Es fehlen die Aufmärsche

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Etwas glänzt durch Abwesenheit in der Landschaft unseres Alltags. Diese Appelle zu demonstrieren, die vor zwei Jahren so zahlreich gewesen waren, wurden mit der Zeit immer seltener und damit verlor sich der Eindruck einer Stadt in immerwährender Anspannung. Selten gab es einen Monat, in dem wir Habaneros nicht zu einer Demonstration bestellt wurden, um Parolen zu rufen und feurigen Reden zu applaudieren. Man verabreichte uns regelmäßig die notwendige Dosis Hysterie, damit wir uns wie in einem ständigen Ausnahmezustand fühlten.

In jenen Tagen ununterbrochenener Aufmärsche wurden die öffentlichen Einrichtungen geschlossen, und die Verkehrsmittel der ganzen Stadt brachten Leute aus anderen Provinzen, die kamen, um die Zahl der Teilnehmer zu vergrößern. Zeiten, in denen die Strassen voller zertretener Papierfähnchen waren und voller Wassertanks, um den Durst zu stillen. Die Stadt kollabierte, und wir, die wir abwarteten, dass der Aufmarsch vorbeizog, hatten dieses Gefühl, mitten in einer nicht enden wollenden Mobilmachung zu leben. Das waren Tage, an denen man am besten zu Hause blieb, darauf wartend, dass die Rufe, die Nervosität und die Lautsprecher nachließen.

Trotz allem war es nicht ganz so wie es die Kameras und die Presseberichte schilderten. Die politischen Versammlungen – von der Regierung selbst organisiert – hatten auch ihre vergnügliche Seite. Den Schülern der Sekundarstufe gefiel es außerordentlich gut, dass man sie vom Unterricht befreite, und sie stattdessen inmitten der Menschenmassen herumtändelten. An den Arbeitsstellen bevorzugten viele das Durcheinander der Demonstration – das es ihnen möglich machte, sich nach Hause zu verdrücken – anstelle eines Arbeitstages unter der Aufsicht des Vorgesetzten. Selbst jene, die in den Bussen fremde Körper befummelten, fanden in der drückenden Enge von Aufmärschen einen wunderbaren Ort für ihre lüsternen Exzesse. Die informellen Verkäufer warteten, bis die Menschenmenge mit den „Hochrufen“ fertig war und verkauften ihr dann unzählbare Massen von Erdnüssen, geschmierten Broten und Erfrischungsgetränken.

Nicht, dass ich die Aufmärsche vermisse, doch meine Stadt sieht anders aus ohne diese Begeisterungsausbrüche, ohne den von der Tribühne herunterrufenden Regierungschef, ohne die tausenden von Fähnchen schwingenden, echten oder falschen Enthusiasten.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

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3 Gedanken zu „Es fehlen die Aufmärsche

  1. Interessant Dein Kommentar versuche das Interview zu bekommen.Mich intrigiert Dein Name Loreley bist Du vom Rhein.Oder soll es sagen:Ich weiss nicht was soll es bedeuten?Hast Du den heutigen artikel v Yoani gelesen sie wurde von der Polizei verhoert und man gab Ihr einige „Ratschlaege „nach beruehmtem Muster Ich halte das fuer gefaehrlich !!!Eine internationale Aktion ist notwendig,Chao

  2. Es gibt ein deutsches Interview mit Yoani Sánchez unter http://www.DeCub.de, dort unter „Presseartikel“ steht der Link. Das könnte die deutschen Leser interessieren.

    Heriberto: Ja, da hast Du Recht: die totalitären Regime gleichen sich überall, gell?

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