Du auch, Carlos?

Der Dienstag verging zwischen Anrufen und Besuchen von Freunden, die kamen, um uns zu erzählen, dass Carlos Otero – der bekannteste Ansager im kubanischen Fernsehen – um Asyl in den Vereinigten Staaten ersucht hat. Das war die Nachricht, die sich vox populi am schnellsten in den letzten Monaten verbreitet hat. Vielleicht weil es sich um einen Medienmenschen handelt. Er war der einzige, der in unserem einschläfernden Programm eine Sendung mit seinem eigenen Namen hatte: „Carlos und Punkt“.

Gewöhnt wie ich daran bin zu sehen, wie jedes Jahr einige meiner Freunde aufbrechen, überrascht es mich nicht, dass dieser „Erfolgsmensch“ den Weg des Exils geht. Seine Entscheidung gleicht der vieler anderer, die begriffen haben, dass sie hier keine Zukunft haben, dass Kuba kein Land ist, um Träume zu realisieren. Das bestätigt sich jedes Mal, wenn ich in meinem Bekanntenkreis jemanden nach seinen Plänen frage und – in mehr als der Hälfte der Fälle – den Satz „Ich will weg von hier“ zu hören bekomme. Eine Antwort, die sich alarmierend oft wiederholt, wenn man Jugendliche befragt.

Dieses Ausbluten, das Monat für Monat mehr Jugendliche erfasst, die mutigsten und, warum es nicht gestehen, die talentiertesten, ist der Nachweis, dass das Wohlergehen des Volkes nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit der kubanischen Regierung steht. Politische und ideologische Elemente, sowie Lasten, die aus der Vergangenheit mitgeschleppt werden, haben den Vorrang vor dem „hier“ und dem „jetzt“ unserer Bedürfnisse. Bis „dort oben“ nicht erkannt wird, dass man es nicht erreicht hat, ein Land aufzubauen, in dem die Leute bleiben und ihre Energien einsetzen wollen, wird sich das Drama der Emigration nicht lösen lassen.

Wie viele werden noch gehen müssen bis wir den Satz hören: „Wir sind gescheitert, wir haben den Kubanern keine Zukunft geben können.“? Ich vermute – denn ich kenne ja die Starrköpfigkeit nach so vielen Jahren der Macht – nicht einmal das desolate Bild einer Insel mit gealterten und müden Einwohnern, deren Kinder in anderen Breiten leben, wird die kubanische Regierung zur Vernunft bringen. Ich stelle mir die Anschuldigungen wie „heimatlos“, „verkauft an den Imperialismus“ und „Verräter“ vor, die man in diesen Tagen im Institut für Radio und Fernsehen benutzt, wenn man von dem Ansager spricht, der im Asyl ist.

Sie wissen nicht, dass für die, die wir hier bleiben, durch den Weggang von Carlos Otero die Insel noch leerer und langweiliger geworden ist.

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