Sieben Vorschläge nach dem Durchzug von Sandy

img_77741-300x240

Tausende von Personen im Osten Kubas werden den Donnerstag früh nie mehr vergessen. Der Wind, fliegende Dächer, der Starkregen und die Bäume, die auf Straßen und Häuser fielen, werden ihnen vom Hurrikan Sandy auf immer im Gedächtnis bleiben. Auch die erste Nacht nach dem Desaster werden sie nicht vergessen können, in der sie vom übel zugerichteten Bett oder vom morschen Sofa aus feststellen mussten, dass sich nichts zwischen ihren Gesichtern und der sternenklaren Nacht befand.

Es gibt welche, die alles verloren haben von dem, was sowieso nicht viel gewesen ist. Leute, denen der Sturm die bescheidenen Besitztümer, die sie während ihres Lebens angesammelt hatten, fortriss. Das menschliche Drama betrifft eine Region, die schon im Vorfeld durch materielle Not, die beständige Abwanderung nach Westen und den Ausbruch von Krankheiten wie das Dengue-Fieber und die Cholera in Mitleidenschaft gezogen war. Die Geschädigten kamen vom Regen in die Traufe, buchstäblich und in übertragenem Sinn. Das Naturereignis verschärft den wirtschaftlichen Niedergang und die sozialen Probleme dieser Region des Landes. Es ist an der Zeit, die Solidarität zu verdoppeln, die Ärmel hochzukrempeln und beim Wiederaufbau von Wohnungen zu helfen, das Stück Brot zu teilen, und mit Begeisterung seinen Beitrag den unglücklichen Kubanern zu leisten, die Sandy auf ihrem Weg zurückließ.

Ich glaube, dass wir alle genau wissen, was wir geben und tun können, aber trotzdem erlaube ich mir, einige an die kubanischen Amtsautoritäten gerichtete Vorschläge zu machen. Die Beschlüsse, die diese in den kommenden Tagen fassen, werden entscheidend sein, um das Ausmaß der Tragödie einzudämmen und abzumildern. Ich hoffe, sie sind klug genug, die ideologischen Differenzen beiseite zu lassen und Leuten aus der Bürgerschaft Gehör zu schenken, die, wie wir, einen Beitrag leisten wollen zur Genesung unseres Landes. Solidarität darf kein institutionelles Monopol sein, das war es nie. Aus dieser Überzeugung heraus entstehen Vorschläge wie die folgenden, um der Solidarität einen größeren Effekt zu verschaffen:

- Streichung der Zolltarife für die Einführung von Lebensmitteln, Medikamenten, Haushaltsgeräten und Baumaterial ins Land.
– Unterstützung der Organisation der Bürgerschaft bei der Sammlung, dem Transport und der Auslieferung von Kleidung, Medikamenten und weiteren nötigen Hilfsmitteln in die betroffenen Regionen.
– Anreize und Genehmigungen für die Zusammenstellung von Geld-und Hilfsmitteln durch die emigrierten Kubaner, um sie auf die Insel zu schaffen, sowohl in persönlicher Form als auch in Gruppen oder institutioneller Form.
– Bitte um Taxierung und Zusammenarbeit an internationale Organisationen, die Hilfe, Kredite und Beratung zur Verfügung stellen, um mit diesem Unglück fertig zu werden.
– Beseitigung aller bürokratischer Hürden in den am meisten geschädigten Provinzen beim Erhalt von Baugenehmigungen und auch bei der Übergabe von Land zum Nießbrauch.
– Beschluss eines Moratoriums bei der Steuererhebung für die Kleinunternehmer der Regionen, wo Sandy wichtige Teile der wirtschaftlichen und ackerbaulichen Infrastruktur zerstört hat.
– Verzicht auf das Staatsmonopol bei der Verteilung von Solidarität, indem man die Existenz von bürgerlichen Netzwerken anerkennt und sie unterstützt bei der Verteilung von Hilfe.

Übersetzung: Iris Wißmüller
1272 Klicks in den letzten 24 Stunden

Wahlurne und Tragbahre

boleta-anulada

Geflieste Wände, ein Wandschirm überzogen mit grünem Stoff und ein Metalltisch auf dem normalerweise Spritzen und Watte liegen. So sah die Kabine aus, in der ich heute Morgen abgestimmt habe, um einen Delegierten für die Gemeindeversammlung der Volksmacht zu wählen. Im Inneren einer Arztpraxis, die diesen Sonntag zum Wahllokal für die Bewohner der Gegend umfunktioniert wurde. „Achtung“, dachte ich, sobald ich alleine mit meinem Stimmzettel neben dem breiten Spülbecken stand, in dem normalerweise die Utensilien der Arztpraxis gereinigt werden. „Achtung“, denn mein Land befindet sich im „Koma“ aus Willenlosigkeit und Apathie und wird eine tief greifende Reanimation brauchen – fast schon eine Defibrillation – damit die Bürger eine reale Entscheidungsmacht haben. In den 36 Jahren seit seiner Entstehung hat uns das aktuell gültige Wahlsystem nicht überzeugen können – kein einziges Mal – dass es das Volk gegenüber den Machthabern repräsentiert, stattdessen haben wir uns an genau das Gegenteil gewöhnt.

So machte ich mit dem Geruch nach Formaldehyd in der Nase und angesichts einer Tragbahre meinen Wahlzettel ungültig. Nach Jahren der Abstinenz, entschied ich mich dieses Mal, an den Wahlen teilzunehmen, die absolut nichts ändern werden. Keiner der bei den Wahlen bestätigten Delegierten wird auch nur ein bisschen Einfluss auf die dringendsten Fragen unserer Realität ausüben können. Wir wissen auch nicht, wie sie über die großen, alltäglichen Probleme denken, denn das Wahlgesetz erlaubt uns nur den Zugriff auf die Biografie und das Foto. So wurden wir heute in meinem Viertel vorgeladen, um zwischen zwei Gesichtern, zwei Namen, zwei Lebensläufen zu wählen … Aus diesem Grund entschieden mehrere Nachbarn und Freunde – im Bewusstsein der Sinnlosigkeit, den Wahlzettel auszufüllen – sich ihrer Stimme zu enthalten. Ich aber wollte meine Neugier befriedigen und mit der Sinnlosigkeit eines Papiers experimentieren, das nichts entscheidet, nichts verändert, nichts vorantreibt.

Zuerst schrieb ich den Buchstaben „D“. Riesig, wie ein Schrei ohne Stimme, skizzierte ich den Anfangsbuchstaben des lang ersehnten Konzeptes: „Demokratie“. Und ich tat es inmitten eines klinischen Szenarios, das wie eine Metapher genau zu meiner Annullierung passt, zu dem dringenden Eingriff, den die Körperschaften der Volksmacht in diesem Land fordern. Eine tiefgreifende Operation, eine gründliche Entfernung der Zahmheit der Nationalversammlung, ein Elektroschock der Freiheit, damit die Parlamentarier aufhören, einstimmig alles abzunicken und die ganze Zeit zu applaudieren. Wir müssen wieder auferstehen, als Gesellschaft wiedergeboren werden und anfangen, entsprechend zu handeln.

Übersetzung: Valentina Dudinov

boleta-voto 2

Die Migrationsreform: ¿Sich freuen oder resignieren?

dl302

Die Rädchen meines Koffers wurden in fünf Jahren durch das Hin- und Herschieben von einer Ecke in die andere bei mir zu Hause abgenutzt. Die Unterwäsche, die in dem kleinen Kulturbeutel aufbewahrt wurde, hat ihre Elastizität verloren und die Farbe ist verblichen. Die Flugtickets, die ich nie verwendete, sind abgelaufen, nachdem sie immer wieder nach hinten verschoben wurden, um am Ende im Müll zu landen. Meine Freunde verabschiedeten sich so viele Male von mir und so viele Male flog ich nicht weg, sodass der Abschied zur Routine wurde. Die Katze machte sich jene Handtasche zu eigen, die es nie in ein Flugzeug geschafft hatte, und die Hündin zerbiss die Schuhe, die für eine Reise gedacht waren, die ich nicht antreten konnte. Das Bild der “Heiligen Jungfrau der Guten Reise”, das mir ein Freund schenkte, konnte ebenfalls dem Lauf der Zeit nicht standhalten und verblich, den Glanz der Augen eingeschlossen.

Nachdem ich fünf Jahre lang mein Recht eingefordert hatte, ins Ausland zu reisen, bin ich heute mit der Nachricht über die Migrationsreform aufgewacht. Mein erster Eindruck ließ mich in ein Jubelgeschrei mitten am frühen Morgen ausbrechen, aber im Laufe des Tages wurden mir die Mängel des neuen Gesetzes bewusst. Endlich wird die schmachvolle Ausreiseerlaubnis abgeschafft und ebenso der empörende Einladungsbrief, den wir zur Ausreise aus unserem eigenen Land brauchten. Dennoch wird jetzt durch die Ausstellung und Gültigmachung des Reisepasses an sich definiert werden, wer es schafft, die nationalen Grenzen zu überschreiten und wer nicht. Auch wenn die Antragsgebühren günstiger und die Ausstellungsdauer kürzer werden, so ist dies nicht das neue Migrationsgesetz, das wir erwartet hatten. Zu beschränkt, zu wenig Spielraum. Doch zumindest gibt es nun eine geschriebene Gesetzmäßigkeit, von der ausgehend wir ab jetzt anfangen können Forderungen zu stellen, zu protestieren und anzuprangern.

In meinem Fall werde ich – bis zum 14. Januar 2013 – fest daran glauben, dass ich auf keiner “schwarzen Liste” stehe, und dass die ideologischen Filter für die Ausreise nun ein Ende haben. Ich werde den Antrag für einen neuen Reisepass ausfüllen und abwarten – mit jener Dosis Naivität, die ich zum Überleben brauche, um nicht apathisch zu werden. Ich werde dort sein, wenn die Ämter öffnen, um zu entscheiden, welche Kubaner es schaffen einen Flug anzutreten und welche weiterhin auf der Insel “eingesperrt” bleiben. Und mein Koffer wird an meiner Seite sein, mit der ausgebleichten Unterwäsche, den Schuhen, die ich noch nie getragen habe, und einem verblichenen Bild der Jungfrau Maria, die schon nicht mehr weiß, ob sie geht oder zurückkommt, ob es einen Grund zur Freude gibt oder Resignation.

Übersetzung: Nina Beyerlein

Vor der Revolution oder während der Revolution?

2alamar_1994

Foto von Roberto Segre – aus vitruvius.com.br

Das Schild ist klein und ragt eher schüchtern über den Rand des Balkons hinaus, der sich einige Meter über dem Boden befindet. Ein einfaches „Zu verkaufen“, das einem nicht auffallen würde, könnte man nicht die gleichen Worte auf der Fensterscheibe der Wohnung nebenan lesen. Weiter oben waren die Nachbarn aus dem sechsten Stock kreativer und haben ein mit Acryl bemaltes Schild angebracht, das sogar Auskunft über die gebotene Quadratmeterzahl gibt, um potenzielle Interessenten zum Kauf anzuregen. Die Verkäufer haben es jedoch alles andere als leicht. Das Gebäude ist hässlich und grau und gehört zu denen, die in den 80er Jahren unter dem System der „Mikrobrigaden*“ erbaut wurden. Viele, die Inserate solcher Gebäude auf Websites wie Revolico.com und Cubisima.com lesen, klingeln dann vor Ort nicht einmal mehr an der Tür, weil sie feststellen, dass es sich um einen dieser Betonklötze von architektonisch niedrigstem Wert handelt, die in den Jahren sowjetischer Unterstützung erbaut wurden.

Die Menge und Vielfalt der Häuser, die zum Verkauf stehen, scheint derzeit die reellen Möglichkeiten kubanischer Geldbeutel zu übersteigen. Mit einem Schlag kamen viele Häuser auf einen Immobilienmarkt, der jahrzehntelang illegal war, und es fehlt trotz Wohnungsnot das Wichtigste: das Geld, um sie kaufen. In einem Land, in dem das monatliche Durchschnittseinkommen 20 konvertible Pesos nicht übersteigt, ist es erstaunlich, Immobilien zu sehen, die zu Preisen von einer viertel oder halben Million konvertibler Pesos gehandelt werden. Die meisten Käufe werden deshalb im Bereich günstigerer Wohnungen getätigt, die weniger Wohnfläche haben, ungünstiger liegen oder in einem schlechteren Zustand sind. Während bei Luxusresidenzen alles langsamer geht, merkt man in den niedrigeren Preisklassen, also in der Größenordnung eines Zimmers in einem Mietshaus oder einer kleinen Wohnung ohne Fenster, die Kauflaune deutlich, insbesondere bei all denen, die aus dem Landesinneren kommen und die Gelegenheit nutzen, um sich in Havanna einen Wohnsitz anzuschaffen, auch wenn er nur wenige Quadratmeter groß ist.

Interessant ist auch die nüchterne und pragmatische Bewertung einer jeden Immobilie, die angeboten wird. Die Inserate werden jedoch auch raffinierter und enthalten Fotos und positive Beschreibungen des „guten Wasseranschlusses“, den das Haus hat, der ausgezeichneten Lage in einem ruhigen Stadtviertel und der Möglichkeiten, das Haus zu erweitern und auf dem Dach anzubauen. Es gibt jedoch ein Kriterium, das niemand zu erwähnen vergisst, wenn das Haus es verdient, und das ist „während des Kapitalismus erbaut“, wenn es vor 1959 errichtet wurde. Man trennt klar und rigoros, was vor der Revolution erbaut wurde und was währenddessen entstand. Stammt das Gebäude, in der sich die Wohnung befindet, aus den 40er oder 50er Jahren, schießt ihr Preis in die Höhe, während die Wohnungen der „Mikrobrigadisten“, die in den Jahren der Sowjetisierung ihre vorgefertigten Türme errichteten, in den Inseraten auf einen niedrigeren Rang verbannt werden. Der Immobilienmarkt lässt – mit all seiner Härte – ein Bewertungssystem zu Tage treten, das stark von der offiziellen Meinung abweicht und jeder Sache einen neuen Wert verleiht, einen objektiven Maßstab zur Ermittlung ihrer Qualität.

Übersetzung: Falko Blümlein
Anm. d. Ü.
* 1971 eingeführtes kubanisches Modell zur Organisation von Wohnungsbau unter Beteiligung der Bevölkerung. In betrieblichen „Mikrobrigaden“ bauten Arbeiter Wohnungen für sich und ihre Kollegen, in sozialen „Mikrobrigaden“ (1988 ins Leben gerufen) renovierten, erhielten und bauten Bewohner gemeinsam Gebäude. Beide Gruppen wurden vom Staat bzw. dem Betrieb, der sie freistellte, für ihre Arbeit bezahlt.

Drei Wahlen, ein Land

2012-10-08. perfusion

‘Wie klingt die Stimme von Henrique Capriles?‘, fragte mich vor ein paar Tagen ein Nachbar. Ich konnte ihm nicht sagen, ob sie hoch ist oder tief, leise oder kräftig, denn die kubanischen Medien vermeiden es, sie zu übertragen. Wir hatten stattdessen nur die Gelegenheit, das aufgeregte Geschrei von Hugo Chávez zu hören, die verbalen Angriffe, die er im Präsidentschaftswahlkampf gegen seinen jungen Gegner startete. So haben wir heute Morgen also gesehen, wie der Präsident, der nun schon 13 Jahre an der Macht ist, einen weiteren Wahlerfolg feiert. Es gibt keinen Zweifel, dass seine neuerliche sechsjährige Amtszeit eine Garantie für das Fortbestehen der Regierung von Havanna darstellt.

Bei den Wahlen am 7. Oktober in Venezuela stand für Raúl Castros Regierung zu viel auf dem Spiel. Es bestand die Gefahr, dass die unverzichtbare Unterstützung des großzügigsten Verbündeten verloren ging. Die Subvention Venezuelas hat es dem Präsidenten ermöglicht, auf eine sehr zögerliche und bedächtige Weise Änderungen in die Wege zu leiten, die sich auf den wirtschaftlichen Bereich beschränken. So eine Art von Abhängigkeit wird aber, wenn sie sich erst einmal eingenistet hat, zu einem chronischen Zustand. Weder durch die Erteilung von Nießbrauchrechten auf Ländereien noch durch Lizenzerweiterung für Selbständige wurde erreicht, dass Kuba erste Schritte in Richtung materielle Unabhängigkeit und wirtschaftliche Souveränität macht. Die Notwendigkeit ausländischer Hilfe ist kein momentaner Zustand von nur einer Konjunktur, sondern zentraler Bestandteil des Castroismus, die direkte Folge seiner Unfähigkeit, die Volkswirtschaft erfolgreich zu verwalten. Vergessen wir nicht den beträchtlichen Zuschuss vom Kreml …, an dessen Stelle nun der Präsidentenpalast Miraflores Venezuelas getreten ist. Wieder einmal wurde für Kuba ein Blankoscheck unterzeichnet, für weitere sechs Jahre.

54% der Venezolaner haben Hugo Chávez als Staatschef bestätigt, der Raulismus kann also noch einmal aufatmen. Die hohe Polarisierung aber, die in Bolívars Heimat erkennbar wurde, macht es schwer, an der staatlichen Unterstützung für Kuba festzuhalten. Der Regierung in Havanna stehen schwierige Monate bevor. Die Wahl in Venezuela ist die erste von dreien, die auf unser nationales Leben mehr oder weniger starken Einfluss haben werden. Als nächstes stehen die Präsidentschaftswahlen in den USA in der Reihe der Wahlen, die uns erwarten, unmittelbar bevor. Mitt Romney hat eine harte Hand im Umgang mit den kubanischen Machthabern angekündigt, aber auch Barack Obama kann sich für das kubanische System als sehr zersetzend erweisen, wenn er seine Politik der Annäherung in Bezug auf Familien, Akademikern und Kultur vertieft.

Raúl Castros erste fünfjährige Amtsperiode wird im Februar 2013 zu Ende gehen. Es wetten nur wenige darauf, dass er daran denkt, von seinem Amt zurückzutreten, um einem Jüngeren Platz zu machen. Diese Wahlen, die dritten, die uns in den kommenden Monaten erwarten, sind zugleich die unbedeutendsten und rufen keinerlei Erwartungen hervor. Der Prozess, die Delegierten für die Volksmacht zu nominieren, hat bereits begonnen und wird damit enden, dass die gehorsame Nationalversammlung die Kandidatur für den Staatsrat billigt. Während die Venezolaner mit ihrer Wahl entschieden haben, dass uns eine billionenstarke Unterstützung zusteht, und es bei den nordamerikanischen Wahlzetteln auch um die Beziehung dieser Insel mit dem mächtigen Nachbar im Norden geht, so riechen die kubanischen Wahlversammlungen von vorneherein nach abgekartetem Spiel. Man braucht nicht einmal Umfragen zu machen oder Erhebungen über die Wahlabsichten. Es wird keinerlei Überraschungen geben.

Übersetzung: Angelika Münch-Holzmeier

Rumpelstilzchen

1rumpelstiltskin_by_xxdrmad-d3hrk2b1

Der Schweiß dieser drei Frauen, die mich in das Polizeiauto steckten, klebt immer noch an meiner Haut und in den Tiefen meiner Nase. Groß, korpulent und unerbittlich brachten sie mich in diesen Raum ohne Fenster und der kaputte Ventilator blies frische Luft nur zu ihnen. Eine schaute mich mit einem ganz speziellen Spott an. Mein Gesicht erinnerte sie vielleicht an jemanden aus der Vergangenheit: eine Gegnerin in der Schule, eine despotische Mutter, eine verflossene Geliebte. Ich hab keine Ahnung. An was ich mich schon erinnern kann, ist, dass ihr Blick mich an dem Nachmittag des 4. Oktobers vernichten wollte. Sie war es, die mit größtem Vergnügen unter meinem Rock herumschnüffelte, während 2 andere uniformierte mich festhielten um die „Leibesuntersuchung“ durchzuführen. Diese Untersuchung diente weniger dazu, irgendeinen versteckten Gegenstand zu finden, sondern verfolgte vielmehr den Zweck, in mir ein Gefühl von Vergewaltigung, Wehrlosigkeit, Schändung zu erzeugen.
Alle sechs Stunden wechselten sie meine Wächterinnen aus. In der Nachtschicht waren sie weniger strikt, aber ich vergrub mich in meiner Schweigsamkeit und antwortete nie auf ihre Fragen. Ich zog mich in mich selbst zurück. Ich beschloss, zu mir selber zu sagen: „alles haben sie mir genommen, sogar meine Haarspange, aber – lächerliche Untersuchungsbeamte – meine innere Welt konnten sie mir nicht entreißen.“ So beschloss ich, während der langen Stunden dieser illegalen Haft in das einzige, was ich hatte, zu flüchten: meine Erinnerungen. Das Zimmer sollte ordentlich und sauber erscheinen, aber jeder Gegenstand zeigte seine Portion Schmutz und Bruch. Der Boden mit seinen klaren Granitfliesen war bedeckt mit einer guten Schicht angesammelten Schmutzes. Ich betrachtete die Figuren, die sich aus den kleinen zerschmolzenen Steinchen in jeder Fliese und dem schmierigen Dreck bildeten. Nach einiger Zeit entsprangen aus dieser Konstellation Gesichter. Die Figuren traten zu Tage aus dem Boden meines Kerkers im Dezernat für Aufklärung in Bayamo.
Da drüben entsprang der schlaksige Schatten von Quijote, während ich dort in der Ecke in der Lage war, das schlichte Profil von „El Loquito de Abela“* zu erhaschen. Zwei schrägstehende Augen, geformt aus Mörtel und Kies, sahen denen der Hauptfigur aus dem Film „Avatar“ zum Verwechseln ähnlich. Ich musste lachen und meine ausdauernden Bewacher glaubten langsam, dass meine Wasser- und Nahrungsverweigerung sprichwörtlich mein Gehirn weich kochen würde. In dem ungleichmäßigen Granit erspähte ich den Glöckner von Notre-Dame und die grazile Figur von Gandalf, samt Stab und allem drum und dran. Aber aus all den Figuren, die aus dem groben Bodenbelag entsprangen, gab es eine –viel intensiver – die vor meinen Augen zu hüpfen und zu kichern schien. Vielleicht war es die Auswirkung des Durstes und des Hungers, ehrlichgesagt ich weiß es nicht. Ein Zwerg mit einem langen Bart und einem zynischen Blick narrte mich spitzbübisch.
Es war Rumpelstilzchen, die Hauptfigur aus einem Kindermärchen, in dem die Königin gezwungen ist, seinen komplizierten Namen zu erraten oder sie muss als Gegenleistung dem despotischen Zwerg ihr wertvollstes Gut überlassen: ihren eigenen Sohn. Was machte diese Gestalt in mitten meiner befristeten Haft? Warum stach diese aus all den anderen angesammelten visuellen Eindrücken meines Lebens heraus? Intuitiv wusste ich die Antwort auf der Stelle. „Du bist Rumpelstilzchen“, sagte ich laut zu ihm und meine gestrengen Wächter sahen mich besorgt an. „Du bist Rumpelstilzchen – wiederholte ich – und ich weiß wie Du heißt“. „Du bist wie die Diktaturen, die in dem Moment, in dem einer sie beim Namen nennt, anfangen sich aufzulösen“.

Übersetzung: Birgit Grassnick
Anm. d. Ü.
*El Loquito (der kleine Verrückte) ist eine der wichtigsten Figuren des kubanischen politischen Humors, geschaffen von Eduardo Abela (1889-1965)

Genaueres zur Festnahme Yoanis