Kritik – konstruktiv oder selbstgefällig?

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Er meldete sich während der Versammlung. Der Vorsitzende hatte sie gebeten ganz offen zu reden, woraufhin er die Gelegenheit nutzte sich von der Seele zu sprechen, was er all diese Monate für sich behalten hatte. Er fing bei den niedrigen Löhnen der Angestellten im staatlichen Gesundheitswesen an. Danach erwähnte er die schmutzigen Bäder, die Wasserversorgung, die Risse im einzigen Sterilisiergerät und die undichten Stellen im gesamten Krankenhaus. Er fuhr mit dem Mangel an chirurgischen Instrumenten und der Hitze im Wartesaal, in dem sich die Patienten drängen, fort. Das sei doch nicht auszuhalten, schloss er seine Rede, was den Saal in ein bedrückendes, peinlich berührtes Schweigen hüllte.

Als er fertig war, näherte sich ihm jemand und warf ihm vor seine Kritik sei nicht konstruktiv gewesen, sondern reines Dampfablassen, so dass er in keiner weiteren Versammlung erneut das Wort ergriff.

Hinter dem Argument eine angebrachte und aufbauende Kritik finden zu wollen, verstecken sich jene, die eigentlich jegliche Art von Kritik vermeiden wollen. Die Initiative ergreifen heißt für sie Ehrfurcht zu zeigen und jeden Gesprächsbeitrag mit einem schmeichelnden Satz zu beginnen. Man darf – laut jenen Befürwortern des Applauses – niemals das System in Frage stellen, sondern stattdessen jene Schwachstellen, die es ausbremsen. Konstruktivität bedeutet hier die Anführer des momentanen politischen Prozesses außen vor zu lassen und auf gar keinen Fall die Ideologie in Frage zu stellen. Zudem braucht es dann nur noch einen blinden Glauben, daran, dass sich alles durch die weise Führung der oberen Instanzen regeln wird.

Missachtet jedoch jemand diesen Leitfaden der erlaubten Kritik, so muss er mit Beleidigungen rechnen. Du Miesepeter, Tölpel, Heulsuse wird es zunächst heißen, später können abgedroschenere Beleidigungen wie „CIA-Agent“, „Kontrarevolutionär“ oder „Staatsfeind“ hinzukommen. Seine Beobachtungen werden niemals auf offene Ohren stoßen, denn sie beinhalten weder Unterwerfung, noch Selbstanklage.

Kritik braucht keinen Beinamen. Man darf sie nicht als „konstruktiv” oder „destruktiv“ einordnen, denn viel wichtiger ist es doch, streng und schonungslos zu kritisieren. Ganz wie die Salbe, die man auf eine eiternde Wunde aufträgt, die Kritik schmerzt, lässt uns in Tränen ausbrechen, quält uns … aber letzten Endes heilt sie auch.

Übersetzung: Katrin Vallet

Venezuela, mit offenen Augen

Protest

Foto: http://runrun.es/diploos/103467/editorial-la-nacion-venezuela-protestas-tragicas.html

Man sagt, dass niemand aus den Fehlern anderer lernt, dass wir die Fehler der anderen wiederholen und – und immer wieder – über ein und denselben Stein stolpern. Skeptiker versichern, dass die Völker vergessen, dass sie ihre Augen vor der Vergangenheit verschließen und deshalb die gleichen Fehltritte erneut begehen. Venezuela hat dennoch angefangen diese Tatsache zu verleugnen. Inmitten einer Realität in der Unsicherheit, Unterversorgung und Inflation die Rahmenbedingungen darstellen, versuchen die Venezolaner die Entgleisungen, die schon viel zu lange andauern, wieder in rechte Bahnen zu lenken.

Gesteuert durch den kubanischen Geheimdienst, von der „Plaza de la Revolución“ aus überwacht und angeführt von einem Mann, der die Gewalt gegen Andersdenkende vorantreibt, steht diese südamerikanische Nation nun vor dem größten Dilemma ihrer zeitgenössischen Geschichte. Totalitarismus oder Demokratie, das sind die beiden Optionen. Auf den Straßen Venezuelas entscheidet sicher derzeit nicht nur die Frage um den Verbleib des Präsidenten Nicolás Maduro an der Macht, sondern auch die um die Existenz der Achse des Autoritarismus und des Personenkults, die sich durch ganz Lateinamerika zieht. Ein System, das sich hinter leeren Worten versteckte, im Stil des Sozialismus des 21. Jahrhunderts, der Revolution der einfachen Leute, der „Träume Bolívars*“ und „einer neuen Linken“, dessen grundlegende Eigenschaften jedoch das Machtbestreben seiner Anführer, wirtschaftliche Insuffizienz und die Einschränkung von Freiheiten sind.

Die venezolanischen Studenten, haben dessen ungeachtet, dem „Chavismo“ eine Dosis seiner eigenen Medizin verpasst. Die Jugend und die Universitäten waren in diesem Fall die treibende Kraft der Proteste, was beweist, dass der Miraflores-Palast** den rebellischsten und dynamischsten Teil einer jeden Gesellschaft verloren hat. Auch wenn die Schlagzeilen der staatlichen Zeitungen von einer vom Ausland angekurbelten Verschwörung sprechen, so reicht nur ein Blick auf die Bilder von Polizisten und bewaffneten Einsatzkommandos, die auf die Demonstranten einschlagen, um zu erkennen von welcher Seite die Gewalt ausgeht.

Venezuela durchlebt zurzeit eine kritische Phase, denn aller Anfang ist schwer. Die „roten Oligarchen“ werden die Macht nicht freiwillig abgeben und auch Raúl Castro wird sich „den Goldesel“ nicht so einfach entreißen lassen. Zumindest wissen wir, dass die Venezolaner nicht den gleichen Weg beschreiten werden, der uns hier in Kuba aufgezwungen wurde. Der Gehorsam, die Angst, die Beihilfe und die Flucht als einziger Ausweg…all das waren unsere Fehler. Venezuela will und kann sie nicht wiederholen.

* Anmerkung d. Übers.: Simón Bolívar war ein südamerikanischer Unabhängigkeitskämpfer im 18/19 Jahrhundert und ist heute Nationalheld vieler südamerikanischer Länder.

** Der Miraflores-Palast in Caracas ist die offizielle Residenz des Präsidenten von Venezuela.

Übersetzung: Anja Seelmann

Aus der Feder von Bradbury, Čapek, Hurtado und Chaviano…

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Zu den wertvollsten Besitztümern meiner Kindheit, gehörte eine Sammlung von Science-Fiction Büchern. Diese Seiten füllten lange Stunden meines Lebens, indem sie mir die Möglichkeit gaben, andere Welten kennen zu lernen und – wann immer ich wollte – der stumpfen Realität zu entfliehen. Meine Schwester mochte Geschichten über entfernte Planeten, Raumschiffe und extraterrestrische Zivilisationen. Ich dagegen bevorzugte immer mögliche Fantasien, diejenigen, die mir das Gefühl gaben, dass sie jeden Moment geschehen könnten. Zeitreisen, Genetik manipulierende Wissenschaftler und aus der Vergangenheit zurückgeholte Kreaturen – das waren meine Favoriten.

Durch die Werke von Karel ČapekIsaac AsimovDaína ChavianoStanislaw Lem und Oscar Hurtado wurde meine Kindheit zu einer Zeit, die umgeben war von Robotern, menschenähnlichen Wesen, Elfen, fliegenden Untertassen und fernen Galaxien. Mehrere Werke des Genres sind in diesen Jahren erschienen; einige Ausgaben mit gelblichem Papier und schmaler Schrift. In unserem Bücherregal gab es einen Ehrenplatz für die Mars-Chroniken, die Sammelbänder über Die Stadt unter dem Eis und Cthulhus Ruf, sowie die genialen Erzählungen von Ray Bradbury und den Roman Eine Handvoll Venus. Diese Texte funktionierten für uns wie Türen in eine andere Dimension.

Die 23. Internationale Buchmesse in Havanna brachte eine Auswahl an Science-Fiction Autoren mit sich. Die kubanische Seite stach hervor mit José Miguel Sánchez, genannt Yoss, und als ausländischer Gast wurde der herausragende russische Autor Sergej Lukjanenko eingeladen. Dennoch fehlten die großen Titel des letzten Jahrzehnts des Genres, das sich immer weiter entwickelt und Leser anzieht. Der Grund für dieses Ausbleiben ist das wirtschaftliche Unvermögen vieler Hinterhofsverlage, sich die Autorenrechte ausländischer Schriftsteller zu sichern. Auch durch die geringe Wertschätzung hat es dieses Genre noch nicht geschafft, in die Jahrespläne zu kommen, um gedruckt und vertrieben werden.

Dennoch lässt sich die Phantasie so nicht aufhalten, genauso wenig wie die Wünsche, etwas jenseits dieser unbeholfenen Realität zu finden. Sie wird weiterleben für diejenigen, die Science-Fiction Bücher lieben.

 Übersetzung: Valentina Dudinov

Im Schildkrötentempo

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“Fixiere deinen Blick auf  irgendeinen festen Punkt, dann wirst du sehen: Es geht doch voran!”

Alles bewegt sich tölpelhaft und schwerfällig. Sogar die Sonne dort oben scheint sich mehr zu verspäten als sonst. Der Uhr ist Genauigkeit fremd, und der Minutenzeiger bleibt hängen. Möchte man einen Termin pünktlich um Viertel nach drei oder um zwanzig vor elf vereinbaren, dann legt man eindeutig das Verhalten eines gehetzten Pedanten an den Tag. Die Zeit ist zähflüssig wie eine überzuckerte Guajaven-Marmelade.

“Wenn du´s eilig hast, hast du ein doppeltes Problem”, belehrt die Angestellte einen Kunden, den die Zeit drängt um nach Hause zu kommen. Der Mann schwitzt und trommelt mit den Fingern, während sie erst noch ihre überlangen Fingernägel schneidet, bevor sie auch nur eine Nummer in die Registrierkasse eintippt. Auch die Schlange, die sich hinter ihm bildet, beäugt ihn hämisch: „Noch so einer, dem es nicht schnell genug geht“, sagt schließlich eine Frau zu ihm – belästigt.

Wir wohnen in einem Land, in dem Schnelligkeit inzwischen als unhöflich angesehen wird und Pünktlichkeit als eine Zumutung, die der Sonderlichkeit nahe kommt. Eine Insel in Zeitlupe, wo man einen Arm um Erlaubnis fragen muss, um den anderen zu bewegen. Ein langer Kaiman, der in den Gewässern der Karibik mit ausgestreckten Armen und Beinen vor sich hingähnt.

Derjenige, der es schafft, an einem Tag zwei Aktivitäten zu Ende zu bringen, kann sich glücklich schätzen. Üblicherweise kann man nicht einmal eine als erledigt abhaken. Bei jedem Schritt taucht plötzlich eine Hürde auf, ein Schild „Heute wegen Gebäudereinigung geschlossen“, oder „Freitags kein Publikumverkehr“, oder der Raulsche Satz: „Ohne Eile, aber auch ohne Pause“. Verspäten, verschieben, ausfallen, annullieren… das sind die meist konjugierten Verben, wenn es um Behördenwege geht

Das Schildkrötentempo nimmt man überall wahr. Angefangen von den Behördenbüros und den Bushaltestellen bis hin zu den Zentren der Unterhaltung und Dienstleistungen. Aber der große Gewinner der Medaille „Fischblut in den Adern“ ist die Regierung selbst. Drei Jahre nachdem Kuba und Venezuela mit einem Glasfaserkabel verbunden wurden, ist es noch immer nicht möglich, eine Internetverbindung in einem Privathaushalt zu beantragen.

Zwei Jahrzehnte mit dualer Währung, und noch immer ist kein Zeitplan für die Abschaffung dieser schizophrenen Wirtschaft veröffentlicht worden. 54 Jahre Einparteiensystem und noch immer lässt sich der Tag nicht erahnen, an dem wir uns frei versammeln können. Ein halbes Jahrhundert voller Blamagen und Fehler der Regierung, und man hat noch nicht einmal angefangen eine Entschuldigung anzudeuten.

In diesem Rhythmus wird die Insel eines Tages in „Sankt Nimmerleinsland“ umgetauft werden, in dem Uhren und Kalender verboten sein werden.

Übersetzung: Nina Beyerlein

Rasse und Identität

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Rückseite des kubanischen Personalausweises mit einem Kästchen “Haut”

Er ist gerade auf die Welt gekommen und in ein paar Stunden werden sie ihn mit seinem brandneuen Namen anmelden. Es werden einige Tage vergehen, bis die Eltern eine Bescheinigung seiner Geburt erhalten und später dann die sogenannte „Karte für Minderjährige“. Ohne sich auszuweisen wird er keine Produkte des rationierten Marktes erhalten, sich nicht an einer Schule anmelden können, keinen Job bekommen, weder mit dem Überlandbus verreisen noch persönliche Dinge im Aufbewahrungsfach eines Laden deponieren können. An jedem Tag seines Lebens wird er dieses Dokument brauchen, das im oberen Teil einen elfstelligen Nummerncode aufweist. Auf dem kleinen Kärtchen verbleiben seine zeitlichen und geographischen Daten,… aber auch gewisse physische Merkmale.

Es sieht kaum wie ein Buchstabe auf der Rückseite des Personalausweises aus, ist aber der Anfangsbuchstabe für die Farbe unserer Haut. Dieser Konsonant klassifiziert uns als Angehörige der einen oder anderen Rasse, ordnet uns also der einen oder anderen Gruppe zu. Trotz ständiger Aufrufe von Institutionen, mit der Diskriminierung Schluss zu machen, hält das kubanische Standesamt daran fest, jeden Bürger nach Rassemerkmalen zu klassifizieren. Mit dem Tag unserer Geburt und der Anschrift unseres Wohnorts spezifiziert man auch, ob wir Weiße, Mischlinge oder Schwarze sind. Die Zuerkennung eines „B“ (blanco), „M“ (mestizo) oder „N“ (negro) – in einer Nation,  wo sich so viele Rassen vermischt haben – hängt häufig vom subjektiven Urteil eines Funktionärs ab.

Im Hinblick auf so viele Prioritäten, von so vielen einzufordernden Rechten und abzuschaffenden Ungerechtigkeiten, erscheint es belanglos, das Löschen eines Buchstabens in unserem Personalausweis zu verlangen. Dennoch, seine unscheinbare Anwesenheit vermindert nicht im Geringsten seine Wichtigkeit. Mehr noch dann, wenn das Dokument selbst auch ein Foto seines Inhabers enthält, auf dem man seine Gesichtszüge sehen kann.

Kein Bürger darf nach der Farbe seiner Haut bewertet werden, noch in eine Kategorie gemäß der Menge an Pigment in der Epidermis eingereiht werden. Eine solche bürokratische Rückständigkeit passt besser zu einem Gefängnisarchiv als zu einem Standesamt. Das ist keine Frage von Melanin, sondern eine prinzipielle.

Übersetzung: Dieter Schubert

Die Messe, die man nicht sieht

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Hinter den Regalbrettern existiert eine andere Internationale Buchmesse. Und zwar eine, die man zwischen den Trennwänden innerhalb der Ausstellungsräume kaum wahrnimmt. Die kubanischen Zeitungen werden niemals darüber berichten, aber diese parallele, im Verborgenen stattfindende Veranstaltung hält die andere am Leben. Eine Mischung aus Geldmangel, endlosen Arbeitstagen und Niedrigstgehältern stützt das wichtigste Schaufenster für Verlagswesen der Insel. Mit jeder einzelnen gedruckten Seite geht eine lange Liste von Unregelmäßigkeiten, Improvisationen und Plünderungen Hand in Hand.

Das kubanische Institut für Literatur (Instituto Cubano del Libro, ICL) ist der Hauptveranstalter dieses literarischen Festes, das jedes Jahr im Februar stattfindet. Dennoch, der Staatsapparat selbst, der das literarische Schaffen kontrolliert, ist durch fehlende Mittel und Korruptionsskandale in Bedrängnis geraten. Seine Direktorin, Zuleica Romay, bat, Wochen vor Beginn der Buchmesse, um ihre Entlassung. Trotzdem ist immer noch nicht klar, ob sie aus ihrer Verantwortung befreit wird oder ob sie ihre Pflicht erfüllen und somit weiterhin im Amt verbleiben muss.

Viele der Menschen die an dieser 23. Ausgabe der Messe mitarbeiten, kann man mit Ameisen vergleichen, deren Arbeit verhindert, dass der Ameisenhaufen zusammenbricht. Die Verdienste, die später dem kubanischen Staat zugeschrieben werden, sind eigentlich die Frucht von persönlichen Opfern und Ungerechtigkeiten, die keine Gewerkschaft anklagen wird: Mittagspausen die sich verzögern oder die schlichtweg niemals stattfinden, Verlagsentscheidungen, die nicht getroffen werden können, da man zuerst den Genossen vom Sicherheitsdienst konsultieren muss; Arbeiter, die Materialien von Zuhause mitbringen, um den Ort zu dekorieren; Bücher, die im Kofferraum eines Privatfahrzeugs transportiert werden oder –  aufgrund der mangelnden staatlichen Benzin-Versorgung –  in einem Fahrradkorb; sowie eine Wasserversorgung, die nicht bei den durstigen Mitarbeiter ankommt.

Eine Messe, die im Verborgenen bleibt, die weder in den Statistiken, noch in den Schlagzeilen auftauchen wird.

 Übersetzung: Anja Seelmann

Meine Liebe bist nicht du*, es ist Santiaguito gewesen

Ein Außergewöhnlicher seiner Generation: Santiago Feliú war jahrelang der Liedermacher der „Nueva Trova“ **, den ich am meisten hörte. Seine Themen distanzierten sich von der abgedroschenen Poetik seiner Zeitgenossen und er schaffte es, seinen eigenen persönlichen und unnachahmlichen Stil zu kreieren. In seinen Texten gab es eine gewisse Härte aus dem wirklichen Leben, arm an Ausschmückungen aber voller Lyrik. Er ragte heraus zwischen all den anderen, die einst Rebellen waren und als Angestellte endeten; all den Langhaarigen, die auf einmal einen Militärschnitt trugen und so vielen Alternativen, die zu Beamten in Guayabera-Hemden wurden.

Beliebte Persönlichkeit in den Clubs, der Autor von “Para Bárbara“, besuchte Versammlungen und entlud sich mit Gitarre, Rum und von seinen Melodien begeisterten Menschen. Das ein oder andere Mal hat er bei uns Zuhause im Wohnzimmer gesungen und wir waren überrascht, ihn stotternd zu sehen, als er den Ton zu einem Lied nicht fand. Wie der Albatros von Baudelaire, der hoch fliegt aber unendlich töpelhalft erscheint, wenn er auf dem Deck eines Bootes läuft … in diesem Fall auf einem gestrandeten Boot. Er wirkte nahbar, zugänglich, menschlich, ohne Prahlerei oder Arroganz. Er war einer von uns, einer wie wir.

Bei seinem Tod hat er uns mit dem Bild seiner ungebändigten Mähne zurückgelassen, mit seinen Freundschaftsarmbändern am Handgelenk, und dieser dunklen Kleidung, die Mode machte. Ihm war noch so viel Leben vergönnt, so viele Akkorde; ihm, dem Schüchternen, dem Unehrerbietigen, dem ewig Jungen. Er ist von uns gegangen, er ist weg, so wie „all diese Scheißtage auch vergehen werden“. Dieses mal hatte er nicht Recht, denn „meine Liebe bist nicht du“, aber auch die anderen sind es nicht – sondern es ist Santiaguito gewesen, der im frühen Morgengrauen seine letzte Note spielte, hastig den letzten Schluck nahm und uns mit seiner Musik für die Ewigkeit zurückließ.

* Textzeile in einem Lied von Santiago Feliú

** La Nueva Trova Cubana ist eine Musikrichtung, die Mitte der 1960er Jahre in Kuba entstand, aber erst 1973 unter diesem Namen eine organisierte Form fand. Die Organisation Movimiento de la Nueva Trova löste sich 1986 auf, während die Musikrichtung in verschiedensten Ausformungen fortbesteht. Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Nueva_Trova

Übersetzung: Birgit Grassnick