Geburtstag oder Jahrestag?

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Während wortreiche Dossiers über die 50 Jahre Revolution in Kuba vorbereitet werden, fragen sich nur wenige, ob das, was da gefeiert wird, der Geburtstag eines lebenden Wesens oder nur der Jahrestag eines Geschehnisses ist. Revolutionen dauern kein halbes Jahrhundert, gebe ich denen zu denken, die mich fragen. Am Ende verschlingen sie sich selbst und verdauen sich zu Autoritarismus, Überwachung und Bewegungsunfähigkeit. Sie hauchen immer dann ihr Leben aus, wenn sie versuchen, unsterblich zu werden. Sie scheiden dahin, weil sie, ohne sich zu wandeln, am Leben bleiben wollen.

Die da an jenem ersten Januar geboren wurde, liegt bereits seit etlichen Jahren – so die Auffassung vieler – unter der Erde. Die Debatten scheinen sich um das Datum der Bestattungsfeier zu drehen. Für Reinaldo starb sie in jenem August 1968, als unser bärtiger Revolutionsführer dem Eindringen von Panzern in Prag applaudierte. Meine Mutter sah die Revolution dahinscheiden, als das Todesurteil gegen General Arnaldo Ochoa* gefällt wurde. Der März des Jahres 2003 mit seinen Verhaftungen und Schnellgerichtsverfahren war das Todesröcheln, das ein paar Unbelehrbare hörten, die sie immer noch für lebendig gehalten hatten.

Ich lernte sie bereits als Leichnam kennen, das muss ich deutlich sagen. In jenem Jahr 1975, in dem ich geboren wurde, hatte die Sowjetisierung schon jegliche Spontanität ausgelöscht, und es war nichts war mehr übrig von der rebellischen Haltung, die von den Älteren beschworen und wach gehalten wurde. Es gab weder lange Haare noch allgemeine Begeisterung, sondern politische Säuberungen, Doppelmoral und Verrat. Die Skapuliere, mit denen sie damals aus dem Gebirge herunter gekommen waren, hatte man bereits verbannt, und jene Soldaten aus der Sierra Maestra** waren süchtig geworden nach Macht.

Was übrig blieb, ist eine in die Länge gezogene Totenwache dessen, was sie hätte sein können; die Altarkerzen brennend von einer Illusion, die so viele mitgerissen hatte. In diesem Januar wird die Verstorbene wieder um einen Jahrestag älter, es wird Blumen, Hochrufe und Gesänge geben, aber nichts kann sie aus dem Pantheon herausholen und wieder zum Leben erwecken. Lasst sie in Frieden ruhen, und lasst uns bald mit einem neuen Lebensabschnitt beginnen: kürzer, weniger hochtrabend, freier.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Arnaldo Ochoa Sánchez (* 1930 in Havanna, Kuba; † 12.Juli 1989 in Havanna) war ein bekannter kubanischer General, der hingerichtete wurde, nachdem er vor Gericht des Hochverrats für schuldig befunden wurde (siehe: de.wikipedia.org/wiki/Arnaldo_Ochoa).
** unwegsames Gebirge in Kuba, von dem aus die Guerilla-Kämpfer die Revolution vorantrieben

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

Ein Gedanke zu „Geburtstag oder Jahrestag?

  1. man greift sich an den Kopf und fragt sich ;wie lange noch muss Yoani ihre Mutigen Artikel schreiben bis sich da etwas riuehrt.Fuenfzig Jahre!!!Man fragt sich:Etwas muss doch positiv sein oder ist alles Schaumschlaegerei??Oder haben die

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