Cuba performance

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Vor ein paar Tagen hatten wir in unserer Wohnung die Gelegenheit den Dokumentarfilm Cuba performance zu sehen, der sich dem künstlerischen Schaffen der Gruppe Omni Zona Franca* widmet. Das Wohnzimmer füllte sich mit Langhaarigen, und sogar einige ausländische Autoren, die zur Buchmesse eingeladen worden waren, stiegen die Treppen bis zum vierzehnten Stock hinauf. Amaury – der Hauptdarsteller des Films – war nicht dabei, weil ihm vor ein paar Tagen ein Sohn geboren wurde und er fast zwischen Windeln und schlaflosen Nächten erstickt. Es war Freitag der 13. und Vollmond. Der Aberglaube hinderte uns jedoch nicht daran, ein paar schöpferische, freie Stunden zu genießen und uns Luft zu machen.

Die Regisseurin des Dokumentarfilms, Elvira Rodríguez Puerto**, hatte wochenlang mit Eligio, David und den anderen Künstlern aus Alamar*** zusammengelebt. Wegen dieser engen Interaktion gelingt es ihr, uns die Mischung aus Poesie, Malerei, Zen und Graffiti nahezubringen, mit der diese talentierten Autodidakten die Straßen der Modellstadt des „neuen Menschen“ angefüllt haben. Unzweckmäßig und stigmatisiert – dieses einzigartige Viertel ist ein Ort, an dem Wenige wohnen möchten, voller identischer, sich periodisch wiederholender Betonblöcke****. Dort wohnt Amaury, und dort betreibt er seine Kunst. Ein großer schwarzer Mann, der mit einem Bergmannshelm und in einem weiten Rock herumläuft. Ihm gelingt es, die Nachbarn in seine Aktionskunst einzubeziehen, er lässt sie ihre leeren Plastiktüten vergessen, mit denen sie vom Markt heimkommen, und hilft ihnen, den erstarrten Gesichtsausdruck der Ungläubigkeit zu überwinden, mit dem sie alles ansehen.

Unser Leben ist voller Performances und Aktionskunst, die selbst dann symbolträchtig sind, wenn sie uns vollkommen folgerichtig und alltäglich erscheinen. Das ist das Gefühl, das sich bei mir einstellt, wenn ich der Philosophie dieses frohgelaunten Dichters lausche, der sich beim Gehen auf einen hölzernen Gehstock stützt. Auf den Bus warten, Schlange stehen nach dem einzigen Brot auf dem Bezugsschein, Artikel auf dem Schwarzmarkt tauschen, ein kleines Boot bauen, um in See zu stechen, und sogar so tun, als sei man einverstanden, das sind Teile eines Drehbuchs, das wir über Jahrzehnte aufgeführt haben. Nur, dass wir uns nach der Ungezwungenheit des Happening und der Spontaneität sehnen, mit der sich Amaury bewegt, so weit entfernt von Angst, Konventionen und Kontrollen.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Das aus einem guten Dutzend Frauen und Männern bestehende Kunstkollektiv agiert vollkommen unabhängig vom institutionellen Kulturbetrieb mit provokanten Performances, Dichterlesungen, Ausstellungen und Konzerten (aus der Jungle World). Mehr z.B. bei der TAZ oder amnesty international.
** Mehr auf der Webseite der Regisseurin.
*** Vorort Havannas, Hochburg des kubanischen Rap, 120.000 Menschen leben hier in der Modellstadt der Revolution, die nie fertig gebaut wurde (vgl. Jungle World).
**** Plattenbauten

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Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

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2 Gedanken zu „Cuba performance

  1. Mein ganz persönlicher Gruss an Yoani!

    Zum erstenmal habe ich diesen blog gelesen und bin einerseits erschüttert über die Zustände, die hier aufgezeigt werden – andererseits bin ich, als jetzt alter Mann, der in seiner Jugend an den 68er-Protesten (die ja auch eine Art Freiheitskampf waren) hier in Deutschland teilgenommen hat, erfreut und zu Tränen gerührt, dass es immer noch idealistische junge Menschen (wie wir es einst waren) in dieser lethargischen Zeit und Welt der stummen Angepasstheit gibt, die für ihre Ideale und Freiheit bereit sind, solche Risiken einzugehen!!!

    Yoani, ich bin von Herzen stolz auf Sie!

    Und als kleinen Trost und Beistand schicke ich Ihnen den folgenden Text eines alten deutschen Volksliedes, das aus einer Zeit stammt, in welcher auch hier bei uns Unterdrückung und Zwang herrschte:

    Die Gedanken sind frei

    Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten,
    sie fliegen vorbei, wie nächtliche Schatten.
    Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen.
    Es bleibet dabei: Die Gedanken sind frei!

    Ich denk‘ was ich will und was mich beglückt,
    doch alles in der Still‘, und wie es sich schicket.
    Mein Wunsch, mein Begehren kann niemand verwehren,
    es bleibet dabei: Die Gedanken sind frei!

    Und sperrt man mich ein in finstere Kerker,
    das alles, das sind vergebliche Werke.
    Denn meine Gedanken zerreißen die Schranken
    und Mauern entzwei, die Gedanken sind frei!

    Drum will ich auf immer den Sorgen entsagen
    und will mich auch nimmer mit Ärger mehr plagen.
    Man kann ja im Herzen stetz lachen und scherzen
    und denken dabei: Die Gedanken sind frei!

    Ich hoffe, irgendjemand kann es so in Deine Sprache übersetzen, dass der tiefe Sinn dieses Gedichtes erhalten bleibt.

    Gotte segne und beschütze Sie!

    Wilhelm aus Deutschland

  2. Diese Dokumentarfilms ist unglaublig. Ich denke wir sollten uns bemühen hier in Deutschland, es überall zu zeigen. Bald wird dass auch in München gezeigt.
    Die Leute sollen sehen wie man in Kuba leben musst. Wie diese Gruppe Kubaner erfinden, machen KUNST, wie sie die Herausforderung des Lebens kreativ entgegen nehmen. Wie die Ruinöse realität, trotz alle dem, mit optimismus, kraft, kritische stimme, gestaltet wird. Selbst wenn Sie wissen, Ihre Stimmen werden nicht zu gehört. Aber sie lindern den Schmerz in der unmittelbare Nähe, von einander.
    Ich hatte das Privileg ein Artkel (auf spanisch) darüber zu schreiben. Die Titel: Cuba Performance me recuerda al mundo und wurde auch in die Digital Zeitschrift „OTRO LUNES“ publiziert.

    Ich danke immer, mit ganzen Herz weil, immer wieder, die Ubersetzerin diese Website eine Kampeferin für die Kubas Freiheit ist… Wir Kubaner sind dir unheimlich dankbar. Diese Web auf deutsch wächs über die ofizielle oder institutionelle organisationen hinaus, ohnehin. Sie gibt viel mehr für die hermandad, bruderschaft unsere Völker. DANKE!

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