Krankenhäuser – Hast du alles mitgebracht?

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Einen Eimer in der einen Hand, das Kopfkissen unter dem Arm und den Ventilator auf den Beckenknochen gestützt. Ich gehe durch den Eingang der Krebsklinik, und der Rucksack, der über meine Schulter hinausragt, lässt den Wärter mein Gesicht nicht sehen. Das interessiert ihn wenig; der Mann ist nämlich gewohnt, dass die Familien der Patienten alles mitbringen müssen, und deshalb bringt ihn meine verschrobene Gestalt aus Ventilatorblättern, Eimer und Bettwäsche nicht aus der Ruhe. Er weiß es noch nicht, aber in der Tasche, die irgendwo an mir herunterhängt, habe ich ihm ein Brot mit Rührei mitgebracht, damit er mich auch außerhalb der Besuchszeit hier bleiben lässt.

Ich erreiche das Krankenzimmer, und Mónica hält die Hand ihrer Mutter, deren Gesicht immer schmaler wird. Sie hat Speiseröhrenkrebs, und man kann nicht mehr viel machen, wenngleich die Frau es noch nicht weiß. Noch nie habe ich die Weigerung der Ärzte verstanden, jemandem ganz klar zu sagen, wie wenig Zeit ihm nur noch bis zum Ende bleibt, aber ich respektiere die Entscheidung der Familie. Jedoch mache ich nicht mit bei der Lüge, dass es ihr bald wieder gut gehen wird.

Der Raum ist schwach beleuchtet, und in der Luft riecht man den Schmerz. Ich beginne auszupacken, was ich mitgebracht habe. Ich packe das Tütchen mit Reinigungsmittel und das Duftmittel aus, mit denen ich das Bad putzen will, dessen „Aroma“ alles durchdringt. Mit dem Eimer können wir die Frau waschen und die Toilette leeren, deren Wasserspülung nicht funktioniert. Für den Großputz habe ich ein Paar gelbe Handschuhe mitgebracht, aus Angst vor den Keimen, die ich mir in diesem Krankenhaus einfangen könnte. Mónica drängt mich, weiter auszupacken, und ich hole die Essensbox und einen Spezialpüree für die Kranke aus der Tasche. Das Kissen ist begeistert aufgenommen worden und der Satz sauberer Bettlaken schafft es, die von Ausflüssen ganz fleckige gewordene Matratze zu bedecken.

Am meisten Freude löst der Ventilator aus, den ich an zwei nackte Kabel anschließe, die aus der Wand herausragen. Ich packe weiter aus und komme zu der Plastiktüte mit den medizinischen Dingen. Ich habe ein paar passende Injektionsnadeln für die Infusionen aufgetrieben, denn die, die jetzt in ihrem Arm steckt, ist viel zu dick und bereitet ihr Schmerzen. Ich habe auch ein bisschen Gaze und Watte auf dem Schwarzmarkt gekauft. Das Schwierigste – was mich mehrere Tage und unglaubliche Tauschgeschäfte gekostet hat – war das chirurgisch Nahtmaterial für die Operation, die sie morgen haben wird. Außerdem habe ich ihr eine Schachtel Einwegspritzen mitgebracht, denn sie hatte Zeter und Mordio geschrieen, als sie die Krankenschwester mit einer gläsernen sah.

Zum Zeitvertreib habe ich ein Radio angeschleppt, und einer Patientin in ihrer Nähe hat man einen Fernseher mitgebracht. Meine Freundin und ihre Mutter werden also, während ich den Arzt suchen gehe und ihm ein Geschenk vom Ehemann der Kranken überreiche, die Telenovela anschauen können. Als die Schlafenszeit naht, läuft eine Kakerlake über die Wand am Bett, und ich erinnere mich, dass ich auch ein Insektenspray mitgebracht habe. Im Rucksack habe ich noch ein paar Medikamente und ein kleines Geschenk für die Laborantin. Das Geld habe ich in der Tasche; Krankenwagen sind nämlich nur für die besonders kritischen Fälle, und wenn sie – von den Ärzten aufgegeben – nach Hause geschickt wird, werden wir ein Panataxi* nehmen müssen.

Gegenüber von unserem Bett isst ein altes Mütterchen die verwässerte Suppe, die ihr das Klinikpersonal gegeben hat. Um ihr Bett herum liegt keine von der Familie mitgebrachte Tasche, und sie hat kein Kissen, um ihren Kopf abzustützen. Ich stelle den Ventilator so, dass auch sie etwas von der kühlen Luft abbekommt, und spreche mit ihr über die Ankunft des nächsten Hurrikans. Von ihr unbemerkt klopfe ich auf das Holz des Türrahmens, ich weiß nicht so recht, ob ich damit die Angst vor der Krankheit verscheuchen will oder das Grauen angesichts der Zustände im Krankenhaus. Eine Frau geht mit dem Ausruf vorbei, dass sie Brote mit Schinken an die Besucher verkauft, und ich schließe mich im Bad ein, das nach meinem Großputz nach Jasmin riecht.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Panataxi: Taxi der staatlichen Gesellschaft Panataxi

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

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