Abrechnen

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Mit den Noten unserer Kinder zu prahlen und uns mit den guten Ergebnissen, die sie in einer Prüfung erzielten, wichtig zu machen, sind Freuden, die wir uns nicht entgehen lassen, sobald sich uns die Gelegenheit dazu bietet. Sobald der Juni kommt, und wir auf einen Nachbarn oder Freund treffen, kommt die obligatorische Frage auf: „Wie läuft es bei deinem Kind mit den Abschlussprüfungen?“ Die Hitze rückt in den Hintergrund und die sommerliche Apathie gewinnt etwas Mysteriöses durch die Fragen: „Besteht er oder besteht er nicht?“ „Wird er in die nächste Stufe vorrücken oder nicht?“. Lange ziehen sich die Abende, in denen Mathematikaufgaben gelöst werden, die Nachhilfelehrer sind überfordert angesichts so vieler Abschlussschüler und außen an den Schulen werden die Notenlisten ausgehängt. Der Wirbel um das Schuljahresende zieht uns in seinen Sog…aber dieses Jahr gibt es verschiedene Neuheiten:

Nachdem eine Bildungsmethode nach der anderen angewandt wurde, sind bereits schubweise Studenten, die in diesen „Lehrlabors“ ausgebildet wurden, an die Universität gekommen. Ich meine diejenigen, bei denen seit dem ersten Tag in der Sekundarstufe ein so genannter „Maestro emergente“, ein aufstrebender Lehrer, an der Tafel stand. Dieselben Jugendlichen, die über Jahre hinweg bis zu 60 % des Unterrichts über einen Fernsehbildschirm erhielten. Mein Sohn ist ein gutes Beispiel dafür. Er profitierte im letzen Schuljahr vor dem Abitur von dem Ende des Programm „Schule auf dem Land“ – eine willkommene Nachricht – jedoch musste er die Umstrukturierung im Bildungsprogramms über sich ergehen lassen, voller Fehlanpassungen, ausgefallener Stunden und mit einem niedrigen Niveau der schulischen Vorbereitung seitens der Lehrkräfte. Ebenfalls sah er sich von der großen beruflichen Fluktuation in den Lehrerreihen betroffen, deren Gehälter sich immer noch auf einem symbolischen, wenn nicht gar lächerlichen Niveau befinden. Dies vereint mit der exzessiven und andauernden Präsenz der Ideologie, sogar in jenen Fächern oder Stoffgebieten, die weit vom politischen Spektrum entfernt sind.

Diese Winde lassen nun wahre Stürme aufziehen. Der Mangel an Bildungsqualität stößt nun auf die erhöhten Anforderungen in den Abschlussprüfungen der Gymnasien. Das Resultat: ganze Schulen, in denen es nicht einmal drei oder vier Schüler geschafft haben zu bestehen; komplette Gruppen, die die Neubewertung und eine Nachprüfung machen müssen, Eltern am Rande eines Nervenzusammenbruchs, wenn sie herausfinden, dass ihr „intelligentes“ Kind nicht einmal den Satz des Pythagoras wusste. Bei diesem Durcheinander wird hart durchgegriffen; das Lehr-Delirium scheint etwas zur Vernunft zu kommen. Aber wir sprechen nicht von Nummern, sondern von jungen Menschen, deren Ausbildung bei weitem unter dem Niveau gewesen ist, auf dem sie heute geprüft werden. Menschen, an denen der Voluntarismus und die schulischen Experimente ihr Scheitern demonstrieren.

Übersetzung: Nina Beyerlein

Nur einen KLICK entfernt

604195864Foto: Die Becher des „Festival CLIC“ spiegeln unser Lächeln wider

Während ich diesen kurzen Text verfasse, scheint die Wäscheleine unter dem Gewicht der Kleidungsstücke zu ächzen, kratzt unser Hund an der Tür und verlangt nach seinem Futter, und fragt mich mein Sohn, ob es heute etwas zum Mittagessen gibt. Nachdem ich mein Zuhause mehrere Tage lang vernachlässigt habe, überfällt mich nun wieder die häusliche Routine. Sie reißt mich aus meinem Traum von Kilobytes und übergibt mich wieder dem grauen Alltag. Aber das war es wert. Seit vergangenem Donnerstag habe ich einen Schritt in die Zukunft erlebt, ein Stück „morgen“ mitten in diesem Havanna, das in der Vergangenheit feststeckt. Das „Festival CLIC“ hat genau die Themen vorweggenommen, über die die Kubaner im Jahr 2020 und meine beunruhigten Enkel um 2050 herum diskutieren werden. Es waren drei Tage, um „über Technologie nachzudenken, ihre Zukunft zu entwerfen und sie uns zu eigen zu machen…“, die in einer von Vielfalt geprägten Umgebung stattfanden, in der jeder willkommen war. Die Themen, mit denen man sich beschäftigt hat, reichten von Diskussionen über künstlerisches Schaffen im digitalen Zeitalter bis hin zum Entwurf einer möglichen Charta über die Rechte von Internetnutzern.

Es hat sich als sehr schwierig herausgestellt, diese Veranstaltung über alternative Wege zu organisieren, in einer Gesellschaft, in der jede Veranstaltung von Hindernissen und Schwierigkeiten umgeben wird, vor allem, wenn sie unabhängig ist. So konnte – wiederholt – ein Gast, der zu einer Diskussionsrunde eingeladen war, wegen Schwierigkeiten bei der Anreise nicht rechtzeitig kommen, die einfache Audioanlage hörte nicht auf, ein lärmendes Feedback von sich zu geben, und unsere bescheidene Brotzeit ließ länger auf sich warten, als unsere Mägen ertragen konnten. Aber das war auch nur die Bühne, der improvisierte physische Rahmen, in dem das geschah, was von wahrer Bedeutung war. Inmitten materieller Schlichtheit hat es das „Festival CLIC“ geschafft, unsere Erwartungen zu übertreffen. Eine aufrichtige und offene Debatte – ohne Zensur –, eine rege Beteiligung des Publikums und das erreichte Ziel, diese Veranstaltung zu einem technologischen und futuristischen Treffen zu machen, waren seine größten Erfolge. Über 200 Personen besuchten im Laufe dieser drei Tage den Veranstaltungsort und am Donnerstag, den 21. Juni, versammelten wir am Nachmittag bis zu 102 Interessierte in sozialen Netzwerken und im Web 2.0. Alle geplanten Workshops konnten stattfinden und die starken Regenfälle, die über der Stadt niedergingen, schafften es nicht, die Begeisterung zu schmälern, auch wenn sich einige von uns wegen durchnässter Schuhe und der Feuchtigkeit eine Erkältung einfingen.

Wir haben es jedoch nicht erreicht, eine so große Vielfalt von Internetnutzern zu versammeln, wie wir uns gewünscht hätten. Und das lag nicht daran, dass Menschen bestimmter Ideologien oder Gruppen nicht willkommen gewesen wären, sondern dass viele es vorzogen, trotz Einladung nicht zu kommen. Die Furcht vor einem Meinungsaustausch, die Angst vor einer Umarmung, scheint auch in der virtuellen Szene unserer Insel weiterhin vorzuherrschen. Der Leitartikel von Cubadebate – drohend und extremistisch – muss einige eingeschüchtert haben, die uns begleiten wollten. Was wir geschafft haben, ist, dass die kubanische Regierung in diesen Tagen – im Eiltempo – ein „Festival del Conocimiento“ (Festival des Wissens) organisierte, um den Menschen zu zeigen, wie man Blogs und Konten bei Twitter erstellt. Das ist meiner Meinung nach der größte Erfolg unserer winzigen Veranstaltung. Wenn wir sie, indem wir gegen die Mauer drücken, dazu zwingen, sie um ein paar Zentimeter zu verrücken … dann, dann haben wir schon einen Teil dessen, was wir wollten, erreicht.

Für das nächste Jahr muss das „Festival CLIC“ das Niveau seiner Diskussionsrunden verbessern, ein Wi-Fi-Netzwerk einrichten, damit die Teilnehmer das Veranstaltungsmaterial herunterladen können, auf eine gewisse Ernsthaftigkeit verzichten, um noch interaktiver zu werden, und es schaffen, jene Journalisten, Blogger und Twitterer zu versammeln, die es diesmal vorzogen, nicht teilzunehmen. Wir müssen jüngere Menschen erreichen, für die ihr Handy, ihre Tastatur und ihre Maus wie Gliedmaßen ihres eigenen Körpers sind, auch wenn – und ich freue mich, das sagen zu können – sich einige von ihnen schon dieses Jahr hereingeschlichen haben, indem sie über einen kurzen Tweet über das Konto @Festival CLIC sagten: „Wir werden nicht nur eine Veranstaltung sein. Heute wird eine Gemeinschaft geboren.“ So werden wir uns wiedersehen, mit der Unterstützung von „Evento Blogs España“ (EBE), mit der Ungeschicktheit der offiziellen Leitartikel und dem verspielten und rebellischen Geist unserer Internetnutzer.

Übersetzung: Falko Blümlein

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Foto: Mädchen, die auf dem „Festival CLIC“ zum ersten Mal mit einem iPad spielen

Nass und verspätet

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Es regnet in Havanna, ein hartnäckig anhaltender Nieselregen, der uns seit dem Morgen daran hindert, die Sonne zu sehen. Wären da nicht der Morast in den Straßen und die Gefahr von Hauseinstürzen, würde ich sagen, dass die Stadt nie schöner aussieht, wie wenn sie nass ist. Alles bewegt sich langsam, bedächtig; aus jedem Stück Rasen oder Erde entweicht ein Duft, der in dieser großen Stadt schon verflogen zu sein schien. An den Gebäudefassaden treten Adern hervor, die sich dann mit dieser natürlichen Farbe vollsaugen … hundert Prozent Wasser, das nichts kostet. Die Pfützen erlauben sich mit uns einen Scherz, indem sie die Balkone, Türen und Rundbögen von manchen Eingangsbereichen widerspiegeln. Selbst die rauen Betongebäude in meiner Wohngegend gewinnen an Charme, wenn sie nass werden, vielleicht weil sie der Regenschauer in die kalten und grauen Gebiete zurückversetzt, wo sie von Architekten aus Osteuropa entworfen wurden.

Es ist Juni, Sommer, auf einer Insel mit tropischem Klima, wo Hurrikane und Niederschläge einen festen Bestandteil unseres Lebens bilden. Die Unbeholfenheit, die uns an Regentagen befällt, ist allerdings erstaunlich. So als ob wir Regengüsse nicht gewohnt wären. Es fallen vier Tropfen vom Himmel und schon fällt die Schule aus und die Verwaltung bricht zusammen, weil der diensthabende Beamte wegen des Wolkenbruches zuhause geblieben ist. Die Verkehrsverhältnisse sind noch schlechter als üblich und selbst der Handel läuft wegen eines ganz normalen Schauers nur schleppend. Die für das Land charakteristische Unpünktlichkeit spitzt sich noch weiter zu und die Öffnungszeiten werden unter der simplen Begründung, dass ‘es regnet‘, nicht mehr eingehalten. Man könnte glauben, dass wir zerbrechliche Zuckerstückchen sind und uns aufzulösen beginnen, sobald uns ein Tropfen trifft.

Andererseits mangelt es an der Kleidung und Ausrüstung, um sich vor Regen zu schützen, und die Preise dafür sind sehr hoch. Sich heutzutage in dieser Stadt einen Schirm zu kaufen, kann ein schwieriges und teures Unterfangen sein, für das man zwischen einem Drittel und der Hälfte eines durchschnittlichen Monatseinkommens hinlegen muss. In den Monaten mit starken Niederschlägen ist kein Anstieg bei der Einfuhr oder Herstellung von Capes, Regenmänteln oder anderer wasserdichter Kleidung zu bemerken. Am beunruhigendsten sind dabei aber nicht die Schwierigkeiten, sich einen Regenschirm zu kaufen und nicht nass zu werden, sondern das Schlimmste ist, dass wir von klein auf in dem Glauben aufwachsen, dass ein Regenguss ein ausreichender Grund ist, zu spät zu kommen, ganz wegzubleiben oder den gesamten Tagesplan umzuwerfen. Wir werden zu Erwachsenen, die den Regen als etwas Fremdes, Unbegreifliches betrachten, auf das wir nicht vorbereitet sind.

Übersetzung: Angelika Münch-Holzmeier

Forbidden Voices – Verbotene Stimmen

Sie hat nur dieselben Rechte gefordert wie sie ein Mann in ihrem Land genießen kann. Sie hat aus der Technologie einen Lautsprecher gemacht, um diese Gesetze im Iran, die sie hilflos und benachteiligt gegenüber den Männern machen, anzuprangern. Die Bloggerin und Feministin, Farnaz Seifi, ging ins Exil nach Deutschland, nachdem sie in dem Land, in dem sie das Licht der Welt erblickte, mehrere Male verhaftet und bedroht wurde. Sie musste dazu übergehen, unter einem Pseudonym zu schreiben, angesichts der wachsenden Nötigungen der ihre Familie ausgesetzt war. Das Drama, dass sie durchlebt ist Jahrtausende alt, aber sie weiß, dass dieser Wahnsinn eines Tages zu Ende sein kann, von einem Moment auf den anderen. Dieser kleine Hoffnungsschimmer hat sie dazu gebracht, sich nicht damit abzufinden und sich der Bewegung „Wechsel für die Gleichheit“ anzuschließen, die von ein paar Dutzend Aktivistinnen gegründet wurde. Sie benutzt die Tastatur um die Peitsche aufzuhalten und die sozialen Netzwerke als Weg der Anklage gegen die Beleidigungen, denen so viele Frauen ausgesetzt sind, die sich nicht trauen, davon zu berichten.

Was Zeng Jinyan betrifft, so wird sie von der Liebe aufrecht erhalten. Diese Zuneigung, die sie mit Hu Jia verbindet, dem berühmten Verteidiger der Menschenrechte in China. Ihr Ehemann klagte systematisch die Misshandlungen von Aidskranken und die verursachten Schäden an der Umwelt an, in einem Land, in dem eine einzige Partei eine einzige Version der Realität fördert. Zeng schilderte im Internet die schwierigsten Momente ihrer letzten Jahre, die Verhaftung und Gefangenschaft ihres Mannes, die langen Tage des Hausarrestes, der ihr, zusammen mit ihrem Baby, aufgezwungen wurde und die zärtliche Umarmung des Wiedersehens, als sie ihn wieder frei gelassen haben. Merkwürdige Widersprüche, die die Technologie mit sich bringt, sie haben sie gehindert, das Haus zu verlassen, und nichts desto trotz hat der Cyberspace die Distanz zwischen ihr und ihren Leser überbrückt.

Zusammen mit diesen zwei bewundernswerten Frauen haben sie auch mich platziert, in einem Dokumentarfilm, der die Nutzung der neuen Kommunikationsmittel als Waffe gegen die Zensur analysiert. Unter dem Titel „Forbidden Voices“ („Verbotene Stimmen“), vereinte die schweizer Regisseurin Barbara Miller Bilder, Interviews und Szenen aus dem häuslichen Leben, die das Bild des Mensch vervollständigen, der hinter einem Twitter-Konto steht, von einer Person, deren virtuelle Präsenz viel freier ist als die wirkliche. Somit ist dies – zweifellos – die Geschichte von vier Frauen, drei von ihnen begierig darauf, Respekt und einen Platz in ihrer jeweiligen Gesellschaft zu finden und die vierte, die Filmemacherin, die ausgerüstet mit einer Linse und viel Geduld, durch die visuelle Darstellung ihre eigene Aufsässigkeit ausdrückt.

Übersetzung: Birgit Grassnick

Gute Absichten?

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Wir hatten Zeiten, in denen es Mode war, die Türen zuzuknallen, sich die Ohren zuzuhalten, ein Telefongespräch einfach abzubrechen. In ganzen Epochen unserer Nationalgeschichte wurde die Bereitschaft zum Dialog mit Nachgeben gleichgesetzt, der Austausch von Ideen galt als Eingeständnis einer Niederlage. Zum Glück spricht man bei den Diskursen der unterschiedlichen Gruppen der Zivilgesellschaft, in wissenschaftlichen Arbeiten, in den Artikeln zahlreicher Zeitschriften bis hin zu Regierungserklärungen immer mehr von der Notwendigkeit einer Debatte. Wir sind von Sätzen umgeben wie: „Unterschiede akzeptieren“, „Meinungen austauschen“, „Beteiligung aller an der nationalen Zukunft“ und von Behauptungen, dass „nur durch den Dialog Lösungen entstehen“. Man könnte sagen, dass wir eine Zeit erleben, in der es sich in Kuba als „politisch korrekt“ erweist, bereitwillig an Diskussionen teilzunehmen. Aber nur Worte reichen nicht aus, die Absicht zu diskutieren muss verwirklicht werden und es soll nicht bei Absichtserklärungen bleiben, die nur Schall und Rauch sind.

Parallel zu der Tendenz, die verschiedenen Blickwinkel zu vergleichen, aus denen unsere dringendsten Probleme betrachtet werden, gibt es auch eine Strömung, die die Ablehnung des Anderen nährt. So behaupten einige Akademikerich, dass das Bildungsniveau bestimmter Bürger nicht ausreiche, um sich mit ihnen auszutauschen; Parteifunktionäre spielen auf die ewige Gefährdung durch das Ausland an, um Gegner zu diskreditieren; angesichts abweichender Kriterien, behaupten zahlreiche Stimmen, dass man weder „zielgerichtet“ ist, noch „an die Nation denkt“; diejenigen, die zu einer alternativen Veranstaltung eingeladen werden, vermuten, dass es sich bei der Teilnahme um eine Falle handeln könnte, um sie politisch bloßzustellen. Unter den Anhängern der offiziellen Ideologie werfen viele den Kritikern ungesunde, „rechte“ Absichten vor und diejenigen, die im nationalen Fernsehen das Mikrofon haben, geben es nicht an andere mit dem Argument, diese Menschen „wollen, dass Havanna bombardiert wird“. Letztendlich ist es eine endlose Geschichte. Ein Geschrei unter Tauben.

Sie erkennen nämlich nicht, dass sich immer Motive finden lassen, um Brücken niederzureißen, Türen zuzuschlagen und dem den Mund zu verbieten, der eine andere Meinung zum Ausdruck bringt. Sie werden immer Gründe finden, bestimmte Namen von der Liste derjenigen zu streichen, die Zutritt zu einem Ort oder Raum bei einer bestimmten Veröffentlichung bekommen. Es werden sich immer moralische oder ethische Gesetzeslücken finden lassen, um jemanden als legitimen Gegner auszuschließen. Denn wenn man nicht diskutieren will, ist es möglich, das Gegenteil zu äußern, doch früher oder später, wird das Leben die wirkliche Angst vor dem Miteinander-Reden entblößen. Wir befinden uns in einer Etappe des nationalen Lebens, in der es offensichtlich nicht mehr üblich ist, sich die Ohren zuzuhalten, stattdessen ist es eher verbreitet zu sagen, dass man zuhört, während man in Wirklichkeit sein Trommelfell abdeckt und sein Gehirn schützt vor diesen schädlichen abweichenden Standpunkten…

Übersetzung: Valentina Dudinov

Fuenteovejuna

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Ein klassisches Werk des spanischen Theaters, von Lope de Vega 1610 geschrieben, erzählt, wie ein ganzer Ort einen tyrannischen und despotischen Komtur tötet. In der Stadt Fuenteovejuna tun sich die Leute zusammen, um dem Machtmissbrauch, den ein Mann ausübt, ein Ende zu setzen. Die Nachbarn kommen überein, den Feudalherren zu lynchen, der schon von den ersten Szenen an sein Recht auf die erste Nacht bei den Mädchen des Ortes einfordert. Nach der Hinrichtung beginnt ein Richter nach dem möglichen Urheber des Verbrechens zu forschen, er stößt aber auf eine gemeinschaftliche Verantwortlichkeit, auf die Überzeugung der Gruppe, dass nur Gerechtigkeit geübt wurde. Auf die Frage:“Wer brachte den Komtur um?“, antwortet ihm ein Chor von Stimmen: „Fuenteovejuna, Herr“. Als der Beamte sie fragt: „Wer ist Fuenteovejuna?“ schallt ihm die unwiderlegbare Beteuerung entgegen: „Alle für einen, Herr“.

Zum Glück sind sowohl die verschiedenen Gruppen der Zivilgesellschaft, als auch die Aktivisten, die Oppositionellen und die Unzufriedenen, die im aktuellen Kuba leben, friedliche Menschen. Sie setzen nicht darauf, „den Komtur zu töten“, auch nicht auf eine andere blutige und traumatische Lösung. Sie haben aber die Lektion gelernt, die Lope de Vega so meisterhaft vor 400 Jahren dramatisierte. Die Vereinigung, der Zusammenschluss und die Annäherung machen sie stark gegenüber der vertikalen Ausrichtung eines totalitären Regimes. Die Bedeutung, Koalitionen zu schmieden, ist ebenso wichtig, wie es heutzutage die Hauptaufgabe der politischen Partei auf dieser Insel ist, Brücken abzubrechen und mögliche Verbündete einander zu Gegnern zu machen. Intrigieren, gegen einander aufhetzen und die Rivalitäten fördern, das ist die überholte Strategie, die die Staatssicherheit anwendet, um die einzelnen Fasern der zivilen Verflechtung getrennt zu halten. Leider haben sie mit dieser so unrühmlichen Arbeit eine langandauernde Wirkung erzielt.

Trotz alledem gehen die Tage der Entfremdung zu Ende. Vielleicht sind das nur Illusionen von mir, aber ich spüre, uns ist bewusst geworden, dass man uns gemeinsam nur sehr schwer zum Schweigen bringen kann. Das jüngste Anzeichen dafür, dass es uns gelungen ist, all diese Wortwechsel zu überwinden, ist das Dokument “Die Forderung der Bürger nach einem anderen Kuba“. Es erfüllt mich mit Hoffnung, auf der Unterschriftenliste eine so große Pluralität und eine so große Vielfältigkeit zu sehen. Es lässt mich glauben, dass alle Intrigen, die in den Büros der Staatssicherheit ausgekocht werden, kaum mehr als einen Kratzer in unserem Bewusstsein bewirken können. Was ist ein Komtur, wenn seine Untergebenen entscheiden, ihm nicht länger blind zu gehorchen? Wem werden sie das Verbrechen der freien Meinungsäußerung als Schuld zuweisen, wenn täglich mehr Bürger sich trauen, das, was sie denken, auszusprechen? Endlich, Fuenteovejuna ohne Gebieter.

Übersetzung: Iris Wißmüller

KLICKEN …zum Einschalten…nie zum Ausschalten

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Seit letztem Donnerstag wird ein Event für neue Technologien und soziale Netzwerke, das in Havanna vom 21. bis 23. Juni dieses Jahres stattfindet, publik gemacht. Unter dem Namen „Festival CLIC“ wollen wir zusammenkommen, um über neue Tendenzen im Web 2.0 zu reden und auch, um die vor uns liegenden Herausforderungen anzugehen zum Einsatz der Tools für Verbreitung und Kommunikation. Besonders interessiert uns die Zukunftsprojektion Kubas als ein Land, das in die moderne Technologie eintaucht, und ebenso versuchen wir die Frage zu beantworten, was wir tun können, um den Moment, in dem alle Bürger dieses Landes vollen Zugang auf das Cyberspace haben, zu beschleunigen.

Der Event wird von verschiedenen Organisationen, Gruppen und Personen aus der Zivilgesellschaft vorangetrieben, doch ist er nicht an irgendwelche Einzelinteressen gebunden. Der Hintergrund ist weder ideologisch noch politisch, sondern technologisch. Er ist nicht als Tribüne für unsere Beschwerden darüber, was mit uns passiert, gedacht, sondern als konstruktives Forum um das Morgen zu überdenken. Dies bedeutet jedoch in keiner Weise, dass wir unsere Stimme nicht gegen die harte Realität erheben, nämlich die Nation mit der geringsten Anschlussfähigkeit ins Internet dieser Hemisphäre zu sein. Wir werden keine Art von politischer Segregation vornehmen, noch werden wir nach Ideologien aussieben, um die Teilnehmer auszuwählen und noch viel weniger wird es Ausschlüsse geben, so wie es bei anderen vorausgegangenen Treffen kubanischer Blogger und Twitterer geschah. Das „Festival CLIC“ wird keine Abschlusserklärung haben, bei der irgendjemand beleidigt oder diskreditiert wird, und noch viel weniger wird das Internet als Schlachtfeld gegen irgendwelche anderen Gruppen, Events oder Tendenzen betrachtet werden. Wie am Tisch des Dichters Walt Whitman, gibt es für alle, ganz ohne Ausnahme, einen Platz bei diesem Event. In den nächsten Tagen werden die Einladungen per Email und persönlich weitergeleitet, doch jeder, der diesen Text gelesen hat, kann sich bereits als eingeladen fühlen.

Die Hauptunterstützung, die wir einplanen, ist die Energie, das Talent und der Fleiß von vielen Personen. Die Ressourcen, die während dieser drei Tage eingesetzt werden, kommen von den Organisatoren und den Teilnehmern selbst. KEINE Partei, Regierung oder Institution hat diesen Event finanziert, hat weder zur Realisierung des Programms beigetragen, noch die ursprüngliche Idee und deren Umsetzung beeinflusst. Natürlich haben wir Worte der Ermutigung und emotionale Unterstützung von Hunderten von Internetnutzern erhalten, von normalen Bürgern, freiwilligen Übersetzern und anderen Freunden. Bemerkenswert sind auch die Solidarität und die Verbreitung durch den „Evento Blog España“ (EBE), der uns bei der Webseitenerstellung geholfen hat und uns mit seiner Pluralität und Debatte als Beispiel inspiriert hat.

Was die Qualität des „Festival CLIC“ angeht, haben wir zwei entscheidende Wochen vor uns. Deshalb möchte ich alle Leser, im Namen der verschiedenen Organisatoren, bitten, uns zu helfen, indem sie uns ihre Ideen mitteilen. Sie können mitwirken – angefangen von der Einsendung eines Berichts, der in elektronischer Form an die Teilnehmer verteilt wird, oder in die Debatten mit einbezogen wird, bis hin zur Mithilfe, den Event zu verbreiten. Über ein „post“ in einem Blog, ein kurzer Tweet mit dem Hashtag #festivalclic , oder eine einfache Botschaft der Ermutigung wären wir Ihnen sehr dankbar. Wir würden sehr gerne jedem Bürger, der am Thema interessiert ist, wissen lassen, was während der 3 Tage passiert. Auch dem ausländischen Touristen, der während dieser Tage die Insel besucht, und bei uns mitmachen möchte, stehen die Türen des „Festivals CLIC“ offen. Diese Sichtbarkeit und Transparenz wird der größte Schutz sein, auf den wir zählen können.
Ich habe das Gefühl, Technologie und Wissen gehen als Gewinner hervor!

Übersetzung: Nina Beyerlein