Und sie gaben uns die Mikrofone. . .

Ein denkwürdiger Abend war der gestrige, im Centro Wifredo Lam, dank der Performance der Künstlerin Tania Bruguera*. Ein Podest mit Mikrofonen, vor einem riesigen roten Vorhang, war Teil der interaktiven Installation im Innenhof. Alle, die wollten, konnten das Podium nutzen, um – in nur einer Minute – in einer Rede das zu sagen, wonach ihnen der Sinn stand.

Da Mikrofone nicht gerade reichlich vorhanden sind, und mehr noch, weil ich zudem seit meiner Zeit als patriotische Verse aufsagende junge Pionierin keinem weiteren mehr begegnet bin, nutzte ich die Gelegenheit. Rechtzeitig von guten Freunden informiert, die davon unterrichtet waren, war ich vorbereitet mit einem Text über die Meinungsfreiheit, die Zensur, die Blogs und dieses schwer fassbare Werkzeug namens Internet. Vor den Kameralinsen des staatlichen Fernsehens, und geschützt durch die eingeladenen ausländischen Gäste der X. Biennale von Havanna, folgten Rufe nach „Freiheit“, „Demokratie“ und sogar offene Kampfansagen an die kubanischen Machthaber aufeinander. Ich erinnere mich an einen Zwanzigjährigen, der bekannte, dass er sich niemals freier gefühlt habe.

Tania gab uns die Mikrofone, uns, die wir noch nie eine eigene Rede hatten halten können, sondern stattdessen die langweiligen Reden der Anderen in der heißen Sonne haben ertragen müssen. Es war Aktionskunst, doch die Erklärungen, die wir abgaben, waren kein Spiel. Wir waren alle sehr ernst. Eine Taube ließ sich auf unseren Schultern nieder, wahrscheinlich ebenso dressiert wie jene andere, damals, vor fünfzig Jahren. Allerdings, niemand von uns, die wir dort sprachen, hielt sich für auserwählt und niemand wollte – fünf Jahrzehnte lang – dort oben stehenbleiben und in die Mikrofone schreien.

* Der – sehr amateurhafte – Videofilm, den ich gestern aufnahm.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:
*    Tania Bruguera (geb. 1968 in Kuba) lebt und arbeitet in Havanna u. Chicago. Sie ist mittlerweile eine der bekanntesten Künstlerlnnen Kubas. Sie arbeitet vor allem mit Installationen, aber auch Performances und Zeichnungen. Ihre Arbeit ist eine Reflexion ihrer kulturellen Umgebung, in der sie das Verhältnis von Ideologie und Macht (durchaus auch aus feministischer Perspektive), aber auch Emigration und Postkolonialismus thematisiert. Sie steht damit in der Tradition von KünstlerInnen, die kulturwissenschaftliche Themen aufgreifen und in ihrer Arbeit künstlerisch übersetzen. (vgl. 3sat)

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

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