Unter dem Schirm

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Bei vielen von uns geht es sogar so weit, dass sie glauben, nicht zu existieren, wenn wir nicht unter dem Schutzschirm einer staatlichen Organisation stehen. Eine Frage empfängt uns immer, sei es am Eingang eines Ministeriums, sei es vor der Sekretärin irgendeines Funktionärs: „Und woher kommen Sie?“ Es handelt sich nicht um Neugier über unsere regionale Herkunft, sondern um eine scharfsinnige Ermittlung, welche Institution hinter uns steht. Wenn man kein Empfehlungs-schreiben mit dem Emblem eines Staatsunternehmens vorweist, kann man in diesen amtlichen Niederlassungen wenig ausrichten. Wir „unabhängige Bürger“ oder „selbstständige Individuen“ sind gewöhnt an die langen Wartezeiten und die Ablehnungen.

In dieser eigentümlichen Situation als freies Elektron, entfernt vom Kernbereich jeglicher Privilegien, Macht oder wichtiger Posten, bin ich geübt in den Fallstricken, Spezialistin in Angelegenheiten, die niemals geregelt werden. Tausend und ein Mal hat man mir dieselbe Frage nach dem staatlichen Schutzschirm gestellt, der mich behütet, und ich möchte lieber unter der Sonne meiner Autonomie dahinsiechen, als unter Sonderrechten Zuflucht suchen. Es ist klar, dass ein Erklären dieser Philosophie der „Nichtzugehörigkeit“ nichts dazu beitragen würden, dass der Wächter mich eintreten lässt, um irgendeine Ablehnungsverfügung zu klären.

Es stellt sich heraus, dass ich nicht existiere, weil mich keine staatliche Einheit zu ihrem Inventar zählt, weil ich weder einen Gewerkschaftsbeitrag zahle, noch in der Mitgliederliste einer Arbeiterkantine erscheine. Obwohl ich laufe, schlafe, liebe und mich sogar beklage, fehlt mir die Lebensbescheinigung, die mir die Mitgliedschaft in einer der wenigen – und langweiligen – neoregierungsamtlichen Organisationen geben würde. In der Praxis bin ich ein staatsbürgerliches Gespenst, eine Nicht-Seiende, eine, die dem messerscharfen Auge des Pförtners nicht den geringsten Beleg vorweisen kann, dass sie in der staatlichen Maschinerie existiert.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

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Ein Gedanke zu „Unter dem Schirm

  1. Guten Abend. Das ist ein sehr interessanter Blogg. Leider ist mein Kubanisch nicht auf dem Niveau, dass ich Euch und der „Be- und Ueberwachung“ klar ausdrücken kann, was ich denke. Ich verstehe zwar die Granma, aber eben zum Schreiben reicht es nicht.

    Nah vielleicht ist ja das Vokabular der Granma in der Tat seit 50 Jahren das gleiche und irgendwann versteht es selbst einer der nicht kubanisch spricht. Me recuerdo de una edicion de Granma resumiendo un discurso de un cierto comandante sin ligitimacion:comenzando en pocas palabras … y continua el discurso de 3 paginas A3. …

    … quiero menos palabras y mas resultados.

    Ich bin positiv überrascht, dass ich aus Kuba solche Stimmen vernehme. Vor allem wenn man bedenkt, dass die Besten das Land schon längst verlassen und noch laufend verlassen. Aber vielleicht ist der Blogg genau die Möglichkeit, an die Oeffentlichkeit zu gehen, die persönliche Standpunkte zu äussern ohne dass man gleich angeklagt, schauprozessiert wird oder einfach …. „weg“ ist.

    Meine Familie hat schon einige dieser „weg“-Systeme erlebt. Sie gaben sich alle irgendwelche Farben gegeben … hauptsächlich braun, rot, schwarz … sie habe sich alle für absolut erklärt und sind letztlich daran gescheitert … das ist einfach gut!

    Viel Erfolg!

    G y M

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