Ameisen retten

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Meine Mutter ging mit dem Wäschebündel zum Zementwaschbecken, wo Bürste und Seife die Hemden wieder weiß und die Hosen wieder fleckenlos machen würden. Es versetzte meine Schwester und mich in helle Aufregung, als wir die ahnungslosen, unter dem noch zugedrehten Wasserabfluss herumlaufenden Ameisen in Gefahr sahen. Damals begann ein Wettrennen, um einen Teil des unvorsichtigen Ameisenstaates zu retten, das nichts von der Vernichtung ahnte, die meine Mutter mit Wasser und Seifenschaum anrichten würde. Verrückte Mädchen, sagten die Nachbarn, als sie sahen, wie wir die winzigen Insekten fingen, die sie selbst auf dem grauen Zement nicht einmal wahrnahmen.

Mit der Zeit und tausenden von Ameisen, die ich nicht vor dem Untergang habe retten können, verstand ich, dass das Unbedeutende immer in Gefahr ist, hinweggefegt zu werden. Revolutionen und Kriege löschen das Unerhebliche aus, all das, was weder in den Statistiken noch in den wichtigen Geschichtsbüchern erscheint. Die kleinen Dinge, die einer Gesellschaft Gestalt geben und Leben einhauchen, gehen zugrunde, wenn der Wasserhahn aus gewaltsamem Wechsel und kriegerischen Auseinandersetzungen geöffnet wird.

Der Geschmack einer längst in Vergessenheit geratenen Frucht; auf dem Bordstein im Viertel an einem Nachmittag ohne Maskerade reden; ein über das Feld trottendes Kalb ohne Angst, illegal geschlachtet zu werden; eine kühle Limonade, die dich nicht eine Stunde in der Warteschlange gekostet hat. All das ist ebenfalls Teil des Ameisenstaates, selbst wenn diese „Waschfrauen“, die ein Land säubern und ausschütteln möchten, glauben, es handele sich dabei nur um die Launen von winzigem Ungeziefer.

Ich bin immer noch dieses Mädchen, das sich vor denen fürchtet, die alles umändern wollen, argwöhnisch gegenüber denen, die vorschlagen, traditionelle Strukturen (lediglich) aufzupolieren. Ich traue eher der Winzigkeit von Ameisen, ihrem beharrlichen Laufen und ihrem langsamen Erobern der Räume. Sie, die jetzt noch vom Wasserstrahl hinweggefegt werden, werden eines Tages selbst die Hähne zudrehen.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

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Ein Gedanke zu „Ameisen retten

  1. Obwohl ich verstehe was Yoani sagen will, muss ich widersprechen. Wir sind keine Ameisen. Man redet es uns ein. Aber wenn wir so leicht wegzuspülen wären, hätten sie es längst getan. In Wahrheit sind sie machtlos. Sind sie Kaiser ohne Kleider.

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