Demokratie aus dem Chevrolet

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In diesen Tagen tritt die Nationalversammlung zu einer weiteren Sitzung zusammen. Allerdings weckt das, was im Inneren des Kongresszentrums „Palacio de Convenciones“ geschieht, unter der kubanischen Bevölkerung nicht allzu große Erwartungen. Nicht einmal die offizielle Beichte über das geringe Bildungsniveau der Lehrer aus Grund- und Mittelstufe führt dazu, dass wir uns dort überhaupt vertreten fühlen. Bereits seit Jahren haben wir Eltern uns – ohne jeden Erfolg – über das Desaster im Bildungswesen beschwert, welches der Einsatz von Jugendlichen als Lehrkräfte bedeutet, die ohne nennenswerte Vorbereitung vor die Schulklassen gestellt werden. Erst jetzt erkennen die parlamentarischen Kommissionen diesen Missstand an.

In ähnlichem Zeitlupentempo erreichen uns Versprechen über die Ausgabe von Baumaterialien, über die Vergabe von Lizenzen für all jene, die ihr Auto als Taxi benutzen wollen, und über ein größeres Angebot auf dem rationierten Markt für die Neugeborenen. All diese Bekanntmachungen haben wir aufgenommen wie der Hungrige, dem man lediglich ein Glas Wasser anbietet. Aber ich möchte klarstellen, dass wir deswegen nicht enttäuscht sind. Wir erwarteten auch nicht besonders viel von diesem Parlament, das heute zusammentritt.

Wer weiß, wenn die Nationalversammlung im Inneren eines dieser Chevrolets zusammentreten würde, die in den Straßen Havannas herumfahren, vielleicht würde sie dann wagen einzufordern, was wir wirklich wollen. Nur in den uralten Sitzen – geschützt durch die Anonymität und abgeschirmt durch die Geschwindigkeit – gelingt es, uns zu dem zu äußern, was uns nicht gefällt. Glaubt mir, dass sich das in diesen alten Blechkisten auf Rädern Gesagte nicht auf die Kritik an der Unmöglichkeit beschränkt, Sand oder Bolzen zu kaufen. Oder auf die Forderung nach mehr Stoff, um daraus Windeln zu machen. Inmitten des Geklappers von Benzinmotoren und von quietschenden Türen findet eine andere parlamentarische Sitzung statt: kleiner, mit weniger Macht, aber – zweifelsfrei – viel authentischer.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

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