Abschied vom Tutu*

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Die Diplomatie gehört zu jenen Künsten, die mir Unbehagen bereiten, zu jenen Tänzen, wo mir beim Zusehen übel wird. Je mehr ich mich darum bemühe, die Botschafter, Kanzler und dieses ganze Geschlecht von verschlagenen Personen zu verstehen, ich erreiche damit nur, dass mich ihre Taten nur noch mehr verwirren. Sie umarmen sich und verschenken ein Lächeln, sie tauschen Versprechen aus und erscheinen Hand in Hand auf den Fotos. Sie sprechen in meinem Namen, obwohl es schon lange her ist, dass sie in einen Bus gestiegen sind, in einer Warteschlange gestanden haben, und sie nicht die geringste Ahnung haben vom hohen Preis für ein Ei auf dem Schwarzmarkt.

Im letzten Jahr hatte das von „unserer“ Diplomatie aufgeführte Ballett viel von einem Tanz der Verführung. In roten Strümpfen betraten sie die Tanzbühne, und ihre Versprechungen von einer Öffnung haben so manchen geblendet. Jedoch, vom dritten Rang aus, wo wir Bürger sitzen, schien uns jede fouetté** kraftlos und die neuen – stets vorhersehbaren – Drehungen waren zum Gähnen.

Gelangweilt und enttäuscht von diesen Choreographien des äußeren Scheins, tanze ich lieber zum Son der Volksdiplomatie. Bei solch einer Verschwendung an Buffet und Champagner, halte ich es für besser, diese Krawatten tragenden Repräsentanten nicht weiter zu beachten. Es muss Formen geben, die näher am Bürger sind, wie Völker sich begegnen, in Kontakt treten und sich helfen können. Überlassen wir den Kanzleien die Schmierenkomödie der Absichtserklärungen und die Unterschriften unter Verträge, die man nicht erfüllen wird. Wir aber werden uns – unterdessen – einander annähern und uns einigen.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Tutu: Klassisches Ballettkostüm aus Tüllstoff für Ballerinas.
** Fouetté (frz. etwa: „gepeitscht“) werden im Ballett die raschen Drehungen um die eigene Körperachse genannt, bei denen sich die TänzerInnen auf der Stelle drehen. Mit dem Spielbein wird eine kurze „peitschende“ Ausholbewegung vollzogen, während sich der Körper um das Standbein dreht und die TänzerInnen dabei auf Zehenspitzen stehen (hier ist das sehr schön zu sehen: Ballett-Glossar).

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

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