Ein Zeugnis und viel Verwirrung

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Die Schule ist aus und ich sehe bereits meine Brotration in Gefahr. Mein Sohn wird zwei Monate lang nicht zur Schule gehen und vor lauter Unruhe während der Ferien
würde er glatt die Türbeschläge verschlingen. Er wird sich keinesfalls mit den 80 Gramm abfinden, die er durch die libreta (Bezugsscheinheft für rationierte Waren, Anm. d. Ü.) erhält und wird mit Sicherheit über meine Brotration oder die seines Vaters herfallen.

Ab jetzt bereite ich mich auf Fragen vor wie: „Mami, besuchen wir die Familie in Camagüey denn gar nicht?“. Ich werde ihm dann zu erklären versuchen, dass das bedeuten würde, sich drei Tage lang in die Warteschlange für die überregionalen Busverbindungen zu stellen, und dass bereits jetzt die Tickets für die zweite Julihälfte verkauft werden. Er wird sich auch nicht beruhigen, wenn er erfährt, dass die Preise dafür, sich in einem engen Ytong (neu eingeführte chinesische Busse, Anm. d. Ü.) Richtung Inselmitte zu bewegen, mittlerweile dem halben Monatslohn eines Durchschnittsverdienenden angenähert haben.

Aber ich werde versuchen ihm entgegenzukommen, indem ich mein Brot an ihn abtrete, ich werde drei Tage anstehen und in der Schlange schlafen wegen eines Tickets nach Camagüey und ihm sogar für ein paar Stunden die Playstation eines Nachbarn mieten. Das alles, weil er die siebente Klasse mit guten Noten abgeschlossen hat und das natürlich honoriert werden muss. Am vergangenen Samstag fand der feierliche Akt zum Abschluss des Schuljahres statt, und als er mit seinem Zeugnis heimkam, stieß er schon in der Tür seinen Kriegsschrei „Ich habe Ferien!“ aus.

Ich weiß nur nicht recht, was mein Sohn eigentlich abgeschlossen hat. Ob es sich dabei um die siebente Klasse handelt oder die Kommunistische Parteischule „Ñico López“. Die Verwirrung begann, als ich das Zeugnis erblickte, das ich hier (Link auf dt. Version hier) einstelle, damit ihr selbst sehen könnt, woher meine Verunsicherung kommt. Was meint ihr?

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

3 Gedanken zu „Ein Zeugnis und viel Verwirrung

  1. Nochmal ich:

    Wie schön, dass es jetzt deutsche Übersetzungen der Einträge von Reinaldo Escbar („Desde aquí“) gibt. Dank an die Übersetzer 🙂

  2. Guten Morgen Wolfgang,
    stell Dir mal vor, Deine Kinder hätten Zeugnisse mit dem Bild von Angela Merkel oder Horst Köhler drauf !!! Wie „ausgewogen“ kann man denn dann berichten?!
    Und der kranke Mann ist weder Comandante noch Jefe, wahrscheinlich müssen die alten Vordrucke einfach weg, Papier ist ja teuer 😉
    Neee, im Ernst, diese Art von Indoktrination (und andere) KANNST Du doch nicht verstehen oder gar entschuldigen wollen.

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