Jugendarbeitslosigkeit

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Bestimmte unbeirrbare Statistiken werden niemals in den Kommunikationsmedien bekannt gegeben; eher versteckt man sie, trotz ihrer großen Aussagekraft. Neben der Anzahl der Selbstmorde, Abtreibungen und Ehescheidungen lässt man auch die wahre Zahl der Arbeitslosen verschwinden. Die Nachrichtensendungen und Plakatwände wollen uns glauben machen, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der alle die Möglichkeit haben, eine Arbeit zu finden und diejenigen, auf die das nicht zutrifft, zur Faulheit neigen. Trotzdem, die Vielzahl dieser nicht produzierenden Hände weist auf den Kern eines Systems hin, das die Arbeit in bloßen Anschein und den Lohn in einen schlechten Scherz umgewandelt hat.

Vor einigen Tagen befasste sich ein kurzer Fernsehbeitrag mit dem Thema der Jugendarbeitslosigkeit, jedoch, ohne die Anzahl der gegenwärtig Arbeitslosen zu erwähnen. Havanna, an einem Werktag um zehn Uhr morgens ist der beste Beweis dafür, wie viele Menschen keine Arbeit haben, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die Parks, Gehwege und jede Ecke, voller Menschen während Arbeitszeiten, sind vertrauenswürdiger als die niedrigen Arbeitslosenzahlen in den statistischen Jahrbüchern.
Nach Ansicht der vorsichtigen Spezialistin, die vor den Kameras sprach, würden viele Jugendliche ihre Möglichkeiten falsch einschätzen und deshalb bestimmte Arbeitsstellen nicht annehmen. Auf ihren Satz folgte ein Interview in der Fakultät für soziokulturelle Studien der Provinz Granma, wo die soeben Graduierten sich über Arbeitsplätze als Reinigungskräfte oder Ungezieferkontrolleur beklagten, die ihnen zugewiesen worden waren.

So viel Verbal-Jonglage, nur um nicht anzuerkennen, dass die jungen Leute nicht zum Arbeiten motiviert sind, solange die Löhne derart niedrig bleiben. Es geht nicht darum, an ihre Opferbereitschaft zu appellieren oder sie aufzurufen, mit ihrem täglichen Einsatz das Vaterland zu retten, sondern darum, ihnen einen Betrag in derjenigen Währung auszuzahlen, der ihnen ein angemessenes Leben erlaubt. Der angestrebte „neue Mensch*“ ist gar nicht so anders als der Rest der Menschheit: Er möchte seine Zeit und seine Kraft für etwas einsetzen, das zu Wohlstand und Wohlbefinden führt. Dies dürfte weder für die Spezialisten allzu schwer zu verstehen sein, noch systematisch von den Statistiken totgeschwiegen werden.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:
*    Von Ernesto „Che“ Guevara 1965 entworfenes Konzept des „hombre nuevo“. Die neue, im Entstehen begriffene Gemeinschaft ist für ihn zu diesem Zeitpunkt die kommunistische Gesellschaftsform: Der „Neue Mensch“ (hombre nuevo) erlangt dort durch Erziehung und Selbsterziehung ein umfassendes Bewusstsein seiner sozialen Existenz und verwirklicht sich im Rahmen von „befreiter Arbeit“, die nicht feudalen Herren sondern der Gemeinschaft zugute kommt. Die Verwirklichung der Ideale der Neuen Gesellschaft fordert immer wieder Opferbereitschaft des Einzelnen. Mehr z.B. unter Lateinamerika-Studien

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

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