Der Dialog in Venezuela – aus kubanischer Sicht

diálogoentregobiernoyoposición10AFoto: http://runrun.es/economia/112438/la-mud-le-lavo-la-cara.html

Die Gespräche zwischen der venezolanischen Opposition und Nicolás Maduro sind in vollem Gange. Die Kritiker sind zahlreich, der Verlierer steht bereits fest: die kubanische Regierung. Für ein System, das länger als ein halbes Jahrhundert seine Dissidenten disqualifiziert und unterdrückt hat, muss dieser runde Tisch eine schmerzhafte Einsicht in die eigene Unfähigkeit bedeuten.

Wir, die verblüfften kubanischen Fernsehzuschauer, konnten am vergangenen Freitag eine Debatte zwischen einem Teil der oppositionellen Kräfte in Venezuela und Vertretern der Regierung verfolgen. Das kontroverse Treffen wurde vom Kanal TeleSur übertragen; ein Kanal, der für seine Tendenz bekannt ist, mit seiner Art der Berichterstattung den Chavismus zu unterstützen. Dennoch, bei diesem Anlass fühlte sich TeleSur verpflichtet, auch die Befürchtungen und Argumente der Gegenpartei live zu übertragen.

Die Bedingung, dass Kameras und Mikrofone bei dem Gespräch zugelassen sein müssten, hat sich als genialer politischer Schachzug von Maduros Gegnern erwiesen. Auf diese Weise bezog man die Zuschauer in das Gespräch mit ein; und es erwies sich als sehr schwierig, im Nachhinein eine verfälschte Darstellung zu verbreiten. Die Teilnehmer der beiden politischen Lager rechneten mit einem 10-minütigen Exposé pro Partei; eine Zusammenfassung, die der venezolanische Präsident natürlich nicht schaffen konnte.

Was den ständig falsch informierten Kubanern als erstes auffiel, war das hohe Niveau mit dem die Opposition am runden Tisch argumentierte. Zahlen, Statistiken und konkrete Beispiele wurden in einem respektvollen Rahmen vorgelegt. Am folgenden Tag hörte man in den Straßen von Havanna den populären Satz: „Sie haben den Fußboden mit Maduro gefegt“; es war der meist wiederholte Kommentar dazu. Eine deutliche Anspielung auf die erdrückende Kritik, mit der ihn seine Gegenspieler konfrontierten. Trotzdem, die Unterstützer der Regierung zeigten sich verzagt und ängstlich, aber sie antworteten mit Statements, die vor Slogans nur so wimmelten.

Bei jenen, die ihre politischen Gegner noch kurz vorher als “Faschisten“ oder “Feinde des Vaterlandes“ beschimpften, hat dieser Runde Tisch zweifelsohne einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Schon wird Venezuela nicht mehr dasselbe sein, obwohl die Verhandlungen morgen ohne greifbare Vereinbarungen zu Ende gehen, und Nicolás Maduro dann wieder ein Mikrofon ergreifen wird, um Beleidigungen nach rechts und links zu verteilen. Er hat eingewilligt, sich einer Diskussion zu stellen; und das markiert den Unterschied zwischen dem Weg, den die kubanische Regierung zurückgelegt hat und diesem anderen, der für die venezolanische Regierung gerade beginnt.

Und in Kuba? Ist hier so etwas möglich?

Während der Übertragung der Gesprächsrunde aus Venezuela fragten sich viele von uns, ob sich etwas Ähnliches auf unserer politischen Bühne ereignen könnte. Obgleich die offizielle Presse den Dialog als ein Zeichen der Stärke des Chavismus ansieht, hat sie auch hinreichend Abstand bewahrt; sodass wir uns hinsichtlich einer möglichen kubanischen Version keine Illusionen machen sollten.

Es wäre weniger wunderlich anzunehmen, dass Raúl Castro ein Flugzeug besteigt und aus dem Land verschwindet, als sich ihn in Gedanken an einem Tisch zusammen mit jenen vorzustellen, die er als “Konterrevolutionäre“ bezeichnet. Im Verlauf von mehr als fünf Jahrzehnten haben er, wie auch sein Bruder, sich der Verteufelung von Dissidenten gewidmet, von daher sehen sie sich jetzt daran gehindert, ein Gespräch mit ihren Kritikern zu akzeptieren. Die Gefahr, die die Unfähigkeit zu verhandeln mit sich bringt, lässt eigentlich nur den Weg für einen Umsturz offen – mit Chaos und Gewalt als Folge.

Trotzdem, nicht nur die Führungsebene des kubanischen Regimes zeigt sich widerspenstig in Hinsicht auf jede Art von Verhandlungen. Auch der größte der Teil der Opposition der Insel will nichts von diesem Thema hören, noch darüber sprechen. Im Hinblick auf diese zweifache Ablehnung wird der Zeitplan für ein eher trügerisches Treffen keine Gestalt annehmen. Den Oppositionsparteien gelingt es nicht, sich auf ein Projekt für das Land zu einigen; eines, das sich konsequent in Verhandlungen als eine praktikable Alternative durchsetzen ließe. Wir, die Bürger einer entstehenden Zivilgesellschaft, haben Gründe, uns dadurch verunsichert zu fühlen. Die Politiker, die heute in der Illegalität operieren… sind sie bereit, diese Debatte zu unterstützen? Und sind sie fähig, die Zuhörer zu überzeugen? Werden sie uns würdig vertreten, wenn der Augenblick gekommen ist?

Die Antwort auf diese Frage wird man erst dann kennen, wenn die Gelegenheit gekommen ist. Bis jetzt haben sich die kubanischen Dissidenten eher auf einen Sturz des Systems konzentriert, als darauf, Strategien für einen Neuanfang zu erarbeiten; den größten Teil ihrer Energie haben sie auf den Widerstand gegen die Regierungspartei verwendet und nicht zur Überzeugung von möglichen regierungsfreundlichen Anhängern in der Bevölkerung. Angesichts ihrer begrenzten Möglichkeiten Programme zu verbreiten und so vieler materieller Einschränkungen, ist es diesen Gruppen nicht gelungen, ihre Botschaft einer hinreichend großen Zahl von Kubanern näher zu bringen. Es ist nicht ihre alleinige Verantwortung, aber sie müssen sich im Klaren sein, dass solche Mängel sie behindern.

Wenn schon morgen ein runder Tisch für Gespräche zur Verfügung stünde, wäre es dennoch wenig wahrscheinlich, dass wir von unserer Opposition so gut formulierte Reden hören würden, wie sie ihre Kollegen in Venezuela vortrugen. Dennoch, wenn sich Verhandlungen heute noch nicht als Möglichkeit abzeichnen, so sollte dies niemanden davon abhalten, sich darauf vorzubereiten. Kuba benötigt vor diesen möglichen Mikrofonen jene Wortführer, die die Interessen der Nation, ihre Sorgen und Träume, am besten vertreten. Sie könnten für uns Bürger sprechen, aber sie mögen dies bitte in Zusammenarbeit tun, ohne verbale Gewalt und mit Argumenten, die uns überzeugen.

 Übersetzung: Dieter Schubert

5 für Kuba unverzichtbare iOS Apps

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Wo wird wohl der erste Apple Store in Havanna sein? Diese Frage stelle ich mir hin und wieder, wenn ich meinen Zukunftsträumereien freien Lauf lasse. Ich stelle ihn mir an der Ecke Galiano y Reina vor, diese Bögen könnten den Riesenapfel nur zu gut stemmen. Obwohl es wohl noch etwas dauern wird bis wir Steve Jobs „Früchtchen“ in Kuba legal in einem Schaufenster bewundern können werden, sind diese hochtechnologischen und auf gutes Design bedachten Produkte schon im Lande eingetroffen. Dank des Schwarzmarkts, der Solidarität so vieler Reisender und des Hungers nach allem was neu und modern ist, gehören das iPad oder das MacBook Pro immer mehr zu unserem Alltag.

Der Gefallen, den wir an iPhones gefunden haben, fördert die Entstehung eines wahrhaften Handels mit Applikationen. Programme mit verschiedenen Funktionen, wie Spiele, Landkarten, Wörterbücher und audiovisuelle Medien, sind bei unzähligen Privathändlern auf der ganzen Insel erhältlich. Die Fachmänner in diesem Handwerk sind sehr jung und bieten auch das Entsperren von Smartphones, Jailbreak, das Auswechseln kaputter Bildschirme, Säuberung des Einschaltknopfs und ein breites Sortiment an Ladekabeln an. Da ist für jeden Geschmack und Gelbeutel etwas dabei.

Hier kommt eine Liste der fünf für Kubaner unverzichtbaren iOS Apps. Werkzeuge, mit denen wir die Zensur umgehen, Alltagsprobleme lösen oder uns einfach nur ein bisschen vergnügen können.

  •  OffMaps2: Eine hervorragende Applikation mit Karten diverser kubanischer Provinzen und der Möglichkeit auf diese auch ohne Internetverbindung zuzugreifen. Ihre Straßennachbildungen sind ziemlich wirklichkeitsgetreu, mit dem Zusatz, dass man Sehenswürdigkeiten und andere Orte von Interesse in der Umgebung ausfindig machen kann. Die Lokalisierung funktioniert in diesem Fall nicht via Satellit, sondern durch Triangulation der Telefonantennen. Dadurch ist sie zwar nicht ganz so präzise, aber man verliert sich zumindest nicht mehr in Städten und Dörfern, die man zum ersten Mal besucht.
  • Minipedia: Eine Offline-Version der berühmten interaktiven Enzyklopädie Wikipedia. Der Vorteil dieser Applikation ist, dass dazu kein Jailbreak nötig ist., Eine, wenn auch ohne Bilder, relativ aktuelle Version der spanischen Datenbank XL ist erhältlich. Weitere Apps unter anderem Wiki Spanisch und die Wikipedia-Funktion innerhalb des Navigators Safari, machen Minipedia Konkurrenz, obgleich Safari nur auf Mobiltelefonen funktioniert, die einem Jailbreak unterzogen wurden.
  • Messy SMS: Dies ist die perfekte Applikation für diejenigen, die Freunden eine SMS schicken wollen ohne von der Telefongesellschaft ausspioniert zu werden. Man muss nur ein Passwort mit dem Empfänger vereinbaren und schon können die zu versendenden Texte ver- und entschlüsselt werden. Lustig, einfach und notwendig in der heutigen Zeit, in der mehr als nur ein indiskreter Blick auf unseren Privatnachrichten ruht. 
  • WordLens: Eine praktische Funktion, die Fotolinse und Übersetzer für verschiedene Sprachen in einem ist. Sie ermöglicht die direkte Übersetzung von Plakaten und Texten, die sich in Reichweite der Linse unseres Telefons befinden. Obwohl das Ergebnis eine Wort-für-Wort-Übersetzung ohne jegliche literarische und metaphorische Kniffe ist, kann sie uns, wenn wir es mal eilig haben und einen Text nicht entziffern können, aus der Patsche helfen. 
  • PhotoStudio: Diese App ist dann nützlich, wenn man seine Bilder mit nur ein paar Handgriffen bearbeiten möchte. Sie enthält Filter, eine Zuschneidefunktion und man kann mit ihrer Hilfe die Bildgröße verändern und sogar Text hinzufügen. Nach der Bearbeitung kann das Bild gespeichert, exportiert oder bei Internetzugang auf eines der sozialen Netzwerke hochgeladen werden.

Ich hoffe diese Apfelspalten ebnen den Weg zu einer nahen Zukunft hin, in der Apple –ohne Einschränkungen- in unser Leben Einzug halten wird.

Übersetzung: Katrin Vallet

 

 

 

Verbringe den Tag mit gesundem Frohsinn

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Als ich sieben Jahre alt war, war mein Lächeln unvollständig. Ich verlor gerade meine Milchzähne und außerdem las ich jedes Plakat das meinen Weg kreuzte. Es waren Zeiten des Lernens und der vom Spielen aufgeschürften Knie. Heute blase ich wieder die gleiche Anzahl an Kerzen auf einer imaginären Torte aus. Dieses Mal nicht für mich, sondern für das virtuelle Wesen, das am 9. April 2007 das Licht der Welt erblickte und das in diesen Jahren auch das Zahnen, Fieberanfälle, Gelächter und Ausrutscher durchlebt hat.

Generación Y hat Geburtstag, mit fast 1000 veröffentlichten Posts, beinahe 1,5 Millionen Kommertaren und vielen verloren gegangenen, aber auch dazugewonnenen Freunden.

In dieser Zeit hatte ich kein einziges Mal mit einer Schreibblockade zu kämpfen. Ich habe viel eher das Gefühl, dass weder die Zeit noch die Zugänglichkeit zum Internet ausgereicht haben um all die Wirklichkeiten zu erzählen, die Kuba vor meinen Augen enthüllte. Der Blog führt längst ein Eigenleben. Er atmet durch seine Leser und existiert bereits auf einer parallelen Ebene, auf der ich ihn längst nicht mehr erreichen, verstecken oder schützen kann. Er hat die Hürden der anfänglichen Unsicherheit, der staatlichen Verteufelung, des Misstrauens so vieler, der technologischen Schwierigkeiten und selbst die meines Selbsterhaltungstriebs, der mich mehr als nur einmal zum Aufgeben bewegen wollte, überwunden. Und hier ist er nun mit seinen Schrammen und seiner Erfahrung die er in den letzten sieben Jahren gesammelt hat.

Schon bald wird ein neuer Lebensabschnitt beginnen. Generación Y „bezieht” sein neues Heim innerhalb eines Mediums des digitalen, kollektiven und modernen Journalismus. Das nächste Mal wird es eine Torte mit neuen Gesichtern geben. Blasen wir die Kerzen jetzt schon einmal für sie mit aus!

 Übersetzung: Anja Seelmann

Apretaste!

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Tatiana will einen Kinderwagen verkaufen, Humberto ist auf der Suche nach Sportschuhen, und die Rentnerin um die Ecke versteigert einen Mahagoni-Schreibtisch. Das Tauschgeschäft bzw. der private An- und Verkauf mildern ein wenig die Unterversorgung staatlicher Märkte ab. So ist es inzwischen selbstverständlich, dass an den Mauern und Wänden Anzeigen hängen, in denen jemand ein Haus zum Verkauf oder Dienste zur Reparatur von Möbeln anbietet. In den Kleinanzeigen-Portalen im Internet handelt man mit allem was man sich vorstellen kann; von einer illegalen Satellitenschüssel bis hin zu Vogelfutter. 

Trotz der schlechten Verbindung, sind die Portale im Stile von Craigslist sehr beliebt auf der Insel. Einige von ihnen haben Strategien entwickelt, um die kubanischen Leser zu erreichen, wie zum Beispiel die Verteilung von Kleinanzeigen per E-Mail. So ist es auch im Fall von Apretaste!, das einen Dienst zum senden und empfangen von E-Mails für Nutzer auf unserer „Insel der Abgeschotteten“ anbietet. Als Gewinner des Hackathon, das vergangenen Februar in Miami stattfand, hat die Seite viel Potential und verfügt über ein einfaches und gefälliges Design.

Bei dem Besuch der Homepage von Apretaste! muss ich an einen Satz denken, den ich mir immer vorsage, wenn ich auf irgendeine Schwierigkeit stoße. „Kreativität ist die Fähigkeit ein Fenster zu öffnen, wenn die Tür verschlossen ist“, sage ich wie ein Mantra zu mir, selbst in komplizierten Situationen. Dieses Portal für Kleinanzeigen ist nun ein winziges und hoffnungsvolles Fenster, das sich geöffnet hat in der Mauer der Abschottung. Ein Lufthauch weht durch dieses Fenster.  

Ich hoffe, dass eines Tages Tatiana, Humberto und die Rentnerin um die Ecke nicht nur die Möglichkeiten von Apretaste! über den E-Mail Service  nutzen können, sondern ins Internet gehen können, einfach einen Begriff in die Suchleiste setzen, klicken, und so das finden, was sie so dringend brauchen. 

Übersetzung: Valentina Dudinov

#MejorDesnudosQue (#LieberNacktAls)

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Eine Frau mit entblößten Brüsten ist das Orakel in einem kurzlebigen Kunstwerk. Es ist das Havanna der 80er Jahre, wo der Skandal, den die Ausstellung „Neun Alchimisten und ein Blinder“ auslöst, erst mit deren Schließung und der Verteufelung nicht weniger Künstler endet. Das freie Zeigen von Haut gilt als Herausforderung und Protest in einem Land, in dem sich die Macht noch heute in olivgrüne Uniformen mit langen Ärmeln hüllt – schweißtreibende Aufmachungen, die verstecken anstatt zu zeigen.

Autoritäre Systeme können schlecht mit der Nacktheit umgehen. Für sie ist sie unrein, schmutzig und demütigend, während sie doch in Wirklichkeit der natürliche und ursprüngliche Zustand des Menschen ist. Prüde sind sie, die totalitären Systeme, prüde und furchtsam. Jede libertäre Geste erschreckt sie, und zu viel gezeigte Haut empfinden sie als eine Geste der Herausforderung. Sie denken so, weil sie im Grunde den menschlichen Körper als unrein und obszön ansehen. Von daher gehört das Entkleiden ihrer Widersacher zu einer der Unterdrückungspraktiken, die sie am meisten genießen. Sie glauben, dass sie jene mit dem Entzug der Kleidung auf Tiere zu reduzieren. Der gleiche mentale Mechanismus bringt sie dazu, ihre Kritiker als “Würmer“, “Ungeziefer“ oder “Kakerlaken“ zu bezeichnen.

In einer fensterlosen Zelle zwingt ein Wärter einen politischen Gefangenen sich auszuziehen; in einem Zimmer, aus dem niemand die Schreie hören kann, tatschen drei Frauen eine soeben verhaftete Bürgerin unter ihrer Kleidung ab; in der Herberge einer Landschule haben die Duschen keine Vorhänge, damit kein Schüler ein Territorium für sich und seinen Körper beanspruchen kann; in einem kalten und grauen Raum wurden die Juden gezwungen sich auszuziehen, bevor sie die Gaskammern betraten. Entkleiden um zu erniedrigen; Entkleiden um zu entmenschlichen; Entkleiden um zu töten.

Die Bilder, die uns aus Venezuela erreichen, bestätigen, dass der Kleiderentzug als ein Akt moralischer Bestrafung noch immer praktiziert wird. Ein Jugendlicher wird von einer Gruppe ausgezogen, die versucht ihn zu erniedrigen, indem sie jeden Zentimeter seiner Haut zur Schau stellt. Dennoch, sie machen aus ihm am Ende eine Ikone für Schönheit, Reinheit und Unschuld. Es gibt nichts Schmutziges am menschlichen Körper! Es gibt nichts, wofür man sich schämen muss, wenn wir vor anderen so dastehen, wie wir zur Welt gekommen sind!

Sollen sich doch diese anderen schämen, die sich hinter ihren Uniformen und Ausrüstungen verstecken und hinter ihren militärischen Rängen, die sie sich selbst verliehen haben. Sollen sich jene schämen, die sich unter ihren skandalösen Aufmachungen der Angst verbergen!

Übersetzung: Nina Beyerlein

Video NTN-24:  „Am Donnerstag wurden bei einer Demonstration gegen die Wirtschaftskrise und die Arbeitslosigkeit an der Zentraluniversität Venezuelas (UCV) in Caracas, mehrere Studenten von bewaffneten und vermummten Männern geschlagen und ausgezogen. Die Studentenföderation sowie die Universitätsleitung lehnten die Gewalt ab.“  

Ausweis oder Pass?

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Foto: Silvia Corbelle

Das ganze Viertel rief ihn mit seinem eigentümlichen Namen, den er von seinem baskischen Großvater geerbt hatte. Aufrecht bei ideologischen Fragen machte er allen klar, dass er “ein Mann der Sache sei“. Versammlung folgte auf Versammlung, Bericht auf Bericht, Anzeige auf Anzeige; nur Wenige übertrafen ihn in seinen Treuebeweisen für das System. Charakteristisch für ihn waren auch seine mürrische Miene bei Nonkonformisten und die Umarmung derer, die seine Ideologie teilten. So war er, bis vor einer Woche.

Sein Stammbaum trug Früchte; der streitbare Mann konnte gerade seinen spanischen Pass abholen*. Im inneren Zirkel der kommunistischen Partei bedrängten sie ihn zu wählen: die ausländische Staatsbürgerschaft, oder weiterhin aktiv in der Organisation mitzuarbeiten. Treu, aber nicht dumm, entschied er sich für die erste Option. Seit einigen Tagen hat er sein neues Leben begonnen: ohne roten Ausweis, ohne Statuten. Er hat angefangen, den Dissidenten des Viertels zuzuzwinkern: „Du weißt doch, du wirst immer auf mich zählen können“, sprach er gestern einen direkt an, den er bis vor kurzem noch überwacht hatte.

Was für eine komische parteiische Organisation, die sich einerseits mit ihrer internationalen Solidarität aufplustert, andererseits aber keine Kommunisten mit doppelter Staatsbürgerschaft in ihren Reihen haben will. Wenigstens hilft solch geistige Beschränktheit, dass aus manchen Extremisten “harmlose Ausländer“ werden. Gemessen an der Geschwindigkeit, mit der diese das Lager wechseln, darf man sich fragen, ob sie früher an das geglaubt haben was sie taten, oder ob sie nur Opportunisten waren. Wenn sie den Pass der EU vorziehen, dann wählen sie vielleicht nur eine andere Maske, oder wie ein Chamäleon die Hautfarbe.

*Anmerkung des Übersetzers: Der spanische Gesetzgeber hat den Zeitraum begrenzt, in dem Kubaner spanische Großeltern nachweisen können, um so die spanische Staatsbürgerschaft zu erhalten.

Übersetzung: Dieter Schubert

Ein Tag ohne “Cuentapropistas”*

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El sueño de la razón produce monstruos (Wenn die Vernunft schläft, wachen Monster auf) Francisco de Goya

Der Tag begann wie ein Albtraum. Der kleine Pott Kaffee am Morgen fiel aus, weil der Verkäufer mit seiner Thermoskanne und den Pappbechern nicht an der Ecke stand. Deshalb schlurfte sie zur Omnibushaltestelle, wobei sie aufpasste, ob nicht vielleicht ein Sammeltaxi vorbei kommen würde. Nichts. Weder ein alter Chevrolet kam die Avenida herunter, noch ließ sich irgendwo ein praktischer amerikanischer Oldtimer-Kombi sehen, der bis zu zwölf Fahrgäste mitnehmen kann. Nach einer Stunde Warten gelang es ihr in einen Bus einzusteigen; leicht gereizt, weil sie keine Tüte mit Erdnüssen hatte, um damit den „Wolf“ zu besänftigen, der in ihrem Magen heulte.

In der Arbeit gab es an diesem Tag wenig zu tun. Die Direktorin schaffte es nicht zu kommen, weil die Frau, die sonst ihre Tochter betreut, nicht erschienen war. Wieder anderes passierte dem Geschäftsführer, dem ein Reifen seines Lada geplatzt war; und zu allem Unglück hatte der Typ des Viertels, der Reifen repariert, geschlossen. In der Mittagspause wogen die Tabletts fast nicht, leer wie sie waren. Der Straßenhändler war nicht mit seinem Karren vorbeigekommen, wo er Gemüse -und Fleischgerichte verkauft, um damit das Mittagessen aufzustocken. Der Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit bekam einen Nervenzusammenbruch, weil er nicht die Fotos ausdrucken konnte, die er für ein Visum brauchte. An der Tür des nahen Fotoladens hing ein Schild „Wir öffnen heute nicht“; damit waren seine Reisepläne gescheitert.

Sie beschloss zu Fuß nach Haus zu gehen, um sich das Warten zu ersparen. Ihr Sohn fragte sie, ob es etwas Essbares gäbe; aber der Brotlieferant, der immer so durchdringend ruft, war nicht gekommen. Auch die Idee “Pizza – Kiosk“ funktionierte nicht, und bei einem Abstecher zum Bauernmarkt fand sie nur leere Stände vor. Sie kochte sich das Wenige das sie fand, und für den Abwasch verwendete sie einen Fetzen aus einem alten Hemd, weil Spülpads Mangelware sind. Zu allem Überdruss lief auch der Ventilator nicht an, und der Techniker für Haushaltsgeräte ließ sich nicht in seiner Werkstatt blicken.

Sie ging zu Bett, unbehaglich und schweißnass, und hoffte, dass beim Aufwachen alle die Leute, die ihr das Leben erleichtern, wieder da wären: die “Cuentapropistas“*, denn ohne die sind ihre Tage eine Folge von Entbehrungen und Verdruss.

Anm. d. Übers.: *“Cuentapropistas“ sind selbständige Kleinunternehmer auf Kuba, die auf eigene Rechnung – “cuenta propia” – wirtschaften dürfen

Übersetzung: Dieter Schubert

 

Und du mein Sohn, tu dich bloß nicht hervor!

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Foto: Silvia Corbelle 

Während du deinen Schulranzen packtest, lag dir deine Mutter mit ihrer alten Leier in den Ohren. „Halt dich mal lieber aus allem raus, denn danach wird man nur immer in alles Mögliche hineingezogen“, ertönte es aus der Küche. Und so machtest du dich auf deinen morgendlichen Schulweg, in dich gekehrt, um bloß nicht aufzufallen. Das Läuten der Schulglocke rief zum Eintritt ins Klassenzimmer auf, wo die Geschichtslehrerin mit ihrer ketzerischen Version der Vergangenheit schon auf euch wartete. Du wusstest, dass nichts so war wie sie es schilderte, weil du in den Büchern deines Großvaters andere Versionen gelesen hattest, aber du schwiegst… um nicht in Schwierigkeiten zu geraten.

Du kamst in den Stimmbruch und schon fandst du dich als Soldat im obligatorischen Militärdienst wieder. Du hast im Laufe der Jahre eine Überlebensstrategie entwickelt und wenn nun der Offizier brüllend zu mehr Aufopferung aufrief, riefst du dir wiederholt ins Gedächtnis, dich besser nicht bemerkbar zu machen. Unbemerkt durchkommen, sich nicht einbringen, niemals auffallen, so lauteten deine Grundsätze in diesem Alter. Nie hast du eine Idee geäußert, nie auch nur einen Änderungsvorschlag, das Einzige, was deine Vorgesetzten aus dir hervorbrachten, war ein „zu Befehl!“, das man dir eingebläut hatte. Danach kamst du an die Universität, wo du zum Ziel hattest das Diplom zu erreichen, das Studium abzuschließen, und das ohne in Schwierigkeiten zu geraten.

Deine Kinder werden geboren und von klein auf liest du ihnen aus der ABC-Fibel der Vortäuschung vor. „Tut euch bloß nicht hervor, das bringt nur Ärger“, rätst du ihnen von dem Moment an, in dem sie deine Worte begreifen können. Und so hältst du das Rad der Vortäuschung in Bewegung, gibst jenes an deine Kinder weiter, was einst deine Eltern dir vermittelten.

Doch du bist nicht unversehrt davongekommen. Du hast die anderen nicht mit deiner List hinters Licht geführt. Denn im Grunde genommen hast du dir nur selbst etwas vorgemacht. Vor lauter Zurückhaltung, in dem Versuch so wenig wie möglich auszudrücken, dich, wenn es ging, nicht zu manifestieren, all das hat dich zu dem mittelmäßigen Mann gemacht, der du heute bist, ein vom System gezähmtes Wesen.

 Übersetzung: Katrin Vallet

Cosita

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Foto: Silvia Corbelle

Sie verließ Banes an einem heißen und stickigen Morgen. In der Tasche trug sie nur etwas Unterwäsche und die Adresse ihrer Verwandten in Havanna bei sich. Als der Zug am Hauptbahnhof ankam, atmete Cosita tief ein und füllte ihr Lungen mit diesem für die Hauptstadt so typischen Geruch nach stark verbranntem Öl. Ich bin in „la Placa”* sagte sie zu sich selbst und ein Gefühl des Sieges überkam sie. Sechs Monate später würde sie an diesen Ort zurückkehren, mit einer polizeilichen Verwarnung und einer halben Waschmaschine, um sie mit in den Zug zu nehmen…

Cosita machte es sich im Wohnzimmer einer Cousine bequem und begann damit Plasikflaschen und Nylonfetzen aus den umliegenden Müllcontainern zusammenzusuchen. Aus diesen fertigte sie künstliche Blumen, die sie verkaufte, um sich mit Nahrungsmitteln zu versorgen und um ihren Verwandten aus Havanna “etwas” dazugeben zu können. Sie fragte sich durch das Viertel auf der Suche nach Junggesellen, denen sie sich – auch wenn sie schon älter waren – als eine “reinliche Frau”, die alles in einem Aushalt erledigt anbot, aber sie kam zu keiner einzigen Übereinkunft. Sie wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis die Polizei sie auf der Straße anhalten und festellen würde, dass sie eine Illegale war. Eine weitere „Palestina”, wie die Bewohner der Hauptstadt die Leute aus dem Osten des Landes verächtlich zu bezeichnen pflegten.

Sie erwischten sie an einem grauen, regnerischen Nachmittag, an dem sie ihre Blumen außerhalb eines Agrarmarktes verkaufte. Sie verhängten ihr eine Geldbuße wegen einer rechtswidrigen wirtschaftlichen Tätigkeit und teilten ihr mit, dass sie 72 Stunden habe, um die Stadt zu verlassen. Aber Cosita konnte noch nicht gehen. Sie hatte es geschafft, dass man ihr die Hälfte einer Waschmaschine des Modells „Aurika” schenkte und sie hatte noch keine Transportmöglichkeit gefunden, um diese mitnehmen zu können. Außerdem hatte ihr ein Nachbar einen alten Schrank für die Kinder überlassen, der weder Türen noch Schubfächer hatte. All das waren die Besitze, die sie während ihres Abenteuers in Havanna ergattert hatte und sie dachte nicht daran, diese zurückzulassen.

Die Lastwagenfahrer verlangten viel zu viel dafür ihre “Schätze” bis nach Banes zu transportieren. Sie konnte ihre Verzierungen aus Nylon nun nicht mehr länger verkaufen und ihre Verwandten, die sie aufgenommen hatten, fürchteten eine weitere Geldbuße für das Beherbergen einer Illegalen in ihrem Haus. Cosita verließ Havanna in einer kalten Dezembernacht, bei sich trug sie die halbe Waschmaschine und ihre Tasche, die so leer war wie an dem Tag an dem sie angekommen war. Der Schrank blieb in einem Flur zurück und irgendjemand verwendete seine Bretter dafür, um eine undichte Stelle an seinem Fenster zu schließen. Die Kleiderstange wurde dafür hergenommen, den kaputten Stil eines Besens zu ersetzen und die Nägel wurden in einem Stuhl wiederverwendet.

Cosita, die nun wieder in Banes ist, träumt davon nach Havanna zurückzukehren. Sie erzählt ihren Freunden von ihren Tagen in der „Hauptstadt aller Kubaner“ und schwärmt von dem Schrank aus gutem Holz für die Kinder, den sie eines Tages – als Trophäe – mit in ihr Dorf bringen würde.

*La Placa ist einer der volkstümlichen Namen, die für Havanna verwendet werden

 Übersetzung: Anja Seelmann

Einige Tage mit Nauta

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“Die Schlange ist lang, aber es geht schnell voran”, sagt mir jemand vor dem Eingang einer Filiale von Cubacel. Nach einer Stunde und mehrfacher Schreie eines Wachmannes an diejenigen, die sich an der Tür zusammendrängen, schaffe ich es hinein zu kommen. Die Mitarbeiterin sieht verschlafen aus und warnt mich, dass man damit nur E-Mails mit dem Account Nauta öffnen könne, dass “sich aber das Mobiltelefon unter gar keinen Umständen konfigurieren“ lasse. Ich provoziere sie ein wenig: „Ist schon gut, ich weiß wie man das macht – habe mir das Handbuch schon im Internet herunter geladen“. Die Stichelei geht auf, weil sie mich neugierig fragt: „Ah, ja… und könnten Sie einer Freundin von mir helfen, die nicht weiß, wie man das macht?“

Sei nicht überrascht, lieber Leser; wir sind in Kuba, wo das Restriktive sich mit dem Chaotischen vermischt. Wo die Person, die ihren Kunden helfen sollte, am Ende diese selbst um Unterstützung bittet. Somit helfe ich ihrer Freundin bei der Aktivierung des Mail-Accounts.

Nachdem ich so ihr Vertrauen gewonnen habe, gehe ich dazu über, einige Informationen von der gelangweilten Frau zu bekommen. „Ich bin mir sicher, dass sie bald auch mobiles Internet anbieten werden“, erwähne ich, als wäre es nur ein weiterer Kommentar. Ein Zungenschnalzer und ein „machen Sie sich keine Illusionen“, kommen mir hinter ihrem Schreibtisch entgegen. Ich setze noch einen drauf: „Nun, wenn sie es über das Kabel aus Venezuela machen, kann ich mir vorstellen, dass sie den Service erweitern werden“. Und an dieser Stelle gibt sie mir zu verstehen, dass „das Kabel für andere Sachen gedacht“ sei, während sie ihren Zeigefinger an ein Auge führt – ein Zeichen für „Überwachung“.

Ich gehe nach Hause und stolpere bei jedem Schritt, denn ich schaue auf den Bildschirm meines Mobiltelefons und auf das Icon, das mich über neue Mitteilungen informiert. Das erste was ich mache ist, meinen Freunden und Verwandten zu schreiben und sie zu warnen: „Diese Mail-Adresse @nauta.cu ist weder zuverlässig noch sicher, aber…“. Und dann eine lange Liste mit Gedanken, wozu ein Postfach, das keine Privatsphäre zulässt, denn dienen könnte; aber dass ich andererseits die Mails jederzeit mit meinem eigenen Mobiltelefon abrufen kann. Ich wende mich an mehrere Bekannte und bitte sie, mich über E-Mail bei mehreren nationalen und internationalen Nachrichtendiensten anzumelden. Nach knapp einer Stunde verstopft eine Flut von Informationen und Stellungnahmen meinen Posteingang.

Die nächsten Tage verbringe ich mit der Suche nach Details dieses Services, seinen Grenzen und Möglichkeiten. Ich stelle fest, dass es damit viel günstiger ist Fotos zu verschicken, als über den bisherigen Weg der MMS. Früher kostete die einzige Möglichkeit ein Bild zu versenden 2.30 CUC (2 USD) – und es war zum Verzweifeln langsam. Nun kann man sowohl Flickr als auch TwitPic und Facebook über den Publishing-Service der E-Mail aktualisieren, und man zahlt 0.01 CUC pro Kilobyte. Ein durchschnittliches Bild im Web ist nicht größer als 100 kB.

Zu seinen Leistungen gehört auch die Möglichkeit, den Informationsfluss von langen Texten aufrecht zu erhalten – weit über die 160 Zeichen einer SMS hinaus –, mit Nutzern von Cubacel, die diesen Service bereits aktiviert haben. In den ersten 48 Stunden habe ich es geschafft, eine Reihe von Nachrichten an andere Aktivisten in unterschiedliche Regionen Kubas zu verschicken. Bisher sind alle Nachrichten angekommen… obwohl der Vertrag von Nauta die Drohung enthält, den Dienst zu sperren, sofern „Aktivitäten (…) gegen die Unabhängigkeit und die nationale Souveränität“ festgestellt werden.

Außerdem habe ich die Effektivität der GPRS-Verbindung in mehreren Provinzen getestet, wie sie für das Empfangen und Versenden von Mitteilungen erforderlich ist. Sowohl in Havanna, als auch Santiago de Cuba, Holguín, Camagüey und Matanzas konnte ich mich ohne große Probleme ins Netz einloggen. Mit Ausnahme einiger Stellen auf Landstraßen, wo es nicht einmal die Möglichkeit gibt anzurufen, waren alle anderen Versuche erfolgreich.

Nicht alle Nachrichten sind gut

Zeitgleich mit dem neuen E-Mail-Service für Mobiltelefone, machte sich eine Verschlechterung beim Versenden von SMS bemerkbar. Dass Hunderte von Nachrichten in den letzten Tagen ihre Empfänger nicht erreicht haben, obwohl sie von der Telefongesellschaft sofort berechnet wurden, weist auf einen Akt der Zensur oder einen Zusammenbruch der Netze hin. Ich würde gerne das Letztere glauben, wären unter den Geschädigten nicht so viele Aktivisten, Oppositionelle, unabhängige Journalisten und andere unbequeme Bürger.

Auf der anderen Seite sollten wir nicht zu naiv sein. Nauta hat alle Kennzeichen eines “fleischfressenden“ Netzes, das unsere Informationen herunterschluckt und unsere Korrespondenz zu Überwachungszwecken verwendet. Höchstwahrscheinlich enthält es einen Filter für Schlüsselwörter, und observiert von Minute zu Minute bestimmte persönliche Konten. Ich schließe auch nicht die Veröffentlichung von Inhalten privater Nachrichten in staatlichen Medien aus, wenn dies die Regierung für zweckmäßig hält. Genauso wenig wie Phishing, um das Ansehen einiger Kunden zu beschädigen oder die Nutzung von Informationen – beispielsweise über Nachrichten in sozialen Netzwerken – um an Daten heranzukommen.

All diese Möglichkeiten müssen wir bei der Nutzung des neuen Services beachten, da es keine Unabhängigkeit zwischen der Telefongesellschaft und den Geheimdiensten des Landes gibt. So könnte jedes geschriebene Wort, jeder genannte Name, jede Meinung – die über Nauta verschickt wurden – in den Archiven der Staatssicherheit landen. Wir sollten es also vermeiden, ihnen diese Arbeit leicht zu machen.

Nach einer Woche mit Nauta habe ich den Eindruck, als handelt es sich hier um einen Spalt in der Tür, die sich öffnet. Durch den dringt unsere Stimme nach draußen; er kann uns aber auch in seinen Bann ziehen. Eine Nachäffung des Web, ein “verkrüppeltes“ Internet; sein Dienst bleibt weit hinter dem zurück, was wir als Bürger des 21. Jahrhunderts gefordert haben. 

Dennoch schlage ich vor, diese neue Möglichkeit zu nutzen und Grenzen zu verschieben, so wie wir es schon mit reinen Textnachrichten gemacht haben. Ein Gebrauch mit Vorsicht, aber mit bürgerlichem Bewusstsein… Dieser Weg kann uns helfen, die Qualität und die Quantität von an uns gerichtete Informationen zu verbessern, und auch unsere Präsenz in sozialen Netzwerken. Wie der Name schon sagt: wenn sie uns nicht Internautas (Internet-Surfer) sein lassen… können wir doch zumindest versuchen nautas zu sein.

Übersetzung: Valentina Dudinov