Sprachreformen

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Foto: Wir werden keiner Erpressung nachgeben, weder einem Land noch einer Staatengemeinschaft, wie mächtig sie auch sei, komme, was wolle!

Keine Sorge, lieber Leser, dieser Text handelt nicht von dem, was Sie denken. Es ist kein Aufruf an die königliche Akademie der spanischen Sprache, um den Prozess zur Aufnahme von neuen Begriffen zu beschleunigen, es ist nicht einmal eine Beanstandung, um die Unübersichtlichkeit der spanischen Orthografie zu reduzieren. Nichts von alle dem. Das Gewand der Philologin habe ich vor geraumer Zeit an den Nagel gehängt und inzwischen verstehe ich mehr von Bytes als von Silben, mehr von Tweets als von Konjugationen. Ich rede eher von diesen eigenartigen sprachlichen Verdrehungen, die man in Cuba verwendet, um wirtschaftliche, politische oder soziale Phänomene zu benennen. Die „Reformen“, die wir erleben, scheinen sich eher auf dem Gebiet der Sprache und der Bedeutungslehre zu vollziehen, als in der konkreten Realität. Ich werde einige Beispiele geben … haben Sie bitte etwas Geduld.

In unserem Land ist es üblich, von „Aktualisierung des sozialistischen Modells“ zu sprechen, wenn es sich einfach nur um Maßnahmen handelt, die dem System Elemente der Marktwirtschaft hinzufügen. Es wird als „Arbeit auf eigene Rechnung“ bezeichnet, was an jedem anderen Ort der Welt als „privater Handel“ bekannt wäre. Die Arbeitslosen sind auch nicht unter dem entsprechenden Begriff erfasst, sondern laufen unter der Überschrift „einsatzbereite Arbeiter“, eine sehr abgemilderte Art um das Drama der Arbeitslosigkeit zu beschreiben. Wenn in den Krankenhäusern die Röntgen- und Ultraschallaufnahmen um ein vielfaches gekürzt werden, so man erklärt dies damit, dass es eine Möglichkeit sei, um „die klinischen Diagnosen zu potenzieren“. Was in Wahrheit so viel heißt, dass der Arzt mit seinen Augen und Händen von einem Bruch bis zur inneren Blutung alles erkennen muss.

Für den offiziellen Diskurs ist die Frustration des Volkes über die Reformen einfach nur ein Zeichen von „Unverständnis und Disziplinlosigkeit“. Wenn darüber hinaus dieser Unmut in Protesten auf der Strasse endet, dann sind die Beteiligten weder „empörte Bürger“ noch „Arbeiter, die ihre Rechte einfordern“, sondern vielmehr „Söldner“ und „Konterrevolutionäre“. Auf dieser Insel ist der Ausdruck „Das Volk“ einer von vielen Pseudonymen der Macht, somit können Sie sich die Verwirrungen vorstellen, welche dadurch häufig entstehen. Wenn zu lesen ist „durch Beschluss des souveränen Volkes“ oder „unter der Teilnahme des gesamten Volkes“ könnte man das Subjet in jedem einzelnen dieser Sätze durch „die kommunistische Partei“ ersetzen. Auch das Cholera-Virus darf nicht bei seinen 7 Buchstaben benannt werden, denn die Zeitung Granma hat schon den Satz „akute, durchfallartige Erkrankung“ geprägt. Und diese völlig verarmten Wohnviertel, die sich am Randgebiet der Stadt ausbreiten, darf man auf keinen Fall Barackensiedlung oder Elendsviertel nennen. Das sind, laut der verzerrten Bedeutungslehre, die uns umgibt, „Wohneinheiten mit wenig Annehmlichkeiten“.

Ich verstehe nichts mehr und Sie auch nicht. Eine Metasprache hat sich in unser Leben eingenistet und kein Wort ist, was es zu sein scheint. Aber aufgepasst, lieber Leser, und „machen Sie sich keine Sorgen“: das ist genau die Floskel, in der wir täglich sagen „die Situation ist besorgniserregend“.

Übersetzung: Birgit Grassnick

Meine Sorgen

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Mich beunruhigt, dass dieser alte Mann, nachdem er sein ganzes Leben gearbeitet hat, nun einzelne Zigarren an einer Straßenecke verkaufen muss. Ebenso das junge Mädchen, das sich im Spiegel betrachtet und den Wert ihres Körpers für den sexuellen Markt abschätzt, wo sie einen Ausländer finden könnte, der sie von hier wegbringt. Mich beunruhigt, dass der Schwarze mit der gegerbten Haut, auch wenn er noch so früh aufsteht, nie auf einen verantwortungsvollen Posten aufsteigen wird, weil ihn dieser Rassismus, sichtbar und unsichtbar, zu einer minderwertigen Beschäftigung herabstuft. Die Vierzigjährige mit tief eingeschnittenen Falten, die automatisch den Gewerkschaftsbeitrag zahlt, obwohl sie schon ahnt, dass man ihr beim nächsten Treffen verkünden wird, dass sie weiterhin ohne Arbeit bleibt. Der Heranwachsende aus der Provinz, der davon träumt, nach Havanna zu entkommen, weil ihn in seinem kleinen Dorf nur materieller Mangel, ein schlecht bezahlter Arbeitsplatz und der Alkohol erwarten.

Mich beunruhigen die Freundinnen, mit denen ich aufwuchs, und die jetzt nach Jahrzehnten weniger besitzen, aber mehr leiden. Der Taxifahrer, der versteckt unter seinem Sitz eine Machete mit sich führen muss, weil die Kriminalität wächst, obwohl die Zeitungen sich weigern, darüber zu berichten. Mich beunruhigt die Nachbarin, die am 15. des Monats zu mir kommt, um sich ein wenig Reis zu borgen, auch wenn sie genau weiß, dass sie ihn nie zurückgeben kann. Die Leute, die sich sofort beim Metzger anstellen, sobald die Hühnchen vom rationierten Markt eingetroffen sind. Wenn sie es nämlich nicht noch am selben Tag kauften, würde es ihre Familie ihnen nicht verzeihen. Mich beunruhigt der Akademiker, der den Mund hält, damit nicht Verdächtigungen und ideologische Beschimpfungen über ihn hereinbrechen. Der Mann in reifen Jahren, der glaubte und jetzt nicht mehr glaubt und den es trotzdem erschreckt, an eine mögliche Veränderung auch nur zu denken. Der kleine Junge, der seine Träume darauf richtet, in ein anderes Land zu gehen, in eine Realität, die er nicht einmal kennt, in eine Kultur, die er nicht einmal versteht.

Mich beunruhigen die Leute, die nur das offizielle Fernsehen sehen können, die nur Bücher lesen können, die von offiziellen Verlagen veröffentlicht wurden. Der Bauer, der ganz unten in seinem Koffer den Käse versteckt, den er in der Stadt verkaufen möchte, damit die Polizeikontrollen ihn nicht finden. Die alte Frau, die sagt: „Das ist wirklich Kaffee!“, wenn ihre emigrierte Tochter ihr ein Päckchen schickt mit etwas zu essen und ein wenig Geld. Mich beunruhigen die Menschen, die sich in einem Zustand von immer schlimmerer ökonomischer und sozialer Hilflosigkeit befinden, die in so vielen Hauseingängen von Havanna schlafen, die etwas zu essen in so vielen Mülleimern suchen. Sie beunruhigen mich nicht nur wegen ihres elenden Lebens, sondern weil sie immer mehr an den Rand getrieben werden bei den Diskursen und in der Politik. Ich habe Angst und die große Sorge, dass die Zahl der Benachteiligten steigen wird, und dass es nicht einmal Auffangeinrichtungen gibt, um ihre Situation zu erkennen und zu verbessern.

Übersetzung: Iris Wißmüller
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Der Albino-Pekinese

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Man könnte eine soziale Geschichte Kubas der letzten Jahre schreiben, indem man von den Hunden ausgeht, diesen Tieren, die unsere Straßen und unsere Häuser bevölkern. Nicht nur was die Pflege oder die schlechte Behandlung betrifft, die sie erfahren, sondern auch bezüglich der Hunderassen, die die Menschen ausgesucht haben, um mit ihnen ihren Alltag zu teilen. Ich erinnere mich, dass vor einigen Jahren die Dalmatiner in Mode gekommen sind – ausgelöst durch Disney mit seinen 101 Welpen – und danach kam die Vorliebe für den Chow-Chow, den man heute kaum noch sieht. Ich gestehe, dass ich verrückt bin nach Mischlingen, Hunden ohne Stammbaum. Vielleicht, weil es mir an Pedigree und einer Abstammung fehlt, schlägt meine Sympathie für Haustiere, die ohne Genealogie sind. Dennoch beobachte ich aufmerksam, wie sich die sozialen Klassen mit ihren bellenden Vierbeinern mit dem scharfen Geruchssinn von einander abheben.

Hinten den hohen Zäunen der Villen von Miramar knurren die Rottweiler. Einen Hund zu haben ist hier ein Zeichen von Macht und einem exzellenten wirtschaftlichen Status. Ihn zu füttern, mit ihm Gassi zu gehen und ihn darauf abzurichten, den Dieb zu zerfleischen, der über die Mauer springt, gehört zu den Freizeitbeschäftigungen der wohlhabenden Besitzer. In der heutigen Zeit sind sie das, was die Deutschen Schäferhunde in den Achtzigern repräsentierten: eine energische Rasse für eine Gruppe, die ihren Aufstieg demonstrieren will. Danach kommt der Labrador, mit Herrchen, die einen Garten und einen Swimmingpool besitzen und Dosenfutter kaufen. Hunde die eine Stylistin haben und jemanden, der sie morgens ausführt; die häufig an der „Fifth Avenue“ und beim Baden im Meer anzutreffen sind. Das sind Hunde, die Glück gehabt haben.

Aber denken Sie nicht, dass zu jedem Teil der Stadt oder jeder sozialen Klasse eine bestimmte Art von Haustieren gehört. Auf einem herunter gekommenen Gelände in Centro Habana kann an Ihnen ein schöner champagnefarbener Cocker Spaniel oder ein graziler Dobermann mit finsterer Miene vorbeilaufen. Viele Exemplare hoch gewachsener Afghanischer Windhunde leben in Wohnungen ohne Balkon und ich habe sogar eine große Dogge gesehen, die zwischen Konservendosen eines behelfsmäßigen Hauses in einem provisorischen Barackenviertel in Havanna zum Vorschein kam. Die Hunde, die wir auswählen, sagen viel darüber aus, was wir sein möchten, über unsere Sehnsucht nach Größe… oder über unsere längst akzeptierte Unscheinbarkeit. Gerade jetzt sorgt eine winzige Rasse auf dieser Insel für Furore: der Pekinese mit abgeflachter Nase und kurzem Hals. Am wertvollsten sind die Albinos, die zu einem Preis von drei Monatsgehältern verkauft werden: ca. 50 USD für jeden Welpen.

Gestern habe ich ein Exemplar dieser „Wattebäusche“ am Ausgang einer Pension in Cayo Hueso gesehen. Ich musste lachen bei dem Kontrast seines schneeweißen Fells vor einem kaputten Kanalrohr. Und so ging ich weg mit dem Gedanken an die Geschichte, die man über die Hunde erzählen könnte, über die nationale Entwicklung, die man durch die Betrachtung ihrer Schnauzen und Pfoten wiedergeben kann. Eine kontrastreiche Realität, die von der starken Brust eines Boxers in Vedado bis hin zu den sichtbaren Rippen eines verlassenen Köters auf irgendeiner Straße reicht.

Übersetzung: Valentina Dudinov

Der leere Bahnsteig

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Auf dem kleinen Bahnhof herrscht bereits ab dem frühen Morgen munteres Treiben. Studenten in ihren knapp sitzenden Uniformen durchqueren ihn und ein Zeitungsverkäufer preist die langweilige Tageszeitung „Granma“ an. Es gibt Erdnüsse in Tütchen, Verkäufer, die Erfrischungsgetränke anbieten, und einige Menschen, die bis zum frühen Morgen auf Kartons auf dem Boden geschlafen haben. Der Ort könnte – trotz seiner unbedeutenden Architektur – ein Bahn-Terminal in jeder Stadt der Welt sein. Nur etwas fehlt in diesem Szenario, etwas glänzt mit Abwesenheit: Man sieht keinen einzigen Zug. Die Gleise sind leer und man kann keine Lokomotive erblicken, man hört nicht einmal ihr Pfeifen aus der Ferne. Am Vormittag kommt ein einziger Motorwagon angetuckert, auf dessen Seite immer noch die Initialen DB (Deutsche Bahn) gemalt stehen. Die Passagiere steigen lustlos zu, wenn auch das eine oder andere Kind lächelnd aus dem Fester winkt.

Kuba besaß die erste Eisenbahnstrecke in Lateinamerika, die in einem November, genau wie diesem, jedoch vor 175 Jahren, eingeweiht wurde. Die Strecke Havanna-Bejucal wurde ein Jahrzehnt früher gebaut, bevor Spanien – die damalige Metropole – die Züge in seinem eigenen Territorium in Betrieb setzte. Aber es ist nicht nur eine Frage des Datums, sondern dass auf dieser Insel die Bahnlinien in die nationale Geographie passten wie ein Rückgrat, von dem aus unendliche Zweiglinien ausgehen. Das Leben vieler Dörfer begann sich vorübergehend zwischen der Ankunft eines Zugs und der eines anderen zu bemessen, zwischen Ankunft und Abfahrt, die auf den Tafeln jeder Station angezeigt wurden. Das alltägliche Leben roch nach dem “Aroma“, das durch die Reibung zwischen dem Metall der Räder und den Gleisen entstand. Heute aber ist von jenem Hauptakteur „Eisenbahn“ nur wenig übriggeblieben. Eines Tages sagten wir dem letzten Zug, in dem wir uns wohl fühlten, vom Bahnsteig aus Lebewohl und von diesem Moment an wurde der Einstieg in den nächsten Zug eine unangenehme, schwierige und beklemmende Erfahrung.

Obwohl im vergangenen Jahr Reparaturarbeiten an den Gleisen durchgeführt wurden und der Warentransport auf Schienen um mehr als das Doppelte anstieg, ist der Schaden, den die kubanischen Eisenbahn erlitt, derart schwerwiegend, dass es sich nicht mit Zahlen ausdrücken lässt. Das Hauptproblem liegt weder bei der Unpünktlichkeit der Abfahrten, den abgenutzten Wagons, noch bei den Toiletten, die so dreckig sind, dass man sie nicht als „sanitäre Einrichtung“ bezeichnen kann. Auch nicht bei dem systematischen Diebstahl der Habseligkeiten von Reisenden, der schlechten Behandlung der Kunden durch viele Angestellte, den ständigen Streichungen der Abfahrten, oder den alarmierenden Sicherheitsmängeln im Schienenverkehr, welche sich durch häufig auftretende Unfälle bemerkbar macht. Der größte Schaden entstand in den Köpfen der Kubaner, für die die Eisenbahn nun nicht mehr den Transport „par excellence“ zwischen den einzelnen Provinzen Kubas darstellt. Diese Millionen von Menschen, die den Rhythmus ihres Lebens nun nicht mehr am Pfeifen einer Lokomotive ausmachen, die nicht mehr mit Stolz aus dem Wagonfenster winken. Es fehlt der abgedroschenen Szene vom Abschiedskuss auf einem Bahnsteig, vom flatternden Taschentuch an der Haltestelle seit Jahrzehnten der Hauptdarsteller: ein Zug kurz vor der Abfahrt, eine lange Eisenschlange, die bereit ist das Rückgrat dieser Insel abzufahren.

Übersetzung: Nina Beyerlein

Kann man aufwachen?

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Manchmal, wenn ich unruhig bin, träume ich, dass ich umziehe, dass ich immer wieder umziehe, ohne mich irgendwo wohl zu fühlen. In diesem wiederkehrenden Alptraum gerät mein Leben aus den Fugen und die Fotos aus meiner Kindheit gehen in irgendeinem Möbelwagen verloren. Aber das passiert mir nur in Nächten mittleren Angstgefühls. Diese Woche war anders. In den frühen Morgenstunden finde ich mich auf einem sehr langen und dunklen Weg wieder. Ich lege meinen Kopf auf das Kopfkissen und kehre auf diesen Pfad zurück. Er ist von hohen Gräsern umgeben und der Klang von Zikaden schrillt mir in den Ohren. Ich bin nicht allein, an meiner Seite sind vertraute Menschen, die mich begleiten: Freunde, mit denen ich gelacht habe, und Freunde, mit denen ich im Gefängnis saß, Freunde, die ich umarmt habe, und Freunde, mit denen ich Schreckliches durchlebt habe. Wir unterhalten uns und die Sätze reißen in der Mitte ab, denn meine Freunde verschwinden im Gestrüpp, sie sind weg … sie werden weggeschleppt. Jede Nacht verschlingt das Dickicht meine Liebsten aufs Neue, sobald ich die Augen schließe.

Morgens stehe ich dann auf und sage mir: „Jetzt ist alles vorbei, das war nur ein Traum.“ Aber nach einer Weile klingelt das Telefon und jemand erzählt mir, Antonio Rodiles sei weiterhin in Gefangenschaft und werde beschuldigt, sich einer Festnahme widersetzt zu haben, die genauso willkürlich wie ungerechtfertigt war. Mit noch schweren Lidern gehe ich in Richtung Bad und werde mir plötzlich darüber bewusst, dass erst vor ein paar Stunden Ángel Santiesteban freigelassen wurde, nachdem man ihn gewaltsam in ein Polizeiauto gezerrt hatte. Der Morgenkaffee gluckert auf dem Herd und ich schaue auf mein Handy, das voller Klagen ist über die Gewalttätigkeiten gegen die „Damas de Blanco*“ in zahlreichen Regionen des Landes. Das Licht hat noch die rote Farbe der Morgendämmerung und ich ahne schon, dass sich der lange, immer wiederkehrende Weg meiner Träume in der Realität fortsetzen wird.

Hier ist es nicht das Dickicht, sondern die Intoleranz, nicht der Gesang der Zikaden, sondern die Schreie der Staatsdiener, nicht die Nacht, sondern die Unfreiheit. Als es fast Mittag ist, habe ich schon festgestellt, dass ich ihnen nicht entfliehen kann, dass es nichts nutzt, sich in den Arm zu kneifen oder den Kopf in kaltes Wasser zu stecken. Es ist eine Tatsache, dass diese „entführten“ Freunde real sind, greifbar, und kein nächtlicher Wahn. Es wird Abend und ich verstehe, dass mein Alptraum überall ist, und kehre schließlich wieder auf den von hohen Gräsern umgebenen Pfad zurück. Aber diesmal bin nur noch ich übrig und spreche mit mir selbst, um den Schrecken der Dunkelheit etwas zu mildern. Jemand – den ich nicht sehe – packt mich und zieht mich vollends ins Dickicht. Noch drei Stunden, bis der Wecker klingelt und mich aufweckt.

Übersetzung: Falko Blümlein
Anm. d. Ü.
* Die „Damen in Weiß“ sind eine im Jahr 2003 entstandene kubanische Bürgerbewegung, in der Frauen in friedlichen Demonstrationen die Freilassung ihrer Männer fordern, die als politische Gefangene in Kubas Gefängnissen sitzen.

Wem gehört das Gehirn?

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Meine Familie beansprucht diese Neuronenmasse für sich, bestärkt in diesem Denken durch die Fürsorge, die sie mir als Kind angedeihen ließ. Die Lehrerin, die mir das Lesen beibrachte, verlangt nach Anerkennung für jene Gehirnverbindungen, die mir halfen, Denken und Sprache in Einklang zu bringen. Auch jeder meiner Freunde könnte auf seinen Anteil bestehen, auf sein Stück des einen oder anderen Gehirnlappens, da er in dessen zarte Gehirnwindungen angenehme und leidvolle Erlebnisse eingraviert hat. Selbst der Junge, der nur für eine Sekunde meinen Weg kreuzte, hätte Anrecht auf einen Teil meines Kortex, weil er eine winzig kleine Erinnerung in meinem Gedächtnis hinterlassen hat.

Allen Bücher, die ich gelesen habe, jedem Eis, das ich gegessen habe, den Küssen, die ich kühl oder leidenschaftlich verteilt habe, den Filmen, die ich angeschaut habe, dem morgendlichen Kaffee und dem Geschrei der Nachbarn … all ihnen gehört ein gewisses Quantum dieser grauen Masse, die ich hinter meiner Stirn trage. Der Katze, die schnurrt und sich festkrallt, dem Polizisten, der Wache schiebt und in seine Trillerpfeife bläst, der Beamtin, die ihre Militäruniform ordnet und ‘nein‘ sagt, dem mittelmäßigen Lehrer, der ‘geografia‘ ohne Akzent schreibt, und der brillanten Referentin, deren Worte Türen und Fenster zu öffnen scheinen. Ihnen sollte ich meine kortikalen Zellen geben, eine nach der anderen, weil sie es fertiggebracht haben, in ihnen unauslöschliche Spuren zu hinterlassen. Ich müsste meine Axone an Millionen von – lebenden oder toten – Menschen verteilen, die ich einmal kennengelernt oder von denen ich nur eine Musiknote oder ihre Verse gehört habe.

Nach dem neuen Gesetzesdekret 302, das auch die Auslandsreisen von Akademikern regelt, gehört mir nun also mein eigenes Gehirn nicht mehr. Genauso ergeht es dem Rest der Hochschulabsolventen. Nach dem neuen Gesetz sind die Falten und Furchen dieses Organs Eigentum eines Bildungssystems, das sich seiner Kostenfreiheit rühmt, um danach das Anrecht auf unseren Intellekt einzufordern. Die Behörden, die darüber entscheiden, wer diese Insel verlassen darf, sind der Meinung, dass ein qualifizierter Bürger lediglich ein Konglomerat einer vom Staat geformten Hirnsubstanz ist. Aber die Nutzungsrechte an einem menschlichen Geist zu beanspruchen ist, als ob man im Meer Türen einbauen, jedem Neuron Fesseln anlegen will.

Übersetzung: Angelika Münch-Holzmeier

Kein weiterer Krisen-Oktober

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Meine Mutter war noch ein Kind von nur 5 Jahren und wohnte in einem Viertel in Habana Centro und ich war kaum eine der vielen schlafenden Eizellen in ihrem Bauch. In Mitten des alltäglichen Stresses und den ersten Symptomen der Unterversorgung, die sich in der kubanischen Gesellschaft schon abzeichnete, hat meine Oma nicht gemerkt, wie nahe wir dem Holocaust in jenem Oktober 1962 waren. Die Familie nahm die Angespanntheit wahr, die Selbstgefälligkeit und die allgemeine Nervosität, dass etwas heikles passieren würde, aber sie hatten sich auf gar keinen Fall den Ernst der Situation vorstellen können. Jene, die diesen grausamen Monat erlebten, waren sowohl Außenstehende als auch Komplizen; Unwissende wie Opferbereite; Enthusiasten wie Gleichgültige.

Die sogenannte “Kubakrise”, in Kuba selbst auch als Oktober-Krise bekannt, hat verschiedene Generationen von Kubanern auf unterschiedliche Weise getroffen. Während sich einige an den Schrecken in dem Moment erinnern, blieb bei anderen die immerwährende Angespanntheit im Schützengraben, die Gasmaske, der Schreck der Alarmsirenen, die mitten in der Nacht losgehen konnte, die im Meer untergehende Insel als Metapher in öffentlichen Reden und Musikstücken, in Erinnerung. Nichts war mehr normal nach jenem Oktober. Diejenigen, die wie wir dies nicht am eigenen Leib erlebt haben, bekamen dennoch das Unbehagen, die Unsicherheit, am Rande des Abgrunds zu stehen und jeden Moment abstürzen zu können, vererbt.

Vielleicht ist das, was uns in diesen Zeiten am meisten auffällt, die enorme Verantwortung, die einzelne Personen hatten, Entscheidungen über Belange mit so großer Tragweite zu treffen. Wenn in einem Moment der Schwäche die Sowjets der Versuchung nachgegeben hätten, den roten Knopf in die Reichweite der Finger Fidel Castros zu lassen, so wie er es sich gewünscht hätte, würde sehr wahrscheinlich niemand diesen Text hier lesen können. Mehr noch, dieser Text würde nicht einmal existieren. Glücklicherweise ist das Starten und Einrichten auf ein Ziel einer Rakete mit nuklearem Sprengkopf ein viel komplexerer Vorgang als uns einige Katastrophenfilme glauben machten. Noch dazu 1962, als elektronische Kontrollzentralen noch in riesigen labyrinth-artigen Metallschränken aufgeteilt werden mussten, die in hermetisch abgedichteten Kabinen standen.

Die Parolen, die in jenen Tagen auf den Plätzen in Kuba gerufen wurden, wären dem gesunden Menschenverstand, der im 21. Jahrhundert vorherrscht, verpönt. Sie klängen zu irrational, maßlos absurd … gegen das Leben. Denn während europäische Mütter ihre Kinder mit der Angst zu Bett brachten, dass es kein Erwachen mehr gäbe, wiederholten auf der kubanischen Küstenpromenade Demonstrationsgruppen den Refrain „Wer kommt, der bleibt“ und während auf der ganzen Welt mit pessimistischer Genauigkeit kalkuliert wurde, was vernichtet werden würde und was bliebe, wurde auf dieser Insel bis zur Ermüdung wiederholt, dass wir eher bereit wären vernichtet zu werden, „als zuzulassen, Sklave von irgendjemandem zu sein“. Als die Sowjetunion beschlossen hatte, die Raketen abzuziehen, haben die Leute auf der Straße leichtsinnig vor sich hin geträllert:“Nikita, du Weichei, was man gibt, nimmt man nicht wieder weg“.

Vor ein paar Tagen hat Fidel Castro persönlich wieder mit diesem kindischen Hochmut angefangen, als er in einem Text sagte „nie werden wir uns bei jemandem entschuldigen für das, was wir gemacht haben.“ Diese Worte waren der Versuch, die kompromisslose Haltung der kubanischen Regierung während jener Tage, in denen die Welt durcheinandergewirbelt wurde, mit Ruhm zu zieren. Zur Erleichterung bleibt uns wenigstens, dass dieser dickköpfige Greis von 86 Jahren jedes Mal weiter entfernt von diesem roten Knopf ist, der das Desaster auslösen würde. Tag um Tag wird es unwahrscheinlicher, dass er Einfluss nehmen wird auf den globalen Kurs. Die Kubakrise wird sich auf dieser Insel nicht wiederholen, auch wenn wir noch so viele Oktober vor uns haben.

Übersetzung: Birgit Grassnick