Und du mein Sohn, tu dich bloß nicht hervor!

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Foto: Silvia Corbelle 

Während du deinen Schulranzen packtest, lag dir deine Mutter mit ihrer alten Leier in den Ohren. „Halt dich mal lieber aus allem raus, denn danach wird man nur immer in alles Mögliche hineingezogen“, ertönte es aus der Küche. Und so machtest du dich auf deinen morgendlichen Schulweg, in dich gekehrt, um bloß nicht aufzufallen. Das Läuten der Schulglocke rief zum Eintritt ins Klassenzimmer auf, wo die Geschichtslehrerin mit ihrer ketzerischen Version der Vergangenheit schon auf euch wartete. Du wusstest, dass nichts so war wie sie es schilderte, weil du in den Büchern deines Großvaters andere Versionen gelesen hattest, aber du schwiegst… um nicht in Schwierigkeiten zu geraten.

Du kamst in den Stimmbruch und schon fandst du dich als Soldat im obligatorischen Militärdienst wieder. Du hast im Laufe der Jahre eine Überlebensstrategie entwickelt und wenn nun der Offizier brüllend zu mehr Aufopferung aufrief, riefst du dir wiederholt ins Gedächtnis, dich besser nicht bemerkbar zu machen. Unbemerkt durchkommen, sich nicht einbringen, niemals auffallen, so lauteten deine Grundsätze in diesem Alter. Nie hast du eine Idee geäußert, nie auch nur einen Änderungsvorschlag, das Einzige, was deine Vorgesetzten aus dir hervorbrachten, war ein „zu Befehl!“, das man dir eingebläut hatte. Danach kamst du an die Universität, wo du zum Ziel hattest das Diplom zu erreichen, das Studium abzuschließen, und das ohne in Schwierigkeiten zu geraten.

Deine Kinder werden geboren und von klein auf liest du ihnen aus der ABC-Fibel der Vortäuschung vor. „Tut euch bloß nicht hervor, das bringt nur Ärger“, rätst du ihnen von dem Moment an, in dem sie deine Worte begreifen können. Und so hältst du das Rad der Vortäuschung in Bewegung, gibst jenes an deine Kinder weiter, was einst deine Eltern dir vermittelten.

Doch du bist nicht unversehrt davongekommen. Du hast die anderen nicht mit deiner List hinters Licht geführt. Denn im Grunde genommen hast du dir nur selbst etwas vorgemacht. Vor lauter Zurückhaltung, in dem Versuch so wenig wie möglich auszudrücken, dich, wenn es ging, nicht zu manifestieren, all das hat dich zu dem mittelmäßigen Mann gemacht, der du heute bist, ein vom System gezähmtes Wesen.

 Übersetzung: Katrin Vallet

Cosita

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Foto: Silvia Corbelle

Sie verließ Banes an einem heißen und stickigen Morgen. In der Tasche trug sie nur etwas Unterwäsche und die Adresse ihrer Verwandten in Havanna bei sich. Als der Zug am Hauptbahnhof ankam, atmete Cosita tief ein und füllte ihr Lungen mit diesem für die Hauptstadt so typischen Geruch nach stark verbranntem Öl. Ich bin in „la Placa”* sagte sie zu sich selbst und ein Gefühl des Sieges überkam sie. Sechs Monate später würde sie an diesen Ort zurückkehren, mit einer polizeilichen Verwarnung und einer halben Waschmaschine, um sie mit in den Zug zu nehmen…

Cosita machte es sich im Wohnzimmer einer Cousine bequem und begann damit Plasikflaschen und Nylonfetzen aus den umliegenden Müllcontainern zusammenzusuchen. Aus diesen fertigte sie künstliche Blumen, die sie verkaufte, um sich mit Nahrungsmitteln zu versorgen und um ihren Verwandten aus Havanna “etwas” dazugeben zu können. Sie fragte sich durch das Viertel auf der Suche nach Junggesellen, denen sie sich – auch wenn sie schon älter waren – als eine “reinliche Frau”, die alles in einem Aushalt erledigt anbot, aber sie kam zu keiner einzigen Übereinkunft. Sie wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis die Polizei sie auf der Straße anhalten und festellen würde, dass sie eine Illegale war. Eine weitere „Palestina”, wie die Bewohner der Hauptstadt die Leute aus dem Osten des Landes verächtlich zu bezeichnen pflegten.

Sie erwischten sie an einem grauen, regnerischen Nachmittag, an dem sie ihre Blumen außerhalb eines Agrarmarktes verkaufte. Sie verhängten ihr eine Geldbuße wegen einer rechtswidrigen wirtschaftlichen Tätigkeit und teilten ihr mit, dass sie 72 Stunden habe, um die Stadt zu verlassen. Aber Cosita konnte noch nicht gehen. Sie hatte es geschafft, dass man ihr die Hälfte einer Waschmaschine des Modells „Aurika” schenkte und sie hatte noch keine Transportmöglichkeit gefunden, um diese mitnehmen zu können. Außerdem hatte ihr ein Nachbar einen alten Schrank für die Kinder überlassen, der weder Türen noch Schubfächer hatte. All das waren die Besitze, die sie während ihres Abenteuers in Havanna ergattert hatte und sie dachte nicht daran, diese zurückzulassen.

Die Lastwagenfahrer verlangten viel zu viel dafür ihre “Schätze” bis nach Banes zu transportieren. Sie konnte ihre Verzierungen aus Nylon nun nicht mehr länger verkaufen und ihre Verwandten, die sie aufgenommen hatten, fürchteten eine weitere Geldbuße für das Beherbergen einer Illegalen in ihrem Haus. Cosita verließ Havanna in einer kalten Dezembernacht, bei sich trug sie die halbe Waschmaschine und ihre Tasche, die so leer war wie an dem Tag an dem sie angekommen war. Der Schrank blieb in einem Flur zurück und irgendjemand verwendete seine Bretter dafür, um eine undichte Stelle an seinem Fenster zu schließen. Die Kleiderstange wurde dafür hergenommen, den kaputten Stil eines Besens zu ersetzen und die Nägel wurden in einem Stuhl wiederverwendet.

Cosita, die nun wieder in Banes ist, träumt davon nach Havanna zurückzukehren. Sie erzählt ihren Freunden von ihren Tagen in der „Hauptstadt aller Kubaner“ und schwärmt von dem Schrank aus gutem Holz für die Kinder, den sie eines Tages – als Trophäe – mit in ihr Dorf bringen würde.

*La Placa ist einer der volkstümlichen Namen, die für Havanna verwendet werden

 Übersetzung: Anja Seelmann

Einige Tage mit Nauta

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“Die Schlange ist lang, aber es geht schnell voran”, sagt mir jemand vor dem Eingang einer Filiale von Cubacel. Nach einer Stunde und mehrfacher Schreie eines Wachmannes an diejenigen, die sich an der Tür zusammendrängen, schaffe ich es hinein zu kommen. Die Mitarbeiterin sieht verschlafen aus und warnt mich, dass man damit nur E-Mails mit dem Account Nauta öffnen könne, dass “sich aber das Mobiltelefon unter gar keinen Umständen konfigurieren“ lasse. Ich provoziere sie ein wenig: „Ist schon gut, ich weiß wie man das macht – habe mir das Handbuch schon im Internet herunter geladen“. Die Stichelei geht auf, weil sie mich neugierig fragt: „Ah, ja… und könnten Sie einer Freundin von mir helfen, die nicht weiß, wie man das macht?“

Sei nicht überrascht, lieber Leser; wir sind in Kuba, wo das Restriktive sich mit dem Chaotischen vermischt. Wo die Person, die ihren Kunden helfen sollte, am Ende diese selbst um Unterstützung bittet. Somit helfe ich ihrer Freundin bei der Aktivierung des Mail-Accounts.

Nachdem ich so ihr Vertrauen gewonnen habe, gehe ich dazu über, einige Informationen von der gelangweilten Frau zu bekommen. „Ich bin mir sicher, dass sie bald auch mobiles Internet anbieten werden“, erwähne ich, als wäre es nur ein weiterer Kommentar. Ein Zungenschnalzer und ein „machen Sie sich keine Illusionen“, kommen mir hinter ihrem Schreibtisch entgegen. Ich setze noch einen drauf: „Nun, wenn sie es über das Kabel aus Venezuela machen, kann ich mir vorstellen, dass sie den Service erweitern werden“. Und an dieser Stelle gibt sie mir zu verstehen, dass „das Kabel für andere Sachen gedacht“ sei, während sie ihren Zeigefinger an ein Auge führt – ein Zeichen für „Überwachung“.

Ich gehe nach Hause und stolpere bei jedem Schritt, denn ich schaue auf den Bildschirm meines Mobiltelefons und auf das Icon, das mich über neue Mitteilungen informiert. Das erste was ich mache ist, meinen Freunden und Verwandten zu schreiben und sie zu warnen: „Diese Mail-Adresse @nauta.cu ist weder zuverlässig noch sicher, aber…“. Und dann eine lange Liste mit Gedanken, wozu ein Postfach, das keine Privatsphäre zulässt, denn dienen könnte; aber dass ich andererseits die Mails jederzeit mit meinem eigenen Mobiltelefon abrufen kann. Ich wende mich an mehrere Bekannte und bitte sie, mich über E-Mail bei mehreren nationalen und internationalen Nachrichtendiensten anzumelden. Nach knapp einer Stunde verstopft eine Flut von Informationen und Stellungnahmen meinen Posteingang.

Die nächsten Tage verbringe ich mit der Suche nach Details dieses Services, seinen Grenzen und Möglichkeiten. Ich stelle fest, dass es damit viel günstiger ist Fotos zu verschicken, als über den bisherigen Weg der MMS. Früher kostete die einzige Möglichkeit ein Bild zu versenden 2.30 CUC (2 USD) – und es war zum Verzweifeln langsam. Nun kann man sowohl Flickr als auch TwitPic und Facebook über den Publishing-Service der E-Mail aktualisieren, und man zahlt 0.01 CUC pro Kilobyte. Ein durchschnittliches Bild im Web ist nicht größer als 100 kB.

Zu seinen Leistungen gehört auch die Möglichkeit, den Informationsfluss von langen Texten aufrecht zu erhalten – weit über die 160 Zeichen einer SMS hinaus –, mit Nutzern von Cubacel, die diesen Service bereits aktiviert haben. In den ersten 48 Stunden habe ich es geschafft, eine Reihe von Nachrichten an andere Aktivisten in unterschiedliche Regionen Kubas zu verschicken. Bisher sind alle Nachrichten angekommen… obwohl der Vertrag von Nauta die Drohung enthält, den Dienst zu sperren, sofern „Aktivitäten (…) gegen die Unabhängigkeit und die nationale Souveränität“ festgestellt werden.

Außerdem habe ich die Effektivität der GPRS-Verbindung in mehreren Provinzen getestet, wie sie für das Empfangen und Versenden von Mitteilungen erforderlich ist. Sowohl in Havanna, als auch Santiago de Cuba, Holguín, Camagüey und Matanzas konnte ich mich ohne große Probleme ins Netz einloggen. Mit Ausnahme einiger Stellen auf Landstraßen, wo es nicht einmal die Möglichkeit gibt anzurufen, waren alle anderen Versuche erfolgreich.

Nicht alle Nachrichten sind gut

Zeitgleich mit dem neuen E-Mail-Service für Mobiltelefone, machte sich eine Verschlechterung beim Versenden von SMS bemerkbar. Dass Hunderte von Nachrichten in den letzten Tagen ihre Empfänger nicht erreicht haben, obwohl sie von der Telefongesellschaft sofort berechnet wurden, weist auf einen Akt der Zensur oder einen Zusammenbruch der Netze hin. Ich würde gerne das Letztere glauben, wären unter den Geschädigten nicht so viele Aktivisten, Oppositionelle, unabhängige Journalisten und andere unbequeme Bürger.

Auf der anderen Seite sollten wir nicht zu naiv sein. Nauta hat alle Kennzeichen eines “fleischfressenden“ Netzes, das unsere Informationen herunterschluckt und unsere Korrespondenz zu Überwachungszwecken verwendet. Höchstwahrscheinlich enthält es einen Filter für Schlüsselwörter, und observiert von Minute zu Minute bestimmte persönliche Konten. Ich schließe auch nicht die Veröffentlichung von Inhalten privater Nachrichten in staatlichen Medien aus, wenn dies die Regierung für zweckmäßig hält. Genauso wenig wie Phishing, um das Ansehen einiger Kunden zu beschädigen oder die Nutzung von Informationen – beispielsweise über Nachrichten in sozialen Netzwerken – um an Daten heranzukommen.

All diese Möglichkeiten müssen wir bei der Nutzung des neuen Services beachten, da es keine Unabhängigkeit zwischen der Telefongesellschaft und den Geheimdiensten des Landes gibt. So könnte jedes geschriebene Wort, jeder genannte Name, jede Meinung – die über Nauta verschickt wurden – in den Archiven der Staatssicherheit landen. Wir sollten es also vermeiden, ihnen diese Arbeit leicht zu machen.

Nach einer Woche mit Nauta habe ich den Eindruck, als handelt es sich hier um einen Spalt in der Tür, die sich öffnet. Durch den dringt unsere Stimme nach draußen; er kann uns aber auch in seinen Bann ziehen. Eine Nachäffung des Web, ein “verkrüppeltes“ Internet; sein Dienst bleibt weit hinter dem zurück, was wir als Bürger des 21. Jahrhunderts gefordert haben. 

Dennoch schlage ich vor, diese neue Möglichkeit zu nutzen und Grenzen zu verschieben, so wie wir es schon mit reinen Textnachrichten gemacht haben. Ein Gebrauch mit Vorsicht, aber mit bürgerlichem Bewusstsein… Dieser Weg kann uns helfen, die Qualität und die Quantität von an uns gerichtete Informationen zu verbessern, und auch unsere Präsenz in sozialen Netzwerken. Wie der Name schon sagt: wenn sie uns nicht Internautas (Internet-Surfer) sein lassen… können wir doch zumindest versuchen nautas zu sein.

Übersetzung: Valentina Dudinov

Warum ich kein Mitglied des Frauenverbandes sein möchte?

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Foto: Silvia Corbelle

Der Kongress des Kubanischen Frauenverbandes FMC (la Federación de Mujeres Cubanas) ging vor einigen Tagen zu Ende. Die Abschlussrede wurde von einem Mann gehalten. Doch das war weder der einzige noch der letzte Missgriff einer steifen und von Ideologie geprägten Organisation.

Nachdem ich mir die Sitzungen im Kongresszentrum, dem Palacio de las Convenciones, angehört habe, bestätige ich meine Entscheidung kein Verbandsmitglied zu werden. Warum?

Hier sind meine Gründe:

  • Ich lehne den Titel “ewige Präsidentin” für Raúl Castros inzwischen verstorbener Ehefrau, Vilma Espín, ab. Die ganze Prahlerei mit einem Posten für alle Ewigkeit finde ich mehr als lächerlich.
  • Ich möchte nicht Teil einer Organisation sein, deren Flagge eine Person in Uniform zeigt. Da ich kein Soldat bin, sehe ich mich nicht von einer Milizionärin mit Gewehr repräsentiert.
  • Einer Frauenorganisation, deren Prinzipien die Treue zu einer Ideologie, zu einer Partei und zu einem Mann sind, schenke ich keinen Glauben
  • Ich vermute, dass ein Teil der 4 Millionen Frauen, die den FMC bilden, aus reinem Automatismus Mitglieder geworden sind – vielleicht als obligatorische Formalität mit Vollendung des 14. Lebensjahres.
  • Ich misstraue einem Verband, der davon profitiert, dass es keine Verbandsfreiheit gibt, die es uns Kubanerinnen erlaubt, andere Organisationen zu gründen.
  • Mir ist die Doppelmoral des FMC bewusst, da er Gewalt gegen Frauen ablehnt, jedoch nie die Repressionen gegen die “Damen in Weiß”* verurteilt hat.
  • Als ineffizient stufe ich die Arbeit einer Organisation ein, die in den 50 Jahren seit ihrer Gründung nicht erreicht hat, dass Frauen in die Positionen gelangen können, wo die wirklichen Entscheidungen über unser Land getroffen werden.
  • Ich bin es überdrüssig, dass Frauen in diesen Frauenkongressen auf Wesen reduziert werden, die sich um ein Topf- und Pfannenset sorgen; auf Soldatinnen, die dazu bereit sind, ihre Kinder wie Kanonenfutter oder Teile eines produktiven Räderwerkes auszuhändigen – opferbereit, hübsch und gehorsam.
  • Ich bin eine Frau des 21. Jahrhunderts; meine Eierstöcke trage ich nicht mit Opfermut, sondern mit Stolz; ich kann kein Mitglied einer Organisation sein, die die Richtlinien der Staatsmacht an die Frauen weiterleitet.
  • Trotzdem – sobald es legal ist sich nach Glauben, Gemeinsamkeit, Geschlecht und so vielen anderen Merkmalen zu versammeln, werde ich mit meinem Progesteron und meinen Forderungen an einen echten Frauenverbund anwesend sein.

Anmerkung. d. Übers.:

*Die “Damen in Weiß” sind eine Gruppe von Ehefrauen, Müttern und anderen weiblichen Angehörigen politischer Gefangener. Sie gründete sich im Jahr 2003 nach der Festnahme und Verurteilung von 75 Oppositionellen. Fast jeden Sonntag ziehen sie mit weißen Kleidern und Gladiolen in den Händen durch Havanna. Mit ihren Schweigemärschen verlangen sie die Freilassung der politischen Häftlinge. Dabei werden sie häufig von Regierungsanhängern drangsaliert und niedergebrüllt. Immer wieder werden auch Mitglieder der Gruppe festgenommen. (Quelle: n-tv.de , AFP)

Übersetzung: Nina Beyerlein

Herausforderungen für die kubanische Presse

“Die Zeitung von heute sprach nicht von dir…”  singt Joaquín Sabina, während ich die Granma lese. Wie fast immer findet sich irgendein Jahrestag auf der Titelseite dieser Tageszeitung. Eine Hommage für eine bedeutende Person aus vergangenen Tagen, ein Rückblick, und ein Satz, den jemand vor vierzig oder fünfzig Jahren gesagt hat. Alle Seiten verströmen jenen altmodischen Mief eines Journalismus, der sich nicht mit der Gegenwart auseinandersetzen will und das Heute und Jetzt beiseite schiebt.

Die offizielle kubanische Presse kann sich nicht reformieren, weil sie dann Selbstmord beginge. Um über die Wirklichkeit in unserem Land zu informieren, müsste sie auf ihre Rolle als ideologisches Propagandainstrument verzichten. Es reicht nicht, dass sie die Aufmachung ihrer Webseiten ändert, neue Namen unter ihre Reportagen setzt, oder die Seite „Leserbriefe“ mit Beschwerden über Bürokraten und Korruption beibehält. Sie muss weit darüber hinaus gehen; sie muss mit ihren Kompromissen mit der Politik aufhören und die Wahrheit in der Berichterstattung als ihre einzige Verpflichtung betrachten. Aber das, wissen wir, das kann sie nicht tun.

Von einer Presse, die entstehen oder sich konsolidieren will, erwarte ich mehr, als den “neuen offiziellen Journalismus“. Aber mir ist auch bewusst, dass die informative Arbeit seitens der Zivilgesellschaft – heikel und illegal wie sie ist – besser werden muss. Informationen schützen weder vor Angriffen, noch sind sie eine Waffe – für niemand! Über Ereignisse sollten wir nicht berichten, wie wir wünschen sie wären so geschehen, sondern so, wie sie sich tatsächlich ereignet haben.

Die thematische Vielfalt ihrerseits steht nicht im Widerspruch zur Verteidigung der Freiheit und der Menschenrechte. Es gibt viele Formen sich auszudrücken, sich gut auszudrücken. Und dann müssen wir noch nach Informationswegen suchen, die den gewöhnlichen Leser besser erreichen. Kreativität, Wagemut und Meinungsvielfalt werden uns zu besseren Presseleuten machen. Es lohnt sich, auf diesem Weg voran zu gehen.

Was mich betrifft, so mache ich gerade die ersten Schritte. Der Countdown für die Inbetriebnahme des digitalen Mediums, das ich seit vier Jahren vorbereitet habe, hat begonnen. Eine neue berufliche Herausforderung kommt auf mich zu, aber nicht als Alleingang, sondern begleitet von einer talentierten Mannschaft, die “Journalismus mit Großbuchstaben“ machen will.

Im Laufe der nächsten Wochen wird sich dieser persönliche Blog vor euren Augen in ein Medium der PRESSE verwandeln. Wir danken im Voraus für aufmunternde Worte!

Übersetzung: Dieter Schubert

 

Abwertung

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Für eine einzelne Zelle ist es schwierig in einem kranken Organismus gesund zu bleiben. In einer ineffizienten Gesellschaft würde die stellenweise vorhandene Funktionalität verdunsten wie ein Tropfen auf dem heißen Stein. Inmitten eines moralischen Debakels können sich bestimmte – sorgsam ausgewählte – ethnische Werte nicht ausfalten. Den sozialen Verhaltenskodex wieder aufleben lassen bedeutet auch diejenigen zu akzeptieren, die mit der vorherrschenden Ideologie nicht übereinstimmen.

Die staatlichen Medien rufen uns nun dazu auf die verlorengegangenen Werte zurückzugewinnen. Laut den Fernsehkommentatoren sind die Familien, teilweise auch das Bildungssystem- aber nicht die Regierung – für diesen Verfall verantwortlich. Sie sprechen von schlechter Erziehung, Unhöflichkeit, dem Fehlen von Solidarität und der Verbreitung schlechter Angewohnheiten wie Stehlen, Lügen und einer gleichgültigen Haltung. In einem Land, in dem sowohl das Bildungssystem, die Presse als auch das kulturelle Schaffen und dessen Verbreitung seit einem halben Jahrhundert von der gleichen Partei kontrolliert wurden, lohnt es sich durchaus zu fragen woher diese ganze Verarmung eigentlich kommt.

Ich erinnere mich daran, dass als ich noch klein war, niemand sich traute jemanden als „Herrn“ anzusprechen, da dies als ein sozialer Rückstand angesehen wurde. Da die Anrede „Genosse“ mit einer ideologischen Haltung in Zusammenhang stand, fingen viele von uns damit an neue Formen der Anrede zu verwenden wie „Kollege“, „Junge“, „Du…hör mal“ oder „Alter“ und es entstand eine lange Liste von Sätzen, die ins Vulgäre abdrifteten. Und jetzt beschweren sie sich im Fernsehen darüber, dass wir im Gespräch mit anderen anstößige Begriffe um uns werfen, aber… Wer hat denn diesen sprachlichen Verfall letztendlich eingeleitet?

Das kubanische System setzte auf die soziale Manipulation und experimentierte mit der individuellen und der kollektiven Chemie. Das beste Beispiel dieses gescheiterten Laboratoriums ist der sogenannte „neue Mensch“. Dieser Homus Cubanis gedeiht angeblich durch Opferbereitschaft, Gehorsam und Treue. Da die Uniformität nicht mit den ethnischen Besonderheiten der einzelnen Familien vereinbar war, versuchte man sie zu erreichen, indem man Millionen von uns – wann immer es möglich war – von diesem Umfeld fern hielt.

Mit kaum 45 Tagen gab man uns in die Kindertagesstätte, in die sogenannten “círculos infantiles“, nachdem wir dann die ersten Buchstaben gelernt hatten, empfingen uns bereits die Pionierlager, die campamentos pioneriles*, als wir gerade aus dem Kindesalter raus waren, schickte man uns an die Schulen auf dem Land und unsere Jugend verbrachten wir schließlich mit der Universitätsvorbereitung mitten im Nirgendwo. Der Staat glaubte, er könne die Rolle unserer Eltern im Bezug auf unsere Erziehung übernehmen, er dachte, er könne die von zuhause mitgebrachten Werte, durch die kommunistischen Moralvorstellungen ersetzen. Aber die Kreatur, die durch diesen Prozess erschaffen wurde, wich weit von der Ursprungsidee ab. Wir schafften es nicht einmal zu „guten Menschen“ zu werden.

Auch die Religion wurde bei diesem moralischen Feldzug in Angriff genommen und man ignorierte dabei völlig, dass in den verschiedenen Credos nicht nur ein Teil der ethischen und moralischen Werte übertragen werden, die die Zivilisation formten, sondern auch unsere eigenen nationalen Bräuche. Sie brachten uns dazu Andersdenkende abzulehnen, die Präsidenten anderer Länder zu beschimpfen, uns über historische Figuren lustig zu machen und die Zunge herauszustrecken oder eine lange Nase zu machen, wenn wir an einer ausländischen Botschaft vorbeigehen. Sie trichterten uns ihren Revolutionsgeist ein, den sie selbst seit der kubanischen Revolution leben und sie stifteten uns dazu an, uns über diejenigen, die sich auszudrücken wussten, ein breites kulturelles Bewusstsein hatten oder irgendeine Form von Raffinesse aufwiesen, lustig zu machen. Letzteres wurde uns so sehr eingebläut, dass wir vorgaben eine vulgäre Sprechweise zu haben, aufhörten bestimmte Silben zu betonen und unsere Lektüren verschwiegen, damit niemand merkte das wir Sonderlinge waren oder möglicherweise Gegenrevolutionäre.

50 Jahre lang schrie uns ein Mann von einem Podest aus an. Seine Moralpredigten, sein Hass, seine Unfähigkeit sich ein Gegenargument in Ruhe anzuhören, all das waren die „idealen“ Verhaltensweisen, die wir in der Schule lernten. Er impfte uns das Gezeter und die konstante Gereiztheit ein und auch den erhobenen Zeigefinger, um uns an andere zu wenden. Er – der dachte er wisse alles, wobei er in Wirklichkeit sehr wenig wusste – vermittelte uns den Hochmut, das sich nicht Entschuldigen und die Lüge, diese betrügerische List, die er selbst so gut beherrschte.

Jetzt, wo das ethische Spiegelbild der Nation eher einem Scherbenhaufen gleicht, ruft man die Familien dazu auf es wieder zusammenzusetzen. Sie bitten uns darum zuhause Werte zu vermitteln und unseren Kindern Disziplin und Ordnung nahezubringen. Aber wie sollen wir das bewerkstelligen, wenn wir selbst im Bezug auf diese Verhaltensweisen zur Respektlosigkeit erzogen wurden? Wenn es noch nicht einmal eine selbstkritische Reflexion von Seiten der Regierung gab, in der diejenigen, die die soziale Manipulation gegen uns anwandten, sich zu ihren Taten bekennen.

Der ethische Verhaltenscodex lässt sich nicht so leicht wiederherstellen. Die durch die Umgangsformen abgewerteten Moralvorstellungen lassen sich nicht von heute auf morgen wieder auf Vordermann bringen. Und nun? Wie können wir dieses Desaster wieder beseitigen?

Anmerkung. d. Übers.:

* In den campamentos pioneriles sollen den Kindern Werte im Zusammenhang mit der Erziehung, der Hygiene und dem körperlichen Training vermittelt werden.

Übersetzung: Anja Seelmann

Kritik – konstruktiv oder selbstgefällig?

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Er meldete sich während der Versammlung. Der Vorsitzende hatte sie gebeten ganz offen zu reden, woraufhin er die Gelegenheit nutzte sich von der Seele zu sprechen, was er all diese Monate für sich behalten hatte. Er fing bei den niedrigen Löhnen der Angestellten im staatlichen Gesundheitswesen an. Danach erwähnte er die schmutzigen Bäder, die Wasserversorgung, die Risse im einzigen Sterilisiergerät und die undichten Stellen im gesamten Krankenhaus. Er fuhr mit dem Mangel an chirurgischen Instrumenten und der Hitze im Wartesaal, in dem sich die Patienten drängen, fort. Das sei doch nicht auszuhalten, schloss er seine Rede, was den Saal in ein bedrückendes, peinlich berührtes Schweigen hüllte.

Als er fertig war, näherte sich ihm jemand und warf ihm vor seine Kritik sei nicht konstruktiv gewesen, sondern reines Dampfablassen, so dass er in keiner weiteren Versammlung erneut das Wort ergriff.

Hinter dem Argument eine angebrachte und aufbauende Kritik finden zu wollen, verstecken sich jene, die eigentlich jegliche Art von Kritik vermeiden wollen. Die Initiative ergreifen heißt für sie Ehrfurcht zu zeigen und jeden Gesprächsbeitrag mit einem schmeichelnden Satz zu beginnen. Man darf – laut jenen Befürwortern des Applauses – niemals das System in Frage stellen, sondern stattdessen jene Schwachstellen, die es ausbremsen. Konstruktivität bedeutet hier die Anführer des momentanen politischen Prozesses außen vor zu lassen und auf gar keinen Fall die Ideologie in Frage zu stellen. Zudem braucht es dann nur noch einen blinden Glauben, daran, dass sich alles durch die weise Führung der oberen Instanzen regeln wird.

Missachtet jedoch jemand diesen Leitfaden der erlaubten Kritik, so muss er mit Beleidigungen rechnen. Du Miesepeter, Tölpel, Heulsuse wird es zunächst heißen, später können abgedroschenere Beleidigungen wie „CIA-Agent“, „Kontrarevolutionär“ oder „Staatsfeind“ hinzukommen. Seine Beobachtungen werden niemals auf offene Ohren stoßen, denn sie beinhalten weder Unterwerfung, noch Selbstanklage.

Kritik braucht keinen Beinamen. Man darf sie nicht als „konstruktiv” oder „destruktiv“ einordnen, denn viel wichtiger ist es doch, streng und schonungslos zu kritisieren. Ganz wie die Salbe, die man auf eine eiternde Wunde aufträgt, die Kritik schmerzt, lässt uns in Tränen ausbrechen, quält uns … aber letzten Endes heilt sie auch.

Übersetzung: Katrin Vallet