In trüben Wassern fischen

Ich glaube, ich gehöre zu den wenigen Kubanern – unter 40 Jahren – die jeden Tag die nationale Presse lesen. Meine Freunde haben mich angesichts dieses exzentrischen Hobbies gewarnt, dass dies womöglich der schnellste Weg sei, sich ein Magengeschwür zu holen. Dennoch, mir gefällt es in der Presse den Zuwachs an Aufmerksamkeit zu beobachten, den die eine oder andere politische Persönlichkeit erfährt; die Nachrichten, die es auf die ersten Seiten schaffen oder ins Vergessen geraten und, vor allem, jene sich ständig wiederholenden Auslassungen, die unsere Zeitungen aufweisen.

Ich habe zum Beispiel nicht übersehen, dass die Zeitungen darauf beharren, dass die ökonomischen Schwierigkeiten und jene im Dienstleistungsbereich die Folge von sozialer Disziplinlosigkeit, Vandalismus und fehlender Kontrolle sind. Diese Anschauung befreit die Führungsspitze des Landes oder das Wirtschaftsmodell oder die herrschende Politik von jeglicher Verantwortung. Die Probleme resultieren daraus, so wird uns erklärt, dass wir es nicht hinbekommen haben, das Drehbuch richtig umzusetzen, aber nicht in der Undurchführbarkeit des „Werkes“ in der gegenwärtigen Inszenierung.

Die Polizeiorgane wurden auf die Suche nach jenen „Undisziplinierten“ und Vandalen angesetzt und einer der Angriffe, die sie führten, richtete sich gegen die so genannten „Taucher“, die Rohstoffe, Essen oder einfach Gegenstände aus dem Müll fischen. Ohne jene, die Plastikflaschen, Pappe und Metallabfälle von Ablaufrinnen sammeln, würden diese wiederverwertbaren Objekte in einer Verschwendung verloren gehen, die nicht mit unseren begrenzten Ressourcen im Einklang steht. Diese Hände, die in die stinkenden Abfälle eintauchen, erledigen auf eigene Faust das, was den Institutionen mit ihrem Zentralismus bislang nicht gelungen ist.

Doch die „Taucher“ schädigen, laut dieser neuen Kampagne, das Image der Stadt. Sie könnten vom Auslöser der Kamera eines Touristen eingefangen werden und dadurch das Trugbild zerstören, wonach „in Kuba niemand im Müll herumwühlt“. Ihr Vorhandensein ist ein Zeugnis für Obdachlosigkeit, schlimmste Lebensbedingungen und Illegalisierte, die es vorziehen, „Müll in der großen Stadt zu sammeln, anstatt für einen symbolischen Lohn auf dem Land zu arbeiten“.

Die Zeitung Granma berichtet folgendermaßen über die Bestrafung all „[…] jener, die Festabfälle sammeln“, während gleichzeitig mit der Ausweisung all jener gedroht wird, die in beide Kategorien fallen: „Taucher“ und „Illegalisierte“.

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Der komplette Artikel kann unter folgender URL eingesehen werden (spanisch):

Artikel aus der Granma

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

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2 Gedanken zu „In trüben Wassern fischen

  1. Bei uns im Fersehen läuft gerade ein Werbespot der Firma Dacia (Automarke). der so gestaltet ist.

    Fidel C. post mortem.

    Fidel C. kommt in ein Haus. Auf seinem wege durch die Räume begegnet er historischen revolutionären Personen, welche ich als Lenin, Gandi u.a. identifiziere.
    Fidel C. geht bis zu Veranda und bleibt im Hintergrund. Dort sitzt Karl Marx im Schaukelstuhl und der Genosse Che steht neben ihm.
    Che sagt etwas besorgt: „Wir brauchen eine neue Revolution.“
    Karl Marx entgegnet: Wir müssen uns um die Bedürfnisse der Menschen kümmern.

    Dann kommt ein cut und die Szene schlägt um.

    Danach freuen sich alle Menschen über den neuen Dacia „Sandereo“ für 7.500 Euro

    Ich habe diese Werbung ursprünglich mit gemischten Gefühlen betrachtet. Aber, abgesehen von der Werbung fürs Auto „Sandero“, muß ich dem Karl recht geben- wie auch immer und differenziert gesehen.

    Sicherlich ist dies auch eine gute Botschaft des Karl/Carlos Marx für Plan-Wirtschaftslenker in der Karibik (abgesehen vom Auto)

  2. Erst der Markt Cuatro Caminos, dann die „Taucher“, vorgestern die Razzia gegen „Hinterhof-Fabrikanten“ („Pelo suelto“ 18.6.2008) – das läßt Schlimmes befürchten. War wohl nicht so ernst gemeint, als Raúl am 24. Feb. die Versorgung der Bevölkerung zur ersten Priorität erhoben hat???

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