Die Korruption des Überlebens

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Er ist 28 und arbeitet in der Poolbar eines Hotels, da ihm sein Stiefvater einen Job im Tourismusgewerbe gekauft hat. Sein Englisch ist katastrophal, aber dank der zweitausend Pesos Convertibles, die er dem Geschäftsführer zahlte, brauchte er den Sprachtest nicht zu machen. Mehr als die Hälfte der Rum- und Coca Cola-Flaschen, die er in der Snackbar verkauft, hat er selbst zum Einzelhandelspreis gekauft. Seine Kollegen haben ihm gezeigt, wie er seine „Ware“ vor – und zu Lasten – der Ware verkauft, die der Staat für die Touristen vorgesehen hat. Dank dieses Tricks steckt er in jeder Schicht so viel in die eigene Tasche wie ein Neurochirurg in einem ganzen Monat verdient.

Dank seiner illegalen Einkünfte kann er es sich leisten sehr viel auszugeben, weshalb er gleichzeitig darum bemüht ist, seine Pflichten zur „bedingungslosen Systemtreue“ zu erfüllen und nicht aus dem Rahmen zu fallen. Er ist einer der ersten, der dem Aufruf zu einer Kundgebung folgt oder sich an der 1. Mai-Demonstration beteiligt. Unter seinen Kleidungsstücken hat er, für „Notfälle“, ein Polohemd, das auf die „Cinco Héroes“** verweist, ein weiteres mit dem Konterfei von Che Guevara sowie ein knallrotes mit der Aufschrift „Batalla de Ideas“***. Wenn er merkt, dass sein Chef ihm verstärkt auf die Finger schaut, um ihn bei einem eventuellen Materialdiebstahl zu überraschen, dann zieht er eines dieser Hemden an und der Druck lässt nach.

Mit seinen jungen Jahren hat er bereits verstanden, dass es nicht darauf ankommt, wie oft man die Grenze zur Illegalität überschreitet, wenn man nur immer schön Beifall klatscht. Ein paar Parolen, die er auf politischen Veranstaltungen gebrüllt hat, oder der Vorfall, als er einem konterrevolutionären „Grüppchen“ entgegentrat, das hat ihm geholfen, seinen lukrativen Job zu behalten. Dieselben Hände, die heute stehlen, Kunden betrügen und staatliche Waren unterschlagen, haben damals – vor fast sechs Jahren – für eine Verfassungsänderung gestimmt, um das System für „unumkehrbar“ zu erklären. Solange er sich die Taschen vollstopfen kann, könnte der Sozialismus von ihm aus ewig andauern.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* CDR: Comité de Defensa de la Revolución. Komitee zur Verteidigung der Revolution, kubanische Massenorganisation, die sowohl soziale als auch Spitzelaufgaben übernimmt.
** Wörtlich: 5 Helden (Ramón Labañino, Antonio Guerrero, René González, Gerardo Hernández, Fernando González), auch bekannt als „The Cuban 5“, „The Miami 5“. Fünf Kubaner, die seit 1998 in den USA wegen Verschwörung zur Spionage und im Fall von Gerardo Hernández auch wegen Verschwörung zum Mord inhaftiert sind.
*** Wörtlich: Schlacht der Ideen. Unter Beteiligung mobilisierter Massen entwickelte Programme im Bereich der Bildung und Kultur, mit denen der Bedrohung durch den Kapitalismus die Verbesserung der Lebensverhältnisse im Sozialismus und die Ausbildung des Bewusstseins entgegengestellt werden sollen.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

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