Scheren

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Ich weiß auch nicht, was Dogmatiker immer mit den Haaren haben, dass sie viel verbissener darauf achten als auf den übrigen Körper. Sie sind regelrecht besessen von dem, was aus fremden Köpfen sprießt, seien es Haare oder Ideen.

In den siebziger Jahren wollte sich mein Vater eine schulterlange Mähne wachsen lassen, doch das hat die Schere verhindert, gezückt von den immer gleichen Unterdrückern, die der Meinung sind, ein kahl geschorener Kopf wie beim Militär sei ein Merkmal, an dem einen „anständiger“ Mann zu erkennen sei. Es war dieselbe Zeit, in der die Jeans der Hippies und ihre Zottelmähnen als Ausdruck „ideologischer Abweichung“ gebrandmarkt wurden.

Allerdings ist eine üppige Haartracht nicht das einzige, was diese Barbiere vorgeblicher Rechtschaffenheit aus dem Häuschen bringt. Ich erinnere mich daran, wie ich völlig entnervt vom ständigen Mangel an Haarshampoo und dem – in den finsteren neunziger Jahren sehr verbreiteten – Auftreten von Läusen beschloss, mir meine Haare komplett bis auf die Kopfhaut abzurasieren. Ich war damals am Pädagogischen Institut und wegen meines blanken Schädels wäre ich um ein Haar von der Universität geflogen. Auf der Straße gab es immer jemanden, der mich daran ermahnte, dass „eine Frau, der ihre Ehre etwas bedeutet“, sich nicht die Haare abrasiert. Aufgerieben von so viel Einmischung, ließ ich mein Haar dann – ad infinitum – wachsen.

Nun möchte mein Sohn – beeinflusst durch japanische Zeichentrickfilme – ein paar Haarsträhnen über seine Ohren wachsen lassen. Und schon ist seine Schulrektorin zur Stelle und lässt ihn dasselbe durchmachen wie seinen Großvater und mich. Nach Ansicht der diensthabenden Barbierin verträgt sich ein derart unsoldatischer Haarschnitt nicht mit der weiß-gelben Schuluniform der Oberstufe. Dem tiefschwarzen Haar mit Teos übertrieben langen Koteletten nähern sich also auch die alten Scheren der Verständnislosigkeit. Die immerwährende Hand, die alle Unterschiede wegschneiden will.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

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Ein Gedanke zu „Scheren

  1. Ich durfte mir keinen Bart wachsen lassen, weil sonst die Gasmaske nicht dicht gewesen wäre. Die Russen hätten sonst unser Land überflutet. Wegen des Bartes. Insofern Yonani erwartest Du vielleicht zuviel von der Freiheit.

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