Missionen

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Die achte undichte Stelle im Wohnzimmer brachte dich dazu, einen Einsatz als Arzt in Venezuela anzunehmen. Wusstest du doch, dass du mit dem Monatslohn niemals würdest die Platte wegwerfen und die zerbröckelnden Säulen reparieren können. So aber würde der Weiterverkauf einiger dort gekaufter, elektrischer Haushaltsgeräte dir helfen, die Kosten für den Zement und den Betonstahl zusammen zu bekommen. In Havanna würde sich, durch deinen Aufenthalt in Caracas, ein Bankkonto mit den monatlich eintreffenden fünfzig Pesos Convertibles füllen. Deine Frau hat dir den Kauf eines Laptops angetragen und dein Kleinster wünscht sich eine Playstation.

Die ersten Monate schliefst du schlecht, wegen der Geräusche von Schüssen, die bis zu deinem kleinen Zimmer vordrangen, das du mit fünf Kollegen teiltest. Um das Heimweh zu vertreiben, dachtest du an die Gesichter deiner Familie, wenn du ihnen die schöne Kleidung zeigen würdest, die du bei einer Rabattaktion erstanden hattest. Unterdessen wuchs in Kuba das kleine Vermögen, das dir unter der Bedingung zur Verfügung stand, dass du dich erst am Ende deiner Mission daran würdest erfreuen können.

Jemand aus deiner Gruppe gestand dir eines Nachts, dass er die Grenze überqueren und sich nach Miami verdrücken würde. Das hörtest du mit dem aufgeregten Zittern von jemandem, der bereit ist, die undichten Stellen zum Teufel zu jagen, das neue Dach und den erbetenen Laptop, um seine Ersparnisse dazu zu benutzen, ein neues Leben anzufangen. Augenblicklich erinnertest du dich jedoch an diesen Krankenpfleger, der floh und nie hatte seine Familie von der Insel nachholen können. Deserteure werden durch Trennung bestraft, die in der Unmöglichkeit besteht, sich wieder mit den Ihren zu vereinen.

So vergingen deine zwei Jahre, während derer du Menschen heiltest und Leben gerettet hast, unter der Ferne leidend, der Angst und der fehlenden Privatsphäre in deiner Unterkunft. Mit großer Erleichterung reagiertest du auf die Nachricht, dass deine Frau mit dem Kauf des Zements begonnen hat, um das Dach zu verputzen. Als der Moment der Rückkehr kurz bevor stand, gab dir jemand bekannt, dass ein Papier mit einer Verpflichtung für weitere sechs Monate angekommen sei, das lediglich noch unterschrieben werden müsse. „Kein Problem“, dachtest du dir, „das, was ich in dieser Zeit verdienen werde, reicht mir vielleicht, um auch noch die Wände des Hauses zu reparieren“.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

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