Lady, I love you

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Auf einer Bank, im Parque Central, warte ich auf ein paar Freundinnen, die schon eine halbe Stunde zu spät sind. Es ist ein harter Tag gewesen, und ich habe wenig Lust, mich mit irgendwem zu unterhalten. Ein Junge – noch keine zwanzig – setzt sich neben mich. Er spricht ein miserables Englisch, dennoch setzt er es ein, um mich danach zu fragen, woher ich komme und ob ich Spanisch verstehe. Einem ersten Impuls folgend möchte ihm sagen, dass er verduften soll, dass ich nicht in Stimmung bin für Jineteros* auf Touristenjagd, aber ich lasse ihn mit seinen zum Scheitern verurteilten Verführungsbemühungen fortfahren.

Er weiß nicht, dass ich meine helle Hautfarbe von zwei spanischen Großeltern geerbt habe, mein Pass jedoch genauso blau und kubanisch wie der seine ist. Hielte er mich nicht irrtümlich für eine Ausländerin, würde er sich mir niemals annähern. Ich bin keine gute Partie – das sieht man schon von weitem – doch rechnet er damit, dass ich ihm, obwohl ich eine arme Fremde zu sein scheine, zumindest ein Ausreisevisum verschaffen kann. Angestachelt von meinem Schweigen sagt er „Lady, I love you“ zu mir. Nach einer derartigen Liebeserklärung kann ich mir das Lachen nicht länger verkneifen. In übelstem Slang aus Centro Habana** gebe ich ihm zurück: „Spar dir deine Munition, ich bin eine Cubiche***.“ Wie von der Tarantel gestochen springt er auf und geht – mich dabei beschimpfend – davon. Ich höre, wie er lauthals verkündet: „Diese Dürre sieht aus wie eine Yuma****, dabei ist sie von hier und noch weniger wert, als die heimische Währung*****!“ Mein Tag hat eine unerwartete Wendung genommen, und ich beginne alleine vor mich hin zu lachen auf jener Bank, nur wenige Meter von dem marmornen Martí entfernt, der den Park ziert.

Die Gelegenheit wieder aufzutrumpfen erhält der verärgerte Casanova schnell. Eine Nordeuropäerin in Bermudas geht an ihm vorbei, und er wiederholt dieselbe Leier, die er schon bei mir losgelassen hatte. Sie lächelt und scheint von seiner Jugend verblendet zu sein. Ich sehe sie gemeinsam weggehen, während der smarte Jüngling ihr seine Liebe erklärt – in einer Sprache, von der er höchstens ein Dutzend Wörter kennt.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Jinetero/Jinetera (wörtlich: „ReiterIn“ oder „Jockey“.) Bezeichnung für KubanerInnen, die gezielt den Kontakt mit TouristInnen suchen, um mit ihnen alle möglichen Geschäfte zu machen. Dazu gehört auch die Prostitution.
** Centro Habana ist ein „berüchtigter“ Stadtteil Havannas. Wer von dort kommt, gilt als hartgesotten.
*** Von KubanerInnen selbst gebrauchte, abwertende Bezeichnung für KubanerIn
**** Abwertende Bezeichnung für AusländerInnen.
***** Gemeint ist $ MN (Moneda Nacional), auch als „Peso Cubano“ bezeichnet.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

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Ein Gedanke zu „Lady, I love you

  1. Wie gut dass Du gelacht hast, obwohl Du eigentlich frustriert warst. Als meine Kathrin im letzten Sommer die Idee hatte, einen Blog zu schreiben, war es am Ende des Segelurlaubs irgendwie aussaugend. Vielleicht machst Du mal ne Pause?
    Die Insel (Kuba) geht nicht unter…. Und Du wirst so wie Du bist (ausdruckstark schlank) immer beliebter … Schön bist Du und Dein Lächeln ja sowieso.
    Axel

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