Tage, an denen man den Fernseher lieber nicht einschaltet

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Eine Frau vor dem Fernsehgerät. (14ymedio)

Es gibt Tage, an denen man den Fernseher lieber nicht einschaltet. Zurzeit überrollt uns, kaum das wir den Knopf gedrückt haben, eine regelrechte Lawine von Propaganda anlässlich der Geburtstage von Hugo Chávez und Fidel Castro. Vom 28. Juli bis zum kommenden 13. August ist das langweile nationale Fernsehen vollgepackt mit Personenkult, ideologischem Kitsch und politischer Gefühlsduselei. Wir sind umzingelt von Kinderchören, die zu Ehren des „ewigen Oberbefehlshabers“ singen, den Anekdoten von Personen, die sie gerade mal von weitem gesehen haben und nicht enden wollenden biographischen Szenen.

„Nicht einmal der Nachrichtensprecher hat noch Nachrichten für uns“, beschwerte sich gestern ein Nachbar, der sich über die Geschehnisse aus aller Welt informieren wollte, aber nur eine Prozession von Uniformträgerin in rot und olivgrün zu sehen bekam. Heute Morgen passierte mir das gleiche mit der ersten Nachrichtensendung des Tages. Eine Stunde nach deren Beginn hatte ich immer noch nicht die kleinste national oder international relevante Information erhalten. Stattdessen sah ich nur die Lobeshymnen an den „unsterblichen Kämpfer ganz nach dem Vorbild von Simón Bolívar*“ und dem „ weisen Guerilla, der ihn liebte wie einen Sohn.“ Ich neige bei einer solchen Überdosis an Schleimerei eher zur Ungeduld, also schaltete ich den Fernseher aus und rief meine Freunde an, damit sie mir erzählten was hier und dort so passierte. Zumindest bleibt uns noch Radio Bemba**!

Die Regierung sieht sich nach wie vor mit der alternativen Verbreitung von Information, sowie von Serien und Filmen in den sogenannten Kombipacks oder Paketen konfrontiert. Dennoch nimmt sie keinerlei Änderung am Fernsehprogramm vor, um es gerade für die Jüngsten unter uns ansprechbarer zu machen. Stattdessen verwandelt sie den kleinen Bildschirm in einen Lautsprecher für politische Weisungen und in ein Abspielgerät von langweiligen Programmen, die unter den Zuschauern nur Unmut und Ablehnung hervorrufen. So wird das nationale Fernsehen niemals die Zuschauer zurückerobern, die es bereits an die illegalen Satellitenschüsseln, die auf die USB-Sticks kopierten Dateien und die mit Dokumentationen vollgestopften Festplatten verloren hat. Wenn es mit dem ideologischen Exzess so wie an diesen Tagen weiter geht, dann wird sich das nationale Fernsehen in kürzester Zeit in einem Monolog verwandeln, dem dann nur noch wenige zuhören werden.

* Anmerkung d. Übers.: Simón Bolívar war ein südamerikanischer Unabhängigkeitskämpfer im 18/19 Jahrhundert und ist heute Nationalheld vieler südamerikanischer Länder.

** Als „Radio Bemba“ bezeichnen die Kubaner umgangsprachlich die Gerüchteküche, durch die sie über ihre Nachbarn an Neuigkeiten oder Nachrichten gelangen.

Übersetzung: Anja Seelmann

Straßen ohne Protest

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Pro-Palestina-Demonstranten auf einer Straße in Wien. (Luz Escobar)

Eine Freundin schickte mir die Fotos von einem Protestmarsch auf Wiens Straßen zugunsten der Palästinenser. Auch von anderen Teilen des Planeten erhielt ich Fotos mit Plakaten, die Solidarität oder Ablehnung für den einen oder den anderen beteiligten Part im Gaza-Konflikt ausdrücken. Viele Menschen ergriffen Partei und bekundeten ihre Meinung auf verschiedene Weise: mit einem Tweet, mit der Art sich zu kleiden, mit einem Aufschrei oder einem öffentlichen Protest. In Kuba hingegen können sich nur die Presse und die Regierungsinstitutionen durch Schlagzeilen oder Erklärungen dazu äußern. In den 14 Tagen dieser letzten und blutigen Auseinandersetzung zwischen Israel und der Hamas fand keine einzige spontane Demonstration zu diesem Thema auf unseren öffentlichen Plätzen statt.

Die Freiheit kann man vortäuschen und mit falschen Angaben über Wohlstand und Recht belegen, jedoch wird jene immer von irgendeiner Tatsache auf die Probe gestellt. Die Tatsache, dass es bei uns keine öffentlichen Proteste zu nationalen und internationalen Themen gibt, macht offenkundig woran wir leiden: am Fehlen von Rechten und sozialer Selbstbestimmung. Es handelt sich um dieselbe Knebelung, die auch die LGBT*-Community davon abhielt, wegen der Ankunft Vladimir Putins zu demonstrieren, der als einer der Präsidenten mit der am stärksten ausgeprägten Homophobie auf unserem Planeten gilt. Auch ist es ein schlechtes Zeichen, dass heute bei der Ankunft von Xi Jinping niemand am Flughafen zu sehen ist, der Freiheit für die chinesischen Dissidenten fordert, oder einen besseren Umweltschutz in jenem Land.

Noch einmal: Freiheit kann vorgetäuscht werden, aber innerhalb von einer Minute macht sich ihr Fehlen bemerkbar; ihre immense Abwesenheit. Einige meiner Freunde – einer hält seine Kufija bereit, der andere trägt einen Davidstern auf dem Arm tätowiert – werden nicht auf die kubanischen Straßen gehen können, um ihrer Sympathie oder ihrer Entrüstung Ausdruck zu verleihen. Niemandem ist es erlaubt aus Eigeninitiative die Toten, das Blut und den Schmerz öffentlich zu verurteilen. Deshalb werden wir keine Fotos zu Gesicht bekommen, die Havannas Straßen voller Menschen zeigen, die sich über das empören, was in Gaza passiert.

*Anm. der Übersetzerin:

Die Buchstaben L, G, B und T stehen für die englischen Begriffe “Lesbian”, “Gay”, “Bisexual” und “Trans”. Homosexualität wird nach langjähriger Diskriminierung in zunehmendem Maße auf Kuba akzeptiert.

Übersetzung: Nina Beyerlein

 

 

 

Der Kater nach der WM

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Ein Fußballspiel der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien. (14ymedio)

Das letzte Spiel ist vorbei, das Tor der Deutschen geschossen, und von Götze, der den Pokal der WM 2014 in Brasilien hoch hält, bleibt nur noch die Erinnerung. Keine Treffen mehr, mit Freunden – in Costa Rica- und Italien-Fahen gewickelt – , um gemeinsam die Spiele beim ‘Public Viewing’ zu verfolgen. Etwas von dieser Stimmung liegt natürlich noch in der Luft, aber die Begeisterung, die ganz Havanna jedes Mal ergriff, wenn der Ball in eines der Tore in Rio de Janeiro oder Sao Paulo ging, ist schon jetzt nur noch eine weitere Erinnerung. Die bunt bemalten Gesichter, die La-Ola-Wellen, die durch die Zuschauermengen gingen und die von Millionen Menschen geteilte Euphorie. Die Fußballparty ist zu Ende und was bleibt ist der Kater.

Der Kater ist die Rückkehr in die Realität. Zurück zu den Regalen in den Geschäften, wo man feststellen muss, dass noch weniger Waren vorhanden sind als vor vier Wochen. Mitzubekommen, dass gestern hundert Damen in Weiß* beim Versuch eine Gedenkfeier für die Opfer des Untergangs des „Schleppers vom 13. März“* abzuhalten, verhaftet wurden. Es gibt keine Stars, die uns in diesen schwierigen Momenten mit einem passenden Ohrwurm begleiten, eher vielleicht Gerüchte, die uns von Freunden überbracht werden über „Dinge, die dort draußen so los sind”,… “das Denguefieber, die Cholera, das Chikungunyafieber und die afrikanische Riesenschnecke.”

Wie ein Schlag ins Gesicht – und das ohne rote Karte für den Gegner- kehrt die Realität zurück. Kein Torhüter dieser Welt kann den schnellen Alltagsball, diesen schmerzhaften und unaufhaltsamen Schuss, halten. Wir sind wieder zurück in unserer Weltmeisterschaft ohne Scheinwerfer, ohne Kommentatoren, die „Tooooor!“ brüllen, und ohne dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit, das bei Sportevents oft aufkommt. Kurzum, wir erleben eine „Weltmeisterschaft“ mit strengen Regeln, einem unerbittlichen Schiedsrichter und das ohne Pokal! 

Schon am Montagmorgen sah man sie wie aus einem Traum erwachen. Hunderte von Kubanern, vor allem Jugendliche, die sich von der Leidenschaft der Weltmeisterschaft  mitreißen haben lassen, als ob sie selbst am Ball wären. Heute wurde ihnen bewusst, dass sie weder Deutsche, noch Niederländer, noch Argentinier sind und, dass sie dort draußen vor ihrer Haustür ein Kuba in schwierigen Zeiten erwartete. Kein Kuba, auf dem in den letzten vier Wochen die Zeit in Erwartung eines Pfiffs zur Wiederaufnahme des Spiels still gestanden hatte, sondern ein Kuba, das in der Zwischenzeit in Rückstand geraten ist. Werden sie bereit sein die Spielregeln dieser Realität zu ändern? Oder werden sie einfach auf die nächste Gelegenheit warten, um sich vor den Bildschirm zu flüchten oder einem Ball hinterher zu jagen?

Anmerkung der Übersetzerin:

*Die Damen in Weiß (spanisch Movimiento Las Damas de Blanco “Laura Pollán”) sind eine Gruppe kubanischer Frauen, die sich für die Beachtung der Menschenrechte in ihrem Heimatland einsetzen.

*Der „Schlepper vom 13. März“ war ein kubanisches Boot, das am 13. März 1994, mit 72 Personen an Bord, die versuchten das Land zu verlassen, auslief. Nach einigen Seemeilen sank das Schiff, wobei 41 Personen ums Leben kamen.

Übersetzung: Katrin Vallet

Los Bolos, Bonbons und Gefahren

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Putin und Raúl Castro, zusammen im kubanischen Fernsehen. (14ymedio)

„Das sind die letzten Bonbons!” Dieser Schrei könnte der schlichte Ausruf eines Süßwarenverkäufers sein, aber diese Worte hörte ich vor 23 Jahren während meines letzten Schuljahres auf dem Land, und für mich war es der erste Beweis für den Zerfall der Sowjetunion. Der Schrei kam von Olga, einer Schülerin, die weiterverkaufte, was sie von den Ehefrauen der russischen Techniker bekam, die sich in Alamar niedergelassen hatten. Sie war das Bindeglied zwischen unserem kubanischen Geld, das sich immer stärker entwertete, und einer Reihe von Produkten, wie Süßigkeiten und Konservendosen „Made in UdSSR“. Diese Jugendliche, die uns auf den Warenengpass hinwies, halte ich für eine Art blinden Teiresias* – sie prohezeite uns den Abschied von den Bolos (deutsch: den Kegeln), wie wir die Russen nennen.

Aufgrund des Staatsbesuchs von Vladimir Putin auf Kuba rufen wir uns in diesen Tagen die alte Beziehung zum Moskauer Kreml erneut ins Gedächtnis. Im Staatsfernsehen haben wir die offizielle Delegation mit ihren „Business-Outfits“, in Anzug und Krawatte, gesehen. Dies zeugte weder vom Marxismus-Leninismus noch von einer Diktatur des Proletariats. Sie sehen anders aus, sind aber so gleich. Sie haben den gleichen Blick, von oben herab, wie damals, als sie erkannten, dass unsere Insel nur eine kleine Figur in ihrem Machtspiel ist. Sie sind auf der Suche nach Bündnissen zu uns gekommen, um die Umrisse jener Staatenblocks festzulegen, die sich – vor unseren Augen – in einer Rückkehr des Kalten Krieges wiederaufbauen. Wir sind kurz davor, wieder unsere frühere Satellitenfunktion zu übernehmen, eingeschüchtert von der Macht Moskaus, seinem Erdöl und dem Schuldenerlass, den es uns gerade gewährt hat.

Kein einziger offizieller Kommentator hat die Gefahren erwähnt, die diese Annäherung mit sich bringt, und auch nicht die Tatsache, dass die russische Regierung Lateinamerika als diplomatischen Ausgangspunkt gegen seinen alten Gegner, den Vereinigten Staaten, nutzen will. Inmitten dieser erneuten Konfrontation der Großmächte stecken wir nun fest, gegebenenfalls als ein verzichtbarer und verhandelbarer Teil. Das Risiko besteht, und ich denke wieder an Olga und die letzten sowjetischen Bonbons, die sie uns in unserer Unterkunft anbot. Jene Süßigkeiten, die nur noch schwer zu bekommen waren, sagten uns ein Ende voraus; die Leckerbissen, die uns heute angeboten werden, wie ein neuer Flughafen und mögliche Investitionen Russlands in den Hafen von Mariel*, gefährden unsere Zukunft. Man muss weder blind noch Teiresias sein, um das zu bemerken.

Anmerkung der Übersetzerin:

*In der griechischen Mythologie ist Teiresias ein blinder Prophet, dem nachgesagt wurde, dass er die Zukunft vorhersehen kann.

*Mariel ist der kubanische Hafen, der am nächsten zu den USA liegt.

Übersetzung: Eva-Maria Böhm

Erleben wir gerade die Transition*?

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Seminar über die spanische Transition in Madrid. (14ymedio)

In diesen Tagen nehme ich zusammen mit mehreren kubanischen Aktivisten an einem Seminar in Madrid über die spanische Transition teil. Es findet in den Räumen des Amerika-Hauses statt; veranstaltet von der  Assoziation Ibero-Amerikaner für die Freiheit und der Stiftung der spanischen Transition. Neun kubanischen Aktivisten aus sehr verschiedenen Fachgebieten wie Rechtswissenschaft, Bürgersinn, Menschenrechte und Journalismus ist es gelungen, an diesem Event teilzunehmen. Das Seminar bietet uns die Möglichkeit für Begegnungen, ohne polizeiliche Absperrungen und offizielle Abweisungen.

Während ich mehreren Vortragenden zuhörte, erinnerte ich mich, dass ich im Jahr 2011 die TV-Dokumentation Die Transition (gesprochen von Victoria Prego) gesehen habe. An dem Morgen, als diese ausgezeichnete Dokumentation startete –  begleitet von kommentierenden Analysten – besuchte mich zufällig eine Freundin aus Madrid. Sie schaute auf den Bildschirm und sagte: „Ich selbst habe viele dieser Ereignisse erlebt, aber damals wusste ich nicht, dass wir in der Transition sind”. Ihre Worte waren für mich all die Jahre ein Trost und eine Hoffnung. Heute, im Amerikahaus, habe ich mich daran erinnert.

Erleben wir Kubaner gerade die Transition? Allein diese Frage reicht, um einige aus der Ruhe zu bringen und bei anderen falsche Hoffnungen zu wecken. Eine Transition – werden mir Fachleute und Analysten sagen – braucht mehr politische, soziale und wirtschaftliche Öffentlichkeit. Ein Begriff dieser Tragweite verlangt eine reale Substanz und nicht nur Wunschdenken….werden andere mit durchaus guten Argumenten bemerken. Und wenn sich herausstellt, dass in den Köpfen der Kubaner ein definitiv unumkehrbarer Wandel eingetreten ist, kann man das schon als Transition betrachten? In diesem Fall siegt die eingeschränkte Betrachtungsweise über die allgemeinen Analyse.

Jeden Tag begegnen mir zunehmend mehr Personen, die nicht mehr kollaborieren, nicht mehr überzeugt sind, nicht mehr das System unterstützen wollen. Außerdem treffe ich mit Leuten zusammen, die nicht mehr bereit sind das staatliche Fernsehen anzuschauen, nicht mehr an Amtshandlungen teilnehmen und nicht mehr offizielle Pfründe annehmen. Wie nennt man das? Die Theoretiker der Transition mögen mir es nachsehen, aber wenn das kein Wechsel ist, was ist es dann? Vielleicht eine “Vor-Transition”?

*Anmerkung des Übersetzers:

Die spanischen Transition ( La Transición española) begann im November 1985 mit dem Tod Francos und war der friedliche Übergang Spaniens von der langjährigen Diktatur Francos in eine parlamentarische Demokratie. Sie war gewollt vom König Juan Carlos I und wurde politisch umgesetzt von Adolfo Suárez, dem damaligen Premierminister.

Übersetzung: Dieter Schubert

Wie weit weg ist Zypern!

Gestern in einem Bus machten zwei Männer ihrem Ärger, nach einer langen Wartezeit an der Haltestelle in der Sommerhitze, lautstark Luft. „So etwas passiert in Zypern bestimmt nicht!“, sagte der eine zu dem anderen und der gesamte Bus brach in schallendes Gelächter aus. Er bezog sich damit auf einen Monolog des Komikers Nelson Gudín, der in den alternativen Netzen der audiovisuellen Medien bereits zu einem Phänomen geworden ist. Der Schauspieler verkörpert darin einen Betrunkenen, der sich unter anderem darüber beschwert, dass die nationalen Medien den Problemen anderer Länder sehr viel Zeit widmen, während sie unsere eigenen verschweigen. Ganz nach dem Sprichwort: „Den Splitter im fremden Auge, aber nicht den Balken im eigenen sehen“, ein Prinzip auf das sich die offizielle kubanische Presse stützt.

Die Arbeitslosigkeit, die Korruption, die Kürzungen und die sozialen Missstände … in Zypern waren das Themen, die bei verschiedenen Gelegenheiten von den Expertenrunden diskutiert und analysiert wurden. Um das Axiom, dass die Welt da draußen die Hölle sei und wir hier im Paradies leben würden, zu stärken, widmete das unbeliebte staatliche Fernsehen den Problemen, mit denen dieser Mitgliedsstaat der Europäischen Union zu kämpfen hat, besonders viel Aufmerksamkeit. Das Ganze ging so weit, dass die von Gudín interpretierte Figur sich schließlich fragte: „Ach, ich wusste gar nicht, dass wir hier auf Zypern sind?“ Dieser sarkastische Satz ist auf unseren Straßen inzwischen fast schon zu einer Parole geworden.

Es reicht schon, wenn ein Beamter mit seiner Arbeit ein bisschen im Verzug ist und schon merkt eine ironische Stimme an: „Der kommt doch sicher aus Zypern.“ Die Bekannten einer Frau, die wegen der Sparpläne keine Arbeit findet, sticheln: „Vielleicht ist sie Zyprerin.“ Ganz zu schweigen von den leeren Regalbrettern aufgrund der Unterversorgung: „Das ist wohl nicht Havanna, sondern Nikosia“, versicherte eine frustrierte Kundin vor ein paar Tagen. „Wenn das so weiter geht, werden wir bald mehr über die Konflikte zwischen den Griechen und den Türken wissen, als über unsere eigenen Probleme“, ließ ein Dozent vor seinen Studenten verlauten.

Dank der Ideologie unserer nationalen Presse kreisen unsere Gedanken nun nicht mehr um eine Insel in der Karibik, sondern um einen weit entfernten Punkt im Mittelmeer, der Heimat aller Probleme.

Übersetzung: Anja Seelmann

Carlitos Körpersprache

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Diese träge Körperhaltung ist charakteristisch für junge Kubaner

Auf dem Tisch abgestützt, mit geneigtem Kopf und einem leeren Blick, so habe ich ihn in Erinnerung. Carlitos war gerade einmal 20 Jahre alt und seine Gestik wies bereits die Abgestumpftheit einer Person auf, die schon zu viel Leben hinter sich hat. Dieser junge Mann wanderte – wie so viele andere auch – schließlich aus und ich vermute, dass er in seinem neuen Leben wenig Zeit dazu hat die Stunden untätig und gelangweilt verstreichen zu lassen. Trotzdem sehe ich diese gleichgültige Körpersprache und das Fehlen von eigenen Projekten weiterhin an jeder Ecke. Es ist als würde der Körper sprechen, als ob er mit seiner Haltung etwas ausdrücke, was die Münder so oft verschweigen.

Wenn man eines Tages ein Glossar über die kubanischen Körperhaltungen verfassen würde, dann müsste man diese Pose, die “den Absturz in eine tiefe Leere“ darstellt, auch mit aufnehmen. Dieses Bild eines Menschen, der eigentlich schon von vornherein aufgegeben hat, wie es auch bei Carlitos zu beobachten war, verkörpern so viele junge und auch nicht mehr so junge Menschen in diesem Land. Die trägen Bewegungen der Hände, die schweren Augenlider, die ständige Benommenheit und die schlaffen Lippen, die die Worte kaum herausbringen wenn sie sich nicht sogar eh nur auf einzelne Silben beschränken. Die Uhr tickt unbeirrt weiter, aber das ist nicht weiter wichtig, das Leben zieht vorüber und auch das spielt keine Rolle, das eigene Land gleitet uns aus den Händen und das interessiert uns sogar noch weniger.

Während bedeutende Persönlichkeiten in aufrechter Haltung auf ihren Marmorsockeln thronen, findet man uns zusammengerollt und müde auf dem ersten Möbelstück, das unseren Weg kreuzt, wieder. Ist das etwa der Aufstand der Gleichgültigkeit? Der stumme Schrei des Desinteresses? Ich weiß es nicht, aber überall erblickt man diese Körpersprache, die das Fehlen von persönlichen und nationalen Träumen widerspiegelt.

Übersetzung: Anja Seelmann

Und Google kam nach Havanna!

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Haben Sie schon einmal versucht jemandem Google zu erklären, der es nicht kennt? Mir ist das vor ein paar Tagen passiert, als mich ein noch nicht einmal 10-jähriges Nachbarmädchen fragte: „Und was ist eine Suchmaschine?“. Ich wollte nicht technologisch antworten und ich erzählte ihr deshalb nichts von dem Algorithmus, den diese Dienstleister anwenden, um Informationen zu organisieren; ich sagte ihr nichts von den „Spinnen“, die ihre Fäden durch das gesamte Netz weben, um die Sites zu überprüfen, und erst recht nichts von dem Wettlauf, um sich in ihren Listen zu positionieren, worauf viele besessen sind. Stattdessen antwortete ich ihr mit einer Erklärung, die sie würde verstehen können: „Google ist wie ein Zauberspiegel aus den Märchen. Du kannst ihn fragen was du möchtest, und er wird dir tausend mögliche Antworten geben.“

Gestern Abend klopfte Google an unsere Tür. Das ist keine Metapher; die Suchmaschine kam und suchte uns auf. Mehrere Repräsentanten der bekanntesten aller Suchmaschinen waren da und näherten sich unserem Leben und unserer Arbeit. Vor ihnen mussten wir keine Tags, Keywords und auch den nicht den strengen PageRank-Algorithmus anwenden. Dies waren Menschen, die uns herzlich umarmten, lachten, das Haus erkundeten, und dabei vor allem unsere technologischen Erfindungen und unseren Hund ohne Fell neugierig betrachteten. Jared CohenBrett Perlmutter und Dan Keyserling ließen sich zum Aufstieg ins 14. Stockwerk des Gebäudes bewegen, wo wir gemeinsam eine Zeitungsredaktion besuchten, der zwar das Internet fehlt, nicht aber die starke Verpflichtung zur Realität des heutigen Kubas.

Ich wollte wissen, ob sie sich schon an irgendeinem öffentlichen Ort mit dem Internet verbinden konnten. „Langsam, sehr langsam…“, meinten sie. Danach sprachen wir über die Zukunft und ihr Engagement hinsichtlich der kubanischen Internetnutzer, und wir waren erleichtert zu wissen, dass sie die schwierige Informationslage kennen, die wir auf der Insel haben. Vorher hatte ich mich mit  Eric Schmidt  unterhalten und stellte fest, dass etwas von dem Scharfsinn in seinen Augen und der Treffsicherheit seiner Worte an die einfache Allwissenheit der Google-Seite erinnert.

Es war eine Nacht der Technologien ohne Technologie. Niemand holte sein Mobiltelefon hervor um ins Netz zu gehen – das ist in Kuba nicht möglich – , und niemand kam auf die Idee, uns den neuesten doodle zu zeigen, oder uns die Tragweite der Firma, in der er arbeitet, mit Zahlen zu belegen. Wir hatten das unglaubliche Glück vor dem Zauberspiegel zu stehen, aber wir stellten weder Fragen noch wollten wir Antworten – wir beschrieben nur wer wir sind und wohin wir gehen.

Übersetzung: Nina Beyerlein

“Casting” für einen Arbeitsplatz

Mit dreißig Jahren verlor Eugenia ihren Arbeitsplatz in einem Büro des Transportministeriums. Sie bliebe “einsetzbar”, erklärten ihr ihre Chefs, ehe sie ihr einen Job als Maurer anboten. Da sie keine Lust darauf hatte, einen Ziegelstein auf den anderen zu setzen und Mörtel anzurühren, versuchte sie auf dem privaten Arbeitsmarkt etwas zu finden. Ihre Chancen sind gering. Sie spricht keine Fremdsprachen, hatte noch nie einen Computer unter den Fingern, und das “sie sieht gut aus ” der Jugend hat sie auch nicht.

Eine Freundin schrieb sie für ihre Arbeitssuche auf einer Webseite ein. „Leute mit Zahnersatz akzeptieren wie hier nicht!”, sagte man ihr bei einem Vorstellungsgespräch, als sie sich um eine Stelle als “Raumpflegerin” in einem Haus bewarb, das an Ausländer vermietet. Die Besitzerin wollte “eine ehrliche Frau, die nur wenig spricht, nicht raucht und kräftig aussieht”. Sie stellte eine andere ein, und Eugenia beschloss in ihr Aussehen zu investieren.

Dazu färbte sie sich die Haare, kaufte sich ein Paar neuer Schuhe und machte einen Streifzug durch mehrere Cafés und Restaurants im Zentrum von Havanna. Mit mehr als fünfzig Jahren sagten sie ihr an allen Orten das Gleiche: „Wir haben schon Küchenpersonal und für den Service haben wir für dich keine Verwendung”. Und Eugenia bemerkte, dass es hinter den Tresen angesagter Lokale (die auf eigene Rechnung arbeiten) und als Bedienung an Tischen fast immer nur junge, schlanke Frauen gibt, mit einer bemerkenswerten Oberweite.

„Es stimmt doch, dass Sie aus Havanna sind?”, fragte man sie dort, wo man Personal zum Waschen und Bügeln einstellte. Eugenia wurde in Holguín geboren und verbrachte fast ihr ganzes Leben in der kubanischen Hauptstadt, aber dem Besitzer der Wäscherei reichte das nicht. „Wir wollen Leute aus Havanna, damit wir später keine Probleme mit Verwandten bekommen, die sich hier im Haus breit machen wollen.“

Eine Nachbarin wies sie auf die Möglichkeit hin, einen alten Menschen zu betreuen. Es handelte sich um einen Veteranen des Militärs, der kaum noch vom Rollstuhl aufstehen konnte. „Bei ihm darf man nichts Schlechtes über die Revolution sagen”, warnten sie die Söhne des Alten, den man füttern, die Kleidung wechseln und die Granma vorlesen musste. Schlussendlich bekam Eugenia auch diesen Job nicht.

Für ein paar Tage gelang es ihr sich um ein Kind zu kümmern, aber es war nur für eine Woche, denn “wenn du nicht singen kannst und keine Kinderspiele kennst, dann langweilt sich mein Sohn”, sagte ihr die Mutter des Kleinen. Bei ihrem früheren Arbeitgeber wusste Eugenia nur, wie man Formblätter ausfüllt, amtliche Stempel darunter setzt; und bei den langen Betriebsversammlungen den Kopf zustimmend bewegt. Dem aktuellen Arbeitsmarkt ist sie nicht mehr gewachsen.

Gestern teilten sie ihr mit, dass es einen Spülplatz in einem privaten Restaurant, in einem sogenannten “Paladar“, gäbe. „Während der Arbeitszeit darfst du die Küche nicht verlassen”, erklärte ihr der Koch. “Es ist besser, wenn dich unsere Gäste nicht zu Gesicht bekommen”, fügte er noch hinzu, ehe er sagte, es wäre “auf Probe”.

Übersetzung: Dieter Schubert

Oh Mary Jane*!

Livio ging auf Reisen und gab seinen wertvollsten Besitz in die Obhut seiner Freunde. Es war kein Kind, kein Haustier und auch nicht eines von den Elektrogeräten, die die Menschen in Kuba so abgöttisch lieben. Sein „Augenstern“ war eine Hanfpflanze, die er liebevoll aufgezogen hatte und die nun groß genug war, um die ersten Joints daraus zu drehen. Obwohl sie keine Ahnung hatten, was eine solche Pflanze braucht, entschieden sich die erstaunten „Gras-Hüter“ sie an ein Fenster zu stellen, wo sie den neugierigen Augen der Nachbarn und möglicher Verräter verborgen blieb. Sie überlebte, aber als ihr Besitzer aus dem Ausland zurückkehrte, schwor er, dass er seine wertvolle Pflanze nie wieder in die Hände von solchen Stümpern geben würde.

Dies ist kein Einzelfall. Marihuana ist etwas ganz Alltägliches im Leben eines jeden Kubaners. Und dies obwohl die Medien kein Wort über Mary Jane verlieren; es braucht aber auch keine Werbung, um bekannt zu sein. Man riecht es auf den Festen, es ist in der Luft bei einigen öffentlichen Konzerten und man entdeckt es in den halb offenen Augen nicht weniger Menschen, die in demselben staatlichen Fernsehen auftreten, für das Marihuana ein Tabuthema ist. Es ist eine Tatsache, es ist hier in Kuba, und das nicht nur wegen der Drogenpakete, die mit der Strömung an die Küsten kommen – denn laut der offiziellen Presse kommt das Schlechte schließlich immer aus dem Ausland -, sondern weil es eine eigene Produktion „Made in Kuba“ gibt, mit dem Geschmack nach roter tropischer Erde. Diese wächst in Palmenwäldern oder auf Marabú*-Feldern.

Die Musikszene von Havanna kennt ihre „alte Freundin“ Mary Jane sehr gut. Einige Künstler können sich das Komponieren ihrer Lieder ohne ihre immer präsente Helferin, die ihnen „die Worte ins Ohr flüstert“, nicht vorstellen. Die Eltern dieser „Kiffer“ reden sich ein, dass es ja wenigstens kein Kokain ist. „Sanfter, therapeutischer, glücklicher“, sagen sie sich, um sich zu beruhigen. Aber hinter dieser anscheinend sozialen Akzeptanz der Pflanze verbirgt sich eine Debatte, die die kubanische Gesellschaft schon viel zu lange aufgeschoben hat. Legalisieren oder bestrafen? Das ist das Dilemma. Aber stellt man diese Frage in der Öffentlichkeit, wird man sofort zum „Feind“.

Die in die Jahre gekommenen Herren, die unser Land regieren, haben uns daran gehindert, über die wichtigen Themen der heutigen Zeit zu diskutieren. Ich möchte in einer Gesellschaft leben, die den Konsum zu therapeutischen Zwecken oder das strikte Verbot von Mary Jane infrage stellt. Ich träume davon, in einem Land zu leben, wo mein 19-jähriger Sohn an der sozialen Debatte teilhaben kann; an der Frage nämlich, ob der Besitz und Konsum dieser Pflanze, die Livio fast schon liebevoll züchtet, zu liberalisieren oder zu bestrafen ist.

Nur aufzuhören über Marihuana zu sprechen, lässt es noch lange nicht aus unserem Land verschwinden. Den Blick abzuwenden verhindert nicht, dass jedes Jahr tausende Joints, hergestellt aus diesen Blättern, zwischen den Lippen deiner Kinder, meiner Kinder, den Kindern von so vielen anderen enden. Warum hören wir nicht mit dieser Heuchelei auf und fangen an darüber zu diskutieren, wie es weitergehen soll? Diese Pflanze mit ihren auffälligen, gezackten, länglichen Blättern wächst jetzt gerade auf unzähligen Terrassen, in Gärten und in zu Beeten umgewandelten Zisternen überall auf der Insel.

Es bleibt abzuwarten, ob wir weiterhin die „Zigarette der Gleichgültigkeit“ rauchen, oder stattdessen anfangen zu reden…über ein Thema, das endlich auf den Tisch gebracht werden muss.

 

Anmerkungen der Übersetzerin:

*”Mary Jane”, im Originaltext “María”, ist ein populäres Synonym für Marihuana.

*Marabú (Dichrostachys cinerea) ist ein im 19.Jahrhundert von Afrika in die Karibikregion importierter Strauch.

Übersetzung: Eva-Maria Böhm