Ich komme nicht wieder

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Festivals von Varadero, Girasoles Opina, Bossa Nova in Havanna… eine Parade von progressiven und talentierten Künstlern tourte durch das Land in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren. Ich hörte ihre eingängigsten Lieder und ahmte ihre Frisuren und Kleidung nach. Ich trällerte Lieder vor mich hin wie „Wer sagt dir, dass ich immer lache und niemals weine…“, „Was wird sein, wird sein, tönte es seufzend durch die Schlafzimmer“, „Pedro Navaja, die Hände immer in seinem Mantel“.* Ich erinnere mich, dass meine Schwester mich auslachte und mir sagte, dass ich das „Haar eine Brasilianerin“ hätte, weil mein Profil einer Tischlampe ähnelte, wie das Profil von María Betania und anderer Diven dieser Zeit. Dieser Vergleich gefiel mir so sehr! Es waren auch Zeiten, in denen man häufig Ana Belén und Victor Manuel auf nationalen Bühnen zu sehen bekam. Sogar Mercedes Sosa – „La Negra“ genannt – stimmte ihr Lied „Dank an das Leben“** vor den heimischen Mikrofonen an.

Allerdings haben diese gerngesehenen Künstler aufgehört, uns zu besuchen. Einige starben, andere wurden durch die Missbräuche und Exzesse der Revolution desillusioniert und die meisten zählten Kuba einfach nicht mehr zu den unentbehrlichen Orten ihrer Tournee-Route. Konnte man auf den Werbeplakaten früher „Paris, Berlin, New York, Buenos Aires…Havanna“ lesen, ist die größte Insel der Antillen heute von dort verschwunden. Aus einem Ort, der als obligatorischer Zwischenstopp galt, verwandelten wir uns in einen Ort, an den nur die von der Ideologie Überzeugten kommen. Die Politik hat alles eingefärbt, bestimmte das Arpeggio, die Melodien, die Reime. Die Musik wurde aufgeteilt zwischen Künstlern, die sich der „Sache“ verpflichteten und den „Verrätern“, die es nicht verdienten, sich dem kubanischen Publikum zu präsentieren. Das letzte Mal, als ich Joaquín Sabina in einem Theater in Havanna hörte, stieg eine Freundin auf die Bühne und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. „Die Zärtlichkeit des Abschieds“ nannten wir später diese Geste, denn danach sahen wir weder das Haar, noch die Melone des Andalusiers. Die Figur (bzw. das Alter Ego) einer seiner gesungenen Geschichten sagte über die Reise nach Kuba: „ich kehre nicht mehr zurück, denn es hat mir nicht gefallen“.

Die regelmäßigen Besucher dieser Jahrzehnte summierte sich zu einer Liste von Musikern, die wir niemals mehr live sehen würden. So haben wir die freche Schnauze von Mick Jagger verpasst, sowie den Hüftschwung von Shakira, die Exzentrizität von Lady Gaga und die sanften Tänze von Willy Chirnio. Wir wuchsen auf, ohne die Sandunga von Celia Cruz direkt mitzuerleben, ohne das Bühnenlicht, das auf Ricardo Arjona fällt, und ohne den Trubel in einem Theater, während einer Aufführung von Freddie Mercury zu sehen. Madonna kam nicht nach Havanna, Michael Jackson starb, ohne kubanischen Boden betreten zu haben, und in dem langsamen Rhythmus, in dem wir uns bewegen, werden weitere Generationen von Künstlern ihre Karrieren abschließen, ohne jemals vor uns gesungen zu haben. Wenigstens hatten wir Juanes, Olga Tañón und Miguel Bosé bei diesem unvergesslichen Konzert von 2009 bei uns. ***

Ein Bürger des 21. Jahrhunderts zu sein bedeutet nicht nur, Zugang zum Internet zu haben, das Recht auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit zu haben, sondern auch der Kontakt mit zeitgemäßer Kultur und Musik. Doch was unser internationaler Veranstaltungskalender beweist, ist, dass wir im letzten Jahrhundert stehen geblieben sind, gestrandet in der Epoche, in der Milton do Nascimento und Fito Páez einige Meter vor uns sangen.

Übersetzung: Valentina Dudinov
Anm. d. Ü.
* Originaltitel: “Quién le dijo que yo era risa siempre, nunca llanto…”, “Qué será, que será …”, “Pedro Navaja, las manos siempre dentro del gabán”.
** Originaltitel: “Gracias a la vida”.
*** Das Konzert “Frieden-ohne-Grenzen” im Jahr 2009 gilt als eines der größten Events in der Geschichte Kubas. Bei dem von Juanes organisierten Konzert nahmen insgesamt 15 kubanische und internationale Künstler teil. Sowohl die Musiker als auch die meisten Zuschauer hatten sich weiße Kleidung angezogen, um den apolitischen Charakter der Veranstaltung zu unterstreichen.

Präsident Mujica, eine verletzte Nase und die Schlaglöcher Havannas

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Ein vom Wind mitgerissenes Dachblech verursachte die Nasenschnittwunde des uruguayischen Präsidenten José Mujica. Ein Stück Metall, das sich löste als er gerade einem Nachbarn dabei half, die Dachabdeckung seines Hauses zu verstärken. Die Anekdote ging als ein Beispiel für die Einfachheit eines Machthabers, der schon für seinen schlichten Lebensstil bekannt ist, durch die Medien und die sozialen Netzwerke. Als wäre er ein ganz normaler Farmer, war er zu Stelle und packte mit an, damit der Sturm nicht die Ziegel eines Hauses in der Nähe des Bauernhofes, in dem er in Montevideo lebt, wegfegt. Zweifellos eine Anekdote voller Lektionen, die von vielen anderen Regierenden der Welt nachgeahmt werden müssten.

Die Geschichte von Pepe Mujica brachte mich dazu, über die Ungleichheiten zwischen dem Lebensstil der Regierenden und dem des Volkes in Kuba nachzudenken. Der Kontrast ist so ausgeprägt, so gewaltig, dass er einen großen Anteil der Fehler bestimmt, die diese beim Treffen von Entscheidungen machen. Es geht nicht nur darum, dass sie bessere Häuser bewohnen, in hübschen Wohngegenden leben oder modernere Autos fahren. Nein. Der große Unterschied liegt in der beinahe völligen Unerfahrenheit, die die Obrigkeiten hinsichtlich der Probleme haben, die unser tägliches Leben plagen. Sie kennen das Gefühl nicht, über eine Stunde an einer Bushaltestelle zu warten, die Beunruhigung, wenn es mitten in der Nacht einen Stromausfall gibt oder den Ärger, in Straßen ohne Beleuchtung oder voller Schlaglöcher laufen zu müssen. Sie haben nicht die geringste Ahnung von dem muffigen Schweißgeruch, der das Innere eines LKWs erfüllt, mit dem dutzende Personen von einem Dorf ins andere fahren, oder vom Geklapper der Pferdewagen, die für viele die einzigen Beförderungsmittel sind. Niemals haben sie eine Nacht im Terminal von La Coubre verbracht, auf der Warteliste, um einen Zugfahrschein zu bekommen, noch mussten sie einen Betrag, der einem Monatsgehalt gleichkommt, an einen Schaffner zahlen, der die Tickets für den Einstieg in einen baufälligen Wagon weiterverkauft.

Wann hat ein Kommandant oder General dieses Landes mit Konvertiblen Pesos einen Laden betreten, um zu sehen, ob das Hackfleisch jetzt günstiger geworden ist, und musste wieder gehen, weil das Geld für keine der in den Regalen ausgelegten Waren ausreichte? Wie lange ist es schon her, dass ein Minister den Kühlschrank öffnete, um festzustellen, dass Wasser im Überfluss da ist und es an Essen mangelt? Hat der Parlamentspräsident jemals auf einer Matratze geschlafen, die die Großmutter der Familie schon mehrmals zusammengeflickt hat? Hat er je seine Unterwäsche gestopft, um sie weiterhin tragen zu können, oder Speiseessig zum Haarewaschen verwendet, weil es an Shampoo fehlte? Kennen die Kinder dieser Mächtigen jene feuchtnassen Morgen, an denen man den Kerosinofen einheizen muss, damit er bereit ist, wenn man den morgendlichen Kaffee zubereiten will? Haben sie je das Gesicht eines Funktionärs aus der Nähe gesehen, wenn dieser fast mit Vergnügen „Nein” sagt, wenn man ihn nach dem Ergebnis eines Behördenantrags fragt? Hat irgendwer von ihnen jemals Erdnüsse in Papiertütchen verkaufen müssen, um zu überleben, wie so viele alte Rentner im ganzen Land?

Sie können uns nicht regieren, weil sie uns nicht kennen. Sie sind nicht in der Lage, Lösungen zu finden, weil sie noch nie die Schwierigkeiten, die wir haben, durchlebten. Sie repräsentieren uns nicht, denn schon zu lange sind sie in eine Welt aus Privilegien, Komfort und Luxus abgedriftet. Sie haben keine Ahnung was es heutzutage heißt, ein Kubaner zu sein.

Übersetzung: Nina Beyerlein

Wenn auch in neuem Gewand … „Mesa Redonda“ bleibt.

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Wenige TV-Sendungen wurden auf Kuba in der Vergangenheit so häufig verspottet und parodiert wie „Mesa Redonda*“. Die Sendung, die im Eifer der sogenannten „Batalla de Ideas**“ ins Leben gerufen wurde, weist den höchsten Grad von politischem Bekehrungseifer auf, den man in unseren staatlichen Medien finden kann. Ihr Grundprinzip ist, die Zuschauer mit der Meinung des Staates einzuschüchtern, ohne ihnen den Zugang zu kritischen oder gegensätzlichen Meinungen zu gewähren. Die Erniedrigung von Nonkonformisten, denen man kein Recht auf Widerrede einräumt, ist eine der Methoden, denen man sich an den Mikrofonen dieser so langweiligen Sendung am häufigsten bedient. All das basierend auf der Annahme, dass wir im „Paradies“ leben, während die Welt da draußen in die Brüche geht.

Seit dem 10. September ist „Mesa Redonda“ eine halbe Stunde weniger „on air“. Außerdem hat man das Bühnenbild modernisiert und es scheint jetzt sogar ein nagelneues iPad zur exklusiven Benutzung des Moderators zu geben. Die Kameraperspektiven sind gewagter und man hat einige der rundlichen Teilnehmer auf Diät gesetzt. Mit diesen Änderungen will man ein bisschen moderner machen, was mit der dicken Staubschicht des Anachronismus bedeckt war. Jedoch sind die wichtigsten Grundsätze, nach denen die Sendung verläuft, weiterhin intakt. Der offensichtlichste ist das Fehlen von Pluralität und die Eintönigkeit, die sich daraus ergibt, dass alle, die dort zusammenkommen, die gleiche Meinung haben. Und so eine Schundsendung zahlt ihren Journalisten – welch ein Widerspruch – die höchsten Gehälter, die man im Kubanischen Rundfunk- und Fernsehinstitut kennt.

Möglicherweise sind meine Worte über diese Sendung aber auch zu sehr von der Tatsache geprägt, dass ich auch auf dem Gebiet der Information tätig bin. Deshalb werde ich die Meinung, die viele Kubaner darüber haben, anhand einer Anekdote veranschaulichen. Vor kurzem forderte eine Freundin vor einer Polizeiwache die Freilassung eines Aktivisten, den man willkürlich verhaftet hatte. Ihr Handy klingelte und ihr Vater war dran. Er war verängstigt, weil ihm ein Nachbar erzählt hatte, seine Tochter habe sich in Angelegenheiten von „Dissidenten“ eingemischt. Im Eifer des Gefechts fiel meiner Freundin nur folgende Antwort ein: „Papa, ich habe dir schon mal gesagt, du sollst nicht mehr ‚Mesa Redonda’ schauen.“ Mit diesem einfachen Satz betonte sie die Kluft zwischen der Realität unseres Landes und dem Drehbuch dieser TV-Bühne. Sie zeigte ihrem Vater, dass man immer noch an ein Kuba glaubt, das nicht existiert, ein Land, in dem es weder ungesetzliche Verhaftungen, noch die polizeiliche Bedrohung oder Ablehnungsaktionen gibt. Eine Scheinnation, die von Montag bis Freitag jeweils eine Stunde lang existiert … auf unserem kleinen Bildschirm.

Übersetzung: Falko Blümlein
Anm. d. Ü.

* wörtlich „runder Tisch“, wird auch im Sinn von „Diskussionsrunde“ verwendet

** Die „Schlacht der Ideen“ umfasst viele Programme im Bereich der Bildung und Kultur, unter anderem Bildungssendungen.

Überleben

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Das Licht ist schummrig, das Zimmer schmal und das Gemurmel von Santo Suárez dringt durch die Wände. Auf dem Bett liegt eine bis auf die Knochen abgemagerte Frau mit eiskalten Händen und kaum vernehmbarer Stimme. Martha Beatriz Roque ist vor einer Woche in den Hungerstreik getreten. Ich kam bei ihr an, gefangen in der Hektik des Alltags und Informationen hinterher jagend. Aber ihr Gesicht strahlt die Ruhe aus, die die Zeit und die Erfahrung mit sich bringen. Da ist sie, so zerbrechlich wie ein kleines Mädchen und so leicht, dass ich sie auf meinen Schoß setzen und in den Schlaf lullen könnte. Mich überrascht ihre Klarheit und auf welch kategorische Art und Weise sie mir erklärt, weshalb sie die Nahrung verweigert. Jedes Wort, das ihr – sehr intensiv – zu artikulieren gelingt, scheint nicht aus jenem durch das Fasten geschwächten Körper zu kommen.

Ich dachte eigentlich, nie mehr am Bett einer Person, die sich im Hungerstreik befindet, stehen zu müssen. Der falsche Optimismus, dass in der Zukunft alles besser sein muss, hatte mich glauben lassen, dass Gillermo Fariñas mit seinen hervorstehenden Rippen und seinem ausgetrockneten Mund (http://www.desdecuba.com/generaciony/?p=3664) der letzte Widerständler gewesen wäre, der das Hungern als Waffe gebrauchen würde, um für bürgerliche Anliegen einzutreten. Aber zwei Jahre nach jenen 134 Tagen, die er ohne einen Bissen zu essen verbrachte, sehe ich erneut diese eingesunkenen Becken und die fahle Farbe eines Menschen, der das Essen verweigert. Diesmal sind es im ganzen Land schon 28 Personen, und wieder ist der Anlass die Wehrlosigkeit der einzelnen Person gegenüber einer durch die Ideologie übermäßig geprägten Gesetzmäßigkeit. Da es keine anderen Wege gibt, an die Regierung heranzukommen, werden die leeren Därme dazu benutzt, Forderungen zu erheben und aufzubegehren. Es ist traurig, dass sie uns nichts als unsere Haut, Knochen und Magenwände gelassen haben, um uns Gehör zu verschaffen.

Bevor ich das Haus von Martha Beatriz verließ, sprach ich ihr zu ‘du musst überleben, diese Art von Regierungen muss man überleben‘. Und ich ging auf die Straße hinaus, umfasst von dem Gefühl von Schuld und Verantwortlichkeit, welches jeder Kubaner bei einer so traurigen Angelegenheit empfinden sollte. ‘Überleben, überleben‘, dachte ich die ganze Zeit, als ich mich mit der Familie von Jorge Vázquez Chaviano (http://www.desdecuba.com/generaciony/wp-content/uploads/2012/09/martha-beatriz.jpeg) unterhielt, der am 9. September hätte freigelassen werden sollen und dessen Haftentlassung die Fastenden verlangen. ‘Überleben, überleben‘, wiederholte ich auch noch, als ich von der verschlechterten körperlichen Verfassung der anderen Streikenden erfuhr. ‘Überleben, überleben‘, sagte ich zu mir, als ich im Fernsehen die Gesichter derer sah, die in diesem Land eine Meinungsverschiedenheit in ein Verbrechen und einen bürgerlichen Protest in Hochverrat verkehrt haben. ‘Überleben, überleben, man muss sie überleben‘, gelobte ich mir. Aber vielleicht ist es dafür ja bereits zu spät.

Übersetzung: Angelika Münch-Holzmeier

Die Überheblichen

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Überfüllte Gänge, Jalousien, die die Hitze durchlassen, jedoch kaum eine Brise weht hindurch. Es ist 10 Uhr morgens in irgendeinem Büro, in irgendeinem Warteraum eines öffentlichen Gebäudes dieser langen und schmalen Insel in Form einer Warteliste. Ein Beamter ruft die Wartenden mit Vor- und Nachnamen auf, kontrolliert die Papiere, und lässt sie in eine kleine Kabine mit Wänden aus Pappkarton durchgehen. Gegen Mittag durchschreitet eine Dame in makelloser Kleidung und makellosen Schuhen den Saal und der Direktor selbst bevorzugt sie vor all den anderen und lädt sie sogar in sein Büro ein. Als sie geht, flüstert jemand über sie: „das ist die Tochter des Generals X von Sowieso… deswegen muss sie nicht warten“.

Nuevo Vedado, hässliche Betonbauten wechseln sich ab mit Villen in geräumigen Gärten und hohen Zäunen. „Wem gehört das?“, fragt ein neugieriges Kind, als es zum ersten Mal diese Straße entlang läuft. Die Eltern kichern, heben die Augenbrauen bis zum Haaransatz, um schließlich zu sagen: „das haben sie der Mutter eines Kommandanten gegeben, der von der der Sierra herabstieg, aber jetzt wohnen die Enkel hier“. Und als sie gerade um die Ecke gehen, sehen sie, wie ein älterer Mann sich mit seinem Nachbarn auf dem Bürgersteig unterhält. Als sie näher kommen, hört der wissbegierige Junge ihn sagen: „ich gehe gleich meinen Neffen, den Polizeihauptmann besuchen, damit der ihm einen Schrecken einjagt. Mal sehen, ob er dann noch seine Musik so laut aufdreht“. Als die neugierige Familie die Straße Tulipán überquert, rast ein Auto um die Ecke, ohne runterzuschalten. Hinter dem Steuer ein weiterer hochnäsiger „Blaublütler“, der weiß, dass er niemals ein Bußgeld dafür bekommen wird, das „Stopp“-Schild missachtet zu haben.

Die Abstammung, der Stammbaum, gemeinsame Gene mit anderen, ist im heutigen Kuba ein Freibrief für fast alles. Die Vetternwirtschaft hat sich nicht nur auf dem Arbeitsmarkt manifestiert oder im Erreichen bestimmter politischer Positionen. „Die Familie von…“ zu sein erleichtert die Formalitäten, säubert Einträge ins Strafregister, positioniert einen weiter oben auf der Leiter, um ein Haus oder ein Auto zu erstehen, bietet unverzügliche Aufnahme in die besten Krankenhäuser, bietet die Möglichkeit zur Einschreibung an bestimmte beliebte Schulen und sogar eine schnelle Einäscherung für einen Verwandten, der verstorben ist. Die Verwandtschaft kann eine Trumpfkarte oder ein Reinfall sein, das entscheidende Element, wodurch in vielen Schulen ein Schüler toleriert wird, und ein anderer damit niemals durchgehen würde. Denn wer will schon den mächtigen Papa verärgern? Warum muss man es sich kompliziert machen, indem man „nein“ zu der eigensinnigen Schwester des Generals sagt? Wer wagt es, dem Enkel eines Führungsmitgliedes einen Dienst zu verweigern? Jeder weiß, dass Wut, wenn sie vom Olymp kommt, die Form von Blitz und Donner annimmt, was zur Entlassungen, zu sonstigen Problemen und zur Zerstörung viel versprechender Karrieren führen kann.

Übersetzung: Valentina Dudinov

Apagonazo – Der große Stromausfall

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In einem Land, in dem Stromabschaltungen untrennbar zu unserem Leben gehören, sollte es uns eigentlich nicht mehr überraschen, wenn das Licht ausgeht. Aber am gestrigen Sonntag um 20 Uhr 08 passierte etwas Alarmierendes. Zuerst wurde das Fernsehbild dunkel, gerade während der ersten Minuten der Hauptnachrichten. Dann wurde ganz Havanna abgeschaltet, in einem Ausmaß und einer Größenordnung, die wir nicht gekannt hatten, nicht einmal im schlimmsten Hurrikan. Dann kamen allmählich die Berichte aus verschiedenen Provinzen, die bestätigten, dass von Pinar del Río bis Camagüey die Insel im Dunkeln lag. Mehr als 5 Millionen Kubaner im Dunkeln fragten sich, was los war.

Fünf Stunden danach kam der Strom im Viertel, wo ich wohne, wieder. Ich ließ mich dazu verleiten, auf einem Zettel einige Besonderheiten des Geschehens hin zu kritzeln. Ich transkribiere sie hier:

-Den Stromausfall begleitete ein Informationsausfall. Mehr als vier Stunden lang äußerten sich die offiziellen Medien nicht zu dem Vorfall. Auf unseren batteriebetriebenen Radios suchten wir die Sender ab auf der Suche nach einer Erklärung, aber die nationalen Sender schwiegen. „Radio Reloj“, ein Sender, der die Einzelheiten nationaler und internationaler Ereignisse widergeben sollte, redete über alles, außer dem Wichtigsten. So mussten wir uns ein Rezept eines Fisch-Medaillons anhören, die Vorteile einer Mammographie, schöne brasilianische Legenden über das Wasser … und die Entdeckung von „prähistorischen Schuhen“ an archäologischen Stätten. Alles, nur nicht das, was wir wissen wollten: Was ist passiert, dass das halbe Land die Hand vor den Augen nicht sehen konnte.

-Die Leute verzweifelten allmählich. Polizeipatrouillen ließen ihre Sirenen in den Straßen aufheulen und ab und zu hörte man ein Feuerwehrauto vorbeifahren. Lastwagen mit hellen Schwenkscheinwerfern patrouillierten in der Region des Malecón. Das verstärkte die Furcht, die zusammen mit dem Informationsdefizit eine große Besorgnis und viele Spekulationen hervorrief.

-Der Vorfall zeigte die mangelnden Vorkehrungen der Stromgesellschaft angesichts solcher Situationen. An nur wenigen Stellen sprangen die Generatoren an und in Vierteln an der Stadtgrenze bat man die Bewohner selbst, ihre eventuell vorhandenen Vorräte an Treibstoff herzubringen, damit diese Generatoren zum Laufen gebracht werden konnten.

-Besonders beunruhigend war, dass dieser Stromausfall an einem Tag ohne Wind passierte, dass kein Zyklon mit seinem Regen auf uns einschlug, kein Sonnensturm besonders gegen die große Insel der Antillen wütete. Was war dann der Grund für eine Havarie solchen Ausmaßes?

-Das soziale Netzwerk Twitter bestätigte wieder einmal seine informative Effektivität. Bereits eine Stunde, nachdem sich die Dunkelheit ausgebreitet hatte, standen schon die alternativen Berichte über ihre geographische Ausdehnung im Internet. Es verging nur kurze Zeit, da hatten wir schon eine Bezeichnung, um die Situation zu beschreiben: Apagonazo. Während die offiziellen Medien erkennen ließen, dass sie nur autorisierte Informationen herausgeben dürfen, bewiesen die alternativen Nachrichtenwege ihre Wichtigkeit, nicht nur, wenn es um eine Gewaltausübung geht oder eine Verhaftung, sondern auch bei Naturkatastrophen, klimabedingten Gefahren und Unfällen jeder Art.

-Die hochgelobte Energie-Revolution, die unter ihren Errungenschaften gerade die Verhinderung derartiger gigantischer Stromausfälle hatte, offenbarte wieder einmal ihr Scheitern. Sogar an der emblematischen Burg Morro in der Bucht von Havanna verlöschte das Licht im Leuchtturm, was einige ironisch mit jenem Witz kommentierten: „Der letzte, der geht, soll das Licht auf dem Morro löschen …“.

-Mehr als die Hälfte der Leute, die mich während der Zeit der Dunkelheit besorgt anriefen, verknüpften den Vorfall mit irgendeinem Problem in der Regierung. Sätze im Stil von: Jetzt ist alles zusammengebrochen …“, wurden überall wiederholt. Die Desinformation in den Medien verstärkte dieses Gefühl noch. Das zeigt den Zustand der politischen und sozialen Fragilität einer Nation, wo ein Stromausfall von mehreren Stunden seine Bürger auf den Gedanken bringen kann, dass das ganze System zusammengestürzt ist. Bezeichnend, nicht wahr?

-Jemand kommentierte mir gegenüber, dass der Generalpräsident „gerade fordert die Leitung des Ministeriums für Grundstoffindustrie solle bluten“ … ich beschränkte mich darauf zu antworten, es wäre besser, er würde Strom fordern, denn es ist sehr leicht Verantwortung von anderen zu verlangen, wo wir doch alle wissen, wer die wichtigsten Energieentscheidungen des Landes fällt.

-Nach dem langen Schweigen verlas man im Fernsehen um Mitternacht eine kurze, so kryptische Notiz, dass das noch mehr Spekulationen hervorrief. Sie schoben den Vorfall auf den Bruch einer 220.000 Voltstromleitung in der Nähe von Ciego de Avila. Bis jetzt haben sie immer noch keine neuen Einzelheiten hinzugefügt.

-Nach und nach während der frühen Morgenstunden kam der elektrische Strom in der Hauptstadt und in der Mehrzahl der anderen betroffenen Zonen wieder. Es gibt keine Berichte über verursachte Schäden, obwohl es sicherlich sehr viele sein müssen.

-Am Ende gelangen wir zu der Überzeugung, dass das Land sich in einer prekären materiellen Situation befindet und dass jedes Vorkommnis dieser Art wieder passieren kann. Und, was am schlimmsten ist, die nationalen Medien werden alles wie üblich geheim halten.

Wie weit geht die Indiskretion noch?

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Wie in vielen anderen Ländern wurden auch auf Kuba in den letzten Jahren TV-Serien über die Gerichtsmedizin und Dokumentationen über polizeiliche Ermittlungen sehr beliebt. Sendungen über die Rekonstruktion von Tathergängen und Sendungen mit Polizeihunden mögen viele heute am liebsten. An Verkaufsstellen von DVDs sind diese Genres unter denen, die von den Kunden am häufigsten nachgefragt werden. Deshalb dürfen auf den Angebotslisten der Kleinunternehmer im audiovisuellen Bereich DVD-Boxen mit Sendungen im Stil von „CSI“, „Dr. G*“, „Navy CIS“ und „Fälle des FBI“ – neben vielen anderen – nicht fehlen. Es ist nicht so, als seien wir morbider geworden, oder vielleicht doch, aber die Qualität dieser Sendungen ist in den letzten zehn Jahren deutlich besser geworden. Sie vermischen Wissenschaft, Polizei, ein paar emotionale Verstrickungen und einige sehr lehrreiche Erklärungen über die Funktionsweise des menschlichen Körpers. Kurz und gut, ein unwiderstehliches Gesamtpaket, um sich nach der täglichen Routine zu entspannen. Trotz ihres geringen künstlerischen Werts haben sie zugegebenermaßen ein Publikum, um das andere TV-Sendungen mit einem Übermaß an Ideologie und einem Mangel an Kreativität sie beneiden würden.

Ich will heute jedoch weder über den fiktiven Pathologen nachdenken, der vor unseren Augen den Mörder ausfindig macht, noch über den Schauspieler, der einen modernen Detektiv in einem makellos sauberen Labor verkörpert. Nein, sie sind nur Teil eines Drehbuchs, das man sich ausgedacht hat, um die Menschen zu unterhalten, und das einem gefallen kann oder auch nicht. Mich beunruhigt viel mehr etwas anderes: das ständige und systematische Durchsickern von forensischem Material – echt und brutal – in alternative Informationskanäle seitens der Abteilungen des kubanischen Innenministeriums. Fotos von Autopsien, Videos, die die Rekonstruktion von Straftaten zeigen, Bilder, die die Polizei am Tatort geschossen hat, und Aussagen, die Beschuldigte vor der Linse einer Kamera machen. Es gibt selten einen Monat, in dem nicht über Handys oder USB-Sticks Teile von Kriminalakten die Runde machen, die unter dem Schutz der Diskretion und Anonymität stehen sollten. Und es handelt sich hierbei nicht im Geringsten um Fotos, die irgendein Eindringling, der am Ort des Geschehens vorbeikam, oder ein Paparazzo gemacht hätte, sondern eindeutig um den Inhalt der Polizeiarchive. Mit anderen Worten, Sie verlieren eines Tages einen Angehörigen bei einem tragischen Vorfall und – oh Schreck – sehen danach, dass der Augenblick, in dem auf dem Tisch der Leichenhalle der Y-Schnitt an der Leiche durchgeführt wird, zu einem äußerst beliebten Snuff-Film geworden ist.

Es ist schon eigenartig, dass das Innenministerium, das so geheimniskrämerisch arbeitet, wenn es um politische Angelegenheiten oder Spionage geht, seine Archive über gewöhnliche Verbrechen mit so geringer Sorgfalt verwaltet. Es stimmt, dass wir durch diese Nachlässigkeit bisweilen auf Tatsachen aufmerksam werden, die wir sonst nicht erfahren würden, wie den Tod von Dutzenden Patienten im Psychiatrischen Krankenhaus von Havanna. Aber in der großen Mehrheit aller Fälle bringt die Indiskretion keine Enthüllung mit sich, sondern einen tief gehenden Eingriff in das Leben – oder den Tod – einer Einzelperson. Mit dem daraus folgenden zusätzlichen Schmerz für die Familie, die mit ansehen muss, wie die Eingeweide des Vaters oder des Bruders die Bildschirme von tausenden Computern im ganzen Land erreichen. Es macht mich traurig, wenn jemand an meiner Tür klingelt, um mir auf dem Display seines Nokia-Handys eine Leiche im Leichenschauhaus zu zeigen, und wenn ich mir dann darüber bewusst werde, dass das Foto von gerade denen gemacht wurde, die eigentlich über ihre Privatsphäre hätten wachen müssen, auch nach dem Tod. Ich finde es erschreckend, dass dies eine der neuesten Anzeichen der tief greifenden Respektlosigkeit gegenüber der Intimsphäre der Bürger ist, an der unsere Gesellschaft leidet. Ich fand schon den „cederista**“ abscheulich, der seine Nachbarn verrät, den Lehrer, der Informationen über die politische Gesinnung seiner eigenen Schüler weitergibt, und den Arzt, der im Fernsehen über eine Sprechstunde mit einem Patienten spricht, nur damit jetzt auch noch die Leichtfertigkeit der Gerichtsmediziner als letzter Bestandteil dieses Räderwerks der Indiskretion hinzukommt.

Das hier ist keine fiktive Serie und auch keine weitere Folge, in der Grissom*** den Mörder fasst, nachdem er den Mageninhalt einer Larve untersucht hat. Das ist die Realität, der reale Schmerz der Angehörigen des Opfers, der Respekt, den jedes menschliche Wesen verdient, auch wenn es aufgehört hat, zu atmen. Seine Nacktheit, seine Wunden, seine Leichenstarre, seine Schutzlosigkeit in der Kälte der Leichenhalle, niemand hat das Recht, diese Dinge an die Öffentlichkeit durchsickern zu lassen. Und erst recht nicht die Menschen, die da sind, um darüber zu wachen, dass dieser so traurige Augenblick nicht zu einem exhibitionistischen Schauspiel wird.

Übersetzung: Falko Blümlein

Anm. d. Ü.

* US-amerikanische Reality-TV-Serie über die Arbeit einer Gerichtsmedizinerin

** Mitglied der „Comités de Defensa de la Revolución“ (Komitees zur Verteidigung der Revolution), Nachbarschaftsorganisationen, die dem Staat als engmaschiges Informations- und Sicherheitsnetz dienen und gleichzeitig soziale Aufgaben, wie die Nahrungsmittelverteilung in den Wohngebieten, übernehmen

*** Name der Hauptfigur aus „CSI: Den Tätern auf der Spur“

Mehr als nur Zahlen

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Zwei junge Leute erklären lächelnd in einem TV-Spot die Vorteile der Volks- und Haushaltszählung 2012. Sie sprechen von der Notwendigkeit aktualisierter und vertrauenswürdiger Statistiken über unsere Gesellschaft. Am Ende des kurzen Spots sagen sie im Chor einen Satz auf, in dem versichert wird, dass ‘wir alle in Kuba vom 15. bis 24. September zählen ‘. Was den Zuschauer zwangsläufig dazu bringt, darüber nachzudenken, dass es nicht dasselbe ist, wenn sie uns zählen, oder auf uns zählen. Aber abgesehen von den ‘freudschen Versprechern‘, die in der Amtssprache peinlich wirken, bereitet uns noch etwas anderes Sorge. Wir Kubaner sind hinsichtlich Kontrollen misstrauisch und hegen sehr großen Argwohn gegenüber Zählungen und Nachforschungen in unseren Wohnungen. Unser Leben ist aufgeteilt in einen legalen – und öffentlichen – Bereich und einen Bereich, der gepflastert ist mit rechtswidrigen Handlungen, um überleben zu können. Das ist der Hauptgrund dafür, warum wir Umfragen nicht immer positiv entgegensehen.

Unter anderen Bedingungen sollte uns eine Volkszählung eigentlich keine Sorgen machen, sondern uns freuen. Denn es handelt sich dabei um ein statistisches Werkzeug, das den Bürgern Daten über sich selbst liefert. Die Anzahl der Haushalte und der Einwohner des einen oder des anderen Geschlechts, die Wachstumsrate der Bevölkerung … und noch viele andere Zahlen, die Kapazitäten und Mangelzustände einer Nation offenlegen. Im Falle unseres Landes jedoch ist es sehr schwer, eine simple Bestandsaufnahme von einer gezielten staatlichen Kontrolle, welche diese mit sich bringt, zu unterscheiden. Es ist nicht möglich, eine Erhebung, wie harmlos und anonym sie auch scheinen mag, von ihrem stark gefürchteten Gegenstück, der Überwachung, abzugrenzen. Besonders, wenn es um all die Gegenstände und Annehmlichkeiten ‘zweifelhafter Herkunft‘ geht, die uns den Alltag erleichtern. Letzen Endes wird deshalb ein Großteil der Kubaner auf einige Fragen, die ihnen gestellt werden, mit einer Lüge antworten. Viele andere werden sich nicht einmal erfassen lassen (mehrere oppositionelle Gruppen fordern dazu auf). Herauskommen wird dabei eine Mischung aus ungefähren Angaben, Weglassungen und Unwahrheiten, die viele der Befragten von sich geben werden, um nicht preisgeben zu müssen, wer sie sind oder was sie besitzen.

In Gesprächen mit mehreren Freunden und Nachbarn wurde mir bestätigt, dass die Leute nicht dazu bereit sind, alles offen darzulegen, was das Nationale Statistikbüro wissen möchte. Eine Freundin, die ihr Haus mit dem Erlös aus illegal verkaufter Kleidung renovieren lassen konnte, erläutert mir, ohne rot zu werden, wie sie es anstellen wird: ‘Den Flachbildschirm werde ich in die Kammer stellen und dem Kleinen werde ich sagen, er solle seinen Laptop verstecken‘. Und fügt gleich hinzu: ‘Wenn sie mich fragen, wovon wir leben, dann werde ich ihnen sagen, von den 420 kubanischen Pesos (weniger als 20 US-Dollar), die mein Mann monatlich verdient‘. ‘Ach ja, und wenn sie wissen wollen, von welcher Marke mein Kühlschrank ist, werde ich ihnen direkt ins Gesicht lügen und sagen, dass es ein Haier ist, obwohl man schon vom Wohnzimmer aus das Firmenzeichen LG lesen kann‘. Der schwierigste Teil wird für sie aber sein, ihren Bruder, dessen Ehefrau und seine kleine Tochter zu bitten, sich in diesen Tagen möglichst nicht im Haus aufzuhalten, um nicht gesehen zu werden, denn die drei leben ohne Papiere in Havanna. Wenn der Beamte ihr Haus verlässt, wird er mit Sicherheit eine ziemlich verzerrte Vorstellung vom Lebensstandard und der Lebensweise meiner schlauen Freundin haben. Und genau das ist es, worauf sie abzielt. Sie sollen denken, es sei rot, wenn es grün ist, wenig, wenn es viel ist, jetzt, wenn es morgen ist. Denn von klein auf wurde ihr beigebracht, dass man auffällt, wenn man die Wahrheit sagt, und dass man sich selbst bezichtigt, wenn man dem Staat Auskünfte gibt.

Übersetzung: Angelika Münch-Holzmeier

Vom Kerosin zur Elektrizität

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Foto: Fidel zeigt kubanischen Frauen während der “Energie-Revolution” 2005, wie man einen Schnellkochtopf bedient.

Die Küche riecht nicht mehr nach Kerosin, auch sind die Wände nicht mehr schwarz vom Ruß und man braucht keinen Alkohol mehr, um den Spirituskocher anzuheizen. Jetzt wacht der Wohnblock nicht mehr auf vom Lärm des Luftventils, mit dem das Oberlicht sich entzündete, und die Allergie der Nachbarin, hervorgerufen durch den Gestank nach verbranntem Treibstoff, kommt nicht wieder. Durch das kleine Fenster strömt kein grauer Rauch mehr und das Essen hat nicht mehr diesen leichten Geschmack nach Brennstoff. Die Angst existiert nicht mehr davor, nicht rechtzeitig aufzuwachen, wenn Flammen das Holz der Tür empor züngeln. Nicht mehr…

Jetzt ist das Problem die Stromrechnung. Der Reistopf, den sie vor 5 Jahren bekam, musste der ein Dutzend Mal repariert werden. Der Küchenherd, den man ihr in jenen Jahren der sogenannten Energie-Revolution gebracht hatte, scheint die Kilowatts gierig zu verschlingen. Der Kühlschrank aus China, der ihren alten ersetzt hat, verbringt längere Zeit in aufgetautem als in gefrorenem Zustand. Kurz und gut man macht sich jetzt große Sorgen wegen der unmäßigen Rechnung in bläulicher Schrift, die man ihr unter der Tür durchschiebt.

Während sie früher einen Großteil des Tages mit der Suche nach Treibstoff zubrachte, so schmilzt jetzt ihre Rente durch die hohen Stromkosten dahin. Wenn sie den Küchenherd und den Warmwasserboiler nur drei Mal pro Woche benutzt, dann weiß sie schon, dass sie 80 % ihrer Rente dafür hernehmen muss, um die Energieausgaben zu bezahlen. Sie ist von einer beängstigenden und verzweifelten Situation in die andere geraten. Sie tauschte eine rußgeschwärzte Decke gegen mehrere Tage im Monat ohne Strom aus Geldmangel. Früher konnte sie sich beschweren, konnte fluchen, den Ofen anschreien, nach allen Seiten hin zetern, weil dieser verfluchte Küchenherd sie so viel Nerven kostete. Jetzt kann sie das nicht mehr, weil all das die „Idee des Kommandanten“ war, ein „Programm des Kommandanten“.

Übersetzung: Iris Wißmüller