Anklage – Plädoyer – Geständnis

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Man weist mich darauf hin, dass sich auf dem Tisch irgendeines Büros „mein Fall“ befindet. Eine dicke Akte, voller Belege über begangene Delikte, ein umfangreiches Dossier widerrechtlicher Handlungen, die sich bei mir in den letzten Jahren angesammelt haben. Die Nachbarn legen mir nahe, mich hinter den Gläsern einer Sonnenbrille zu verbergen und zu Hause das Telefon auszustecken, wenn ich etwas Privates besprechen möchte. Wenig, sehr wenig – so wird mir klargemacht – könne man noch tun, um zu verhindern, dass sie nicht eines Morgens an meine Tür klopfen.

In Erwartung dessen möchte ich darauf hinweisen, dass ich keine Waffen unter dem Bett versteckt habe. Allerdings habe ich ein verabscheuungswürdiges Delikt auf systematische Weise begangen: Ich habe mich frei geglaubt. Ich habe auch keinen konkreten Plan, um die Dinge zu verändern, aber in mir hat der Einspruch den Platz des Triumphiergehabes eingenommen, und das ist – definitiv – strafbar. Niemals war ich dazu in der Lage jemandem eine herunter zu hauen, trotzdem weigerte ich mich, dieses systematische Ohrfeigen meines „staatsbürgerlichen Ichs“ zu akzeptieren. Letztere Haltung ist in hohem Grade verwerflich. Und obendrein – ganz davon abgesehen, dass ich nichts Fremdes entwendet habe – wollte ich, gewissermaßen als Wiederholungstäterin, „stehlen“, wovon ich glaubte, es sei mein Eigentum: eine Insel, ihre Träume, ihr Vermächtnis.

Aber täuscht euch nicht; ich bin nicht vollkommen unschuldig. Auf mein Konto gehen eine Menge Missetaten: Ich habe systematisch auf dem Schwarzmarkt eingekauft, ich habe mit gesenkter Stimme – und mit kritischem Unterton – Bemerkungen über diejenigen gemacht, die uns regieren, ich habe den Politikern Spitznamen verpasst und vor dem Pessimismus klein beigegeben. Zu allem Überfluss habe ich das abscheuliche Verbrechen begangen, an eine Zukunft ohne „sie“ zu glauben und an eine Version der Geschichte, die anders ist als jene, die man mir beigebracht hat. Ich habe die Parolen ohne innere Überzeugung wiederholt, die schmutzige Wäsche in aller Öffentlichkeit gewaschen und – das schlimmste Verbrechen – ich habe ohne Erlaubnis Sätze zusammengefügt und Wörter miteinander verbunden.

Ich bekenne – und nehme den mich erwartenden Urteilsspruch an – dass es mir nicht möglich war, zu überleben und dabei alle Gesetze einzuhalten.

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

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