Die Migrationsreform: ¿Sich freuen oder resignieren?

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Die Rädchen meines Koffers wurden in fünf Jahren durch das Hin- und Herschieben von einer Ecke in die andere bei mir zu Hause abgenutzt. Die Unterwäsche, die in dem kleinen Kulturbeutel aufbewahrt wurde, hat ihre Elastizität verloren und die Farbe ist verblichen. Die Flugtickets, die ich nie verwendete, sind abgelaufen, nachdem sie immer wieder nach hinten verschoben wurden, um am Ende im Müll zu landen. Meine Freunde verabschiedeten sich so viele Male von mir und so viele Male flog ich nicht weg, sodass der Abschied zur Routine wurde. Die Katze machte sich jene Handtasche zu eigen, die es nie in ein Flugzeug geschafft hatte, und die Hündin zerbiss die Schuhe, die für eine Reise gedacht waren, die ich nicht antreten konnte. Das Bild der “Heiligen Jungfrau der Guten Reise”, das mir ein Freund schenkte, konnte ebenfalls dem Lauf der Zeit nicht standhalten und verblich, den Glanz der Augen eingeschlossen.

Nachdem ich fünf Jahre lang mein Recht eingefordert hatte, ins Ausland zu reisen, bin ich heute mit der Nachricht über die Migrationsreform aufgewacht. Mein erster Eindruck ließ mich in ein Jubelgeschrei mitten am frühen Morgen ausbrechen, aber im Laufe des Tages wurden mir die Mängel des neuen Gesetzes bewusst. Endlich wird die schmachvolle Ausreiseerlaubnis abgeschafft und ebenso der empörende Einladungsbrief, den wir zur Ausreise aus unserem eigenen Land brauchten. Dennoch wird jetzt durch die Ausstellung und Gültigmachung des Reisepasses an sich definiert werden, wer es schafft, die nationalen Grenzen zu überschreiten und wer nicht. Auch wenn die Antragsgebühren günstiger und die Ausstellungsdauer kürzer werden, so ist dies nicht das neue Migrationsgesetz, das wir erwartet hatten. Zu beschränkt, zu wenig Spielraum. Doch zumindest gibt es nun eine geschriebene Gesetzmäßigkeit, von der ausgehend wir ab jetzt anfangen können Forderungen zu stellen, zu protestieren und anzuprangern.

In meinem Fall werde ich – bis zum 14. Januar 2013 – fest daran glauben, dass ich auf keiner “schwarzen Liste” stehe, und dass die ideologischen Filter für die Ausreise nun ein Ende haben. Ich werde den Antrag für einen neuen Reisepass ausfüllen und abwarten – mit jener Dosis Naivität, die ich zum Überleben brauche, um nicht apathisch zu werden. Ich werde dort sein, wenn die Ämter öffnen, um zu entscheiden, welche Kubaner es schaffen einen Flug anzutreten und welche weiterhin auf der Insel “eingesperrt” bleiben. Und mein Koffer wird an meiner Seite sein, mit der ausgebleichten Unterwäsche, den Schuhen, die ich noch nie getragen habe, und einem verblichenen Bild der Jungfrau Maria, die schon nicht mehr weiß, ob sie geht oder zurückkommt, ob es einen Grund zur Freude gibt oder Resignation.

Übersetzung: Nina Beyerlein

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5 Gedanken zu „Die Migrationsreform: ¿Sich freuen oder resignieren?

  1. Die Mehrheit der Kubaner freut sich über die Änderung des Reisegesetzes. Ich habe mit gut Dutzend Kuabner geredet, alle sehen es positiv, alle fragen sich wie es jetzt mit Visas gehen wird? Yoani scheit mit ihrem “zu beschränkt, zu wenig Spielraum” Urteil isoliert zu sein. Beschränkt ist aber zweifelslos die Visumsvergabe der westlicher Botschaften, nicht die Passvergabe.

    Dass die Autorin nicht die Meinung eines “Kubaners aus der Strasse” vertritt, ist nicht seit heute bekannt.
    Schlimmer ist, dass die Regierunssprecher der USA und Grossbittaniens diese Änderung viel positiver beurteilt haben, als Yoani.

  2. Ricardo, du bist vermutlich (linientreuer) Kubaner, in welche Länder können Kubaner ohne ein Einreisevisum fliegen?
    Venezuela, Nicaragua, Ecuador – die linken Freunde überall in Lateinamerika?
    (Das ist ausnahmseise keine polemische Frage.)

  3. Vielleicht wird man Yoani ja auch die Ausreise verweigern, mit dem Argument, sie gehöre “zum geistigen, gut ausgebildeten revolutionären Kapital” Kubas, das die bösen Buben in den USA abwerben tun und tun wollen. ;-)
    (Aber vermutlich wird sie einfach keinen Pass erhalten – und das ohne Begründung.)

  4. Wer ohne Privat-TV, ohne Springer-Presse, ohne Werbespots und ohne privaten Krankenversicherung nicht leben kann, kann ohne Visum in den folgenden Ländern “die Freiheit” suchen:

    Botsuana, Guinea, Kenia, Namibia, Seychellen, Togo, Uganda, Dominica, Ecuador, Granada, Haiti, St Kitts und Nevis, St Lucia, St Vincent und die Grenadinen, Georgien, Indonesien, Kambodscha, Kirgisistan, Laos, Malaysia, Malediven, Mongolei, Timor-Leste (Osttimor), Singapur, Belarus (Weißrussland), Montenegro, Russland, Serbien Cookinseln, Mikronesien, Niue, Palau, Samoa, Tuvalu, Vanuatu

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