Numantia*

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Eine kleine Pionierin schreit Parolen beim Morgenappell ihrer Schule. Ihr rot angelaufenes Gesicht und eine pulsierende Ader auf der Stirn geben ihren Ausrufen Nachdruck. Unter den Sätzen, die sie wiederholt, ist auch ein erschreckendes Gleichnis: „Eher versinkt die Insel im Meer, als dass sie der Herrlichkeit entsagt, die sie erlebt hat.“ In einem CDR-Wandbild** nehmen einige Worte den ganzen oberen Teil ein: „Wenn ich vorwärts gehe, folge mir; wenn ich stehen bleibe, stoß mich voran; wenn ich zurückweiche, töte mich.“ Etwas ganz Ähnliches stand an diesem Samstag auch in der Zeitung, als der Máximo Líder*** eine seiner „Reflexionen“**** veröffentlichte: „Nach den geopferten Leben und all den Entbehrungen zur Verteidigung von Souveränität und Gerechtigkeit, darf man Kuba nicht am anderen Ufer den Kapitalismus anbieten.“

Numantia fällt mir wieder ein, und ich sträube mich gegen das Schreckliche, das damit verbunden ist. Ich hatte diese Geschichte einmal für wahr gehalten, als kleines Mädchen, als ich in den Schutzraum gerannt bin, während die Sirene eine Invasion ankündigte, die niemals stattfand. Der Inselsockel wird nicht zusammenbrechen – ich bedaure den Vorboten des Untergangs diese Nachricht zu überbringen – weil wir diese oder jene Regierung haben, das eine oder das andere System. Die Bäume werden sich nicht verändern, die Steine, die den Untergang der indigenen Bevölkerung gesehen haben, werden sich nicht von der Stelle rühren, und wahrscheinlich wird es nicht einmal das Meer bemerken. Darum, bitte, erschreckt mich weder mit Katastrophen- noch mit Weltuntergangsszenarien. Dafür bin ich schon zu groß.

All das, was geschehen wird, geschieht bereits. Numantia wird sich nur in den Köpfen von einigen Wenigen ereignen; in denen der anderen wird die Zukunft länger dauern als das Zurückgelassene.

Anmerkung der ÜbersetzerInnen:

* Ehemals stark befestigte keltiberische Stadt am Oberlauf des Duero in Spanien (heute Muela de Garray), die 10 Jahre lang den Eroberungsversuchen der Römer standhielt, bis sie 133 v. Chr. von Cornelius Scipio erobert und dem Erdboden gleichgemacht wurde.
** Comité de Defensa de la Revolución: kubanische Massenorganisation, die sowohl soziale Fürsorge-, als auch Kontroll- und Spitzelaufgaben übernimmt.
*** Máximo Lider (dt.: oberster Führer, von der Position als oberster Heerführer abgeleitet) ist ein Beiname für den ehemaligen Regierungsschef und Staatspräsidenten Kubas, Fidel Castro
**** Fidel Castro veröffentlicht in der Zeitung Granma unter der Überschrift „Reflexionen des Genossen Fidel” unregelmäßigen Abständen Essays.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

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Ein Gedanke zu „Numantia*

  1. Die nette Nachricht von Frau Kessler an Yoani wurde ihr übermittelt.

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    Frau Kessler, schreiben Sie wegen eventueller Nachfragen einfach an desdecubadeutsch@yahoo.de

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