Wem gehört das Gehirn?

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Meine Familie beansprucht diese Neuronenmasse für sich, bestärkt in diesem Denken durch die Fürsorge, die sie mir als Kind angedeihen ließ. Die Lehrerin, die mir das Lesen beibrachte, verlangt nach Anerkennung für jene Gehirnverbindungen, die mir halfen, Denken und Sprache in Einklang zu bringen. Auch jeder meiner Freunde könnte auf seinen Anteil bestehen, auf sein Stück des einen oder anderen Gehirnlappens, da er in dessen zarte Gehirnwindungen angenehme und leidvolle Erlebnisse eingraviert hat. Selbst der Junge, der nur für eine Sekunde meinen Weg kreuzte, hätte Anrecht auf einen Teil meines Kortex, weil er eine winzig kleine Erinnerung in meinem Gedächtnis hinterlassen hat.

Allen Bücher, die ich gelesen habe, jedem Eis, das ich gegessen habe, den Küssen, die ich kühl oder leidenschaftlich verteilt habe, den Filmen, die ich angeschaut habe, dem morgendlichen Kaffee und dem Geschrei der Nachbarn … all ihnen gehört ein gewisses Quantum dieser grauen Masse, die ich hinter meiner Stirn trage. Der Katze, die schnurrt und sich festkrallt, dem Polizisten, der Wache schiebt und in seine Trillerpfeife bläst, der Beamtin, die ihre Militäruniform ordnet und ‘nein‘ sagt, dem mittelmäßigen Lehrer, der ‘geografia‘ ohne Akzent schreibt, und der brillanten Referentin, deren Worte Türen und Fenster zu öffnen scheinen. Ihnen sollte ich meine kortikalen Zellen geben, eine nach der anderen, weil sie es fertiggebracht haben, in ihnen unauslöschliche Spuren zu hinterlassen. Ich müsste meine Axone an Millionen von – lebenden oder toten – Menschen verteilen, die ich einmal kennengelernt oder von denen ich nur eine Musiknote oder ihre Verse gehört habe.

Nach dem neuen Gesetzesdekret 302, das auch die Auslandsreisen von Akademikern regelt, gehört mir nun also mein eigenes Gehirn nicht mehr. Genauso ergeht es dem Rest der Hochschulabsolventen. Nach dem neuen Gesetz sind die Falten und Furchen dieses Organs Eigentum eines Bildungssystems, das sich seiner Kostenfreiheit rühmt, um danach das Anrecht auf unseren Intellekt einzufordern. Die Behörden, die darüber entscheiden, wer diese Insel verlassen darf, sind der Meinung, dass ein qualifizierter Bürger lediglich ein Konglomerat einer vom Staat geformten Hirnsubstanz ist. Aber die Nutzungsrechte an einem menschlichen Geist zu beanspruchen ist, als ob man im Meer Türen einbauen, jedem Neuron Fesseln anlegen will.

Übersetzung: Angelika Münch-Holzmeier

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