Lösungen

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Wenn du keine „Lösungen“ vorschlägst, dann lass dir bloß nicht einfallen, die Waffe der Kritik zu benutzen, erklären mir manche, die selbst auch keinen einzigen Verbesserungsvorschlag anbringen. Ihr Tonfall beschwört Erinnerungen an die langweiligen Pionierversammlungen herauf, an denen ich während all meiner Schuljahre teilnahm. Wenn ich mit Reden an die Reihe kam und meine Ausführungen über das Persönliche hinausgingen, um das System zu kritisieren, dann wurde ich brüsk unterbrochen und daran erinnert, dass ein richtiger Revolutionär Lösungen vorträgt und keine Beschwerden. Vorgetragene Kritik sollte konstruktiv sein – wies man mich zurecht – und mit der Zeit verstand ich, dass das keine Aufforderung zur produktiven Auseinandersetzung war, sondern zum Konformismus.

Solche beschränkten Kritiken führten zu den Problemen, für die noch nicht einmal die Befürworter der „nützlichen Kritik“ eine Lösung wissen. Meine geringen Kenntnisse auf wirtschaftlichem Gebiet erlauben es mir nicht, etwa einen Vorschlag zum Ausmerzen des Unrechts der zweigeteilten Wirtschaft zu wagen, in der wir seit fünfzehn Jahren leben. Ich habe auch nicht die naturwissenschaftliche Vorbildung, um zu wissen, wie das verflixte Problem des allgegenwärtigen Marabú* zu lösen wäre. Unkenntnis in politischen Dingen macht es mir unmöglich vorherzusehen, wie die Worte von Johannes Paul II umgesetzt werden sollen, dass „Kuba sich für die Welt und die Welt sich für Kuba öffnet“**.

Dennoch hat mich mein Instinkt als Staatsbürgerin intuitiv DIE LÖSUNG finden lassen. Nur die freie Meinungsäußerung wird bewirken, dass diejenigen, die Lösungsvorschläge anbringen können, sich auch trauen, sie vorzutragen. Der Wirtschaftswissenschaftler, der in seiner Schublade den Plan zur Sanierung der kubanischen Wirtschaft verwahrt, braucht Garantien, dass er für das Aussprechen seiner Ideen nicht bestraft werden wird.
All die politischen, sozialen und außenpolitischen Entwürfe, die angesichts möglicher Repressalien gegen ihre Urheber weiter versteckt bleiben, beanspruchen einen Raum des Respekts.

Lasst zu, dass alle reden, egal ob als Gejammer oder gestützt auf einen wohldurchdachten Vorschlag, um die Probleme anzugehen. Gebt öffentlich bekannt, dass jeder Kubaner das sagen kann, was er denkt und eine Lösung vorschlagen darf, die von der politischen Farbe ist und der ideologischen Orientierung entspricht, an die er glaubt. Dann werdet ihr sehen, wie die Heilmittel zum Vorschein kommen, wie die Klage dem Vorschlag weicht und wie schlecht das den chronischen Bremsern von Kritik bekommt.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Dichrostachys cinerea: Strauch, der in Kuba eine Plage auf landwirtschaftlichen Flächen ist.
** Besuch von Papst Johannes Paul II in Kuba im Januar 1998

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

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