Wer sind die Neuankömmlinge an unseren Universitäten?

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Die neuen Studenten (14ymedio)

Sie wurden inmitten der Sonderperiode geboren, lebten gefangen in diesem System zweier Währungen und wenn sie ihren Titel erhalten, wird Raúl Castro nicht mehr an der Macht sein. Ich spreche von den mehr als hunderttausend Heranwachsenden, die nun ein Studium angefangen haben. In ihrem kurzen Lebenslauf liest man von Erziehungsexperimenten, dem Ringen um Ideen und der Invasion neuer Technologien. Sie wissen mehr über X-Men als über Elpidio Valdés und können sich an Fidel Castro nur in Form von alten Bildern und längst archivierten Dokumentation erinnern.

Sie sind die Generation des Wi-Fi und der gehackten Netze, aufgewachsen mit den audiovisuellen Medien und der illegalen Satellitenschüssel. Manchmal verbringen sie die frühen Morgenstunden online, mit Strategievideospielen, in denen man sich so mächtig und frei fühlt. Wer versucht sie kennenzulernen, sollte wissen, dass sie von der Grundschule an von den sogenannten maestros emergentes, Studenten ohne entsprechende Ausbildung die als Lehrer eingesetzt werden, unterrichtet wurden und dass sie den Grammatik-, Mathematik- und Ideologieunterricht über einen Fernsehbildschirm erhalten haben. Trotzdem sind sie nicht zu ideologietreuen Kubanern herangewachsen, sondern zu weltoffenen Bürgern mit einer größeren Zukunftsversion.

Als sie in die secundaria básica* kamen, spielten sie mit dem Brot des ihnen vorgesetzten Essens, und warfen es durch die Gegend, während ihre Eltern ihnen heimlich das Pausenbrot durch den Schulzaun reichten. Sie haben eine besondere Eigenschaft entwickelt, eine Anpassung, die ihnen hilft in ihrer Umgebung zu „überleben“: Sie hören nichts, was sie nicht interessiert. Sie stellen sich bei den Ansprachen in den Morgennachrichten und der Politiker einfach taub. Sie wirken viel gleichgültiger als andere Generationen und sie sind es auch, aber in ihrem Fall ist diese Apathie ein evolutionärer Vorteil. Sie sind besser als wir und sie werden in einem Land leben, das nichts mit dem zu tun hat, das man uns versprochen hatte.

Sie wirken viel gleichgültiger als andere Generationen und sie sind es auch, aber in ihrem Fall ist diese Apathie ein evolutionärer Vorteil.

 Vor ein paar Monaten waren genau diese Heranwachsenden die Protagonisten des größten schulischen Betrugsskandals, der öffentlich bekannt wurde. Wer schließt schon aus, dass es unter denjeniegen, die es an die Universitäten geschafft haben, ein paar dabei waren, die die Antworten einer Aufnahmeprüfung gekauft haben. Sie sind daran gewöhnt für das Bestehen der Prüfungen zu bezahlen, denn sie müssten sich an „Nachhilfelehrer“ wenden, damit diese ihnen beibringen was sie eigentlich in der Schule hätten lernen sollen. Viele von den frisch eingschriebenen Studenten hatten seit der Grundschule privaten Nachhilfeunterricht. Sie sind die Kinder einer neu entstandenen Klasse, die ihre finanziellen Mittel ausschöpft, damit ihre Kinder – koste es was es wolle – einen Platz an der Universität erhalten.

Diese Jugendlichen trugen in der Schule zwar ihre Uniformen, aber sie kämpfen darum sich von der grauen Masse abzuheben, sei es durch die Länge eines Hemds, einen bunt gefärbten Pony oder durch eine Hose, die weit unter der Hüfte sitzt. Sie sind die Kinder  von Eltern, die in den 90er Jahren kaum einen Satz Unterwäsche besaßen und die, damit ihre Söhne und Töchter nicht dasselbe durchmachen müssen, auf den Schwarzmarkt zurückgreifen, um sie einkleiden zu können . Sie lachen über die falsche Nüchternheit und wollen nicht aussehen wie Rekruten. Stattdessen lieben sie intensive Farben, den Glanz und die Markenlabel.

Gestern, zu Beginn des neuen Studienjahres, erhielten sie einen Vortag über den Versuch des “Imperialismus, die Revolution mithilfe der Jugend zu untergraben“. Es war wie ein schwacher Regen, der an einer wasserfesten Oberfläche einfach abtropft. Die Regierung hat also einen guten Grund sich Sorgen zu machen, denn diese neuen Studenten werden weder gute Soldaten noch treue Anhänger sein. Der Ton aus dem sie gemacht sind ist nicht verformbar!

Anm. d. Übersetzerin:

* Die secundaria básica ist die Sekundarstufe und umschließt die Klassenstufen sieben bis neun.

Übersetzung: Anja Seelmann

Plastiktüten oder auch die Rente vieler

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Plastiktüten-Verkäuferin vor dem Markt in Havanna. (Luz Escobar)

„Ich brauche eine dunkle Brille.”, sagte mir Verónica eines Tages, als ich sie auf der Straße traf. Mit fast 70 Jahren musste sie sich vor ein paar Monaten wegen ihres Grauen Stars einer Operation unterziehen und sollte nun ihre „Augen schonen”, erklärte sie mir. Sie arbeitet in der Sonne, denn sie verkauft Plastiktüten, sogenannte Jabitas, an die Kunden des Frucht- und Gemüsemarktes in der Tulipanstraße. Das grelle Tageslicht um die Mittagszeit hat ihrem Sehvermögen geschadet; aber das ist nicht ihr größtes Problem. „Wir haben eine Art Warnsystem, um zu wissen wann die Polizei in der Nähe ist, manchmal überrascht sie uns aber dennoch in zivil.“ Vergangenen Monat zahlte sie eine Strafe von 1500 Pesos wegen unerlaubten Verkaufs, und diese Woche erhielt sie eine weitere Verwarnung.

Liest man Texte, wie den von Randy Alonso, über das Fehlen der Plastiktüten in den Geschäften, die den Peso Convertible* als Zahlungsmittel annehmen, so könnte man fast glauben, dass diese Ressourcen abgezweigt werden und dann in den Händen skrupelloser Händler landen. Allerdings genügt es schon, Veronica kennenzulernen, um zu begreifen, dass ihr Handel mehr dem Elend entspringt, als dem Profit. Nachdem sie 40 Jahre lang als Putzhilfe in einer Schule gearbeitet hatte, bekommt sie jetzt eine Rente von weniger als 10 Dollar im Monat. Ohne den Weiterverkauf der Jabitas müsste sie betteln gehen, aber sie versichert, dass „sie lieber sterben würde als in den Straßen um Geld zu betteln.“ Sie ist keine Schuldige, sondern ein Opfer der Lebensumstände, die sie in illegale Aktivitäten getrieben haben um zu überleben.

Die Waren in den Händen tragen zu müssen, weil es keine Tüten gibt, stört jeden Käufer. Aber es irritiert noch mehr, feststellen zu müssen, dass eine der großen Stimmen unseres aktuellen Systems die menschlichen Dramen verkennt, die dazu führen, dass Plastiktüten nach der Produktion auf einmal verschwinden. Es handelt sich nicht um gewissenlose Leute, die sich durch Unterschlagung am Staat bereichern, sondern um Bürger, deren finanzielle Armut sie dazu bringt, alles zu verkaufen, was ihnen in die Hände fällt. Verónica befindet sich gerade vor irgendeinem Geschäft, mit der alten, dunklen Brille, die man ihr schenkte, und flüstert: „Ich habe Plastiktüten, ich habe Plastiktüten, eine für 1 Peso“.

Übersetzung: Nina Beyerlein

Weibliche Karikaturen

Eine trinkende Frau. (14ymedio)

Eine trinkende Frau. (14ymedio)

Im nationalen Fernsehen sagt eine Frau, dass ihr Mann ihr bei einigen Arbeiten im Haushalt “helfe”. Dieser Satz könnte für viele wie der größte Wunsch einer jeden Frau klingen. Eine andere Dame versichert, dass sich ihr Ehemann wie ein “föderierter Mann” verhalte, in Anspielung auf die Föderation kubanischer Frauen (FMC), die heute, am 23. August 2014, ihren 54. Gründungstag feiert. Ich dagegen, auf der anderen Seite des Bildschirms, empfinde nur Mitleid angesichts von so viel Sanftmut. Anstelle von dringenden Forderungen, die wir stellen sollten, höre ich nur Dankesworte, die sich an eine Macht richten, die ebenso männlich wie schwerhörig ist.

Es handelt sich nicht darum, beim Abwaschen eines Tellers zu “helfen” oder sich um die Kinder zu kümmern, und ebenso wenig um diesbezüglich illusorische “Frauenquoten“, hinter denen sich genauso viel Diskriminierung verbirgt, wie hinter einer Ohrfeige. Das Problem ist, dass die politische und wirtschaftliche Macht weiterhin mehrheitlich in männlicher Hand ist. Wie viel Prozent der Autobesitzer sind Frauen? Wie viele Landgüter haben eine Besitzerin oder eine Nutznießerin? Wie viele Botschafter in ausländischen Vertretungen tragen einen Rock? Kann mir jemand die Zahl der Männer nennen, die Vaterschaftsurlaub beantragt haben, um sich um ihre neugeborenen Kinder zu kümmern? Wie viele junge Frauen hält die Polizei täglich an, um sie zu verwarnen, dass sie auf der Straße nicht an der Seite eines Touristen gehen können? Wer nimmt in den meisten Fällen an Elternabenden in der Schule teil?

Bitte, versuchen Sie nicht uns damit um den Finger zu wickeln, “dass 65% unserer militärischen Kader und 50% unserer Gewerkschaftführer Frauen sind”. Das Einzige was diese Statistik zeigt, ist, dass auf unseren Schultern jetzt noch mehr Verantwortung lastet, was aber weder mehr Entscheidungsbefugnisse bedeutet, noch weitergehende Rechte. Bei dem obigen euphorischen Satz wissen wir wenigstens, dass er von “Gewerkschaftsführern” stammt; denn klar ist, dass die Entscheidungsgewalt letztendlich bei Männern liegt, denen von klein auf beigebracht wurde, dass eine Frau eine hübsche Zierde an der Hand eines Mannes ist … aber natürlich nur solange sie den Mund hält.

Diese folgsame und kleinmütige Frauenbewegung in unserem Land tut mir leid. Schande über jene Frauen mit ihren lächerlichen Halsketten und der dicken Schicht Make-up, die in offiziellen Medien auftauchen und uns sagen, dass “die kubanische Frau die beste Verbündete der Revolution gewesen ist”. Worte, die in derselben Minute gesagt werden, in der der Geschäftsführer einer Firma seine Sekretärin sexuell belästigt, in der eine misshandelte Frau vergeblich versucht eine Verfügung gegen ihren gewalttätigen Mann zu erwirken, in der ein Polizist einem Opfer sexueller Gewalt sagt ” also, bei dem Rock den Sie tragen…”, und in der die Regierung “Stoßtrupps” rekrutiert, um die “Frauen in Weiß” (Damas de Blanco*) vor deren Häusern mit Sprechchören, Beleidigungen und Schmähungen einzuschüchtern.

Die Frauen sind der Teil der Bevölkerung, der am meisten Grund hätte seine Unzufriedenheit herauszuschreien. Aber auch ein halbes Jahrhundert nach der Gründung dieser Karikatur von einer Organisation – wie sie die FMC ist – sind wir weder freier, noch einflussreicher und nicht einmal unabhängiger geworden.

Anmerkung des Übersetzers: Die “Frauen in Weiß” (Damas de Blanco) sind eine Gruppe von kubanischen Frauen, die sich für die Einhaltung der Menschenrechte in ihrem Land einsetzten.

Übersetzung: Dieter Schubert

Google Chrome wird auf Kuba „legal“

Das Logo von Google Chrome

Das Logo von Google Chrome

Der Internetriese Google gab gestern den bekannten Browser Chrome für die kubanischen Nutzer zum Download frei. Diese Nachricht erreicht uns nur zwei Monate nach dem Besuch von mehreren Vorstandsmitgliedern der nordamerikanischen Firma in Havanna, bei dem sie sich selbst davon überzeugen konnten, mit welchen Zugriffsschwierigkeiten auf das World Wide Web wir hier zu kämpfen haben.

Bei dem Gespräch, das mehrere Mitglieder von 14ymedio mit Eric Schmidt, dem Verwaltungsratschef von Google, führten, ging es unter anderem auch um genau diese Einschränkungen. Wir freuten uns deshalb sehr als wir hörten, dass die Meinung von Bürgern, die an einem freien Informationsfluss und der technologischen Entwicklung interessiert sind, dazu beigetragen hat, diese Einschränkungen zu beseitigen. Ein Hindernis, das – solange es bestand – der kubanischen Bevölkerung viel mehr im Weg war als einer Regierung, die weltweit zu den größten “natürlichen Feinden” Internets gehört.

Während ihrer Kubareise erfuhren die vier Vorstandsmitglieder nicht nur die Unannehmlichkeiten der Zensur durch die Regierung und der überteuerten Preise der öffentlichen Internetlokale am eigenen Leib, sondern auch die der Einschränkungen, die ihre eigene Firma den Nutzern der Insel auferlegt hat. Wie bitter muss es für sie gewesen sein beim Versuch Google Chrome herunterzuladen folgende Meldung auf dem Bildschirm aufleuchten zu sehen: „Dieser Service ist in ihrem Land nicht verfügbar.“

Die kubanischen Nutzer haben glücklicherweise nicht darauf gewartet, dass die nordamerikanische Firma die Erlaubnis dazu erteilt, dieses Programm von einer nationalen IP zu erhalten. Sowohl Google Chrome als auch Mozilla Firefox und der umstrittene Internet Explorer gehören seit Jahren zu den meistgenutzten Browsern in unserem Land. Es reichte schon wenn jemand das Installationsprogramm bei einer Reise ins Ausland kostenlos herunterlud, damit es von Hand zu Hand oder auch von USB-Stick zu USB-Stick weitergereicht und auf hunderten – tausenden? – von Rechnern installiert wurde.

Jetzt sind wir also von illegalen Nutzern zu einem Teil der Gemeinschaft der mehr als 750 Millionen Menschen auf der Welt geworden, die das Programm auf legalem Weg nutzen. Diese Nachricht ist zwar sehr schmeichelhaft, reicht aber noch lange nicht aus. Bei anderen Anwendungen wie Google Analytics, Google Earth und dem Android App Store hoffen wir noch auf ähnliche Fortschritte. Hoffentlich müssen wir nicht auf einen weiteren Besuch der Vorstandsmitglieder von Google warten, damit diese Beschränkungen auch endlich aufgehoben werden!

Übersetzung: Anja Seelmann

 

Denguefieber und Lügen für Kinder

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Undichte Wasserleitungen wie diese fördern die Verbreitung der Gelbfiebermücke Aedes Aegypti. (14ymedio)

Einem Kind den Tod zu erklären, ist immer eine schwierige Sache. Manche Eltern greifen dabei zu Metaphern, andere zu Lügen. Vor ihren Kindern rechtfertigen Erwachsene den Tod eines Menschen mit Phrasen, die von “er ist in den Himmel gegangen und lebt auf einer Wolke” bis hin zur Lüge “er ist auf Reisen” reichen. Das Schlimmste ist aber, wenn diese Erfindungen das familiäre Umfeld verlassen und Bestandteil der Informationspolitik des Staates werden. Eine Bevölkerung über die wahre Ursache von Todesfällen zu täuschen, heißt, ihr die Reife abzusprechen und ihr das Recht auf Transparenz zu verweigern.

Im Jahr 1981 brach in Kuba eine Epidemie des hämorrhagischen Denguefiebers aus. Ich war damals kaum sechs Jahre alt, aber dieses Ereignis traumatisierte mich schwer. Das Erste, was sie uns in der Schule sagten war, dass die Krankheit von den “imperialistischen Yankees” zu uns geschickt worden war. In meinen kindlichen Albträumen bedrohte uns “Uncle Sam” nun nicht mehr mit einer Waffe, sondern er schickte eine riesige Gelbfiebermücke (Aedes Aegyptii), um uns mit einem “knochenbrechenden” Fieber zu infizieren. Meine Familie geriet in Panik, als sie von den vielen gestorbenen Kindern hörte. Das Bereitschaftspersonal der Kinderklinik im Zentrum von Havanna hatte mit einem heillosen Durcheinander aus Schreien und Weinen zu kämpfen. Jede Stunde fragte mich meine Mutter, ob mir etwas weh tue, und legte ihre Hand auf meine Stirn, um zu kontrollieren, ob ich Fieber hätte.

Informationen gab es nicht, nur Geflüster und Angst, viel Angst. Weil man nicht öffentlich über die wahre Ursache des Übels sprach, konnte sich die Bevölkerung auch fast nicht schützen. In meiner Grundschule liefen wir – angesichts des “unmittelbar bevorstehenden militärischen Angriffs aus dem Norden” – weiterhin zum Schutzraum unter dem Ministerium für Basis-Industrie. Unterdessenn richtete ein winziger und leiser Feind großes Unheil unter Kindern meines Alters an. Aber jene Lüge brauchte nicht lange, um ans Licht zu kommen. Jahrzehnte später kam das Denguefieber wieder zurück, obwohl ich wage zu behaupten, dass es nie verschwunden war, und dass die Gesundheitsbehörden in all den Jahren versuchten dies zu vertuschen.

Jetzt gibt es niemand mehr, dem man die Schuld zuschieben könnte, es sei denn der Verschlechterung der hygienischen Situation in unserem Land. Es ist nicht das Pentagon, es sind tausende Kilometer von beschädigten Leitungsrohren mit Rohrbrüchen, die überall auf der Insel vorkommen. Es ist nicht die CIA, sondern die Unfähigkeit eines politischen Systems, dem es nicht einmal gelungen ist, wenigstens ein neues Abfluss-und Kanalisationsnetz zu installieren. Die Verantwortung dafür liegt nicht im Ausland, sondern bei uns selbst. Kein Laboratorium hat diesen Virus geschaffen, um das kubanische Volk auszulöschen; es ist unser eigener materieller und gesundheitlicher Kollaps, der es verhindert ihn in den Griff zu bekommen.

Wenigstens funktionieren jene naiven Kindergeschichten nicht mehr, wo alles Übel immer von außen kommt. Die Lüge, uns als Opfer einer Krankheit darzustellen, mit der uns die Vereinigten Staaten hinterhältig infiziert haben.., an dieses Märchen glauben nur noch die Dümmsten unter uns. Als wir heranwuchsen haben wir bemerkt, dass uns die Regierung über das Denguefieber belogen hat, und dass dies keine bevormundenden Heucheleien waren, sondern raffinierte Lügen des Staates.

 

Übersetzung: Dieter Schubert

Informieren steht nur an zweiter Stelle

Vor einigen Jahren lernte ich einen ausländischen Berichterstatter kennen, der sich auf Kuba niedergelassen hatte. Er erzählte mir eine absurde und zugleich auch aufschlussreiche Geschichte. Das internationale Pressezentrum (Centro de PrensaInternacional, CPI) hatte ihn angerufen, um ihn wegen des Inhaltes eines seiner Artikel zu verwarnen. Als er die Vorladung erhielt, war er nicht überrascht, denn derartige Mahnanrufe sind eine übliche Praktik dieser Körperschaft zur Erfassung und Kontrolle von ausländischen Journalisten, die auf Kuba leben. Er konnte seine Teilnahme auch nicht einfach verweigern, da die Ausstellung einer Lizenz für alles von einer Reportage in einem Naturreservat bis hin zu einem Interview mit einem Minister vom CPI abhängt. Deshalb ging er hin.

Der Journalist kam zu dem Gebäude in der zentral gelegenen Avenida 23, wo das CPI seinen Sitz hat. Dort wurde er zu einem Büro gebracht, wo zwei Männer mit verärgertem Gesichtsausdruck auf ihn warteten. Nachdem sie ihm Kaffee angeboten und über andere Themen geredet hatten, kamen sie auf das Wesentliche zu sprechen. Sie hatten etwas auszusetzen an einer Reportage des Journalisten, in der er Kuba als „ die kommunistische Insel“ bezeichnet hatte. Die Überraschung von Seiten des Berichterstatters war groß. Die früheren Mahnanrufe hatte er erhalten, weil er „nur Schlechtes über den kubanischen Alltag berichtete“ oder „die Führer der Revolution nicht mit Respekt behandelte“, aber es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, dass man ihm dieses Mal genau das Gegenteil vorhalten würde.

Aber ja so war es. Den Zensoren, die peinlich genau die Texte lesen, die die ausländischen Presseagenturen verfassen, hatte der Gebrauch des Adjektivs „kommunistisch“ in Bezug auf unser Land gar nicht gefallen. „Aber hier regiert die kommunistische Partei, nicht wahr?“, fragte der Reporter ungläubig. „Ja, aber du weißt, dass dieses Wort einen falschen Eindruck erwecken könnte; es hilft uns nicht“, antwortete der ranghöchste Beamte. Dem Mann stand einige Sekunden lang der Mund weit offen, während er zu verstehen versuchte was sie sagten und er eine Antwort fand, die kein schallendes Gelächter war.

Der Berichterstatter wusste, dass es ernstzunehmende Folgen haben konnte, wenn man sich mit dem CPI anlegte. In den Händen dieser Institution liegt auch die Ausstellung von Genehmigungen, damit die ausländischen Journalisten ein Auto einführen, ein Haus mieten und gegebenenfalls sogar eine Klimaanlage für ihr Zimmer kaufen dürfen. Das Dilemma, in dem er sich als Berichterstatter befand, bestand darin, entweder nachzugeben und nie mehr „die kommunistische Insel“ zu schreiben oder sich mit der Institution anzulegen, in einem Konflikt, den er nur verlieren konnte.

Die Kontrollmechanismen über die ausländische Presse gehen weit über die Mahnanrufe des CPI hinaus. Es reicht, wenn ein Berichterstatter auf der Insel heiratet und eine Familie in diesem Land gründet, damit seine Objektivität zweifelhaft wird. Die Organe des Geheimdienstes wissen genau, wie sie die Angstkulisse, dass einem geliebten Menschen etwas passieren könnte, geschickt für sich einsetzen können. Auf diese Weise gelingt es ihnen, den Grad der Kritik dieser auf Kuba „eingebürgerten“ Berichterstatter zu mäßigen. Vergünstigungen stellen auch einen Ansporn da, in den Artikeln bestimmte heikle Themen auszulassen.

Ich kenne eine ausländische Journalistin, die jedes Mal, wenn sie eine Pressenotiz über die kubanischen Dissidenten schreibt, einen Absatz anfügt, in dem sie erklärt, dass „ die Regierung diese Opposition als eine Institution erachtet, die von Washington ins Leben gerufen wurde und auch von dort bezahlt wird“… Trotzdem fehlt in ihren Texten ein Satz, der den Lesern einen anderen Standpunkt aufzeigt und im Großen und Ganzen aussagt, dass „die kubanische Opposition die Regierung der Insel für eine totalitäre Diktatur hält, die nicht gewählt wurde“. Auf diese Weise könnten diejenigen, die sich mit der journalistischen Notiz auseinandersetzen, ihre eigenen Schlüsse ziehen. Leider ist das Ziel dieser Berichterstatter, nicht zu informieren, sondern ihren Lesern eine vorgefertigte Meinung aufzudrängen, die genauso klischeehaft wie falsch ist.

Die Presseagenturen müssen ihre ethischen Normen verstärken und sie auch regelmäßig überprüfen, sobald es um Kuba geht. Sie müssen die Dauer des Aufenthalts ihrer Vertreter auf der Insel regulieren, denn wenn diese viele Jahre hier verbringen, bauen sie eine emotionale Beziehung zu dem Land auf, was sie zur Zielscheibe für Erpressungen und Drohungen von Seiten des Regierungsapparats macht. Von Zeit zu Zeit ein Gutachten zur Objektivität kann nicht schaden, wenn man an eine mögliche Unterdrückung oder das Stockholm-Syndrom denkt, das die Angestellten entwickeln könnten. Die fragliche Glaubwürdigkeit eines Mediengiganten hängt oftmals von einem einzelnen Menschen ab, wenn dieser mehr an seinem neuen importierten Auto oder seiner jungen, hübschen kubanischen Freundin hängt als an seiner Verpflichtung gegenüber dem Journalismus.

Also aufgepasst, ihr ausländischen Presseagenturen! Eure Vertreter in unserem Land laufen ständig Gefahr, sich zunächst in Geiseln zu verwandeln und früher oder später in Mitarbeiter des Regierungsapparats.

Übersetzung: Eva-Maria Böhm

Meine Mutter und die Zwiebeln

An wen denke ich, wenn ich schreibe? Wie stelle ich mir jenen Leser vor, der meinen Texten näher kommt? Wen will ich mit meinen Worten aufrütteln, bewegen oder erreichen? Solche Fragezeichen kennen all jene, dies sich wie wir der Publikation von Meinungen und Ideen widmen. Es ist eine übliche Frage bei jenen, die Informations- und Pressearbeit betreiben. Die Person zu bestimmen, an die sich unsere journalistische Arbeit richtet, erweist sich als wichtigste Aufgabe, um nicht absurden Verallgemeinerungen, unverständlichen Ausdrucksweisen oder dem Tenor eines didaktischen Handbuchs anheim zu fallen.

Ich schreibe weder für Akademiker noch für Gelehrte. Obwohl ich mich vor geraumer Zeit in spanischer Philologie graduiert habe, gehören Latinismen und Textzitate einem Abschnitt meines Lebens an, der schon lange hinter mir liegt. Ebenso wenig denke ich, dass meine Worte Leute erreichen werden, die bequem in den Sesseln der Macht sitzen; ja nicht einmal an Spezialisten oder Wissbegierige denke ich, die in ihnen nach Schlüsselwörter oder Mitteilungen suchen. Wenn ich vor der Tastatur sitze, denke ich an Leute wie meine Mutter, die mehr als 35 Jahre im Taxigewerbe gearbeitet hat. An jene Leute also, die mit der Realität konfrontiert werden, die während der 24 Stunden eines Tages den Widrigkeiten aus dem Weg gehen,… an die werden sich meine Texte richten.

Manchmal, wenn ich mit meiner Mutter rede, erkläre ich ihr die Notwendigkeit, dass sich Kuba der Demokratie öffnen müsse, dass man die Menschenrechte respektiere und es Freiheit geben solle. Eine Weile hört sie mir still zu. Dann – nach ein paar Minuten – wechselt die Unterhaltung, und sie erzählt mir von Eiern, die nicht verfügbar waren, von einem Bürokraten, der sie genervt hat, von der korrodierten Wasserleitung an einer Stelle im Haus, wo Wasser austritt. Dann frage ich sie, was die Zwiebeln jetzt kosten. Meine Mutter benötigt den Gegenwert von 3 Tagen ihrer Rente, um ein Pfund Zwiebeln zu kaufen. Mehr muss ich jetzt nicht mehr sagen; sie beendet das Gespräch mit: “Dieses Land muss sich verändern.”

Übersetzung: Dieter Schubert