Gegen das Vergessen

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An diesem Samstagmittag befanden wir uns auf der Landstraße in Richtung Pinar del Río. Das Gras am Straßenrand ist wieder gewachsen, aber die entblätterten Palmen erinnern daran, dass das Desaster vor gerade mal zwei Monaten geschehen ist. Das Leben verläuft langsamer, so als hätten Ike und Gustav den Eindruck vom 19. Jahrhundert, den diese ländliche Region ohnehin schon hatte, noch weiter verstärkt. Wenn nicht hier mal ein alter Traktor stünde und dort ein Strommast, könnte man meinen, man befände sich auf einer Reise über zwei Jahrhunderte in der Zeit- rückwärts. Manche Häuser haben neue Dächer aus Asbestzement, die Nahrung für die Winde des nächsten Hurrikans sein werden.

Zwei Rucksäcke voll mit Medikamenten und Kleidung, die wir unter Freunden gesammelt haben, stellen sich als sehr begrenzt heraus angesichts der ganzen Not, der wir begegnen. Die Lebensmittel sind knapp, vor allem – welche Ironie! – solche, die aus der Ackerfurche kommen. Sogar die Kinder, die Gurkenstücke normalerweise von ihrem Teller wegnehmen, vermissen den besonderen Geschmack dieses Gemüses. Die Erde braucht lange, bis ihre Wunden vernarben. Der selbstständige Kleinbauer steht unter immer stärkeren Druck, seine Ernte an den Staat zu verkaufen und nicht auf freien Märkten, wo er mehr verdienen könnte. Daraus erwachsen Desinteresse an der Produktion und leere Regale in den staatlichen Verkaufsstellen. Wieder einmal, so wie in den widrigen neunziger Jahren, ist es nötig, täglich die Stadt zu verlassen, um etwas Yucca, Zwiebeln oder ein Stück Schweinefleisch zu kaufen.

Zwischen Havanna und Pinar del Río werden an zwei Kontrollstellen der Polizei willkürlich Autos rausgewunken, um sicherzustellen, dass niemand Milch, Käse oder andere Lebensmittel schmuggelt. In Anlehnung an die hoch entwickelten medizinischen Apparate, mit denen man das Innere des menschlichen Körpers betrachtet, haben die Leute diese Durchsuchungen „Computertomograph“*  getauft. An den weniger überwachten Straßenabschnitten stellen illegale Verkäufer ihre Waren aus und verstecken sich, sobald ein Auto mit amtlichem Nummernschild** vorbeifährt.

Obwohl die Katastrophe für die Medien eine Nachricht ist, die langsam verschwindet, im Leben der Geschädigten ist sie die Schlagzeile eines jeden Tages. Man muss verhindern, dass diese Situation dem Vergessen anheim fällt, dass der Triumphalismus uns glauben macht, alles sei schon vorüber, dass die Lawine an positiven Reportagen uns über die Schwere der Katastrophe täuscht. Ich erinnere alle daran, dass man in die betroffenen Gegenden gehen muss, die Hilfen unmittelbar übergeben und sich die Geschichten der Menschen vor Ort anhören. Die Sturmwinde blasen weiter im Leben dieser Menschen und sie werden nicht schwächer, nur weil wir uns die Ohren zuhalten.

Anmerkung der ÜbersetzerInnen:

*) Spanisch: „Somatón“ – gemeint ist die Computertomographie (CT)
**) Privatwagen, solche aus Ministerien, Diplomatenfahrzeuge, Militärfahrzeuge usw. haben jeweils Kennzeichen in unterschiedlichen Farben

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• Bis zum 27. November wird jeder Blogeintrag eine Erinnerung an die Online-Abstimmung für die Auszeichnung „The Bobs“ enthalten. Denkt daran, dass Generation Y in drei verschiedenen Kategorien am Wettbewerb teilnimmt: „Best Weblog“ (weltweit), „Best Weblog/Spanisch“ und dem Sonderpreis „Reporter ohne Grenzen Award“. Hier ist der Link:

    THE BOBs

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

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