Pakt und die Schreibmaschinen der Marke Robotron uns alle überdauern würden.

Das Wort Solidarität war plötzlich Mode geworden und in meiner Stadt hießen einige Schulen noch Volksrepublik Polen. Obwohl mein Lehrer in Marxismus-Leninismus darauf beharrte, den Osten zu idealisieren, zerbrach etwas in ihm, als er erfuhr, was in den Straßen von Warschau passierte. Wenn der Einmarsch in die Tschechoslowakei 1968 für unsere Regierenden schwer zu rechtfertigen war, so ließ die Rebellion der polnischen Arbeiterklasse mehr als einen sprachlos zurück.

Ich wurde erwachsen, bekam einen Sohn und auch er war nun an der Reihe, die Losung „Pioniere für den Kommunismus, wir werden wie Che sein“ zu wiederholen. Heute hat er dasselbe Alter wie ich in jenem stürmischen Jahr 1989, in dem meine Zweifel begannen, in dem ich erfuhr, dass all das, was mir eingeschärft worden war, vielleicht nicht wahr war.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Arnaldo Ochoa Sánchez (* 1930 in Havanna, Kuba; † 12. Juli 1989 in Havanna) war ein bekannter kubanischer General, ein Held der Revolution, der hingerichtet wurde, nachdem er vor Gericht des Hochverrats für schuldig befunden wurde. Es wird von einigen Leuten angenommen, dass die Verhaftung und Verurteilung Ochoas mit der sich zur gleichen Zeit verschlechternden Beziehungen zwischen Fidel Castro und Michail Gorbatschow zusammenhängt. Ochoa war ein weitgehend unideologischer Mann, der in großen Teilen von Gorbatschows Glasnost-Politik einen Sinn sah. Als der Kommunismus in der Welt in der Gefahr stand, zu kollabieren, suchte Castro bedingungslose Konformität mit seiner Politik und Ochoas Pragmatismus könnte für ihn eine Bedrohung gewesen sein (siehe Wikipedia).
** Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe / Comecon (aus der englischen Übersetzung Council for Mutual Economic Assistance) war der wirtschaftliche Zusammenschluss der sozialistischen Staaten unter Führung der Sowjetunion. Er löste sich – wie das 1955 gegründete militärische Bündnis Warschauer Pakt im Jahr 1991 infolge der politischen Umwälzungen des Jahres 1989 auf (siehe Wikipedia).

Übersetzung: Bettina Hoyer, Iris Wißmüller, Sebastian Landsberger

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