Der Stern, der leuchtet und fehlt1

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Unter den verschiedenen Weisen, Licht zu verbreiten, gibt es ein paar ganz eigentümliche, wie „durch Abwesenheit glänzen“. Solch unverwechselbarer Glanz wurde gestern auf der Titelseite der Granma* offenbar, wo der kubanischen Flagge die fünf weißen Zacken auf dem roten Dreieck fehlen. Die Unruhe war so groß, dass die Zeitung in den ersten Morgenstunden ausverkauft war, und heute auf der Strasse redeten alle über dasselbe. Offensichtlich handelte es sich nicht um einen Druckfehler, denn ein Stern verschwindet nicht so einfach.

Ich möchte lieber denken, dass der – eigenwillige und überhebliche – Morgenstern, der unsere Souveränität darstellt, beschlossen hat, am Vorabend des Geburtstags des Meisters** zu verschwinden. Weil nämlich die Unabhängigkeit, die er ausstrahlt, nicht nur diejenige des Unabhängigseins von einer ausländischen Macht ist, sondern eine, die es jedem Staatsbürger erlaubt, souverän zu sein gegenüber dem mächtigen Staatsapparat. Angesichts der Tatsache, dass die Dunkelheit – auf dem Gebiet der bürgerlichen Freiheiten – uns nicht einmal die Hand vor Augen sehen lässt, verließ der einsame Stern seine rote Umgebung, um so das offizielle Parteiorgan mit seiner markanten Abwesenheit auf der ersten Seite zurück zu lassen.

Es gibt Fehler, die mit erheblich mehr Symbolkraft beladen sind, als hunderte von Treffern. Flüchtende Sterne und Leser, die ihre Flucht interpretieren; Inseln, die in der Abhängigkeit von Prophezeiungen und Vermutungen leben; Gedenktage für den Nationalheiligen und Flaggen, die sich trauen, das zu zeigen, was so viele verschweigen.

1Vers von José Martí, der eigentlich lautet „der Stern, der leuchtet und tötet“ (aus: Versos libres, 1913).

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Tageszeitung der Kommunistischen Partei Kubas, benannt nach der Yacht, mit der die Guerilla unter Führung von Fidel Castro 1956 aus Mexiko nach Kuba übersetzte
** Der kubanische Nationalheld José Julián Martí Pérez wurde am 28. Januar 1853 in der Calle Paula, 41 im Stadtteil Havanna Vieja, Kuba, geboren.

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Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

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