Von Tele-Klassen und anderen Absurditäten

Teo – so heißt mein Sohn – gehört nicht zur Generation Y, dennoch ist er eine grenzenlose Quelle von Anekdoten für diesen Blog. Seine Geschichten aus der Schule bringen mich zum Schmunzeln, bereiten mir Kummer und sorgen für den einen oder anderen Post. (Ihn interessiert es nie das zu lesen, weil es „Sachen für Alte“ seien). Auf dem Laufenden zu sein, über das was sie in der Schule sagen, über die Musik, nach der sie tanzen, und über die Wörter, die sie erfinden, verbindet mich mit diesen Jugendlichen, die uns eines Tages „das alles“ vorhalten werden, was sie von uns geerbt haben.

Vor ein paar Wochen kam mein Sohn mit einer Aufgabe für Geografie nach Hause. „In welche Portionen unterteilt sich Zentralamerika?“ war die Frage, die uns unsere Erinnerung und die Lexika durchforschen ließ. Ich habe Teo versucht zu erklären, dass in meiner Zeit in der Sekundarstufe andere Begriffe wie „Zonen“, „Fläche“ oder „Ökosysteme“ gebraucht wurden und diese andere Definition eher an ein Stück Kuchen denn an einen Streifen Land erinnert. Deshalb fragte ich ihn über die Herkunft dieser neuartigen Kategorie aus und bekam als Antwort: „Das haben sie in der Tele-Klasse gesagt.“

Für diejenigen, die nicht auf dem aktuellen Stand der „neuen Lehrmethoden“ der kubanischen Oberstufe sind, muss ich erklären, dass der Fernseher – einer pro Klasse – anstelle des Lehrers rund 60% der Unterrichtszeit übernimmt. Die Jugendlichen langweilen sich, können nicht sagen „Lehrer, das habe ich nicht verstanden, können Sie das noch einmal wiederholen?“ und kopieren ununterbrochen, was ihnen vom Bildschirm diktiert wird. Mit dieser neuen pädagogischen Technik versucht man, die Lehrerkrise zu lindern, die aus den niedrigen Gehälter und der geringen sozialen und institutionellen Anerkennung resultiert.

Mit der Frage der „Portionen“ bin ich zur Schule gegangen und habe den Lehrer (den aus Fleisch und Blut, nicht den virtuellen auf dem Bildschirm) gefragt, was diese neue geografische Definition bedeutet. Und habe einen bekannten Satz zu hören bekommen: „Hm, ich weiß nicht, das haben sie in den Tele-Klassen gesagt“. Daher habe ich beschlossen mir jeden Morgen die Tele-Klassen anzugucken, die im Fernsehen übertragen werden. Wenn ich das nicht tue, wie soll ich Teo dann helfen, Unterrichtsstoff zu wiederholen und Fragen aus dem Weg zu räumen?

In meiner Rolle als Interpret der langweiligen Reden des „Tele-Lehrers“ habe ich mir jetzt sogar eine VHS-Kassette besorgt. Gleich morgen werde ich anfangen, die Tele-Klassen aufzuzeichnen!

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