Vor der Revolution oder während der Revolution?

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Foto von Roberto Segre – aus vitruvius.com.br

Das Schild ist klein und ragt eher schüchtern über den Rand des Balkons hinaus, der sich einige Meter über dem Boden befindet. Ein einfaches „Zu verkaufen“, das einem nicht auffallen würde, könnte man nicht die gleichen Worte auf der Fensterscheibe der Wohnung nebenan lesen. Weiter oben waren die Nachbarn aus dem sechsten Stock kreativer und haben ein mit Acryl bemaltes Schild angebracht, das sogar Auskunft über die gebotene Quadratmeterzahl gibt, um potenzielle Interessenten zum Kauf anzuregen. Die Verkäufer haben es jedoch alles andere als leicht. Das Gebäude ist hässlich und grau und gehört zu denen, die in den 80er Jahren unter dem System der „Mikrobrigaden*“ erbaut wurden. Viele, die Inserate solcher Gebäude auf Websites wie Revolico.com und Cubisima.com lesen, klingeln dann vor Ort nicht einmal mehr an der Tür, weil sie feststellen, dass es sich um einen dieser Betonklötze von architektonisch niedrigstem Wert handelt, die in den Jahren sowjetischer Unterstützung erbaut wurden.

Die Menge und Vielfalt der Häuser, die zum Verkauf stehen, scheint derzeit die reellen Möglichkeiten kubanischer Geldbeutel zu übersteigen. Mit einem Schlag kamen viele Häuser auf einen Immobilienmarkt, der jahrzehntelang illegal war, und es fehlt trotz Wohnungsnot das Wichtigste: das Geld, um sie kaufen. In einem Land, in dem das monatliche Durchschnittseinkommen 20 konvertible Pesos nicht übersteigt, ist es erstaunlich, Immobilien zu sehen, die zu Preisen von einer viertel oder halben Million konvertibler Pesos gehandelt werden. Die meisten Käufe werden deshalb im Bereich günstigerer Wohnungen getätigt, die weniger Wohnfläche haben, ungünstiger liegen oder in einem schlechteren Zustand sind. Während bei Luxusresidenzen alles langsamer geht, merkt man in den niedrigeren Preisklassen, also in der Größenordnung eines Zimmers in einem Mietshaus oder einer kleinen Wohnung ohne Fenster, die Kauflaune deutlich, insbesondere bei all denen, die aus dem Landesinneren kommen und die Gelegenheit nutzen, um sich in Havanna einen Wohnsitz anzuschaffen, auch wenn er nur wenige Quadratmeter groß ist.

Interessant ist auch die nüchterne und pragmatische Bewertung einer jeden Immobilie, die angeboten wird. Die Inserate werden jedoch auch raffinierter und enthalten Fotos und positive Beschreibungen des „guten Wasseranschlusses“, den das Haus hat, der ausgezeichneten Lage in einem ruhigen Stadtviertel und der Möglichkeiten, das Haus zu erweitern und auf dem Dach anzubauen. Es gibt jedoch ein Kriterium, das niemand zu erwähnen vergisst, wenn das Haus es verdient, und das ist „während des Kapitalismus erbaut“, wenn es vor 1959 errichtet wurde. Man trennt klar und rigoros, was vor der Revolution erbaut wurde und was währenddessen entstand. Stammt das Gebäude, in der sich die Wohnung befindet, aus den 40er oder 50er Jahren, schießt ihr Preis in die Höhe, während die Wohnungen der „Mikrobrigadisten“, die in den Jahren der Sowjetisierung ihre vorgefertigten Türme errichteten, in den Inseraten auf einen niedrigeren Rang verbannt werden. Der Immobilienmarkt lässt – mit all seiner Härte – ein Bewertungssystem zu Tage treten, das stark von der offiziellen Meinung abweicht und jeder Sache einen neuen Wert verleiht, einen objektiven Maßstab zur Ermittlung ihrer Qualität.

Übersetzung: Falko Blümlein
Anm. d. Ü.
* 1971 eingeführtes kubanisches Modell zur Organisation von Wohnungsbau unter Beteiligung der Bevölkerung. In betrieblichen „Mikrobrigaden“ bauten Arbeiter Wohnungen für sich und ihre Kollegen, in sozialen „Mikrobrigaden“ (1988 ins Leben gerufen) renovierten, erhielten und bauten Bewohner gemeinsam Gebäude. Beide Gruppen wurden vom Staat bzw. dem Betrieb, der sie freistellte, für ihre Arbeit bezahlt.

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