Den Papa mäßigen

murillo21

Für Marino Murillo, Vizepräsident Kubas und Vater, der vor wenigen Tagen mit ansehen musste, wie seine Tochter ins Exil fuhr.

„Papa, misch dich da nicht ein“, riet ihm die Tochter am anderen Ende der Telefonleitung. Dieselbe Tochter, die ihm vor ein paar Wochen etwas Geld und ein Paket mit Medikamenten und Kleidung geschickt hatte. Diejenige, die vor einem Jahrzehnt ausgewandert ist und von Berlin aus die Hauptstütze der Familie bildet, die in Havanna zurückblieb. Der Vater schluckt trocken, jedes Mal wenn seine Erstgeborene ihn per Telefon wiederholt davor warnt, sich in die Angelegenheiten der Kommunistischen Partei oder des Komitees für die Verteidigung der Revolution einzumischen und sich etwa für Hetzkampagnen gegen Oppositionelle benutzen zu lassen. „Hör mal, es ist kurz davor, dass alles zusammenstürzt, und du bist derjenige, der mit Schlamm beworfen wird“, betont die insistierende junge Frau. Also hat der Pensionär gehorsam seine ideologische Intoleranz um mehrere Stufen heruntergeschraubt, hat diese Wut, die die Gegner „seines Kommandanten“ in ihm hervorriefen, gemäßigt und sogar seinen Mitgliedsausweis der Kommunistischen Partei ganz hinten in einer Schublade versteckt.

Er sieht verändert aus. Wenn jemand mit ihm über Politik spricht, springt er zu Themen wie das Wetter oder Baseball. Mit den abtrünnigen Nachbarn, die er sich weigerte zu grüßen, spricht er wieder und zwinkert ihnen sogar komplizenhaft zu. Schon erscheinen ihm die Sitzungen des Verbandes der Kämpfer langweilig, die Zeitungen so leer, die Parolen so falsch… er schaltet nicht einmal mehr den Fernseher ein, wenn Reden der Regierung übertragen werden. Was ist mit ihm passiert? Eine Mischung aus Frustration, Ärger über die mickrige Rente, die herrschende Korruption und die Verschiebung von Träumen auf unbestimmte Zeit. Aber in seinem Fall waren seine Kinder der wichtigste Katalysator für die Unzufriedenheit, die entscheidende Ablehnung, die seine Ideenwelt erhalten konnte. Der Großteil lebt in Europa und der Jüngste überquerte mit dem Floß die Meerenge von Florida. Niemand wollte bleiben und auf die Früchte des Systems warten, für das „Papa so sehr kämpfte“.

Nach dem Weggang seiner „lieben Kleinen“, entdeckte er in sich selbst einen gemäßigteren Mann, der in der Lage ist zu akzeptieren, dass auch die Kinder anderer Leute gehen, ohne mit Eiern oder Beleidigungen nach ihnen zu werfen. Er lässt es nicht zu, dass man seine Sprösslinge als „Verräter“ bezeichnet und er erkannte, dass die englische Sprache, die seine in Arkansas geborene Enkelin spricht, keinesfalls die Sprache des Teufels ist. Außerdem sind die Vitamine, die sie ihm schicken, so gut, das Gel gegen Rückenschmerz von solcher Qualität, die Dollar über Western Union so zweckmäßig… Kurz und gut, er ist ein anderer Mensch. Im Oktober dieses Jahres wird er in die Vereinigten Staaten fliegen, um seine Familie zu besuchen und er plant, nicht zurückzukehren. Er wird gehen ohne Lärm, ohne sich zu verabschieden, sich nicht einmal bei der einzigen Partei, der er diente, abzumelden. Er wird gehen, ohne sich öffentlich zu distanzieren, und er wird sich bei niemandem der unzufriedenen Menschen entschuldigen, die er vor Jahrzehnten beschimpfte, anspuckte, erniedrigte. Er wird gehen.

Übersetzung: Valentina Dudinov

Alte Tricks, neue Tricks

omnibus_turistas

Die Hände fliegen über den Tisch. So schnell, dass man es gerade mal schafft die Spur, die die Finger hinterlassen, und den Schimmer eines goldenen Rings zu sehen. Du wirst erraten können, zumindest beim ersten Mal, unter welchem Behälter sich die kleine Papierkugel versteckt. Die Vorstellung findet nur für dich statt, du bist die Beute, das einzige Publikum, an das die Show gerichtet ist. Um ein Paar Schuhe zu einem günstigeren Preis als in den Läden zu kaufen, bist du in diesen Raum eines dunklen Mietshauses gekommen. Aber kaum hast du den verschlungenen Gang betreten, verschwindet die junge Frau, die dir jene vorteilhaften Preise angeboten hat. Darum bleibst du dort stehen, nur wenige Meter von zwei Männern entfernt, die spielen, als wärst du nicht da, doch gleichzeitig richten sich alle Gesten an deine Augen. In wenigen Minuten werden sie dir vorschlagen zu wetten und du wirst glauben, dass du herausfinden kannst, wo sich das wendige Bällchen befindet. In weniger als einer Stunde wirst du dein gesamtes Geld, das du bei dir trugst, verloren haben.

 
Soweit die kurze Erzählung von einer der häufigsten Betrügereien in unserem Land und weltweit. Ein hervorragender Schwindel, der trotz seiner Einfachheit und Wiederholung nicht aufgehört hat zu funktionieren. In Kuba sind in letzter Zeit neue Methoden aufgekommen, um den Leuten ihr Geld aus der Tasche zu ziehen. Es gibt nichts, was es nicht gibt: 1-Peso-Geldscheine, auf denen grob zwei Nullen gemalt werden, damit sie als Hunderter „durchgehen“. Plastiktüten mit Jeans werden in einem Hauseingang verkauft, die dann, wenn man zu Hause ankommt, nur einen alten Kartoffelsack enthalten. Vermeintliche Immobilienmakler, die sich mit der Zahlung aus dem Staub machen, ohne die geringste Arbeit geleistet zu haben. Bis hin zu “Bootsfahrten nach Florida”, die damit enden, dass die Interessenten im Mangrovensumpf von Moskitos „gefressen“ werden, ohne dass jemals ein Schiff auftaucht. Nochmal, es gibt nichts, was es nicht gibt. Aber seit kurzer Zeit gibt es eine neue Art von Diebstahl, in der fast immer ein angeblicher Ausländer involviert ist.

Die Technik ist schon fast sympathisch, wenn sie nicht diese Auswirkung auf die Brieftasche hätte. Jemand mit argentinischem oder französischem Akzent mietet ein Taxi. Er stellt dem Fahrer eine gute Summe Geld in Aussicht, um ihn für einen ganzen Tag zu beauftragen. Das Auto setzt sich in Bewegung und der bekümmerte Ausländer fängt an, all seine Probleme zu erzählen, die er mit seiner kubanischen Frau hat, und beschreibt gleichzeitig das rentable Unternehmen, das er gerade auf der Insel gründet. Die Route umfasst fast immer das Anfahren eines Hotels, das Vorbeifahren bei einem Krankenhaus, das Abholen einiger Koffer in der Wohnung eines „Freundes“ und sogar ein Bier in einer Kneipe. Sobald der Fahrer dann eine Art freundschaftliches Vertrauen zu seinem Kunden gefasst hat, bittet ihn Letzterer um etwas Geld, mit dem er eine formale Angelegenheit bezahlen muss, und bringt die Entschuldigung vor, es würden keine Hunderter-Banknoten akzeptiert werden oder er habe nur noch Euros. „Leih es mir für ein paar Minuten und gleich fahren wir zur Bank zum Wechseln und ich geb es dir zurück.“ Und der Tourist mit Hut und Blumenhemd steigt aus dem Auto aus. Nachdem er länger als eine Stunde auf ihn gewartet hat, fängt der Taxifahrer an, Verdacht zu schöpfen, aber der Betrüger ist bereits über alle Berge.

Während der Trick mit dem Kügelchen, das sich unter einem Behälter versteckt, an unser Ego appelliert, indem er uns glauben lässt, dass unsere Augen schneller sein können als die Hände des Spielers, basiert die Falle des „Touristen, der uns um Geld bittet“ auf der weit verbreiteten Überzeugung, dass die Ausländer „niemals gerissener sein können als wir“. Die Betrüger von Havanna profitieren so von diesem falschen Vorurteil und machen ihren Reibach. Wozu die Hände trainieren oder darauf warten, dass die „Beute“ auf der Suche nach ein Paar Schuhen einen heruntergekommenen Raum betritt, wenn der Gewinn größer sein kann, indem man wie jemand aus Buenos Aires oder Quebec spricht? Ein gewisser Duft nach Sonnencreme, Sonnenbrille, weite Bermudas und ein neugieriger Blick auf die Gebäude, die man vom Taxifenster aus sieht, das genügt und der Betrüger ist schon dabei, sich über den Inhalt deines Geldbeutels zu machen.

Übersetzung: Nina Beyerlein

Ein Abschiedsgruß an den Blog „La Polémica Digital“

lastpost

„Wenn ein Freund geht“ heißt es in einem Lied gesungen von Alberto Cortéz, das jedem ein paar Tränen entlockt. Nun hat man diesen Trennungsschmerz, auf den sich das Musikstück bezieht, aber nicht nur, wenn sich jemand verabschiedet, der einem sehr nahe steht. Es tut auch weh, wenn man sich von Menschen verabschieden muss, die man zwar nicht persönlich kennt, mit denen man aber den weiten Raum des Internets geteilt hat. Menschen, die man im Internet begleitet, deren Texte man gelesen hat, selbst wenn man deren Meinung bei vielen Themen überhaupt nicht geteilt hat. Das ist der Fall bei Elaine Díaz, die gerade das Ende ihres Blogs „La polémica digital“ verkündet hat. Nachdem sie fünf Jahre lang auf dieser „sehr persönlichen, subjektiven“ Website veröffentlicht hatte, entschloss sich die Journalistin nun dazu, sie zu schließen und sich der Lehre und Forschung zu widmen. Ein Verlust für die Pluralität der kubanische Blogosphäre.

Auch wenn sie nie auf die Einladungen geantwortet hat, die wir ihr geschickt haben, um mit Bloggern von „Voces Cubanas“ Meinungen auszutauschen, schmälerte das nicht meine Sympathie für sie. Auch die Unhöflichkeit, die besondere Erwähnung seitens des Wettbewerbs „Una Isla Virtual“ nicht anzunehmen, hatte keinen Einfluss auf den Respekt, den viele von uns ihren Texten zollten. Ich hörte nicht einmal auf, ihren Blog zu lesen und sie gegenüber ihren vielen Verleumdern zu verteidigen, als sie mehr als einmal eine banale Salve der offiziellen Beschuldigungen gegen mich abfeuerte. Noch weniger ließ ich zu, dass ihr trauriger Auftritt in der Sendung der Staatssicherheit „Las Razones de Cuba“ meine Freude an ihren aufrichtigen, mutigen und jugendlichen Texten trübte. Denn in Elaine Díaz erkannte ich etwas von der zwanzigjährigen Yoani Sánchez wieder, die ich einmal war, mit der Illusion, man könne das System von innen heraus reformieren. Mich mit ihrer Prosa zu beschäftigen war eine Reise in meine eigene Vergangenheit.

Leider hat sich der Blog „La Polémica digital“ von seinen Lesern verabschiedet. Und auch wenn die Erklärung der Autorin auf neue berufliche Wege verweist, fällt es schwer, zu glauben, dass das der einzige Grund ist. Elaine Díaz hatte die Grenzen der Kritik überschritten, die jemandem gestatten sind, der für die staatlichen Medien oder in einer kubanischen Bildungseinrichtung arbeitet. Ich erinnere mich zum Beispiel an ihre Anklage der Korruption an einem „preuniversitario*“ auf dem Land, in der sie das strategische Thema der Bildungsqualität und des Werteverlusts von Lehrern und Schülern behandelte. In diese Liste passt auch ein großartiger Bericht, der ihrer Tastatur entstammt, über den sozialen Schaden und die Umweltbeeinträchtigung, die von Stromgeneratoren in ihrem Dorf verursachen werden, wobei die hochheilige „Revolución Energética“ in Frage zu stellen bekanntermaßen einem direkten Fingerzeig auf Fidel Castro gleichkam. Der ausschlaggebende Fußtritt war vielleicht ihr Aufruf an #nolesvotes auf Twitter, um zu verhindern, dass die Wähler für die Mitglieder einer Nationalversammlung bürgen, die nicht die Interessen des Volkes vertritt.

Das Ende war zu erwarten. Es bleibt uns jetzt nichts weiter übrig, als die Hoffnung aufrecht zu erhalten, dass diese junge Frau eines Tages wieder eine virtuelle Plattform hat, ohne Grenzen, ohne die Angst, sich jemandem anzunähern, um eine Idee auszudiskutieren, und ohne irgendein Zugeständnis an die Zensur. Die Vorstellung, die Texte einer solchen Elaine Díaz zu lesen, ist für mich jetzt schon wie eine Reise in die Zukunft.

Anm. d. Ü.
* berufsorientierte Schule zur Vorbereitung auf die Universität, 10.-12. Klasse
Übersetzung: Falko Blümlein

Terabytes

zettabyte

Auf meinem Balkon steht ein Yagruma-Baum, er hat Blätter in Form von Händen mit rundlichen Fingern, weiß auf der Unterseite, auf der Oberseite grün. Was mir am meisten an ihm gefällt, ist aber nicht so sehr seine ansprechende Form oder die erstaunliche Tatsache, dass er 50 Meter über dem Erdboden in einem Blumentopf herangewachsen ist, sondern vielmehr seine Anpassungsfähigkeit. Vor Jahren erkannte er, dass ihm die Betondecke keinen geraden Wuchs erlauben würde, und so neigte er sich nach außen und streckte im 14. Stockwerk seine Zweige über die Balkonmauer. Als dann die Katze ihre Krallen an ihm schärfte und den Stamm beschädigte, bildete die Pflanze um die Wunden zum Schutz eine dickere Rinde. Für jedes Problem fand sie eine Lösung, bei jedem Angriff ein Mittel sich zu wehren.

Unser Alltag ist voller Lektionen wie die von der ‘Yagruma im Blumentopf‘. In meiner Nachbarschaft beispielsweise haben sich Jugendliche zahlreiche WLAN-Netzwerke eingerichtet, um Programme, Spiele und Dateien auszutauschen. Ebenso wie die Pflanze auf dem Balkon wollen auch sie sich nicht den Einengungen beugen, die ihnen die Realität auferlegt, unter ihnen die absurden Beschränkungen eines freien Zugangs zum Internet. Also haben sie sich ihre eigenen Methoden geschaffen, um surfen zu können, und sei es in einem unzulänglichen und begrenzten Intranet. Auch ohne Informationskanäle, die nicht unter strenger staatlicher Aufsicht sind, entstehen gleichwohl Wege für den Austausch, Kauf und Verkauf von ausländischen TV-Programmen, Musik und Filmen. In einer Vielfältigkeit und Menge, dass einem schwindelig wird.

‘Wie viele Terabytes möchten Sie‘, fragte mich heute Morgen einer jener jungen Typen, die kaum zwanzig Jahre alt und schon im ‘Informationsgeschäft‘ tätig sind. Das löste in mir einen Kurzschluss im Gehirn aus, denn ich war zwar soweit gekommen, in Megabytes und später dann in Gigabytes zu rechnen, aber das ist einfach zu viel für mich. Er erläuterte mir daraufhin sein Warenangebot etwas näher: er hatte Datenpakete voll mit Serien- und Dokumentarfilmen, die historische Themen, Spionage, Wissenschaft und Technik bis hin zu vollständigen Biographien zum Inhalt hatten. Als er merkte, dass ich mich für Literatur interessiere, fügte er noch eine Auswahl mit Interviews mit den wichtigsten Autoren des ‘lateinamerikanischen Booms‘ hinzu. Am Schluss unterbreitete er mir noch die – wie er meinte – „gefragtesten Themen“ und zählte dabei Titel auf wie ‘Große Attentate der Geschichte‘, ‘Der Weg der Drogen‘, ‘Chirurgie ohne Maß und Ziel‘, ‘China: eine Kluft zwischen reich und arm‘ … Ich stand dort mit meinem USB-Stick in der Hand und wusste nicht, was ich nehmen sollte. Schließlich kaufte ich mehrere Gigabytes von diesem und jenem und rannte nach Hause mit dem gleichen Siegesgefühl wie jener Yagruma-Baum, der es trotz der durch die Decke bedingten Einengung geschafft hat, in die Unendlichkeit zu entkommen.

Übersetzung: Angelika Münch-Holzmeier

Anonym

cactus

Jemand warf den Brief durch das Fenster in das Büro des Direktors, in einer Plastiktüte mit einem Stein darin. Zeile um Zeile in einer eng geschriebenen unruhigen Schrift prangerte jemand das Abzweigen von Lebensmitteln im Kantinenbereich an. Hier war die akkurate Beschreibung des „privaten“ Lagers, wo eben diese Produkte aufbewahrt werden, welche nie auf den Tischen der Schüler landen. Und die stetig zunehmende Zahl der Portionen, welche – jede Woche – in den Futtertrögen landen, um die Schweine des Verwalters zu ernähren. Auf 8 Seiten wurden die Tricks denunziert, mit welchen die Zahlen zum Monatsende abgeglichen werden, und sogar der Name der Person, welche mögliche Inspektionen ankündigte.

Jene anonyme Person erzwang eine rasch einberufene Versammlung. Eine überraschende Überprüfung der Küche hatte die Behauptungen des unbekannten Gerechtigkeitsvertreters bestätigt. An einem Donnerstag, in einer Versammlung mit offener Abstimmung wurden die in die Veruntreuung verwickelten Personen einstimmig entlassen und es wurden neue Arbeiter für diese Stellen benannt. Auf den Stühlen des weiträumigen Saales glaubten nur wenige daran, dass das gestohlene Essen auf den Tabletts landen würde und dass das Mittagessen der Schüler seine verlorenen Gramme und den abgezweigten Wohlgeschmack wiedererlangen würde.

Als es Montag war, hatten die neuen Arbeiter in der Küche schon ihre eigene Dynamik der Unterschlagung. Sie versteckten die Bohnensäcke und Ölflaschen an einem sicheren Ort, der nicht von den Prüfern entdeckt werden kann. Für mindestens 3 Tage landete auf den Tellern der festgesetzte Anteil, aber schrittweise wurde hier um eine Unze und dort um ein Gramm reduziert. Die Schweine in irgendeinem weit entfernten Stall wurden wieder gemästet mit der Brühe und dem Reis, den viele Schüler, da absolut geschmacklos, nicht einmal probierten. Das Fälschen der Zahlen garantiert, dass die Veruntreuung auf dem Papier nicht auffällt, während ein Informant – aus dem nähren Umfeld des Direktors – ankündigt, wenn es eine Untersuchung des Ministeriums gibt. Der anonyme Ankläger und seine Denunzierung bewirkten nur, dass der Raub die Namen gewechselt hat und die Abzweigung von Mitteln in der Macht anderer Hände liegt.

Übersetzung: Birgit Grassnick

Haben wir uns an den Dreck gewöhnt?

rainabana

Ein Jugendlicher schreibt mit dem Zeigefinger „wasch mich“ in den Staub auf der Scheibe eines Omnibusses. Eine Mutter fragt ihren Sohn, wie die Toiletten in der Schule sind, und er bekräftigt, dass „der Gestank ihn davon abhält, sie zu betreten“. Eine Zahnärztin isst ein Fettgebäck vor ihrem Patienten und daraufhin zieht sie ihm mit ungewaschenen Händen einen Backenzahn. Ein Passant lässt den Käse von seiner Pizza, die frisch aus dem Ofen kommt, auf den Bürgersteig tropfen, wo er einen Fettfleck bildet. Eine Kellnerin wischt mit einem stinkenden Lappen die Tische der Eisdiele Coppelia und verteilt Gläser, die von mehrfachem Belag schlecht abgespülter Milch kleben. Ein Tourist trinkt versunken einen Mojito, in dem mehrere Eiswürfel schwimmen, die mit Wasser aus dem Hahn gemacht sind. Ein Abwasserkanal ergießt sich wenige Meter entfernt von der Küche eines Erholungszentrums für Kinder und Jugendliche. Eine Küchenschabe flitzt schnell über die Wand der Praxis, während der Arzt den Patienten abhört.

All das und noch viel mehr könnte ich aufzählen, aber ich habe lieber eine Übersicht dessen zusammengestellt, was ich mit eigenen Augen gesehen habe. Die hygienischen Verhältnisse dieser Stadt weisen eine alarmierende Verschlechterung auf und schaffen ein Szenarium, das die Verbreitung von Krankheiten fördert. Der Ausbruch von Cholera im Osten des Landes ist ein trauriger Hinweis darauf, was auch in der Hauptstadt passieren könnte. Das Fehlen eines Hygieneunterrichts von frühester Kindheit an hat bewirkt, dass wir den Schmutz als die natürliche Umgebung akzeptieren, in der wir uns bewegen müssen. Auch der Mangel an Materialien vergrößert das epidemiologische Risiko. Viele Mütter benutzen Wegwerfwindeln mehrmals, indem sie sie mit Baumwolle oder Mullbinden ausstopfen. Die aus dem Müll gezogenen Plastikflaschen dienen als Gefäße für Hersteller von zu Hause produziertem Joghurt und für die Milchverkäufer auf dem Schwarzmarkt. Die schlechte Wasserversorgung in zahlreichen Stadtvierteln verringert die Häufigkeit des Händewaschens und sogar die des üblichen wöchentlichen Bades. Die erhöhten Preise und die Unterversorgung im Bezug auf Reinigungsprodukte komplizieren die Situation noch mehr. Gerade momentan ist es sehr schwierig, in einem Laden einen Wischlappen für den Fußboden zu finden und Reinigungsmittel werden auch knapp. Sich sauber zu halten ist teuer und kompliziert.

Vergangene Woche verkündeten die Medien einen neuen Gesundheitskodex für den Umgang mit Lebensmitteln, eine zweifellos willkommene Maßnahme. Aber die schwerwiegenden hygienischen Probleme, die sich in Havanna zeigen, lassen sich nicht mit Hilfe von Dekreten und Resolutionen lösen. Von den ersten Jahren an wäre die Unterweisung zur Benutzung von Toiletten, das Betonen der Wichtigkeit von Sauberkeit ein bedeutender Schritt, um echte Ergebnisse zu erzielen. Die Schulen müssen ein Vorbild für Sauberkeit sein, nicht ein Ort, wo die Schüler sich die Nase zuhalten müssen, wenn sie aufs WC gehen. Der Lehrer muss Kloregeln ebenso vermitteln, wie Satzbau und mathematische Formeln. Auch sollten die Produkte für die Reinigung von Körper, Wäsche und Wohnung verbilligt werden und in ausreichender Menge vorhanden sein. Das ist unverzichtbar und entscheidend in der Situation, die wir gerade erleben. Wir brauchen dringend Maßnahmen, die nicht nur auf dem Papier stehen, sondern ins Bewusstsein dringen und diese Gleichgültigkeit gegenüber dem Dreck, der uns umgibt, ins Wanken bringen und es schaffen, uns eine saubere, gepflegte Stadt zurückzugeben.

Übersetzung: Iris Wißmüller

Und wieder Maria

mj

Alle Frauen meines Stammbaums tragen den Namen María. Ich auch, jedoch an zweiter Stelle, in einer dissonanten Mischung aus Moderne und Tradition. Ich trage dieses extravagante „Y“ und – welch ein Widerspruch – den am weitest verbreiteten Frauennamen. So gab es mein Leben lang überall Marías: eine brachte mich zur Welt, eine andere – mit grauem Haar und Raucherhusten – brachte mich das erste Mal zur Schule und ich spielte sogar mit einer Schwester, die auch so heißt, mit Puppen. Jahre später, in Zürich, öffnete mir eine von ihnen die Türen ihrer Buchhandlung, damit ich dort umgeben von Literatur und Zuneigung arbeiten konnte. Und nun ist mir eine neue María zu Hilfe gekommen, die ich bis jetzt noch nicht persönlich kennenlernen konnte.

Sie begann schon vor über vier Jahren, meine Texte ins Englische zu übersetzen. Zu Beginn versuchte María José, noch mit sehr geringen Spanischkenntnissen, meine täglichen Pinselstriche in ihre Muttersprache zu übertragen. Ihre ersten Fragen nach dem Lesen meiner Posts waren sehr sympathisch… Was ist eine „malanga“? Wie viel entspricht ein kovertibler Peso? Was ist eine „cola“? Denn diese Verkehrstechnikerin hat keinerlei Angst davor, Fragen zu stellen, noch erscheint es ihr in irgendeiner Weise lächerlich, das zu untersuchen, was sie nicht weiß. Und das war es, was mich an ihr vom ersten Moment an verzauberte: ihre Bescheidenheit. Wenn man mit der akademischen Welt zu tun hatte, wo jeder seine Kenntnisse hervorhebt, um gleichzeitig seine Lücken zu verbergen, ist es wie Balsam für die Seele, aufrichtige – und keineswegs eingebildete – Menschen zu finden.

So erschuf diese Frau, die schon über 50 Jahre alt ist, für die alternative Blogosphäre Kubas mit viel Herumschnüffeln und noch mehr Arbeit ein Netzwerk von Übersetzern, die uns unterstützen. Zu Beginn unterstützte sie mich bei meinem Blog und weitete ihre Energie später auf viele weitere virtuelle Plattformen aus, die sich mit den Problemen dieser Insel auseinandersetzen. Als Fernpatin dieser ruhelosen Patenkinder erzählt Mary Jo, wie sich ihr Leben gewandelt hat, seit sie sich auf dieses Abenteuer einließ. Und sie wird nicht müde. Sie sucht Übersetzer für die französische, ungarische, polnische oder japanische Fassung, sie versieht Interviews mit Untertiteln, hilft dabei, Bücher zu bewerben, besucht Universitäten in den USA, um über ihre Erfahrungen zu berichten, und hat trotz alledem noch Zeit, um sich ihrem Beruf zu widmen und sich um ihre Eltern und ihre Tochter zu kümmern. Wie glücklich ich mich doch schätzen kann! Eine geduldige und großzügige María ist wieder in mein Leben getreten, eine María, die auch ohne meinem Stammbaum anzugehören ein Teil meiner Familie ist.

Übersetzung: Falko Blümlein

Mein schmutziges Stück Meer

maleconazo_1

Im Jahr 1994 verbrachte ich viele Stunden damit, auf der Mauer des Malecón* zu sitzen. Am liebsten war mir die Gegend zwischen den Straßen Gervasio und Escobar; ich nannte sie ‘mein schmutziges Stück Meer‘. Sie war eine Grenze zwischen zwei Abgründen. Auf der einen Seite die Klippen und die Wellen, auf der anderen Seite eine Reihe verfallener Häuser und ausgehungerte Gestalten, die von ihren Balkonen herunterschauten. Trotzdem gab mir jener Ort die Möglichkeit, dem erstickenden Alltag der ‘Período Especial‘** zu entkommen. Wenn mein Magen brannte, weil er so leer war, blieb immer noch die Hoffnung, dort jemanden zu finden, der – mit gedämpfter Stimme – Pizzas und Erdnusshörnchen anbot. Wenn Stromausfälle es mir unmöglich machten, in meinem heißen Zimmer zu bleiben, dann ging ich auch auf die Suche nach der frischen Seeluft. Auf jener Betonmauer liebte ich, weinte ich, blickte mit dem Wunsch zu fliehen zum Horizont und manchmal blieb ich sogar bis zum Morgengrauen dort.

Am Morgen des 5. August jenes Jahres aber verwandelte sich der Malecón in ein Schlachtfeld. Rund um den Pier in Richtung auf die Ortschaft Regla versammelten sich Leute, die wegen der Entführung mehrerer Boote im Laufe dieses Sommers aufgeheizt waren. Eine intensive Stimmung von Ende, von Chaos, von ‘Stunde Null‘ war zu spüren. Diejenigen, die darauf warteten, ‘das nächste Boot nach Florida zu nehmen‘, waren die Ärmsten, die am wenigsten zu verlieren hatten, die zu allem entschlossen waren. Als sie erkannten, dass es keine Möglichkeiten gab, irgendeines dieser Boote zu betreten, war die Enttäuschung groß. Zweifellos war das der Funke, der den unmittelbar danach ausbrechenden Volksaufstand entzündete. Aber der eigentliche Treibstoff des Protestes waren Hunger, Entbehrungen und Verzweiflung.

Eine Truppe von Bauarbeitern, die als blindwütiger Mob getarnt war, griff die unbewaffnete Menschenmenge mit Stöcken und Eisenstangen an. Die Anordnung von oben war eindeutig: den Aufstand niederschlagen, aber ohne das Bild von Anti-Rebellen zu hinterlassen, die das Volk unterdrücken. Die aufgebrachten Menschen jenes Tages wurden als ‘Schufte, Abschaum, Verbrecher und Konterrevolutionäre‘ hingestellt. Die meisten von ihnen würden in den folgenden Wochen auswandern, auf selbstgebastelten Flößen oder auf einfachen LKW-Schläuchen. Andere saßen im Gefängnis ihre Strafe ab, weil sie sich den Stoßtruppen widersetzt hatten. Fidel Castro fand sich an dem Ort ein – aber erst als die Situation unter Kontrolle gebracht war – und die offiziellen Medien stellten seine dortige Anwesenheit als Beleg für einen großen Sieg dar. Tatsache aber ist, dass die Regierung ein paar Wochen später den freien Bauernmarkt zulassen musste, um die Notlage zu lindern. Ohne den an jenem 5. August ausgeübten Druck hätten wir mitten in der Karibik als ‘demokratisches Kambodscha‘ geendet, als das Experiment eines starrköpfigen tropischen Pol Pot***.

Ich sitze nicht mehr gerne vor meinem schmutzigen Stück Meer. Es ist dort etwas von dem Schrecken jenes 5. August in den Mauerritzen zurückgeblieben.

Anm. d. Ü.
* Malecón, 5 Kilometer lange Küstenpromenade in Havanna
** ‘Período Especial‘, als ‘Sonderperiode‘ bezeichnete Wirtschaftskrise in Kuba, die 1991 begonnen hat
*** Pol Pot, 1975 bis 1979 Diktator Kambodschas
Übersetzung: Angelika Münch-Holzmeier

maleconazo_2

Da Vinci in Havanna

da-vinci-flyingmachine

Kunstausstellungen gefallen mir, wenn die Eröffnungstage vorbei sind, wenn die Worte des Haupt-Redners verklungen und die Begrüßungscocktails nur noch ein Nachgeschmack in der Erinnerung sind. Ich bevorzuge den Moment, in dem der Ausstellungssaal leer ist und rund um die Kunstwerke nur noch die Wächter anzutreffen sind und vielleicht noch der ein oder andere gelegentliche Besucher. Wenn der Künstler oder der Kurator nicht mehr da sind, um uns das Warum jenes Striches auf der Leinwand oder dieser Einkerbung im Stein zu erklären. In Mitten dieser Einsamkeit, dieser Stille ohne Kameras und Trinksprüche, zieht mich die künstlerische Kreativität viel mehr in ihren Bann. Deshalb habe ich bis jetzt gewartet, um „Da Vinci – das Genie“ zu besuchen, eine Ausstellung, in der die Maschinen einbezogen sind, welche vom Verstand dieses universellen Italieners entworfen und jetzt nachgebaut wurden, aus Holz, Metall …. und mit viel Erfindungsgeist.

Seit dem 29. Juni werden im “Weißen Salon” des Klosters von Franz von Assisi, Hunderte von Werkstücken ausgestellt, die die Stiftung Anthropos zur Verfügung gestellt hat. Akribische Nachbildungen von zahlreichen Modellen, gezeichnet von dem Mann, der beispielhaft – über Jahrhunderte hinweg – sowohl für die künstlerische als auch die wissenschaftliche Genialität steht. Die Maschinen des Visionärs Da Vinci, ausgestellt in einer Stadt, die gegründet wurde just in dem Jahr 1519, in welchem er aufgehört hat zu existieren. Leonardo der Ingenieur, der Maler, in Mitten dieses Havannas des 3. Jahrtausends, manchmal genauso unverstanden und visionär wie er, aber ebenso erfinderisch. Leonardo, der „Habanero“ der er niemals war, ist jetzt hier mit seinem U-Boot-Vorläufer, mit dem Taucheranzug, den er auf seinen Skizzen geplant hat, dem Fahrrad und dem Katapult, die aus seinen Strichen entstanden sind. Und all das überrascht mich zwischen den dicken Mauern einer riesigen Kirche, nachdem die Blitzlichter der Kameras erloschen sind, und ich lediglich seine Kunstwerke vor Augen habe.

Übersetzung: Birgit Grassnick