„Fluchtmittel“

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Sie hält die Doppelbelastung – als Sekretärin sowie als Hausfrau und Mutter – dank einiger Diazepam-Tabletten* aus, die sie in ihrer Handtasche versteckt. Kein Arzt hat sie ihr verschrieben, stattdessen hat sie, indem sie verschieden Psychopharmaka ausprobiert hat, ganz allein den Weg zur „inneren Ruhe“ gefunden. Nur durch die Wirkung, den eine – jedes mal höhere – Dosis dieser kleinen Pille hervorruft, bewältigt sie die Parteiversammlungen, die Warteschlagen beim Einkaufen und die Anforderungen des Ernährungsbedarfs ihrer Familie.

Anfangs kaufte sie die Tabletten bei einem Nachbarn, der sich bei verschiedenen Artikeln aus einem Medikamentenlager bediente. Sie probierte es mit Chlordiazepoxid** und Amitriptylin***, die es ihr ermöglichten, des Nachts zu schlafen und auch dann zu lächeln, wenn der Bus wieder mit einer halben Stunde Verspätung eintraf. Bei einer Razzia gegen den Arzneimittel-Schwarzmarkt wurde ihr Lieferant ins Gefängnis gesteckt und sie stand ohne die notwendigen Beruhigungsmittel da. Kurz darauf tauchte ein neuer Lieferant auf, jedoch mit höheren Preisen.

Niemand in der Familie will sich eingestehen, dass die Mutter sich ausgeklinkt hat, mit einem seltsam zufriedenem Blick, selbst angesichts von Mangel und Problemen. Ihre Flucht ist wesentlich unauffälliger als der Aufruhr den der bis zum Umfallen alkoholisierte Ehemann jeden Abend beim Heimkommen veranstaltet. Beide haben sich zur Flucht entschlossen, jeder mit den Mitteln, die ihnen jeweils unmittelbar zur Verfügung stehen: Er mit Alkohol aus dem Krankenhaus, der von geschickten Hände destilliert wird, und sie mit einer Tablette, die sie ihr eigenes Leben vergessen lässt.

Die Kinder setzen auch nicht auf diese Wirklichkeit. Sie träumen lieber davon zu flüchten, wenngleich auf eine wesentlich realere, unumstößliche Art und Weise. Unter ihrem Bett bewahren sie einen halb zusammengebauten Motor auf, und im kommenden August werden sie ihn in der Straße von Florida brummen lassen. Die Mutter wird gar nicht dazu kommen, sich um sie Sorgen zu machen. Eine doppelte Dosis Diazepam wird verhindern, dass sie sich mit Gedanken an Haifische, an einen Sonnenstich oder an die ihnen bevorstehende lange Trennung quälen wird.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen

* Diazepam ist ein Psychopharmakon, bekannt unter dem Markennamen Valium
** Chlordiazepoxid ist ein lang wirkender Tranquilizer und Muskelrelaxant
*** Amitriptylin ist ein Antidepressivum

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

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5 Gedanken zu „„Fluchtmittel“

  1. Tja, Samstag hat seine/ihre Anschuldigungen nicht belegt, dann stimmt davon wohl GAR NIX?! Hm, wie war das eigentlich mit „an die Wahrheit halten“?????????????????

  2. Hallo!!!!
    Es ist alles normal,ich brauche auch 3 Oxazepam Tableten am Tag und meinen Eheman trinkt 4 litern bier am Tag.Meine Kindern spielen ganze Tag nur Nintendo Wii und merken aber nicht. Lösung wäre Kubaaaaa-Urlaub,aber Geld habe ich auch nicht.
    Grüße aus Berlin

  3. Samstag

    verändert irgendwas die Tatsache dass Yoanis, wie alle Journalisten, Geld verdient ? Ich glaube nicht. Arbeiten Sie ohne Geld zu verdienen?

    Sie sind vielleicht eine schlimme Art von Idiot !!! -oder ist das ein Schimpfwort?

    Nööööö, das ist ein euphemismus für das was Sie jetzt mit diesen Kommentar verdienen!

  4. Hallo Samstag, was soll das bedeuten? WISSEN Sie oder VERMUTEN Sie, dass Yoani Sánchez mit diesem Blog Geld (Devisen) verdient? Wenn Sie für ihre Beiträge in Presse, Funk und Fernsehen (hoffentlich gut) bezahlt wird, dann finde ich das in Ordnung. Wenn der Blog allerdings ein Gelderwerb ist, dann hätte ich damit ein Problem.
    Und dass Yoani Sánchez in einem elektronischen Tagebuch Ihre subjektive Wahrheit berichtet, ist doch auch ok, oder?

    Wenn Sie also Belege dafür haben, dass Frau Sánchez lügt oder diesen Blog als Devisenquelle nutzt, dann machen Sie sie BITTE öffentlich, damit auch sentimental-romantische Schafe wie ich wieder auf den Boden der Realität kommen. Danke.

  5. Sie sind eine Art Blog-Jinetera – oder ist das ein Schimpfwort?
    Während Journalisten sich an die Wahrheit halten müssen, ist Ihre Devise literarisch zu bloggen und damit Devisen zu machen.

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