Der Wunschbaum

Die Leute kommen schon vor sieben Uhr morgens. Es gibt von allen etwas: Enttäuschte, Betrogene, sogar Provokateure. Sie warten unter einem Baum – vielleicht ist es ein tropischen Flamboyant Baum – an einer Seite des Zentralkomitees. Sie sind dort, weil sie ihre Briefe abgeben wollen, ihre Bitten wiederholen oder um – zum x-sten Mal – zu sehen, ob ihr Flehen etwas bewirkt. Einige, so oft hier, können schon die Zeichen des Soldaten deuten, dass sie passieren können. Am Posten geben sie ihren Personalausweis ab und drinnen – hinter Panzerglas – nimmt ein Mann ihre Schreiben an und stellt eine Quittung dafür aus.

Die „höchste Instanz“ anzurufen ist die Hoffnung aller, die dort ausharren. Viele von ihnen sind hunderte Kilometer gereist, um die letzte Möglichkeit auszuschöpfen. Sie glauben, dass wenn die „hohen Führer“ ihre Probleme kennen würden, diese sich in Kürze auflösen. Unter dem „Wunschbaum“ ist es normal Sätze zu hören wie: „Das ist mir passiert, weil Fidel nichts davon weiß. Wenn er davon erfährt, wird es sich sicher lösen lassen.“ Mit ähnlichen Utopien warten sie alle in das Gebäude gerufen zu werden.

Die Frau in der roten Hose ist hier, weil ihr Haus vor Jahren zusammengefallen ist und sie in einer Herberge lebt; der Alte – mit der brüchigen Stimme – fordert eine Rente, die ihm zwischen Bürokratie und Nachlässigkeit verschollen ist; ein Mädchen versichert das ihr Verlobter unschuldig im Gefängnis sitzt. Dazu hockt ein Mann im Gras der aussieht, als wenn er – wie ich – zu den Ungläubigen gehört. Die Szenerie wiederholt sich jeden Morgen von Montag bis Freitag. Manchmal steigern sich die Forderungen im Ton, die Mütter bringen ihre Kinder mit, um in der Gruppe zu flehen und jemand ruft „Herrschaften, seien Sie doch ruhig und warten Sie, sonst werden Sie gar nichts erreichen“.

Auf dem Heimweg sehe ich den Wunschbaum, wie er seinen Schatten jeden Tag auf mehr und mehr Leute wirft. Jeden Tag gebeugter unter der Last der Probleme.

Ein Gedanke zu „Der Wunschbaum

  1. Liebe Yuani,

    Ich finde deinen Blog spektakulaer toll! Kann ich dir schreiben?
    Ich finde dein Land wunderschoen und sehr interessant; verehre Che und finde dass seine Ideale die richtigen waren; vielleicht sind sie in Kuba nicht richtig angewendet gekommen. Was meinst du?
    Deine Orita

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