Das Fehlen der Farben

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In diesem impressionistischen Bild, das ich von meiner Wirklichkeit zeichne, treffe ich häufig nicht die exakte Farbe für jedes Geschehen. Die umfangreiche Palette aus Zweifeln, Enttäuschung und einem gewissen übernächtigten Optimismus, enthält keinen Farbton, mit dem ich die Leere wiedergeben könnte. Wie soll ich nur das „Nichts“ malen, das seit Monaten auf dieser Insel durchlebt wird, die Klammer, die die Ereignisse einfasst, in denen wir feststecken. Auch die Umgebung hat an Farbe verloren. Beispielsweise ist das glühende Gelb der Gerüchte verschwunden, da niemand mehr auf die nächsten von Raúl Castro ergriffenen Maßnahmen spekuliert.

Der bräunliche Farbton der ersehnten und gescheiterten Agrarreform hat nicht das satte Grün von Gemüse und Obst zu erschwinglicheren Preisen angenommen. Es erübrigt sich fast, die eigentlich vorgesehene Abschaffung der „weißen Karte”* zu erwähnen, die nun – weil sie eben nicht realisiert worden ist – weiterhin die dunkle Farbe des absurden kubanischen Migrationssystems aufweist. Statt neu hinzugewonnener Farbschattierungen, befindet sich auf der offiziellen Staffelei eine Leinwand mit dem einfarbigen Spektakel eines einzigen gültigen Diskurses. Mit diesen Mitteln könnte ich gut ein graues Bild vor einem grauen Hintergrund malen und es wäre immer noch Schönfärberei.

Manche meinen vielleicht, dass der Besuch verschiedener ausländischer Präsidenten dem Gemälde einen goldenen Farbton verleiht, doch diese Farbtupfer fallen auf die Fassade von Außenministerium und Regierungspalast, nicht auf die Leinwand des echten Lebens. Es sind einzelne Pinselstriche, die nach außen hin gesetzt werden, mit der geübten Hand eines Fälschers, der hier und da noch etwas retouchiert, um den vorgeblichen Änderungen Authentizität zu verleihen. Währenddessen bleibt es mir weiterhin versagt, die Farbe zu finden, die Trägheit abbilden würde, die die entfärbte Wirklichkeit eines in der Zeit stehen gebliebene Landes einfangen könnte.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Gemeint ist die Ausreiseerlaubnis (permiso de salida), die auch „tarjeta blanca“ genannt wird.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

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