Kurze Begegnung mit Mariela*

 

Für Miguel, der noch davon träumt, eine sozialdemokratische Frau zu sein

Gestern ging ich zu einer Tagung über Sexualität, die im Museo de Bellas Artes stattfand. Seit zwei Wochen läuft dort eine Veranstaltungsreihe über erotische Kunst, begleitet von Filmen und Gesprächsrunden. Just an diesem Dienstag war der Augenblick um etwas zu hören über das Thema der Eingliederung von Transsexuellen in die Gesellschaft und die Vorurteile, die noch immer gegen sie bestehen. Auf dem Weg nach Alamar – wo dieser Tage das Festival Poesía sin Fin** stattfindet – bin ich in das Halbrund des ehemaligen Centro Asturiano*** hineingehuscht.

Nach der Konferenz hatte ich die Gelegenheit, Mariela Castro eine Frage zu stellen, die mich jedes Mal quält, wenn ich höre, dass von Toleranz gegenüber der sexuellen Orientierung gesprochen wird. Noch immer verstehe ich nicht, dass man das Recht einer Person akzeptiert, frei zu wählen, mit wem sie sexuelle Beziehungen haben möchte und wir trotzdem in dieser ideologischen Monogamie verharren, die man uns auferlegt hat. Wenn bereits Konzepte wie das des „Kranken“ aus den Studien über Homosexualität verbannt sind, weshalb wird das Adjektiv „konterrevolutionär“ dann weiterhin für Andersdenkende verwendet? Für mich ist es genauso schlimm, jemanden als „Schwuchtel“ zu bezeichnen, wie „Wurm“**** zu einem Abweichler zu sagen.

Weil heute der Tag ist, an dem diese Rechte im Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit stehen sollten, möchte ich euch ein kleines Video über meine kurze Begegnung mit Mariela zeigen. Der Ton ist grauenhaft, weswegen ich das Gespräch auch aufschreibe, für jene, die sonst nicht alles verstehen können.


Mariela
: Die Teilhabe transsexueller Personen an dem, was man Rechte nennt. Mehr wollen wir nicht.

Yoani: Ich möchte fragen, ob diese ganze Kampagne, dieser Kampf, der gerade von der Gesellschaft selbst auf eine bestimmte Weise um die Akzeptanz der jeweiligen sexuellen Orientierung geführt wird, ob der an einem bestimmten Punkt auf andere Bereiche ausgedehnt werden wird und man dann auch für die Toleranz bezüglich anderer Aspekte kämpfen wird, wie es die Meinung sein kann, die politischen Orientierungen und die ideologischen Standpunkte. Wird es für uns auch auf diesem Gebiet ein Coming Out geben können?

Mariela: Das weiß ich nicht, denn auf diesem Gebiet arbeite ich nicht.. Die Bereiche Ideologie und Politik liegen ausserhalb meiner Verantwortung. Und ich meine, dass ich von dem her, was in meiner Macht steht, das Beste tue, was ich kann.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Mariela Castro Espín (* 1962 in Havanna) ist Direktorin des Centro Nacional de Educación Sexual (Nationales Zentrum für sexuelle Aufklärung – CENESEX) und Aktivistin für die Rechte Homosexueller. Sie ist Tochter des amtierenden Staats- und Regierungschefs Kubas Raúl Castro und Vilma Espín sowie Nichte von Ex-Präsident Expräsident Fidel Castro.
(siehe: http://www.wapedia.mobi/de/Mariela_Castro)
** „Poesie ohne Ende“
*** Asturisches Zentrum (ehem. Begegnungsstätte für Menschen mit Bezug zur nordspanischen Küstenprovinz Asturien)
**** Im Original: „gusano“, dt: „Wurm“, wird im Sinne von „Verräter“ gebraucht, typische Beleidigung gegen KubanerInnen, deren politisch-ideologische Haltung von offizieller Seite als „konterrevolutionär“ weil USA-freundlich, eingestuft wird.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

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