Der Kater nach der WM

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Ein Fußballspiel der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien. (14ymedio)

Das letzte Spiel ist vorbei, das Tor der Deutschen geschossen, und von Götze, der den Pokal der WM 2014 in Brasilien hoch hält, bleibt nur noch die Erinnerung. Keine Treffen mehr, mit Freunden – in Costa Rica- und Italien-Fahen gewickelt – , um gemeinsam die Spiele beim ‘Public Viewing’ zu verfolgen. Etwas von dieser Stimmung liegt natürlich noch in der Luft, aber die Begeisterung, die ganz Havanna jedes Mal ergriff, wenn der Ball in eines der Tore in Rio de Janeiro oder Sao Paulo ging, ist schon jetzt nur noch eine weitere Erinnerung. Die bunt bemalten Gesichter, die La-Ola-Wellen, die durch die Zuschauermengen gingen und die von Millionen Menschen geteilte Euphorie. Die Fußballparty ist zu Ende und was bleibt ist der Kater.

Der Kater ist die Rückkehr in die Realität. Zurück zu den Regalen in den Geschäften, wo man feststellen muss, dass noch weniger Waren vorhanden sind als vor vier Wochen. Mitzubekommen, dass gestern hundert Damen in Weiß* beim Versuch eine Gedenkfeier für die Opfer des Untergangs des „Schleppers vom 13. März“* abzuhalten, verhaftet wurden. Es gibt keine Stars, die uns in diesen schwierigen Momenten mit einem passenden Ohrwurm begleiten, eher vielleicht Gerüchte, die uns von Freunden überbracht werden über „Dinge, die dort draußen so los sind”,… “das Denguefieber, die Cholera, das Chikungunyafieber und die afrikanische Riesenschnecke.”

Wie ein Schlag ins Gesicht – und das ohne rote Karte für den Gegner- kehrt die Realität zurück. Kein Torhüter dieser Welt kann den schnellen Alltagsball, diesen schmerzhaften und unaufhaltsamen Schuss, halten. Wir sind wieder zurück in unserer Weltmeisterschaft ohne Scheinwerfer, ohne Kommentatoren, die „Tooooor!“ brüllen, und ohne dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit, das bei Sportevents oft aufkommt. Kurzum, wir erleben eine „Weltmeisterschaft“ mit strengen Regeln, einem unerbittlichen Schiedsrichter und das ohne Pokal! 

Schon am Montagmorgen sah man sie wie aus einem Traum erwachen. Hunderte von Kubanern, vor allem Jugendliche, die sich von der Leidenschaft der Weltmeisterschaft  mitreißen haben lassen, als ob sie selbst am Ball wären. Heute wurde ihnen bewusst, dass sie weder Deutsche, noch Niederländer, noch Argentinier sind und, dass sie dort draußen vor ihrer Haustür ein Kuba in schwierigen Zeiten erwartete. Kein Kuba, auf dem in den letzten vier Wochen die Zeit in Erwartung eines Pfiffs zur Wiederaufnahme des Spiels still gestanden hatte, sondern ein Kuba, das in der Zwischenzeit in Rückstand geraten ist. Werden sie bereit sein die Spielregeln dieser Realität zu ändern? Oder werden sie einfach auf die nächste Gelegenheit warten, um sich vor den Bildschirm zu flüchten oder einem Ball hinterher zu jagen?

Anmerkung der Übersetzerin:

*Die Damen in Weiß (spanisch Movimiento Las Damas de Blanco “Laura Pollán”) sind eine Gruppe kubanischer Frauen, die sich für die Beachtung der Menschenrechte in ihrem Heimatland einsetzen.

*Der „Schlepper vom 13. März“ war ein kubanisches Boot, das am 13. März 1994, mit 72 Personen an Bord, die versuchten das Land zu verlassen, auslief. Nach einigen Seemeilen sank das Schiff, wobei 41 Personen ums Leben kamen.

Übersetzung: Katrin Vallet

Los Bolos, Bonbons und Gefahren

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Putin und Raúl Castro, zusammen im kubanischen Fernsehen. (14ymedio)

„Das sind die letzten Bonbons!” Dieser Schrei könnte der schlichte Ausruf eines Süßwarenverkäufers sein, aber diese Worte hörte ich vor 23 Jahren während meines letzten Schuljahres auf dem Land, und für mich war es der erste Beweis für den Zerfall der Sowjetunion. Der Schrei kam von Olga, einer Schülerin, die weiterverkaufte, was sie von den Ehefrauen der russischen Techniker bekam, die sich in Alamar niedergelassen hatten. Sie war das Bindeglied zwischen unserem kubanischen Geld, das sich immer stärker entwertete, und einer Reihe von Produkten, wie Süßigkeiten und Konservendosen „Made in UdSSR“. Diese Jugendliche, die uns auf den Warenengpass hinwies, halte ich für eine Art blinden Teiresias* – sie prohezeite uns den Abschied von den Bolos (deutsch: den Kegeln), wie wir die Russen nennen.

Aufgrund des Staatsbesuchs von Vladimir Putin auf Kuba rufen wir uns in diesen Tagen die alte Beziehung zum Moskauer Kreml erneut ins Gedächtnis. Im Staatsfernsehen haben wir die offizielle Delegation mit ihren „Business-Outfits“, in Anzug und Krawatte, gesehen. Dies zeugte weder vom Marxismus-Leninismus noch von einer Diktatur des Proletariats. Sie sehen anders aus, sind aber so gleich. Sie haben den gleichen Blick, von oben herab, wie damals, als sie erkannten, dass unsere Insel nur eine kleine Figur in ihrem Machtspiel ist. Sie sind auf der Suche nach Bündnissen zu uns gekommen, um die Umrisse jener Staatenblocks festzulegen, die sich – vor unseren Augen – in einer Rückkehr des Kalten Krieges wiederaufbauen. Wir sind kurz davor, wieder unsere frühere Satellitenfunktion zu übernehmen, eingeschüchtert von der Macht Moskaus, seinem Erdöl und dem Schuldenerlass, den es uns gerade gewährt hat.

Kein einziger offizieller Kommentator hat die Gefahren erwähnt, die diese Annäherung mit sich bringt, und auch nicht die Tatsache, dass die russische Regierung Lateinamerika als diplomatischen Ausgangspunkt gegen seinen alten Gegner, den Vereinigten Staaten, nutzen will. Inmitten dieser erneuten Konfrontation der Großmächte stecken wir nun fest, gegebenenfalls als ein verzichtbarer und verhandelbarer Teil. Das Risiko besteht, und ich denke wieder an Olga und die letzten sowjetischen Bonbons, die sie uns in unserer Unterkunft anbot. Jene Süßigkeiten, die nur noch schwer zu bekommen waren, sagten uns ein Ende voraus; die Leckerbissen, die uns heute angeboten werden, wie ein neuer Flughafen und mögliche Investitionen Russlands in den Hafen von Mariel*, gefährden unsere Zukunft. Man muss weder blind noch Teiresias sein, um das zu bemerken.

Anmerkung der Übersetzerin:

*In der griechischen Mythologie ist Teiresias ein blinder Prophet, dem nachgesagt wurde, dass er die Zukunft vorhersehen kann.

*Mariel ist der kubanische Hafen, der am nächsten zu den USA liegt.

Übersetzung: Eva-Maria Böhm

Erleben wir gerade die Transition*?

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Seminar über die spanische Transition in Madrid. (14ymedio)

In diesen Tagen nehme ich zusammen mit mehreren kubanischen Aktivisten an einem Seminar in Madrid über die spanische Transition teil. Es findet in den Räumen des Amerika-Hauses statt; veranstaltet von der  Assoziation Ibero-Amerikaner für die Freiheit und der Stiftung der spanischen Transition. Neun kubanischen Aktivisten aus sehr verschiedenen Fachgebieten wie Rechtswissenschaft, Bürgersinn, Menschenrechte und Journalismus ist es gelungen, an diesem Event teilzunehmen. Das Seminar bietet uns die Möglichkeit für Begegnungen, ohne polizeiliche Absperrungen und offizielle Abweisungen.

Während ich mehreren Vortragenden zuhörte, erinnerte ich mich, dass ich im Jahr 2011 die TV-Dokumentation Die Transition (gesprochen von Victoria Prego) gesehen habe. An dem Morgen, als diese ausgezeichnete Dokumentation startete –  begleitet von kommentierenden Analysten – besuchte mich zufällig eine Freundin aus Madrid. Sie schaute auf den Bildschirm und sagte: „Ich selbst habe viele dieser Ereignisse erlebt, aber damals wusste ich nicht, dass wir in der Transition sind”. Ihre Worte waren für mich all die Jahre ein Trost und eine Hoffnung. Heute, im Amerikahaus, habe ich mich daran erinnert.

Erleben wir Kubaner gerade die Transition? Allein diese Frage reicht, um einige aus der Ruhe zu bringen und bei anderen falsche Hoffnungen zu wecken. Eine Transition – werden mir Fachleute und Analysten sagen – braucht mehr politische, soziale und wirtschaftliche Öffentlichkeit. Ein Begriff dieser Tragweite verlangt eine reale Substanz und nicht nur Wunschdenken….werden andere mit durchaus guten Argumenten bemerken. Und wenn sich herausstellt, dass in den Köpfen der Kubaner ein definitiv unumkehrbarer Wandel eingetreten ist, kann man das schon als Transition betrachten? In diesem Fall siegt die eingeschränkte Betrachtungsweise über die allgemeinen Analyse.

Jeden Tag begegnen mir zunehmend mehr Personen, die nicht mehr kollaborieren, nicht mehr überzeugt sind, nicht mehr das System unterstützen wollen. Außerdem treffe ich mit Leuten zusammen, die nicht mehr bereit sind das staatliche Fernsehen anzuschauen, nicht mehr an Amtshandlungen teilnehmen und nicht mehr offizielle Pfründe annehmen. Wie nennt man das? Die Theoretiker der Transition mögen mir es nachsehen, aber wenn das kein Wechsel ist, was ist es dann? Vielleicht eine “Vor-Transition”?

*Anmerkung des Übersetzers:

Die spanischen Transition ( La Transición española) begann im November 1985 mit dem Tod Francos und war der friedliche Übergang Spaniens von der langjährigen Diktatur Francos in eine parlamentarische Demokratie. Sie war gewollt vom König Juan Carlos I und wurde politisch umgesetzt von Adolfo Suárez, dem damaligen Premierminister.

Übersetzung: Dieter Schubert

Wie weit weg ist Zypern!

Gestern in einem Bus machten zwei Männer ihrem Ärger, nach einer langen Wartezeit an der Haltestelle in der Sommerhitze, lautstark Luft. „So etwas passiert in Zypern bestimmt nicht!“, sagte der eine zu dem anderen und der gesamte Bus brach in schallendes Gelächter aus. Er bezog sich damit auf einen Monolog des Komikers Nelson Gudín, der in den alternativen Netzen der audiovisuellen Medien bereits zu einem Phänomen geworden ist. Der Schauspieler verkörpert darin einen Betrunkenen, der sich unter anderem darüber beschwert, dass die nationalen Medien den Problemen anderer Länder sehr viel Zeit widmen, während sie unsere eigenen verschweigen. Ganz nach dem Sprichwort: „Den Splitter im fremden Auge, aber nicht den Balken im eigenen sehen“, ein Prinzip auf das sich die offizielle kubanische Presse stützt.

Die Arbeitslosigkeit, die Korruption, die Kürzungen und die sozialen Missstände … in Zypern waren das Themen, die bei verschiedenen Gelegenheiten von den Expertenrunden diskutiert und analysiert wurden. Um das Axiom, dass die Welt da draußen die Hölle sei und wir hier im Paradies leben würden, zu stärken, widmete das unbeliebte staatliche Fernsehen den Problemen, mit denen dieser Mitgliedsstaat der Europäischen Union zu kämpfen hat, besonders viel Aufmerksamkeit. Das Ganze ging so weit, dass die von Gudín interpretierte Figur sich schließlich fragte: „Ach, ich wusste gar nicht, dass wir hier auf Zypern sind?“ Dieser sarkastische Satz ist auf unseren Straßen inzwischen fast schon zu einer Parole geworden.

Es reicht schon, wenn ein Beamter mit seiner Arbeit ein bisschen im Verzug ist und schon merkt eine ironische Stimme an: „Der kommt doch sicher aus Zypern.“ Die Bekannten einer Frau, die wegen der Sparpläne keine Arbeit findet, sticheln: „Vielleicht ist sie Zyprerin.“ Ganz zu schweigen von den leeren Regalbrettern aufgrund der Unterversorgung: „Das ist wohl nicht Havanna, sondern Nikosia“, versicherte eine frustrierte Kundin vor ein paar Tagen. „Wenn das so weiter geht, werden wir bald mehr über die Konflikte zwischen den Griechen und den Türken wissen, als über unsere eigenen Probleme“, ließ ein Dozent vor seinen Studenten verlauten.

Dank der Ideologie unserer nationalen Presse kreisen unsere Gedanken nun nicht mehr um eine Insel in der Karibik, sondern um einen weit entfernten Punkt im Mittelmeer, der Heimat aller Probleme.

Übersetzung: Anja Seelmann

Carlitos Körpersprache

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Diese träge Körperhaltung ist charakteristisch für junge Kubaner

Auf dem Tisch abgestützt, mit geneigtem Kopf und einem leeren Blick, so habe ich ihn in Erinnerung. Carlitos war gerade einmal 20 Jahre alt und seine Gestik wies bereits die Abgestumpftheit einer Person auf, die schon zu viel Leben hinter sich hat. Dieser junge Mann wanderte – wie so viele andere auch – schließlich aus und ich vermute, dass er in seinem neuen Leben wenig Zeit dazu hat die Stunden untätig und gelangweilt verstreichen zu lassen. Trotzdem sehe ich diese gleichgültige Körpersprache und das Fehlen von eigenen Projekten weiterhin an jeder Ecke. Es ist als würde der Körper sprechen, als ob er mit seiner Haltung etwas ausdrücke, was die Münder so oft verschweigen.

Wenn man eines Tages ein Glossar über die kubanischen Körperhaltungen verfassen würde, dann müsste man diese Pose, die “den Absturz in eine tiefe Leere“ darstellt, auch mit aufnehmen. Dieses Bild eines Menschen, der eigentlich schon von vornherein aufgegeben hat, wie es auch bei Carlitos zu beobachten war, verkörpern so viele junge und auch nicht mehr so junge Menschen in diesem Land. Die trägen Bewegungen der Hände, die schweren Augenlider, die ständige Benommenheit und die schlaffen Lippen, die die Worte kaum herausbringen wenn sie sich nicht sogar eh nur auf einzelne Silben beschränken. Die Uhr tickt unbeirrt weiter, aber das ist nicht weiter wichtig, das Leben zieht vorüber und auch das spielt keine Rolle, das eigene Land gleitet uns aus den Händen und das interessiert uns sogar noch weniger.

Während bedeutende Persönlichkeiten in aufrechter Haltung auf ihren Marmorsockeln thronen, findet man uns zusammengerollt und müde auf dem ersten Möbelstück, das unseren Weg kreuzt, wieder. Ist das etwa der Aufstand der Gleichgültigkeit? Der stumme Schrei des Desinteresses? Ich weiß es nicht, aber überall erblickt man diese Körpersprache, die das Fehlen von persönlichen und nationalen Träumen widerspiegelt.

Übersetzung: Anja Seelmann

Und Google kam nach Havanna!

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Haben Sie schon einmal versucht jemandem Google zu erklären, der es nicht kennt? Mir ist das vor ein paar Tagen passiert, als mich ein noch nicht einmal 10-jähriges Nachbarmädchen fragte: „Und was ist eine Suchmaschine?“. Ich wollte nicht technologisch antworten und ich erzählte ihr deshalb nichts von dem Algorithmus, den diese Dienstleister anwenden, um Informationen zu organisieren; ich sagte ihr nichts von den „Spinnen“, die ihre Fäden durch das gesamte Netz weben, um die Sites zu überprüfen, und erst recht nichts von dem Wettlauf, um sich in ihren Listen zu positionieren, worauf viele besessen sind. Stattdessen antwortete ich ihr mit einer Erklärung, die sie würde verstehen können: „Google ist wie ein Zauberspiegel aus den Märchen. Du kannst ihn fragen was du möchtest, und er wird dir tausend mögliche Antworten geben.“

Gestern Abend klopfte Google an unsere Tür. Das ist keine Metapher; die Suchmaschine kam und suchte uns auf. Mehrere Repräsentanten der bekanntesten aller Suchmaschinen waren da und näherten sich unserem Leben und unserer Arbeit. Vor ihnen mussten wir keine Tags, Keywords und auch den nicht den strengen PageRank-Algorithmus anwenden. Dies waren Menschen, die uns herzlich umarmten, lachten, das Haus erkundeten, und dabei vor allem unsere technologischen Erfindungen und unseren Hund ohne Fell neugierig betrachteten. Jared CohenBrett Perlmutter und Dan Keyserling ließen sich zum Aufstieg ins 14. Stockwerk des Gebäudes bewegen, wo wir gemeinsam eine Zeitungsredaktion besuchten, der zwar das Internet fehlt, nicht aber die starke Verpflichtung zur Realität des heutigen Kubas.

Ich wollte wissen, ob sie sich schon an irgendeinem öffentlichen Ort mit dem Internet verbinden konnten. „Langsam, sehr langsam…“, meinten sie. Danach sprachen wir über die Zukunft und ihr Engagement hinsichtlich der kubanischen Internetnutzer, und wir waren erleichtert zu wissen, dass sie die schwierige Informationslage kennen, die wir auf der Insel haben. Vorher hatte ich mich mit  Eric Schmidt  unterhalten und stellte fest, dass etwas von dem Scharfsinn in seinen Augen und der Treffsicherheit seiner Worte an die einfache Allwissenheit der Google-Seite erinnert.

Es war eine Nacht der Technologien ohne Technologie. Niemand holte sein Mobiltelefon hervor um ins Netz zu gehen – das ist in Kuba nicht möglich – , und niemand kam auf die Idee, uns den neuesten doodle zu zeigen, oder uns die Tragweite der Firma, in der er arbeitet, mit Zahlen zu belegen. Wir hatten das unglaubliche Glück vor dem Zauberspiegel zu stehen, aber wir stellten weder Fragen noch wollten wir Antworten – wir beschrieben nur wer wir sind und wohin wir gehen.

Übersetzung: Nina Beyerlein

“Casting” für einen Arbeitsplatz

Mit dreißig Jahren verlor Eugenia ihren Arbeitsplatz in einem Büro des Transportministeriums. Sie bliebe “einsetzbar”, erklärten ihr ihre Chefs, ehe sie ihr einen Job als Maurer anboten. Da sie keine Lust darauf hatte, einen Ziegelstein auf den anderen zu setzen und Mörtel anzurühren, versuchte sie auf dem privaten Arbeitsmarkt etwas zu finden. Ihre Chancen sind gering. Sie spricht keine Fremdsprachen, hatte noch nie einen Computer unter den Fingern, und das “sie sieht gut aus ” der Jugend hat sie auch nicht.

Eine Freundin schrieb sie für ihre Arbeitssuche auf einer Webseite ein. „Leute mit Zahnersatz akzeptieren wie hier nicht!”, sagte man ihr bei einem Vorstellungsgespräch, als sie sich um eine Stelle als “Raumpflegerin” in einem Haus bewarb, das an Ausländer vermietet. Die Besitzerin wollte “eine ehrliche Frau, die nur wenig spricht, nicht raucht und kräftig aussieht”. Sie stellte eine andere ein, und Eugenia beschloss in ihr Aussehen zu investieren.

Dazu färbte sie sich die Haare, kaufte sich ein Paar neuer Schuhe und machte einen Streifzug durch mehrere Cafés und Restaurants im Zentrum von Havanna. Mit mehr als fünfzig Jahren sagten sie ihr an allen Orten das Gleiche: „Wir haben schon Küchenpersonal und für den Service haben wir für dich keine Verwendung”. Und Eugenia bemerkte, dass es hinter den Tresen angesagter Lokale (die auf eigene Rechnung arbeiten) und als Bedienung an Tischen fast immer nur junge, schlanke Frauen gibt, mit einer bemerkenswerten Oberweite.

„Es stimmt doch, dass Sie aus Havanna sind?”, fragte man sie dort, wo man Personal zum Waschen und Bügeln einstellte. Eugenia wurde in Holguín geboren und verbrachte fast ihr ganzes Leben in der kubanischen Hauptstadt, aber dem Besitzer der Wäscherei reichte das nicht. „Wir wollen Leute aus Havanna, damit wir später keine Probleme mit Verwandten bekommen, die sich hier im Haus breit machen wollen.“

Eine Nachbarin wies sie auf die Möglichkeit hin, einen alten Menschen zu betreuen. Es handelte sich um einen Veteranen des Militärs, der kaum noch vom Rollstuhl aufstehen konnte. „Bei ihm darf man nichts Schlechtes über die Revolution sagen”, warnten sie die Söhne des Alten, den man füttern, die Kleidung wechseln und die Granma vorlesen musste. Schlussendlich bekam Eugenia auch diesen Job nicht.

Für ein paar Tage gelang es ihr sich um ein Kind zu kümmern, aber es war nur für eine Woche, denn “wenn du nicht singen kannst und keine Kinderspiele kennst, dann langweilt sich mein Sohn”, sagte ihr die Mutter des Kleinen. Bei ihrem früheren Arbeitgeber wusste Eugenia nur, wie man Formblätter ausfüllt, amtliche Stempel darunter setzt; und bei den langen Betriebsversammlungen den Kopf zustimmend bewegt. Dem aktuellen Arbeitsmarkt ist sie nicht mehr gewachsen.

Gestern teilten sie ihr mit, dass es einen Spülplatz in einem privaten Restaurant, in einem sogenannten “Paladar“, gäbe. „Während der Arbeitszeit darfst du die Küche nicht verlassen”, erklärte ihr der Koch. “Es ist besser, wenn dich unsere Gäste nicht zu Gesicht bekommen”, fügte er noch hinzu, ehe er sagte, es wäre “auf Probe”.

Übersetzung: Dieter Schubert

Oh Mary Jane*!

Livio ging auf Reisen und gab seinen wertvollsten Besitz in die Obhut seiner Freunde. Es war kein Kind, kein Haustier und auch nicht eines von den Elektrogeräten, die die Menschen in Kuba so abgöttisch lieben. Sein „Augenstern“ war eine Hanfpflanze, die er liebevoll aufgezogen hatte und die nun groß genug war, um die ersten Joints daraus zu drehen. Obwohl sie keine Ahnung hatten, was eine solche Pflanze braucht, entschieden sich die erstaunten „Gras-Hüter“ sie an ein Fenster zu stellen, wo sie den neugierigen Augen der Nachbarn und möglicher Verräter verborgen blieb. Sie überlebte, aber als ihr Besitzer aus dem Ausland zurückkehrte, schwor er, dass er seine wertvolle Pflanze nie wieder in die Hände von solchen Stümpern geben würde.

Dies ist kein Einzelfall. Marihuana ist etwas ganz Alltägliches im Leben eines jeden Kubaners. Und dies obwohl die Medien kein Wort über Mary Jane verlieren; es braucht aber auch keine Werbung, um bekannt zu sein. Man riecht es auf den Festen, es ist in der Luft bei einigen öffentlichen Konzerten und man entdeckt es in den halb offenen Augen nicht weniger Menschen, die in demselben staatlichen Fernsehen auftreten, für das Marihuana ein Tabuthema ist. Es ist eine Tatsache, es ist hier in Kuba, und das nicht nur wegen der Drogenpakete, die mit der Strömung an die Küsten kommen – denn laut der offiziellen Presse kommt das Schlechte schließlich immer aus dem Ausland -, sondern weil es eine eigene Produktion „Made in Kuba“ gibt, mit dem Geschmack nach roter tropischer Erde. Diese wächst in Palmenwäldern oder auf Marabú*-Feldern.

Die Musikszene von Havanna kennt ihre „alte Freundin“ Mary Jane sehr gut. Einige Künstler können sich das Komponieren ihrer Lieder ohne ihre immer präsente Helferin, die ihnen „die Worte ins Ohr flüstert“, nicht vorstellen. Die Eltern dieser „Kiffer“ reden sich ein, dass es ja wenigstens kein Kokain ist. „Sanfter, therapeutischer, glücklicher“, sagen sie sich, um sich zu beruhigen. Aber hinter dieser anscheinend sozialen Akzeptanz der Pflanze verbirgt sich eine Debatte, die die kubanische Gesellschaft schon viel zu lange aufgeschoben hat. Legalisieren oder bestrafen? Das ist das Dilemma. Aber stellt man diese Frage in der Öffentlichkeit, wird man sofort zum „Feind“.

Die in die Jahre gekommenen Herren, die unser Land regieren, haben uns daran gehindert, über die wichtigen Themen der heutigen Zeit zu diskutieren. Ich möchte in einer Gesellschaft leben, die den Konsum zu therapeutischen Zwecken oder das strikte Verbot von Mary Jane infrage stellt. Ich träume davon, in einem Land zu leben, wo mein 19-jähriger Sohn an der sozialen Debatte teilhaben kann; an der Frage nämlich, ob der Besitz und Konsum dieser Pflanze, die Livio fast schon liebevoll züchtet, zu liberalisieren oder zu bestrafen ist.

Nur aufzuhören über Marihuana zu sprechen, lässt es noch lange nicht aus unserem Land verschwinden. Den Blick abzuwenden verhindert nicht, dass jedes Jahr tausende Joints, hergestellt aus diesen Blättern, zwischen den Lippen deiner Kinder, meiner Kinder, den Kindern von so vielen anderen enden. Warum hören wir nicht mit dieser Heuchelei auf und fangen an darüber zu diskutieren, wie es weitergehen soll? Diese Pflanze mit ihren auffälligen, gezackten, länglichen Blättern wächst jetzt gerade auf unzähligen Terrassen, in Gärten und in zu Beeten umgewandelten Zisternen überall auf der Insel.

Es bleibt abzuwarten, ob wir weiterhin die „Zigarette der Gleichgültigkeit“ rauchen, oder stattdessen anfangen zu reden…über ein Thema, das endlich auf den Tisch gebracht werden muss.

 

Anmerkungen der Übersetzerin:

*”Mary Jane”, im Originaltext “María”, ist ein populäres Synonym für Marihuana.

*Marabú (Dichrostachys cinerea) ist ein im 19.Jahrhundert von Afrika in die Karibikregion importierter Strauch.

Übersetzung: Eva-Maria Böhm

Bullying auf Kuba?

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Von Gewalt an Schulen sind tausende kubansiche Schüler betroffen. (14ymedio)

Damaris ist fast 40 Jahre alt und hat einige Narben im Gesicht. Eine Klassenkameradin hatte ihr in der fünften Klasse mit einer Haarnadel das Gesicht zerkratzt. Im Unterricht gab es Streit um einen Bleistift und das Mädchen drohte: „Wir sehen uns um halb vier!“  Diese Drohung, ist wohl das schlimmste, was man einem Schüler an einer kubanischen Grundschule passieren kann. Denn mit nur einem Satz wird klar, dass man sich bei Schulschluss mit Fäusten und Füßen als der Stärkere beweisen wird müssen.

Für Yosniel kam es noch schlimmer. Während seines Abschlussjahres stürzte er sich von einem Wassertank des Volksrepublik-Rumänien-Gymnasiums, nachdem er monatelang den Spott seiner Mitbewohner im Wohnheim wegen der Größe seines Kopfes ertragen hatte. Er schlug auf der Betonabdeckung der Zisterne auf, für ihn kam jede Art der Wiederbelebung zu spät. Auf der Beerdigung im Armenviertel Romerillo vor einigen Tagen bekundeten jene Mitschüler, die ihn bis vor Kurzem verspottet hatten, der Familie ihr Beileid.

Doch dieses Problem betrifft nicht nur ärmere, sondern auch wohlhabende Familien. Die kalte Klinge eines Messers durchdrang Adrians Herz, ebenfalls Schüler an einem Stipendium geförderten Gymnasium, weil einem stärkeren Mitschüler seine Converse-Schuhe gefielen und dieser beschloss sie ihm wegzunehmen. Die Eltern des Verstorbenen gehören dem Militär an, und nichtsdestotrotz waren sie nicht in der Lage zu verstehen, dass an den Schulen, in denen der „neue Mensch“ erschaffen werden sollte, eine Gewaltbereitschaft herrscht, wie man sie in einem Gefängnis erwarten würde.

Cecilia wiederum gehörte schon immer zu denen, die austeilen…und nicht einstecken. Sie bestimmt welchen Rock sie tragen wird, und wühlt in den Spinden der kleineren und schwächeren Schülerinnen. Eines Tages fand sie in einem dünnen Mädchen mit Zahnlücke das perfekte Opfer und schlitzte ihr mit einer von einer Laubsäge stammenden Klinge das Gesicht von einem Ohr zum andern auf.

Gewalt in den Schulen, auch  Bullying oder Mobbing genannt, ist ein Thema, das in den kubanischen Medien kaum zur Sprache kommt, das jedoch hunderte und tausende Schüler landesweit betrifft. Alarmierend ist vor allem die Mittäterschaft oder Gleichgültigkeit der Lehrer. Oft benutzen Lehrer diese „starken Jungen und Mädchen“ um den Rest der Klasse unter Kontrolle zu halten. Das Ergebnis: die institutionalisierte Anerkennung eines Systems, das auf Protzerei und Missbrauch aufbaut.

Doch wie kann man das Ganze anprangern? Niemand kennt die Antwort. Es gibt keine Notfallzentrale, an die ein Mobbingopfer sich wenden könnte,  keinen Rundbrief des Kultusministeriums, der in solchen Fällen die Opfer schützen könnte. Wenn die Kinder ihren Eltern von den Missbräuchen erzählen, regieren diese meist mit einem „du musst härter zurückschlagen“ oder „zeig ihnen was in dir steckt“. Die Lehrer wollen nicht dazwischen gehen und die meisten Schulleiter gehen in die Defensive: „Wissen Sie, wir wissen schon gar nicht mehr was wir mit diesem Jungen anstellen sollen.“

Die Wahrheit ist jedoch, dass über Mobbing an Schulen weder gesprochen, noch diskutiert wird… während Mädchen wie Cecilia weiterhin den kleineren Mädchen ihre Uniformen klauen, Klassenkameradinnen das Gesicht mit Haarklammern entstellen oder sich über den großen Kopf eines Mitschülers – bis zum Selbstmord – lustig machen.

 Übersetzung: Katrin Vallet

Ein unglaublicher Vater

Ricardo hat seine zwei Töchter alleine großgezogen. Eines Morgens im August wachte er auf und seine Frau war weg. Später erfuhr er, dass man sie auf hoher See abgefangen hatte und dass sie mehrere Monate auf dem Stützpunkt der US-Navy in der Guantánamo-Bucht verbrachte, bevor sie es schließlich in die Vereinigten Staaten schaffte. Seine jüngere Tochter schlief zu dieser Zeit noch in einer Wiege, die Ältere lernte gerade ihre ersten Buchstaben.

Es waren harte Zeiten für ihn. Er hatte mit den Angriffen seiner Schwiegermutter zu kämpfen, die es nicht akzeptieren wollte, dass er das Sorgerecht hatte und immer wenn sie ihn sah schrie sie aufgebracht: „Diese Mädchen brauchen eine Mutter!“. In seinem Dorf hatte er es auch nicht leichter. Ein Mann, der von seiner Frau verlassen wurde, fällt in Havanna nicht weiter auf, auf dem Land aber wird er zum Gespött der gesamten Nachbarschaft.

Er musste mit allem alleine fertig werden. Es musste seinen Töchtern erklären was das Einsetzen der Regel zu bedeuten hat und wie wichtig es ist, ein Kondom zu benutzen. Er stand lange vor Apotheken Schlange, um ihnen Binden zu kaufen und verkaufte einige seiner Sachen, um jeden Monat etwas mehr Baumwolle besorgen zu können. Er lernte Unterröcke zu bügeln, Strumpfhosen zu nähen und Nissen aus den Haaren zu entfernen. Am Anfang flocht er die Zöpfe noch sehr locker und die Schleifen gingen bereits nach wenigen Minuten wieder auf, aber inzwischen ist er zu einem richtigen Experten geworden.

Er hat keinen einzigen Morgen mehr verschlafen. Eines seiner Mädchen muss immer früh aufstehen und er bereitet ihr dann das Frühstück zu und weckt sie auf. Er hebt für die beiden seinen Teil des Brotes der monatlichen Ration auf, damit sie ein bisschen mehr essen können. Ihr “Papi” bereite die besten Bohnen des ganzen Landes zu, sagt die eine, und die andere bittet ihn immernoch alles zu durchzulesen was sie schreibt.

Er spricht nie schlecht über ihre Mutter. Er bewahrt für sie lieber das Bild einer Frau mit traurigem Blick, die irgendwo in Kalifornien sitzt und sich nichts sehnlicher wünscht als ihre Töchter wiederzusehen. Aber seit mehr als 10 Jahren kommen keine Briefe mehr an und das letzte Mal schien ihr ihre Arbeitssuche wichtiger zu sein als ihre beiden Töchter, die sie in Kuba zurückgelassen hat.

Ricardo hätte sich auch einfach abwenden können wie so viele andere auch. In der kubanischen Gesellschaft würde man ihn nicht dafür verurteilen, wenn er seine Töchter zur Großmutter abgeschoben hätte. Die Volksweisheit „padre es cualquiera“ („Der Vater ist irgendwer“), würde dieses Handeln sogar noch rechtfertigen. Sein Fall ist trotzdem keine Seltenheit. Seine Geschichte geht einfach nur inmitten der vielen Problemen unseres Alltags verloren.

Heute hat er, ohne Lärm zu machen, früh das Haus verlassen, um zum Friseur zu gehen und sich etwas Rum zur Feier des Vatertags zu kaufen. Es ist Sonntag, die Mädchen werden erst später aufstehen und in der Küche hört man schon wie er Bohnen für sie zubereitet.

Übersetzung: Anja Seelmann