Steckbrief

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Heute bin ich mit Halsschmerzen aufgewacht. Schuld hat der kalte Wind, der am Malecón blies, während ich dort am Abend mit einem Freund saß. Wir haben über eine Stunde lang diskutiert – in der wir die Welt und die Insel verbessert haben – ohne zu merken, dass es immer kälter wurde. So bin ich also heute früh erkältet aufgewacht und mein Körper verlangte nach einem Tee mit Zitrone.

Mit diesem Imperativ ging ich zum nächsten Agro-Markt und erkundigte mich nach der grünen Zitrusfrucht meines Verlangens. Einer der Verkäufer erklärte mir: „Limonen gibt es nirgendwo, kauf‘ Dir besser eine Guave.“ Ich lies mich nicht überzeugen und überließ mich meiner Laune nach einer heißen Zitrone mit einem Schuss schwarzen Tee. Also lief ich bis nach Alt-Havanna, nur um in mehreren Agro-Märkten festzustellen, dass es auch dort keine Zitronen gab. Die Mandeln taten mir weh und ich war an dem Punkt einzulenken, ob es nicht besser wäre eine Tablette Vitamin C zu schlucken. Doch die Dickschädligkeit, die ich in den Genen habe, ließ mich darauf bestehen, die menschenscheue Frucht zu finden.

Gegen zwei Uhr nachmittags gab ich mich geschlagen. Die starken Halsschmerzen ließen mich kaum noch schlucken, waren jedoch nichts im Vergleich zur Verärgerung, die mir das „Verschwinden“ der Zitronen bereitete. Die nutzlose Suche hat mir ein längeres Unwohlsein bereitet als die Grippesymptome selbst. Sie hat mir ein paar stechende Fragen hinterlassen: Wie kann das sein, dass so viel fruchtbare Erde, so viele Menschen willens zu produzieren, zu handeln und zu verkaufen sich nicht mit einem reichlichen Angebot an Zitronen auf dem Markt kombinieren lassen? Warum ist der Marabu noch immer der „König der kubanischen Felder“? (Unternehmt nur mal eine Reise auf der Straße Richtung Pinar del Rio und ihr werdet ihn sehen.) Währenddessen gehen die Orangen, Mandarinen und – gar nicht erst davon zu reden – die Grapefruit ins Reich des Exotischen ein? Wann wird der Boden denen gehören, die ihn bearbeiten und nicht einem Staat, der ihn nur halbherzig in seinen verwahrlosten Latifundien benutzt? Soll ich weiter hoffen oder mich damit begnügen und den Geschmack von Zitronen vergessen?

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59 Gedanken zu „Steckbrief

  1. @Ronald:

    Die Zeitung “Welt kompakt” (Welt Online) ist meiner Meinung nach leider nur ein rechtspopulistisches Hetzblatt, um es mal sanft auszudrücken.

    @Yoani: ………Du weisst schon…… ;-)……oder?

  2. Yoani, ich glaube Dir fehlt die Erfahrung, kein Geld zu haben.
    Denn was nützen mir die schönsten Zitronen, wenn ich nicht genug Pesos habe, die zu bezahlen?
    (und meist dann auch nicht genug für Vitamintabletten, denn wenn Zitronen teurer werden, werden es die Tabletten auch).
    Bitte sage mir ein anderes dritte Welt Land, wo du – als „normaler“ Bürger – einfach hingehen kannst und Vitaminpillen kaufen…….

    Hinter dem Ganzen steht immer die Frage nach „Gerechtigkeit“ – will ich jedem alles ermöglichen (bzw. jedem die gleiche Möglichkeit bieten), muss ich einen Weg finden, wie ich das verteile, von dem es nicht genug für alle gibt.

    Der Kapitalismus verteilt den Mangel über den Preis – so kann sich keiner beschweren, irgendwas nicht kriegen zu können.
    Aber „gerecht“ erscheint das nur denjenigen, die genug Geld haben.
    Und die wollen eben gerade die „Freiheit“ sich alles kaufen zu können. Zitronen, Land, Fabriken, Arbeiter….

    Ich vermute dieser Blog ist, siehe auch den Presse-Preis, hauptsächlich dafür da, damit „Wir“ sehen, wie schlecht es den Kubanern geht, um die Bestätigung zu bekommen, daß es uns ja so gut geht.( was natürlich nicht der Fall ist )

    Nachzudenken wäre, wie Du Dir diesen Internet-Zugang leisten kannst, woher Du also die Dollars bezieht, um über die fehlende „Freiheit“ für Zitronen schreiben zu können…

    Wie immer Yoani, wünsche ich Dir einen klaren und wachen Verstand.

  3. Hallo Yoani,

    ich habe heute in der deutschen Zeitung „Welt kompakt“ einen Artikel über Dich gelesen, meine Hochachtung für alles, was Du bisher getan hast.
    Alles Gute & viele Grüße von Ronald

  4. Hallo Yoani,

    ich hatte letzten Monat die Möglichkeit Land und Leute Deiner Insel bei einer Rundreise etwas näher kenne zu lernen.

    Die ersten Tage habe ich mir immer wieder die gleiche Frage gestellt:“ Was kann man tun um den Menschen in diesem tollen Land ein besseres Leben zu ermöglichen?“

    Was ist jedoch ein besseres Leben? Während der ersten Tage bin ich vermutlich im Unterbewusstsein davon ausgegangen, dass ein Leben, wie wir es hier in Deutschland haben „besser“ ist. Aber ist das wirklich so?

    Trotz aller Probleme hat sich in Kuba etwas tolles entwickelt, das man nicht wirklich mit Worten beschreiben kann. Ihr habt in Eurem Land viele Probleme. Aufgrund Eurer politischen Situation hab Ihr Euch jedoch auch einen ganzen Stapel Probleme erspart.

    Am Ende der Rundreise war mir eine Sache klar. Wir haben in Deutschland definitiv kein besseres Leben. Das was in Deutschland seit dem Krieg aufgebaut und geschaffen wurde ist auch nicht alles erstrebenswert. Mit dem Geld kommen einfach die Probleme. Nimmt man die Globalisierung hinzu wird daraus ein Pulverfass. (Ich kann Uli nur zustimmen)

    Veränderungen sind nicht unbedingt schlecht. Um Kuba seinen Charme zu erhalten, muss jedoch behutsam verändert werden. Schau Dir Haiti oder die Dominikanische Republik an. Bei unkontrollierten/undurchdachten Veränderungen führt der Weg sehr schnell zum falschen Ziel.

    Wie geht es mit Kuba weiter?

    Aufzeigen von Missständen ist eine wichtige Sache auf dem Weg zu Veränderungen. Viel wichtiger ist jedoch der nächste Schritt: Sinnvolle Vorschläge zu sinnvollen Veränderungen.

    Norbert

  5. Hallo Yoani,
    am Samstag war ein kleiner Artikel über Dich in unserer Tageszeitung, direkt neben einem Bericht zu den Zuständen in Birma, wie passend. Vielen Dank dass Du den Mut und die Kraft hast diesen Blog zu gestalten. Ich war leider noch nie in Kuba, allerdings gibt es zur Zeit bei uns sehr viele Dokumentationen über die Geschichte und natürlich auch Fidel. Ich werde versuchen, alle Deine Texte noch zu lesen, das ist für uns, die wir nie wirklich Einschränkungen erfahren haben, die beste Möglichkeit die wichtigen Dinge im Leben herauszufinden.
    Vielen Dank und Grüße aus dem Süden Deutschlands
    Björn

  6. Lese gerade das Interview auf Welt.de: http://www.welt.de/webwelt/article1980434/Eine_junge_Kubanerin_bloggt_fuer_die_Freiheit.html

    Besonders hat mir folgender Satz gefallen: „Ich erzeuge Polemik, ich bewege Menschen zum Nachdenken. Ich generiere Pluralität. Mein Blog ist ein Diskussionsforum, in dem alle politischen Meinungen vertreten sind. Und das gefällt mir. Ich möchte nicht beeinflussen, sondern Diskussionen anregen.“

    Genau so sehe ich es auch: Meinungsvielfalt und Diskussion, in der Hoffnung, dass sich auf diese Weise das annähernd Richtige herauskristallisiert.

  7. @Uli Freyberg, Am 5. Mai 2008 um 01:07 Uhr

    Interessant, dass Sie zwischen Sozialismus und Imperialismus einen Gegensatz herstellen 😉

    Die soziale Marktwirtschaft war das System, das Deutschland nach 1945 Freiheit, Humanität und Wohlstand beschert hat. Die gegenwärtigen Debatten zeigen eine Rückbesinnung auf diese derzeit etwas in den Hintergrund geratenen Werte. Die sozialistischen Staaten haben nichts davon erreicht und sind deshalb gescheitert.

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