Kurzsichtigkeit und der Knick in der Optik

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Ich setze die Brille des Optimismus auf und werfe einen Blick auf die heruntergekommene Stadt, in der ich wohne. Mit diesen schillernden Gläsern der Hoffnung pumpt mein Herz ruhiger, ohne Aussetzer. Dank ihnen verstehe ich, dass ich nicht wegen staatlicher Ineffizienz – unfähig, innerhalb von fünf Monaten einen Fahrstuhl zu montieren – vierzehn Stockwerke täglich erklimme, sondern weil ich eine ausgemachte Umweltschützerin bin und entschlossen, nur meinen „Human-Treibstoff“ zu verbrauchen. Mit diesen neuen Gläsern, durch die ich alles betrachte, merke ich, dass auf meinem Teller kein Fleisch ist, aber nicht wegen seines viel zu hohen Marktpreises, sondern weil ich die Tiere liebe und ihnen das Leiden beim Schlachten ersparen möchte. Mir fehlt ein Internetanschluss zu Hause, aber die rosaroten Brillengläser verbergen vor mir, dass diese Dienste ausschließlich Funktionären und ausländischen Einwohnern vorbehalten sind. Vielleicht will man mich ja vor den „Perversionen“ im Netz schützen, sage ich mir, so wie es der lächerliche Candide* eines Voltaire täte. So habe ich einen kurzen Augenblick lang versucht, Paläste anstelle des Zusammenbruchs zu sehen, politische Führer, die uns zum Sieg führen, während sie uns in Wahrheit an den Abgrund bringen, und Männer, die von meinem Haar hypnotisiert sind, obwohl ich weiß, dass sie mir folgen, um mich zu überwachen.

Das Problem fängt an, wenn ich die Brille der Einfalt absetze und das betrachte, was mich umgibt, in den wahren Farben der Krise. Die Wadenschmerzen kommen wieder, als Reaktion auf die lange Treppe; ich beginne, von einem Rindersteak zu träumen und ein blinkendes Modem wird zu einem beinahe erotischen Wunsch. Ich werfe die Brille des Optimismus von meinem Balkon, vielleicht gibt es dort unten jemanden, der sie noch immer benutzen will, der sich mit ihr die Wirklichkeit zurechtbiegen möchte.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Verweis auf den satirischen Roman „Candide oder der Optimismus“ des französischen Philosophen Voltaire. Siehe dazu Wikipedia.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

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