Aus der Feder von Bradbury, Čapek, Hurtado und Chaviano…

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Zu den wertvollsten Besitztümern meiner Kindheit, gehörte eine Sammlung von Science-Fiction Büchern. Diese Seiten füllten lange Stunden meines Lebens, indem sie mir die Möglichkeit gaben, andere Welten kennen zu lernen und – wann immer ich wollte – der stumpfen Realität zu entfliehen. Meine Schwester mochte Geschichten über entfernte Planeten, Raumschiffe und extraterrestrische Zivilisationen. Ich dagegen bevorzugte immer mögliche Fantasien, diejenigen, die mir das Gefühl gaben, dass sie jeden Moment geschehen könnten. Zeitreisen, Genetik manipulierende Wissenschaftler und aus der Vergangenheit zurückgeholte Kreaturen – das waren meine Favoriten.

Durch die Werke von Karel ČapekIsaac AsimovDaína ChavianoStanislaw Lem und Oscar Hurtado wurde meine Kindheit zu einer Zeit, die umgeben war von Robotern, menschenähnlichen Wesen, Elfen, fliegenden Untertassen und fernen Galaxien. Mehrere Werke des Genres sind in diesen Jahren erschienen; einige Ausgaben mit gelblichem Papier und schmaler Schrift. In unserem Bücherregal gab es einen Ehrenplatz für die Mars-Chroniken, die Sammelbänder über Die Stadt unter dem Eis und Cthulhus Ruf, sowie die genialen Erzählungen von Ray Bradbury und den Roman Eine Handvoll Venus. Diese Texte funktionierten für uns wie Türen in eine andere Dimension.

Die 23. Internationale Buchmesse in Havanna brachte eine Auswahl an Science-Fiction Autoren mit sich. Die kubanische Seite stach hervor mit José Miguel Sánchez, genannt Yoss, und als ausländischer Gast wurde der herausragende russische Autor Sergej Lukjanenko eingeladen. Dennoch fehlten die großen Titel des letzten Jahrzehnts des Genres, das sich immer weiter entwickelt und Leser anzieht. Der Grund für dieses Ausbleiben ist das wirtschaftliche Unvermögen vieler Hinterhofsverlage, sich die Autorenrechte ausländischer Schriftsteller zu sichern. Auch durch die geringe Wertschätzung hat es dieses Genre noch nicht geschafft, in die Jahrespläne zu kommen, um gedruckt und vertrieben werden.

Dennoch lässt sich die Phantasie so nicht aufhalten, genauso wenig wie die Wünsche, etwas jenseits dieser unbeholfenen Realität zu finden. Sie wird weiterleben für diejenigen, die Science-Fiction Bücher lieben.

 Übersetzung: Valentina Dudinov

Im Schildkrötentempo

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“Fixiere deinen Blick auf  irgendeinen festen Punkt, dann wirst du sehen: Es geht doch voran!”

Alles bewegt sich tölpelhaft und schwerfällig. Sogar die Sonne dort oben scheint sich mehr zu verspäten als sonst. Der Uhr ist Genauigkeit fremd, und der Minutenzeiger bleibt hängen. Möchte man einen Termin pünktlich um Viertel nach drei oder um zwanzig vor elf vereinbaren, dann legt man eindeutig das Verhalten eines gehetzten Pedanten an den Tag. Die Zeit ist zähflüssig wie eine überzuckerte Guajaven-Marmelade.

“Wenn du´s eilig hast, hast du ein doppeltes Problem”, belehrt die Angestellte einen Kunden, den die Zeit drängt um nach Hause zu kommen. Der Mann schwitzt und trommelt mit den Fingern, während sie erst noch ihre überlangen Fingernägel schneidet, bevor sie auch nur eine Nummer in die Registrierkasse eintippt. Auch die Schlange, die sich hinter ihm bildet, beäugt ihn hämisch: „Noch so einer, dem es nicht schnell genug geht“, sagt schließlich eine Frau zu ihm – belästigt.

Wir wohnen in einem Land, in dem Schnelligkeit inzwischen als unhöflich angesehen wird und Pünktlichkeit als eine Zumutung, die der Sonderlichkeit nahe kommt. Eine Insel in Zeitlupe, wo man einen Arm um Erlaubnis fragen muss, um den anderen zu bewegen. Ein langer Kaiman, der in den Gewässern der Karibik mit ausgestreckten Armen und Beinen vor sich hingähnt.

Derjenige, der es schafft, an einem Tag zwei Aktivitäten zu Ende zu bringen, kann sich glücklich schätzen. Üblicherweise kann man nicht einmal eine als erledigt abhaken. Bei jedem Schritt taucht plötzlich eine Hürde auf, ein Schild „Heute wegen Gebäudereinigung geschlossen“, oder „Freitags kein Publikumverkehr“, oder der Raulsche Satz: „Ohne Eile, aber auch ohne Pause“. Verspäten, verschieben, ausfallen, annullieren… das sind die meist konjugierten Verben, wenn es um Behördenwege geht

Das Schildkrötentempo nimmt man überall wahr. Angefangen von den Behördenbüros und den Bushaltestellen bis hin zu den Zentren der Unterhaltung und Dienstleistungen. Aber der große Gewinner der Medaille „Fischblut in den Adern“ ist die Regierung selbst. Drei Jahre nachdem Kuba und Venezuela mit einem Glasfaserkabel verbunden wurden, ist es noch immer nicht möglich, eine Internetverbindung in einem Privathaushalt zu beantragen.

Zwei Jahrzehnte mit dualer Währung, und noch immer ist kein Zeitplan für die Abschaffung dieser schizophrenen Wirtschaft veröffentlicht worden. 54 Jahre Einparteiensystem und noch immer lässt sich der Tag nicht erahnen, an dem wir uns frei versammeln können. Ein halbes Jahrhundert voller Blamagen und Fehler der Regierung, und man hat noch nicht einmal angefangen eine Entschuldigung anzudeuten.

In diesem Rhythmus wird die Insel eines Tages in „Sankt Nimmerleinsland“ umgetauft werden, in dem Uhren und Kalender verboten sein werden.

Übersetzung: Nina Beyerlein

Rasse und Identität

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Rückseite des kubanischen Personalausweises mit einem Kästchen “Haut”

Er ist gerade auf die Welt gekommen und in ein paar Stunden werden sie ihn mit seinem brandneuen Namen anmelden. Es werden einige Tage vergehen, bis die Eltern eine Bescheinigung seiner Geburt erhalten und später dann die sogenannte „Karte für Minderjährige“. Ohne sich auszuweisen wird er keine Produkte des rationierten Marktes erhalten, sich nicht an einer Schule anmelden können, keinen Job bekommen, weder mit dem Überlandbus verreisen noch persönliche Dinge im Aufbewahrungsfach eines Laden deponieren können. An jedem Tag seines Lebens wird er dieses Dokument brauchen, das im oberen Teil einen elfstelligen Nummerncode aufweist. Auf dem kleinen Kärtchen verbleiben seine zeitlichen und geographischen Daten,… aber auch gewisse physische Merkmale.

Es sieht kaum wie ein Buchstabe auf der Rückseite des Personalausweises aus, ist aber der Anfangsbuchstabe für die Farbe unserer Haut. Dieser Konsonant klassifiziert uns als Angehörige der einen oder anderen Rasse, ordnet uns also der einen oder anderen Gruppe zu. Trotz ständiger Aufrufe von Institutionen, mit der Diskriminierung Schluss zu machen, hält das kubanische Standesamt daran fest, jeden Bürger nach Rassemerkmalen zu klassifizieren. Mit dem Tag unserer Geburt und der Anschrift unseres Wohnorts spezifiziert man auch, ob wir Weiße, Mischlinge oder Schwarze sind. Die Zuerkennung eines „B“ (blanco), „M“ (mestizo) oder „N“ (negro) – in einer Nation,  wo sich so viele Rassen vermischt haben – hängt häufig vom subjektiven Urteil eines Funktionärs ab.

Im Hinblick auf so viele Prioritäten, von so vielen einzufordernden Rechten und abzuschaffenden Ungerechtigkeiten, erscheint es belanglos, das Löschen eines Buchstabens in unserem Personalausweis zu verlangen. Dennoch, seine unscheinbare Anwesenheit vermindert nicht im Geringsten seine Wichtigkeit. Mehr noch dann, wenn das Dokument selbst auch ein Foto seines Inhabers enthält, auf dem man seine Gesichtszüge sehen kann.

Kein Bürger darf nach der Farbe seiner Haut bewertet werden, noch in eine Kategorie gemäß der Menge an Pigment in der Epidermis eingereiht werden. Eine solche bürokratische Rückständigkeit passt besser zu einem Gefängnisarchiv als zu einem Standesamt. Das ist keine Frage von Melanin, sondern eine prinzipielle.

Übersetzung: Dieter Schubert

Die Messe, die man nicht sieht

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Hinter den Regalbrettern existiert eine andere Internationale Buchmesse. Und zwar eine, die man zwischen den Trennwänden innerhalb der Ausstellungsräume kaum wahrnimmt. Die kubanischen Zeitungen werden niemals darüber berichten, aber diese parallele, im Verborgenen stattfindende Veranstaltung hält die andere am Leben. Eine Mischung aus Geldmangel, endlosen Arbeitstagen und Niedrigstgehältern stützt das wichtigste Schaufenster für Verlagswesen der Insel. Mit jeder einzelnen gedruckten Seite geht eine lange Liste von Unregelmäßigkeiten, Improvisationen und Plünderungen Hand in Hand.

Das kubanische Institut für Literatur (Instituto Cubano del Libro, ICL) ist der Hauptveranstalter dieses literarischen Festes, das jedes Jahr im Februar stattfindet. Dennoch, der Staatsapparat selbst, der das literarische Schaffen kontrolliert, ist durch fehlende Mittel und Korruptionsskandale in Bedrängnis geraten. Seine Direktorin, Zuleica Romay, bat, Wochen vor Beginn der Buchmesse, um ihre Entlassung. Trotzdem ist immer noch nicht klar, ob sie aus ihrer Verantwortung befreit wird oder ob sie ihre Pflicht erfüllen und somit weiterhin im Amt verbleiben muss.

Viele der Menschen die an dieser 23. Ausgabe der Messe mitarbeiten, kann man mit Ameisen vergleichen, deren Arbeit verhindert, dass der Ameisenhaufen zusammenbricht. Die Verdienste, die später dem kubanischen Staat zugeschrieben werden, sind eigentlich die Frucht von persönlichen Opfern und Ungerechtigkeiten, die keine Gewerkschaft anklagen wird: Mittagspausen die sich verzögern oder die schlichtweg niemals stattfinden, Verlagsentscheidungen, die nicht getroffen werden können, da man zuerst den Genossen vom Sicherheitsdienst konsultieren muss; Arbeiter, die Materialien von Zuhause mitbringen, um den Ort zu dekorieren; Bücher, die im Kofferraum eines Privatfahrzeugs transportiert werden oder –  aufgrund der mangelnden staatlichen Benzin-Versorgung –  in einem Fahrradkorb; sowie eine Wasserversorgung, die nicht bei den durstigen Mitarbeiter ankommt.

Eine Messe, die im Verborgenen bleibt, die weder in den Statistiken, noch in den Schlagzeilen auftauchen wird.

 Übersetzung: Anja Seelmann

Meine Liebe bist nicht du*, es ist Santiaguito gewesen

Ein Außergewöhnlicher seiner Generation: Santiago Feliú war jahrelang der Liedermacher der „Nueva Trova“ **, den ich am meisten hörte. Seine Themen distanzierten sich von der abgedroschenen Poetik seiner Zeitgenossen und er schaffte es, seinen eigenen persönlichen und unnachahmlichen Stil zu kreieren. In seinen Texten gab es eine gewisse Härte aus dem wirklichen Leben, arm an Ausschmückungen aber voller Lyrik. Er ragte heraus zwischen all den anderen, die einst Rebellen waren und als Angestellte endeten; all den Langhaarigen, die auf einmal einen Militärschnitt trugen und so vielen Alternativen, die zu Beamten in Guayabera-Hemden wurden.

Beliebte Persönlichkeit in den Clubs, der Autor von “Para Bárbara“, besuchte Versammlungen und entlud sich mit Gitarre, Rum und von seinen Melodien begeisterten Menschen. Das ein oder andere Mal hat er bei uns Zuhause im Wohnzimmer gesungen und wir waren überrascht, ihn stotternd zu sehen, als er den Ton zu einem Lied nicht fand. Wie der Albatros von Baudelaire, der hoch fliegt aber unendlich töpelhalft erscheint, wenn er auf dem Deck eines Bootes läuft … in diesem Fall auf einem gestrandeten Boot. Er wirkte nahbar, zugänglich, menschlich, ohne Prahlerei oder Arroganz. Er war einer von uns, einer wie wir.

Bei seinem Tod hat er uns mit dem Bild seiner ungebändigten Mähne zurückgelassen, mit seinen Freundschaftsarmbändern am Handgelenk, und dieser dunklen Kleidung, die Mode machte. Ihm war noch so viel Leben vergönnt, so viele Akkorde; ihm, dem Schüchternen, dem Unehrerbietigen, dem ewig Jungen. Er ist von uns gegangen, er ist weg, so wie „all diese Scheißtage auch vergehen werden“. Dieses mal hatte er nicht Recht, denn „meine Liebe bist nicht du“, aber auch die anderen sind es nicht – sondern es ist Santiaguito gewesen, der im frühen Morgengrauen seine letzte Note spielte, hastig den letzten Schluck nahm und uns mit seiner Musik für die Ewigkeit zurückließ.

* Textzeile in einem Lied von Santiago Feliú

** La Nueva Trova Cubana ist eine Musikrichtung, die Mitte der 1960er Jahre in Kuba entstand, aber erst 1973 unter diesem Namen eine organisierte Form fand. Die Organisation Movimiento de la Nueva Trova löste sich 1986 auf, während die Musikrichtung in verschiedensten Ausformungen fortbesteht. Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Nueva_Trova

Übersetzung: Birgit Grassnick

Der Zeitschrift-Cuba-Stil

Reinaldo spricht nur wenig über seine Zeit als offizieller Journalist. Doch wenn er es tut, überkommen ihn Frust und Erleichterung zugleich. Frust, wegen der vielen Klischees, die er ins Leben gerufen hat, und Erleichterung, weil er bei Entlassung aus der Zeitung Juventud Rebelde (rebellische Jugend) auch zu einem freien Mann wurde. Einen besonderen Platz in seiner Erinnerung nimmt die Zeitschrift Cuba Internacional ein, wo er fast 15 Jahre lang arbeitete.

Zuhause haben wir uns eine ganze Reihe von Nachrichtenkategorien mit dem Namen dieser Zeitschrift einfallen lassen. Wenn wieder einmal ein Berichterstatter aus irgendeiner Provinz im Fernsehen von den vollbrachten Wundern einer Akkufabrik spricht, ohne je wirklich zu sagen wie viele Akkus eigentlich produziert werden… dann schauen wir uns an, lachen und sind uns einig: „Das ist mal wieder typischer Zeitschrift-Cuba-Stil, aber unterste Schublade.“ Wenn in der Presse ein Text das Leben in einem kleinem Provinzdorf als besonders blumig schildert, bringen wir ihn umgehend mit diesem Redaktionsleitfaden, der soviel Schaden angerichtet hat, in Verbindung.

Im Gegensatz zu Reinaldo schloss Mayerín vor kurzem ihr Studium an der Fakultät für soziale Kommunikation ab. Manchmal ruft sie mich von einem öffentlichen Telefon aus an, um mir etwas über ihren letzten Artikel zu erzählen, der auf einer digitalen Plattform, an der sie mitarbeitet, erschien. „Hast du gesehen“, fragt sie mich “was ich da in die dritte Zeile im zweiten Absatz schmuggeln konnte?“ Also sehe ich mir das ganze genauer an, um zu sehen, was meine Freundin sich wieder Kühnes einfallen hat lassen und stelle fest, dass sie anstatt „unser geliebter und unbesiegbarer Oberbefehlshaber“ einfach nur “Fidel Castro“ geschrieben hat. Die traut sich etwas! Das nenn ich mal mutig.

Die Arbeit vieler Generationen von im Informationsbereich tätigen Menschen ist geprägt von Zensur, ideologischer Propaganda und an die Machthaber gerichteten Beifallsbekundungen. Die Realität in Zuckerwatte zu packen, der Missbrauch von nationalen Medien um falsche Errungenschaften zur Schau zu stellen und die Zeitungen mit Bildern eines bearbeiteten und verfälschten Kubas zu füllen, sind einige der Schwachstellen unserer offiziellen Presse. Wenn diese verzerrten Nachrichten schon den Lesern und Zuhörern bitter aufstoßen, ist es für die Journalisten selbst noch viel bitterer.

Die Berichterstatter prostituieren letzten Endes jedes einzelne ihrer Worte, um nicht in Schwierigkeiten zu geraten oder gewisse Privilegien genießen zu können. Das Ansehen des Reporters in der Gesellschaft geht zu Grunde und die Presse wird zu einem politischen Machtinstrument. Diesem Berichterstatter, der als Kind davon träumte, Skandale aufzudecken oder einer Tatsache bis aufs Letzte auf den Grund zu gehen, bleibt jetzt nur noch sich zu fügen oder das Handtuch zu werfen, die Realität weiterhin zu beschönigen oder von der Regierung zum Nicht-Journalisten erklärt zu werden.

Übersetzung: Katrin Vallet

Operation Säuberung

Straße „Infanta und Vapor“, acht Uhr abends. Ein Gerüst knarrt unter dem Gewicht der Arbeiter. Die Gegend ist dunkel, aber immer noch streichen zwei Maler mit ihren Pinseln über verschmutzte Balkone, Fassaden und die hohen Säulen, die zur Straße zeigen. Die Zeit ist knapp; das zweite Gipfeltreffen der CELAC beginnt in wenigen Stunden, und bis dahin muss alles für die Gäste bereit sein. Die Straßen, über die die Karawane der Präsidenten zieht, werden ausgebessert, der Asphalt wird erneuert, Löcher werden aufgefüllt und die Armut versteckt. Das wahre Havanna verbirgt sich unter der Attrappe einer anderen Großstadt, so als würde sich über den Schmutz – der sich über Jahrzehnte angesammelt hat –  ein ebenso prächtiger wie vergänglicher Teppich legen.

Danach kommt die “menschliche Säuberung”. Die ersten Anzeichen für das Entstehen eines anderen Szenarios liefern uns die Mobiltelefone. Anrufe verlieren sich im Nichts, SMS-Nachrichten erreichen ihr Ziel nicht, beim Versuch mit einem Aktivisten zu kommunizieren ertönt ein nervendes „besetzt“-Zeichen. Dann kommt die zweite Phase, die physische. An bestimmten Straßenecken stehen vermehrt vermeintliche Paare, die aber nicht miteinander reden; Männer in karierten Hemden, die nervös an das Headset fassen, das an ihrem Ohr versteckt ist; Nachbarn, die sich als Wache vor die Tür derjenigen stellen, die sie gestern noch um ein wenig Salz gebeten haben. In der ganzen Gesellschaft gibt es ein Raunen, aufmerksame Augen -  und Angst, sehr viel Angst. Die Stadt ist angespannt, sie bebt, sie ist im Alarmzustand: Das Gipfeltreffen der CELAC hat begonnen.

Die letzte Phase bringt dann Verhaftungen, Drohungen und Hausarrest. Währenddessen lächeln die Moderatoren im staatlichen Fernsehen, kommentieren Pressekonferenzen, und Kameras werden zu den Gangways der zahlreichern Flugzeuge geschoben. Es gibt rote Teppiche, polierte Fußböden, Baumfarne im Palast der Revolution, Trinksprüche, Familienfotos, Verkehrsumleitungen; alle hundert Meter sieht man Polizisten, Bodyguards, die akkreditierte Presse, Diskussionen über die Öffnung des Landes, bedrohte Menschen, überfüllte Arrestzellen, Freunde mit unbekanntem Aufenthaltsort. Nicht einmal der Raffinerie Ñico López ist es erlaubt, ihren schmutzigen Rauch mittels Schornsteinen in die Luft zu blasen. Die retuschierte Postkarte ist fertig… aber es fehlt ihr an Leben.

Dann, dann ist alles vorbei. Jeder Präsident und jeder Kanzler kehrt in sein Land zurück. Feuchtigkeit und Dreck keimen unter der dünnen Farbschicht an den Fassaden. Nachbarn, die sich an der Operation beteiligt haben, gehen wieder ihrer Langeweile nach, und die Beamten der #OperationSäuberung werden mit All-Inclusive-Hotels belohnt. Die zur Eröffnung ausgesäten Pflanzen vertrocknen aus Mangel an Wasser. Alles kehrt wieder zur Normalität zurück oder dem völligen Fehlen von Normalität, dass das kubanische Leben charakterisiert.

Die inszenierte Momentaufnahme ist vorbei. Auf Wiedersehen zweites CELAC-Gipfeltreffen!

Anm. d. Übersetzerin:

* CELAC – Gemeinschaft der lateinamerikanischen und karibischen Staaten (alle souveränen Staaten Amerikas außer Kanada und den Vereinigten Staaten), gegründet am 23. Februar 2010.

Ziele: Reduzierung der sozialen Ungleichheiten, Zurückdrängung des Kolonialismus, Eindämmung des Einflusses der USA in der Region u.a.

 

Übersetzung: Valentina Dudinov