Parallelwelten

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17:00 Uhr
Ich stehe am Eingang des Café Cantante des Teatro Nacional. Das Programm interessiert mich eher weniger, ich begleite eine Freundin, die regelrecht tanzversessen ist.

17.27 Uhr
Der Mann am Einlass fragt uns, zu welcher Institution wir gehören; die Tische für Einheimische sind nämlich für eine Gruppe ausgezeichneter Buchprüfer reserviert. Ich erkläre ihm, dass es sich bei uns um „Unabhängige“ handelt, und anstatt deswegen Probleme zu machen, lacht er lauthals. Und lässt uns hinein.

18:10 Uhr
Auf einer Leinwand werden US-amerikanische Videoclips gezeigt, während an der Bar verschiedene Biersorten, Rum und Erfrischungsgetränke für Pesos Convertibles angeboten werden. Meine Freundin und ich werden von einigen jungen Männern in hautenger Kleidung umringt und lasziv angetanzt. Als sie hören, dass wir „kubanisch” sprechen, weichen sie wie aufgescheucht von uns und gehen woanders hin.

19:00 Uhr
Weiterhin Musik vom Band. Anscheinend will die Band nicht spielen, oder es sind noch nicht alle Mitglieder da. Die jungen Männer neben uns wackeln jetzt vor drei Spanierinnen herum, die wiederum erkennen lassen, dass sie Interesse an ihnen haben. Jeder von ihnen trägt irgendetwas Weißes, um damit – im Diskolicht – besonders aufzufallen

19:40 Uhr
Es hat sich niemand mehr unserem Tisch genähert. Eigentlich erstaunlich bei zwei unbegleiteten Frauen in einem Club, aber anscheinend hängen Annäherungsversuche von der Nationalität ab.

20:20 Uhr
Keinerlei Stimmung hier in meiner Umgebung: Jugendliche, die doppelt so alten Damen schöne Blicke zuwerfen, Markenkleidung und Glimmer überall und viel Getue um jeden Ausländer, der hereinkommt. All das lässt mich an die Parolen von Ernsthaftigkeit, Linientreue und Disziplin denken, die „draußen” gelten.

20:40 Uhr
Gleich wird geschlossen, und mir wird klar, dass spätestens an der nächsten Straßenkreuzung, vor den unzähligen Ministerien dieser Gegend, ich das Gefühl nicht werde loswerden können, in zwei parallelen Welten zu leben, die sich gegenseitig ausschließen.

21:00 Uhr
Beim Verlassen des Cafés bemerke ich, dass die weiß gekleideten jungen Männer mit den Damen weggehen, die mit diesem „spanischen Akzent“ sprechen. Auf dem Heimweg komme ich an einem riesigen Transparent des Staatsrates vorbei, auf dem ein Satz von Martí prangt: „In jedem Augenblick muss man das tun, was der Augenblick erfordert.”

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

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