Die tödliche Bekanntmachung

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Sechs Jahre. So viel und so wenig ist inzwischen geschehen. Von den sieben Namen, die in jener „Bekanntmachung des Chefkommandanten an das Volk von Kuba“ erwähnt wurden, sind gerade mal drei noch unversehrt. Als wäre der Text nicht nur die Nachricht von Fidel Castros Erkrankung gewesen, sondern auch eine Art von Verwünschung, die über die erwähnten Personen ausgesprochen wurde. José Ramón Balaguer, den der Genesende zum Vorsitzenden des nationalen und internationalen Programms des öffentlichen Gesundheitswesens ausgerufen hat, sollte dieses Ministerium Mitte 2010 verlassen. Angesichts des Hunger- und Erfrierungstodes von Dutzenden von Patienten in der psychiatrischen Anstalt von Havanna wurde der bedingungslos loyale Beamte in einen anderen Aufgabenbereich versetzt, wohl um zu vermeiden, dass er vor einem Untersuchungsausschuss endete. Ein anderer der erwähnten Personen, Carlos Lage, verlor unter großem Getöse seine Position als Sekretär des Exekutivkomitees des Ministerrates. Da er schon von vielen Analysten als möglicher Nachfolger auf dem „kubanischen Thron“ gehandelt wurde, war sein Sturz ein harter Rückschlag für diejenigen, die auf eine reformistische Linie innerhalb der eigenen Regierung gesetzt hatten.

Und was soll man zu Felipe Pérez Roque sagen, dem in jener Ankündigung, die in der Nacht des 31. Juli 2006 mehrere Male verlesen worden war, die Leitung der Finanzen des Gesundheits-, Bildungs- und Energie-Programms zugesprochen wurde. Es waren nur zwanzig Monate vergangen, da bezichtigte man ihn bereits, machtbesessen geworden zu sein, abhängig vom „süßen Honig der Macht“. Der Zauberspruch der Bekanntmachung erreichte gerade den gegenteiligen Effekt: anstatt für den Aufstieg zu bürgen, sicherte er den Fall. Derselbe Finger, der auf jene Männer als getreue Fortsetzer seines Werkes gewiesen hatte, entlarvte diese später als Verräter. Die alte Maxime, dass die Nähe zur Macht ebenso vorteilhaft wie gefährlich ist, bewahrheitete sich beispielhaft innerhalb eines kurzen Zeitraumes. Ein anderer der Erwähnten, Francisco Soberón, Präsident der Zentralbank sollte auch ersetzt werden. Er nahm seinen Hut, um seine Memoiren zu schreiben, sagen einige, um eine öffentliche Abstrafung zu vermeiden, versichern andere.

Nur drei Namen der Männer, die in jenem warnenden Text erwähnt wurden, sind noch unangetastet. Einer von ihnen ist José Ramón Machado Ventura, der sogar zum zweiten Mann am Schalthebel der Macht geworden ist. Auch Esteban Lazo wurde nicht abgesetzt, denn er hat die Lektion gut gelernt, nie sein eigenes Licht zu stark leuchten zu lassen. Der Dritte der „Überlebenden“ ist Raúl Castro selbst. Der wichtigste Nutznießer der „Testamentsverkündigung“, der ehemalige Minister der bewaffneten Truppen, wurde zugleich von ihm mit dem größten Fluch belastet. Denn auf seine Rechnung gehen nicht nur seine eigenen Fehler, sondern auch die von seinem Bruder ererbten: die verzögerten Reformen, die Massenentlassungen, die ungezügelte Ausbreitung des Marabu-Gestrüpps an den Landstraßen, die Kürzungen im Warenkorb der Grundversorgung, das berühmte Glas Milch, das nie auf unseren Tischen erschien, und eine lange Liste von etc. Es würde mich nicht wundern, eines Tages von ihnen eine neue Bekanntmachung zu hören, in der der Generalpräsident seine Aufgaben an irgendjemanden überträgt, der denselben Familiennamen hat. Der nächste verfluchte Präsident unserer nationalen Geschichte.

Übersetzung: Iris Wißmüller

Ist der Tisch gedeckt?

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Obwohl mich der Journalismus, aufgrund seiner Dynamik, seiner direkten Verbindung mit der Realität und Aktualität, bei weitem mehr in seinen Bann gezogen hat als die Philologie, lässt er mich bittere Pillen schlucken, die ich mir lieber erspart hätte. Eine davon ist, alle öffentlichen Nachrichten sehen zu müssen, aufpassen zu müssen, jede Regierungserklärung mitzubekommen, und zuzuhören, sobald die Mächtigen eine Ansprache halten. Manchmal denke ich mit Wehmut an mein früheres Leben zurück, als ich den Fernseher ausschaltete, die Lautstärke leiser stellte und nicht einmal die Gedenktage wahrnahm. Doch diese Zeit ist für mich vorbei. Zwar stoße ich immer noch auf Menschen, die nicht wissen, ob Montag oder Freitag ist, und die nicht einmal darüber im Bilde sind, ob die Nationalversammlung in diesem Jahr bereits getagt hat oder dies noch aussteht. Menschen, die in Gleichgültigkeit dahintreiben, im Desinteresse an dem, was vor sich geht, und ihre Apathie wird zum besten Nährboden für die politische Kontrolle.

So bemühte ich mich also am gestrigen Donnerstag, sehr früh, der Ansprache des ersten Vizepräsidenten des Staats- und Ministerrats zuzuhören. Schon seit Wochen kochten auf den Straßen die Gerüchte, dass an diesem 26. Juli die lang erwartete Migrations-Reform angekündigt werden würde. Aber schon als ich feststellte, dass der Redner des Tages José Ramón Machado Ventura sein würde, wusste ich, dass es keine Neuigkeiten und schon gar keine Nachrichten über substanzielle Änderungen geben würde. Stattdessen sagte der orthodoxe Politiker, dass “die Feinde der Revolution sowohl im Inland als auch im Ausland, (unter dem Schirm der Kritik an einer vermeintlichen Langsamkeit oder fehlenden Mutes bezüglich der beschlossenen Maßnahmen), ihre wahren Absichten verbergen, nämlich die Wiederherstellung des schändlichen Regimes, das in Kuba bis 1959 existierte.”

Wie auch immer, anscheinend sind für diesen Mann diejenigen, die die fehlende Tiefe und Schnelligkeit des raulistischen Wandels kritisieren, in Wirklichkeit verkappte Batista-Anhänger. Es scheint viele zu geben, denn von niemandem höre ich, dass er mit dem Tempo, in dem die Transformationen durchgeführt werden, zufrieden ist. Ich schätze, dass die internen „Feinde” – laut dieser extremen Definition – sich auf rund 11 Millionen Menschen belaufen könnten. (*Anm. d. Ü.: Kuba hat rund 11,2 Mio. Einwohner) Aber als ich gerade schon fast den Bildschirm attackieren wollte, sagte Raul Castro „der Tisch sei gedeckt“, um mit den Vereinigten Staaten einen Dialog zu führen.

Ein defätistischer Satz, der von Nachgiebigkeit gegenüber dem Ausland zeugt … der eine Beleidigung für uns darstellt, die wir ein wirklich souveränes Kuba wollen. Wie kann eine Regierung bereit sein, mit einer ausländischen Regierung zu sprechen und sich aber die Ohren gegenüber der Kritik zuhalten, die aus den eigenen Hinterhöfen kommt? Wie ist es möglich, dass ein System, das sich als hartnäckiger Verfechter des „Anti-Imperialismus“ gibt, sich lieber mit dem Nachbarn aus dem Norden an den Tisch setzt, bevor es seinem eigenen Volk zuhört und mit ihm debattiert? Die Extreme berühren sich am Ende immer, und in diesem Disput, der seit 50 Jahren gegen die US-Regierungen geführt wird, war das Castro-Regime mehr auf das Weiße Haus angewiesen – und von ihm abhängig – , als von den nationalen Stimmen.

Jedenfalls, manchmal würde ich gerne noch einmal in jenen Jahren leben, in denen ich den Fernseher nicht einschaltete und weder den Ansprachen zuhörte noch öffentlichen Erklärungen. Zeiten, in denen ich weder wusste ob es der 26. Juli oder der 15. August war, noch lokale Politiker von unserer Nation reden hörte, als wäre sie eine Tischdecke, ein Teller oder ein Löffel.

Übersetzung: Nina Beyerlein

Ruhe in Freiheit, Oswaldo Payá

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Foto: Oswaldo Payá (1952 – 2012)

Niemand sollte sterben, bevor er seinen Traum von Freiheit erreicht hat. Mit dem Tod von Oswaldo Payá (1952 – 2012) hat Kuba in der Gegenwart einen dramatischen Verlust erlitten und in der Zukunft eine unersetzbare Persönlichkeit verloren. Am gestrigen Sonntag hörte nicht nur ein vorbildlicher Mann, liebevoller Vater und frommer Katholik auf zu atmen, sondern auch ein Bürger, der für unsere Nation unentbehrlich war. Seine Hartnäckigkeit zeichnete sich schon ab, als er es als Jugendlicher vorzog, seine religiöse Tracht nicht zu verstecken – was viele taten – und stattdessen seinen Glauben öffentlich vertrat. 1988 manifestierte sich sein bürgerschaftliches Engagement in der Gründung des „Movimiento Cristiano Liberación“ und Jahre später in der Initiative, die man unter dem Namen „Proyecto Varela“ kennt.

Ich erinnere mich noch – als wäre es gestern gewesen – an das Bild von Payá vor der Asamblea Nacional del Poder Popular an jenem 10. März 2002. Auf seinen Armen die Kisten, die mit über zehntausend Unterschriften beladen waren, als er sie dem berühmt-berüchtigten kubanischen Parlament übergab. Die Antwort des Staates darauf würde eine Gesetzesreform sein, eine pathetische „Mumifizierung der Verfassung“, die uns auf „unwiderrufliche“ Weise an das gegenwärtige System fesselte. Der Dissident aus Tausendundeiner Schlacht ließ sich jedoch nicht entmutigen und legte zwei Jahre später mit einer anderen Gruppe von Aktivisten weitere vierzehntausend Unterschriften vor. Damit forderten sie die Einberufung eines Referendums zur Gewährung von Vereinigungsfreiheit, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und wirtschaftlichen Garantien und dem Erlass einer Amnestie zur Freilassung von politischen Gefangenen. Die Regierung Fidel Castro reagierte 2003 im Rahmen der für sie typischen Unverhältnismäßigkeit mit der Verhaftungswelle, die unter dem Namen „Schwarzer Frühling“ bekannt ist. Über 40 Mitglieder des „Movimiento Cristiano Liberación“ wurden in jenem unheilvollen März verurteilt.

Auch wenn er bei jener Gelegenheit nicht verhaftet wurde, erlitt Payá jahrelang die ständige Überwachung seines Hauses, willkürliche Verhaftungen, Ablehnungsaktionen und Drohungen. Er ließ keine Gelegenheit ungenutzt, um sowohl die Inhaftierung eines Dissidenten als auch die ungerechtfertigte Verurteilung anderer öffentlich anzuprangern. Ich habe nie gesehen, dass er außer sich geriet, schrie oder seine politischen Gegner beleidigte. Die bedeutende Lektion, die er uns hinterlässt, ist die Ausgeglichenheit, der Pazifismus, eine Ethik, die über Meinungsverschiedenheiten steht, und die Überzeugung, dass wir uns über bürgerschaftliches Engagement und angemessene Gesetzlichkeit einem Kuba nähern, das alle mit einbezieht. Ruhe in Frieden, oder besser noch, ruhe in Freiheit.

Übersetzung: Falko Blümlein

Silikoninsel

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‘Die hat mir ein Doktor während seines Bereitschaftsdienstes eingesetzt‘, erzählt sie mir und berührt dabei stolz über der Bluse ihren Busen. Danach zeigt sie auf ihr Hinterteil und verzieht das Gesicht: ‘Der ist nicht so gut gelungen, weil der Chirurg nicht viel Erfahrung hatte‘. Als ich sie frage, woher sie diese Silikonprothesen hat, die sich so deutlich an ihrem Körper abzeichnen, erklärt sie mir, sie würde nur ‘Markenware‘ tragen, und dass sie deshalb ihren italienischen Freund gebeten habe, sie ihr mitzubringen. ‘Der andere Teil war leichter, weißt du, man bezahlt einfach einen Doktor, damit er die Operation durchführt‘. Ich gestehe, dass ich mit dieser Materie nicht sonderlich vertraut bin, dass mir Operationssäle Angst machen und dass ich mich vor Jahren an die wenig anmutige Gestalt gewöhnt habe, die mir aus dem Spiegel entgegen schaut. Aber ich frage sie trotzdem nach Details und sie bestätigt mir, was ich schon geahnt hatte: die Existenz eines illegalen Netzwerks von Schönheitschirurgen, die in denselben Kliniken aktiv sind, wo kostenlose Behandlungen angeboten werden.

Diese Verfahrensweise nahm in den späten neunziger Jahren zu und anfangs waren die ersten Patienten Prostituierte, deren ausländische Liebhaber für die Kosten aufkamen. Jetzt aber hat sich das auch auf Menschen beiderlei Geschlechts ausgeweitet, die genügend Geld haben, den Körper ihrer Träume zu erlangen. Für gewöhnlich werden sie wegen einer erfundenen Krankengeschichte in die Klinik eingeliefert, wegen irgendeiner Krankheit, unter der sie in Wahrheit gar nicht leiden, und ein paar Stunden nach Verlassen des Operationsaals werden sie nach Hause geschickt, um sich wieder zu erholen. In den Krankenakten der Kliniken tauchen diese chirurgischen Eingriffe nicht auf und ein Großteil des verwendeten Materials wird von dem medizinischen Personal selbst auf dem schwarzen Markt eingekauft. Es darf nichts schief gehen, denn eine Reklamation würde das Netz der Beteiligten auffliegen lassen. Diskretion ist unabdingbar und der Patient erfährt nur selten eine Nachuntersuchung, um zu schauen, ob es Nebenwirkungen gegeben hat. ‘Wir sind alle erwachsen, also ist jeder selber verantwortlich für das, was passieren kann‘, machte der Arzt meiner Freundin klar, bevor die Narkose wirkte.

Bei einem Preis, der zwischen 750 und 900 CUCs*** schwankt, gehören Brustimplantate auf der breiten Palette von Eingriffen zu den gefragtesten heimlich vorgenommenen Operationen. Auf Internetseiten wie Revolico.com kann man eine große Auswahl an Implantatgrößen finden und am gängigsten sind die Marken Mentor und Femme. Dazu kommen noch die Kosten in Höhe von 500 bis 700 CUCs für ‘die ausführende Hand‘, wenn es sich um Spezialisten handelt, die auf diesem Gebiet anerkannt sind. Einige Anfänger machen es auch für weniger, aber die Ergebnisse lassen sehr zu wünschen übrig. Für einen kubanischen Chirurgen, dessen monatliches Gehalt kaum den Gegenwert von 30 CUCs beträgt, sind solche Operationen höchst verlockend. Er weiß jedoch auch um die große Gefahr, dass er entdeckt und ihm die Approbation als Arzt entzogen wird. Deshalb schützen sich die Ärzte durch Netzwerke, die sich fast immer bis zur Verwaltung und Leitung der Krankenhäuser erstrecken. Sanitäter und Kosmetikerinnen bis hin zu Krankenschwestern und zu Beamten des öffentlichen Gesundheitswesens sind darin verwickelt. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass jemand auf dem Operationstisch stirbt. Dann werden sie sich irgendeine chronische Krankheit ausdenken müssen, um das Ableben zu erklären.

Vor ein paar Wochen deckte die Bloggerin Rebeca Monzó in einem Tweet einen dieser Skandale illegaler chirurgischer Eingriffe auf. In diesem Fall spielte sich das Szenario im Krankenhaus Calixto García ab, aber es hätte genauso gut in jedem anderen Operationssaal der Stadt sein können. Auch wenn noch keine konkreten Einzelheiten von den Vorfällen bekannt sind, ist von einem eigenen geheimen Raum die Rede, der für ausländische und kubanische Patienten gedacht war, die diese Eingriffe bezahlen konnten. Es wird überall gemunkelt, dass das alles aufgeflogen ist, als eine frisch operierte Touristin bei ihrer Ausreise aus Kuba auf dem Flughafen zu bluten begonnen hat, aber das kann ein pures Märchen sein. Gleichwohl ist wahr, dass die Medizin – wie der Rest unserer Realität – auf zweierlei Ebenen stattfindet, in zwei recht unterschiedlichen Dimensionen. Die eine ist die, wo Patienten nicht die finanziellen Mittel haben, den Ärzten etwas zu schenken oder sie zu bezahlen, und die andere, wo man sich einen chirurgischen Eingriff ‘einfach so‘ und ‘sofort‘ leisten kann. Der Besitz von Geldmitteln kann die Wartezeit verkürzen und die Qualität einer Behandlung verbessern; er sorgt dafür, dass das Nähmaterial, die Röntgenaufnahmen und Zytostatika** rechtzeitig zur Stelle sind.

Alles beginnt damit, einem Stomatologen*, der unsere Karies behandelt, ein Stück Seife zu schenken, und reicht bis hin zu einem sterilen Zimmer, wo eine Ausländerin eine Abtreibung vornehmen oder eine Kubanerin sich Brustimplantate einsetzen lässt.

Übersetzung: Angelika Münch-Holzmeier
Anm. d. Ü.
* Facharzt für Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten
** Arzneistoff, vor allem im Rahmen der Chemotherapie von Krebserkranken eingesetzt
*** konvertible kubanische Pesos, 1 CUC ist ungefähr 1 €

Mir tun die besiegten Bürokraten leid

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Mir tun die besiegten Bourgeois nicht leid. Und wenn ich denke, sie werden mir leid tun, dann beiße ich fest die Zähne zusammen und schließe fest die Augen… (Nicolás Guillén)

Seit Jahren habe ich ihn nicht gesehen. Beinahe 5 Jahre sind es her. Als ich 17 Jahre alt war, sind wir zusammen ins Kino gegangen und auf der Leinwand des „Yara“ wurde „JFK“ gezeigt. Die ersten Klänge seiner Gitarre erklangen im Wohnzimmer unserer Wohnung, ein Tag an den ich mich immer noch erinnere. Ich erinnere mich auch an ihn während dieser harten Jahre, Zigarettenkippen vom Boden aufsammelnd, um sich mit dem feinen Papier des Telefonbuches eine Zigarette zu basteln. Wir haben gelacht, denn, obwohl es Zeiten der Entbehrung, großer Entbehrung waren, hatten wir den Luxus, Teil einer unglaublichen Gruppe von Freunden zu sein, alle kreativ, solidarisch … rebellisch. Danach trennten sich unsere Wege, wie es so oft geschieht. Sein Vater saß wohl situiert im Machtgefüge und der Familie gefielen diese „protestierenden Verrückten vom 14. Stock“ überhaupt nicht. Das letzte Mal als ich ihn getroffen habe, fuhr er ein Markenauto und wohnte in Vedado.

Vor ein paar Tagen rief er an. Freundlich und herzlich wie immer, versuchte er mit Worten an eine Freundschaft anzuknüpfen, die durch die Entfernung und das Fehlen von Kontakten erschüttert war. Er erzählte, dass sein Vater im Zuge einer dieser Antikorruptions-Aktionen abgesägt worden war. Er wurde nicht verhaftet, aber sie zwangen ihn, in den vorzeitigen Ruhestand zu gehen, damit er nicht vor Gericht endet. All das Geflecht von Einfluss und Beziehungen, das er über Jahre hinweg im Umgang mit Beamten und Botschaftern gepflegt hatte, löste sich auf. Er, der einst ein zuverlässiger Mann war, fiel in eine emotionale Krise; einige Nachbarn grüßten ihn nicht mehr und die Kollegen aus dem Ministerium drehten ihm den Rücken zu. Vom Star-Verfechter seines Komitees zur Verteidigung der Revolution ist er zum Zielobjekt des Überwachungschefs geworden.

Und als wäre das Unglück nicht groß genug, hat uns unser ehemaliger Freund erzählt, dass sie bei seinem Vater – in Mitten dieses ganzen Wirbels – Krebs diagnostizierten. Er ist jetzt in Behandlung und „muss sich für die Chemotherapie in der Warteschlange einreihen wie irgendein beliebiger Patient …. ohne jegliche Privilegien“, hat uns die Stimme am anderen Ende des Telefons bestätigt. Mit Müh und Not hat er noch Geld für Benzin und seine Frau ist auf einen Schlag um Jahre gealtert. Für seine Familie empfinde ich Mitgefühl und bin traurig, aber ich dachte mir, dass sie jetzt am eigenen Leib erfahren – zwar aus ganz anderen Gründen – was diese „Verrückten aus dem 14. Stock“ seit Jahren ertragen: die Brandmarkung, den Blick über die Schulter, das ätzende Grinsen der Verräter, die Hilflosigkeit. Sei´s drum, mir tun sie leid, diese besiegten Bürokraten, ich gebe es zu.

Übersetzung: Birgit Grassnick

Klemptner und Informatiker

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Alles war seit Monaten geplant. Wir würden uns weit von der Stadt entfernen, unsere Mobiltelefone abschalten, damit uns die Sicherheitspolizei nicht lokalisieren könnte, und wir hätten dann unsere erste Auszeit in 5 Jahren. Als wir gerade zu unserem zweitägigem Urlaub aufbrechen wollten, platzte eine Wasserleitung in der Wand und das Wasser begann zur Nachbarin unter uns durchzulaufen. „Ein schlechtes Zeichen“, sagte ich zu Reinaldo. Wir reparierten das zeitlich ungünstige Leck und waren bereit, 48 Stunden fern jeder Tastatur, jedes Bildschirms oder jeder Maus zu verbringen. Wir verließen eilends das Haus, damit nicht noch etwas Unvorhergesehenes passiert… Aber schlechte Nachrichten gelangen fast auf telepathische Weise zu einem, parallel zu den technologischen Bahnen. Als wir kaum einen Tag der Erholung vom täglichen Stress verbracht hatten, erfuhren wir, dass das ganze Portal von Desdecuba.com außer Betrieb war. In diesem Fall nutzten unsere Fähigkeiten als Klempner nichts, denn die Reparatur eines Servers unterscheidet sich stark von der Abdichtung eines Lecks in einem Rohr.

Wir kehrten in die Stadt zurück mit dem Schuldgefühl, dass ein rastloser Hacker unsere Abwesenheit ausgenutzt hat, um uns so etwas anzutun. Am beklemmendsten in solchen Fällen ist das Gefühl, dass ich die Situation mit einer einigermaßen effektiven Internetverbindung selbst in kurzer Zeit in Ordnung bringen könnte. Die Realität steht im Gegensatz zu all diesen Verschwörungstheorien, die diesem Blog so viele „mächtige“ und „hochentwickelte“ Verbindungen zuschreiben. Wenn sich ein simples technisches Problem zeigt, offenbart sich die Einfachheit und Schwäche dieses persönlichen Unternehmens. Was diese „Analysten des Komplotts“ nie begreifen ist die Bürgersolidarität, die sich in solchen Fällen zeigt. Das ist ohne Zweifel mein wertvollstes Kapital und die wirksamste Unterstützung, die ich bekomme.

Maria, die englische Übersetzerin, rief Karen an, ihre Informatikfreundin, und ich schickte ihr per Mail die Schritte, die ich für die Lösung hielt. Was für ein komplizierter Weg! Wie viel leichter wäre es, von Anfang an meinen Blog auf einem nationalen Server zu haben und über einen Internetanschluss zu Hause zu verfügen, der mir eine Reparatur erlauben würde. Aber nein. Das Leben der Kubaner muss immer komplizierter sein. Ein Portal mit Meinungen, die von denen der offiziellen Medien abweichen, könnte nie mit einer URL „cu“ rechnen und meine ersehnten Ferien werden bis zu einem besseren Zeitpunkt warten müssen.

Richtig ist, dass GY dank der Arbeit vieler unbedeutender Bürger wie mir wieder ins Leben zurückgekehrt ist. Es war nicht so leicht wie das gebrochene Wasserrohr, aber es offenbarte den Erfindungsreichtum und die Freundschaft vieler. Danke!

Übersetzung: Iris Wißmüller

Von Kleinunternehmern und Maultieren

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Die Pfeffermühle ist aus geschnitztem Holz und auf einem Gewürzbehälter auf dem Tisch steht in grünen Buchstaben „Sedano’s“. Das private Restaurant wartet auf Lieferungen, die diesen Samstag ankommen werden, als Teil einer riesigen Fracht, die von einem „Maultier“* transportiert wird. Wenn sich die Ankunft der Produkte um nur einen Tag verzögert, können viele der auf der Speisekarte beworbenen Gerichte nicht angeboten werden, da ein großer Teil der „Gewürze, Pfannen, jegliches Zubehör für die Tische, Sahne und sogar der Kaffee“ aus Florida kommen, so wie mir der Besitzer des Lokals erklärt. Seit seiner Eröffnung konnte es, dank der Überflutung von Produkten und Lebensmittel, die über den Flughafen von Havanna ankamen, aufrechterhalten werden. „Es ist nicht so, dass wir einheimische Produkte nicht mögen, nur gibt es weder eine stabile Versorgung noch verfügen sie über die notwendige Qualität. Also müssen wir uns absichern“, erklärt mir der Chef , während er ein Paket mit importierten Teigwaren öffnet.

Unruhe verbreitet sich unter den kleinen privaten Unternehmen, die in den letzten Jahren geschaffen wurden. Bei den 387.275 Selbstständigen, die Ende Mai gezählt wurden, ist es schwer zu berechnen, wie viele von ihnen davon abhängen, was die Reisenden in ihrem Gepäck mit sich führen. Die Zahl könnte sehr hoch sein. Die Nagelpflegerin braucht Lacke und Nagellackentferner, die ihr irgendein Verwandter aus Miami schickt und der Mann, der Feiern für Kinder organisiert, empfängt Luftballons und Süßigkeiten von seinem Bruder in Orlando. Nun ist dieses semi-alternative geschäftliche Netzwerk aufgrund neuer zollamtlicher Bestimmungen in Gefahr. Die erste von ihnen trat am 18. Juni in Kraft und setzt wieder Steuern auf Importe von Lebensmitteln ein. Eine Maßnahme, die in vielen Ländern dieses Planeten selbstverständlich ist, die aber zu einem Hindernis für die Entwicklung kleiner Unternehmen wird in einem Land, das gezeichnet ist von Unterversorgung, dem Fehlen eines Großhandelsmarktes und steigenden Kosten von Grundnahrungsmitteln. Wenn wir das Aufblühen von Cafés in den Straßen des Zentrums der Hauptstadt und das Füllen der Gelben Seiten mit Anzeigen gesehen haben, ist es größtenteils den aus dem Norden ankommenden Paketen zu verdanken.

Die Situation wird noch schwieriger, sobald die neue Regelung in Kraft tritt, die diesen Montag verkündet wurde, ab dem 3. September diesen Jahres gelten soll und auf den Import von Artikel für den Privatgebrauch, die einen Wert von 50 Kubanischen Pesos überschreiten, Zölle verhängt. Ein harter Schlag für Selbstständige, aber auch für all die anderen Kubaner, die es geschafft haben, mit dieser ausländischen Ware ihre Ernährung und ihre Garderobe zu verbessern. Wenn die Maßnahmen darauf abzielen, eine größere Menge an Geld durch Zölle einzunehmen und gesetzlich das zu regeln, was vorher etwas unkontrolliert funktionierte, dann wird die Regierung vermutlich ihr Ziel erreichen. Allerdings wird dies auch äußerst negative und unmittelbare Auswirkungen auf die Entwicklung der privaten Wirtschaft haben. So ist es kein Wunder, dass wir in wenigen Tagen aus dem Mund vieler Selbstständiger Sätze wie diese zu hören bekommen: „wir konnten diese Arbeit noch nicht erledigen, da das Paket mit dem Material noch nicht angekommen ist“ oder „dieses Gericht haben wir damals zubereitet, als die Maultiere öfter kamen“. Und erst dann werden wir die wahre Bedeutung dieses unschätzbaren und vitalen Geschäftes, dass im Innern der Koffer reist, wahrnehmen.

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*Das Konzept des „Maultieres“ bezieht sich im Rest der Welt auf den Transport von Drogen, in Kuba dagegen bezieht es sich auf Lieferungen – vor allem aus den Vereinigten Staaten – die meistens Kleidung, Schuhe, Konserven mit Nahrungsmitteln, elektrische Haushaltsgeräte, Fertigprodukte, Medikamente und Haushaltsgegenstände enthalten. Das „Maultier“ erhält eine Bezahlung für seine Arbeit als Bote und auch die Kosten für das Ticket zur Insel werden bezahlt als ein Teil der Abmachung, die er mit der ihn anheuernden Agentur trifft.

Übersetzung: Valentina Dudinov