Kabel oder Karotte?

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Das Geheimnis ist gelüftet, das Rätsel um das Glasfaserkabel zwischen Kuba und Venezuela ist aufgrund einer Indiskretion gelöst. Vor wenigen Tagen bestätigte der venezolanische Minister für Wissenschaft und Technologie, dass es jetzt ‘vollkommen einsatzfähig ‘ sei und dass es von der Regierung Raúl Castros abhinge, es in Gebrauch zu nehmen. Gerade als wir glaubten, dass die Leitung in den Tiefen des Meeres von den Haien verspeist und sich in ein Zuhause für die Korallen verwandelt habe, erreicht uns ein Hinweis, dass sie funktionstüchtig ist. Vorläufig sind es nichts als Worte, denn es gibt keine Beweise, dass Kilobytes durch das Kabel fließen und Daten zirkulieren. Es hat kein Büro eröffnet, das einen Hausanschluss für jeden, der einen erwerben möchte, anbietet, und die Preise, von einem Hotel aus eine Stunde lang im Internet unterwegs zu sein, sind nach wie vor unerschwinglich und purer Wucher. An den Arbeitsplätzen und Lehranstalten sind die monatlichen Quoten der Präsenz im Cyberspace nach wie vor niedrig und werden überwacht, während die offizielle Presse keine Andeutung über eine alsbaldige dreitausendfache Ausweitung unserer engen Bandbreite macht. Es gibt das Kabel und es gibt es doch nicht; es existiert zwar, aber nicht für uns.

Zwischen La Guaira und Santiago de Cuba verläuft eine Nabelschnur, die uns in ein Land des 21. Jahrhunderts verwandeln und uns aus der technologischen und kommunikativen Begrenzung holen sollte. Als sie Anfang 2011 unsere Küsten erreichte, rechneten nicht einmal die größten Pessimisten damit, dass wir ein Jahr später noch immer dieselbe eingeschränkte Anbindung haben würden. Es gibt kein anderes stichhaltiges Argument, den Zugang ins Netz für die breite Masse der kubanischen Bevölkerung noch länger hinauszuzögern, als die ewige Angst unserer Regierung vor einem freien Informationsfluss. Mit jedem Tag, den sie unseren Einstieg ins Internet hinausschieben, setzen sie das berufliche und soziale Kapital dieser Nation aufs Spiel und verdammen uns in das hinterste Abteil der Neuzeit. Auf der anderen Seite öffnet so viel Kontrolle den Menschen nur die Tür zu unzähligen illegalen Methoden, sich Zutritt zu digitalen Websites, Internetblogs und Online-Zeitungen zu verschaffen. So wie die Satellitenschüsseln heute eine Tatsache sind, die weder Polizeieinsätze noch Drohungen in der Zeitschrift ‘Granma‘ aus der Welt schaffen können, wird etwas Ähnliches mit dem Zugriff auf das große World Wide Web geschehen. Piraten Accounts, die auf dem Schwarzmarkt von den Netzwerk-Administratoren staatlicher Institutionen selbst weiterverkauft werden, stellen schon einen Vorgeschmack auf diese Cyber-Machenschaften dar.

Inmitten so vieler Rufe nach Informationstransparenz ist es paradox, dass um eines der brennendsten Themen unseres nationalen Lebens solch eine Geheimhaltung betrieben wird. Peinlich – für die offiziellen Journalisten – ist auch, dass ein Beamter einer ausländischen Regierung die einzige Person ist, die eine Andeutung auf den aktuellen Zustand der so kostspieligen Verkabelung gemacht hat. Noch trauriger aber ist es, dass das Internet das neue Schlachtfeld der kubanischen Regierung ist und das Glasfaserkabel die – selektive und verborgene – Waffe ihres Medienkriegs.

Übersetzung: Angelika Münch-Holzmeier

Die Zukunft mit Mariela Castro

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Sie trägt einen Nachnamen, der mir die Zeltlager ins Gedächtnis ruft, und ich bin nur eine Sanchez, ich schleppe diese Endung „ez“ mit mir herum, welche seiner Zeit die Bedeutung hatte, der „Sohn von“ irgendeinem Sancho zu sein. Jawohl, von einem wie diesem Dickerchen, der Quijote auf einem Esel begleitete und ihn bespöttelte, obwohl ich viele Kilos weniger wiege und noch nie galoppiert bin, nicht einmal auf einem Pony. Sie ist an irgendeinem schönen und angenehmen Ort aufgewachsen, während ich meine Kindheit auf einem lauten und gewaltreichem Gelände verbrachte. Sie ist Sexologin und Psychologin und ich genieße die Lust der Liebe und weiche den Hindernissen des Lebens aus, obwohl ich nie auch nur in einem der Bereiche einen Kurs abgeschlossen habe. Sie ist die Tochter des Mannes, der durch Blutsbande die Präsidentschaft meines Landes geerbt hat, desselben Landes, in welchem mein Vater vor vielen Jahren seinen Beruf als Zugmechaniker verloren hat. Sie ist an jedes Wort, das er sagt, gebunden und ich habe vor geraumer Zeit Schluss gemacht mit dem Gefängnis der Meinung, ich werde mich selber befreien, mit dem Wort.

Sich fürchtet sich vor der Umarmung, vor einem Kuba, in welchem wir beide uns frei bewegen können, wo wir ohne Probleme an einem Konzert oder einer öffentlichen Debatte teilnehmen können, wo wir ein- und ausreisen können, ohne um eine Genehmigung zu bitten. Ich verstehe sie, lastet auf ihren Schultern doch eine Abstammung, die sie sich vielleicht schon mehrmals hätte abschütteln, leugnen, aus ihrem Leben löschen wollen. Ich bin nur die Dahergelaufene, der Eindringling, ohne Stammbaum, ohne würdevolle Ahnengalerie zum Herzeigen. Meine Eltern haben nicht in der Sierra Maestra gekämpft, die Parolen, die in ihren vier Wänden ausgedacht wurden, wurden in meinen systematisch abgelehnt; die Reden ihres exaltierten Onkels stießen auf die skeptischen Ohren meiner Verwandtschaft. Sie hat ein Recht auf Mikrofone, wird im nationalen Fernsehen interviewt und gepriesen, während man mein Antlitz nur von Wörtern umrahmt sieht, wie „Feindin“, „Cyber Terroristin“, ohne mir – natürlich – das Recht zur Gegendarstellung einzuräumen.

Sie konnte ihre Tournee durch die USA machen und die Wochenschau hat sie deswegen nicht beschuldigt eine „Söldnerin“ zu sein. Sie sagte, sie würde „Obama wählen“ und – Überraschung! – die nationale Presse hat sie nicht beschuldigt „Pro Yankee“ zu sein. Sie ist eine Gefangene ihrer Abstammung und ich habe kaum eine Vergangenheit, auf die ich zurückblicken kann. Jetzt gerade wache ich bloß auf und denke an das Morgen. Sie und ich, auch wenn es sie erschreckt und sie es ablehnt, wir sind beide Teil dieses Landes …. sehr unterschiedliche Töchter dieses Landes, gewollte und nicht gewollte Früchte dieses Prozesses. Sie wird anerkennen müssen, dass ich existiere, dass ich bin, dass diese Sanchez ihr Recht einfordert, den Wahnsinn ihrer Windmühlen zu kritisieren.

Übersetzung: Birgit Grassnick

Die kubanische Intelligenzija: debattieren oder sich verbergen

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Was ist ein Akademiker? Was ist ein Intellektueller? Das sind einige der Fragen, die mich jahrelang gequält haben, sogar schon vor meinem Abschluss in hispanischer Philologie. Als ich noch voll in jugendlicher Aufsässigkeit steckte, glaubte ich einmal, es sei nötig, um der eine oder der andere zu sein, bestimmte Posen einzunehmen, Gesten, eine bestimmte Aussprache und sogar eine bestimmte Art, sich zu kleiden oder zu rauchen. Mit der Zeit verstand ich, dass Bildung nicht zwangsläufig in Begleitung von einem Spitzbärtchen daherkommt oder einem Blick von oben herab, einer Lesebrille vorne auf der Nase oder einer schief aufgesetzten Baskenmütze, die unseren Studenten so gut gefällt. Ich lernte Leute kennen, die gleichzeitig über Kenntnisse und Wagemut verfügten, über Weisheit und Spontaneität, über ein riesiges kulturelles Wissen und eine bewundernswerte Bescheidenheit im Auftreten. Viele von ihnen hatten nicht einmal einen Universitätsabschluss oder veröffentlichten kein einziges Buch. Ich bemerkte auch, dass die intellektuelle Welt Kubas sich häufig nicht auf der Basis von Weisheit strukturiert, sondern auf Grund von Opportunismus und ideologischer Linientreue. Beispiele dafür gibt es zur Genüge von Titeln „honoris causa“, die dem Militär als Preis überreicht wurden, anstatt mit ihnen berufliche Fähigkeiten zu ehren. Leider gibt es auch zu Hauf Ausgestoßene und Geschasste in Forschungszentren aus strikt politischen und nicht wissenschaftlichen Gründen.

Aber jenseits der äußeren Erscheinungsformen, als Zeichen einer weisen Bruderschaft oder jenseits der Loyalitätsbekundungen gegenüber der Regierung, die so viele unserer Berühmtheiten äußern, gibt es eine Charakteristik, die sich alarmierender weise in unserer nationalen Intelligenzija wiederholt: es handelt sich um die Unfähigkeit, eine Diskussion mit Leuten auszuhalten, die innerhalb der Insel nicht zu den von den Machthabern abgesegneten und erschaffenen Institutionen gehören; ihre Unfähigkeit, rechtzeitig die Herausforderung zur Diskussion mit Andersdenkenden anzunehmen. Ein kubanischer Akademiker reist von Havanna nach San Francisco und erträgt es, dass aus dem Publikum jeder beliebige Nordamerikaner ihm Fragen und Hinterfragungen stellt, die er in seinem eigenen Vaterland niemals zuließe, geschweige denn anhören würde. Er besteigt ein Flugzeug, nimmt teil an der LASA 2012 (Latin American Studies Association conference) und zeigt sich dazu bereit, an einer Sachverständigengruppe teilzunehmen, wo es liberale, demokratische und antitotalitäre Ansichten gibt, denen er hier niemals Raum geben würde. Der Gipfel ist, dass seine Wortmeldung außerhalb unserer Grenzen ganz klar um einige Grade gewagter und kritischer ist, als seine Rede vor seinen Studenten, Lesern oder Kollegen in Kuba. Wenn man ihn jedoch nach seiner Rückkehr auf das Territorium der Insel zu einem Meinungsaustausch von Seiten der Zivilgesellschaft beruft, der Opposition oder der alternativen Szene, dann tut er so, als habe er die Einladung nicht gehört oder beschimpft das Gegenüber. Er schwärzt an, er windet sich, er ruft den Vater Staat zur Verteidigung. All dies und noch mehr tut er, um nur ja nicht den Austausch von Argumenten und Positionen akzeptieren zu müssen, den unser Land so dringend bräuchte. Letztendlich versteckt er sich.

Ich habe nun also die Etappe überwunden, in der ich die Definition von einem weisen Mann in den Wörterbüchern und Handbüchern suchte. Ich werde hier nicht alle Punkte aufzählen, die mir helfen, mir ein ganz individuelles Bild von der Kultur jedes einzelnen zu machen, aber ich werde euch sagen, was die Charakteristik ist, die meine subjektive Liste anführt. Es handelt sich um die Fähigkeit zur Polemik und zur Kontroverse, die eine Person besitzt, ihre Bereitschaft, auch die Thesen des totalen Gegenspielers und völlig andersartige Kriterien anzuhören. Ich bewundere Menschen, die die Fähigkeit besitzen, mit einem ideologischen oder akademischen Gegner zu diskutieren, ohne eine arrogante Haltung einzunehmen oder in verbale Kraftausdrücke oder persönliche Beleidigung zu verfallen. Es stört mich nicht, dass manche Kleidung anziehen, die sie für typisch intellektuell halten, nicht einmal, dass sie sagen, sie stimmen ideologisch hundertprozentig mit der Regierung überein, die ihnen zufällig ihr Gehalt bezahlt. Was mich irritiert und enttäuscht, ist, wenn Leute, die angeblich die Avantgarde des Wortes und des Denkens der Nation sind, sich weigern, das Wort und ihre Ideen in einer Diskussion zu gebrauchen und sich ihres wissenschaftlichen Auftrages entziehen, die Wahrheit zu suchen, indem sie alle Variablen berücksichtigen.

Übersetzung: Iris Wißmüller

Tausche argentinischen Fiat gegen kubanisches Dach

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Er wurde ihm aufgrund seiner Verdienste zugesprochen und er zahlte einen subventionierten Preis im Jahre 1975, dem Jahr des ersten Kongresses der Kommunistischen Partei. Die Chance auf diesen nagelneuen, in Argentinien gebauten FIAT 125 bekam er, weil er ein Spitzendoktor war und ein tadelloser Revolutionär. Das erste Mal, als er ihn in seiner Straße in der Provinz parkte, schauten ihn die Nachbarn mit Neid und Respekt an. Hinter dem Steuer fühlte er sich wie jemand, der gerade den ersten Schritt auf einem viel versprechenden Weg des Wohlstandes gemacht hat. Doch die Zeit verging und hinterließ ihre Spuren auf seinem Körper und auch auf der blauen Karosserie, die anfing auszubleichen und zu verbeulen. Das Auto wird gerade so alt, wie seine jüngste Tochter: 37 Dezembermonate von Gewinnen und Verlusten.

Jahrzehntelang verzichtete er darauf, eine vollständige Reparatur durchzuführen, da sein Gehalt als Kinderarzt nicht einmal ausreichte, um die Windschutzscheibe zu wechseln. Mitte der Neunziger konnte er nicht mehr und vermietete den FIAT an einen Nachbarn, der mit Waren auf dem Schwarzmarkt handelte. Von den Möglichkeiten, es in der Garage verrosten zu lassen oder an jemanden mit finanziellen Mitteln zu verleihen, bevorzugte er letztere. So wurde das Auto, das als Belohnung für ideologische Loyalität überreicht wurde, an jemanden ausgehändigt, der von den Institutionen niemals für ein solches Privileg ausgewählt worden wäre. Die Währung der politischen Loyalität lag nun zu Füßen einer anderen realeren, einer klingenden und konvertiblen.

Als der Kauf und Verkauf von Autos zugelassen wurde, beschloss man diesen Transfer zu legalisieren. Der zahlungskräftige Nachbar – der schon in neue Reifen, eine Klimaanlage und sogar in mit Leder überzogene Sitze investiert hatte – händigte ein Tausend CUC (900 USD) aus, um das Geschäft abzuschließen. Er wollte nicht einen Cent mehr geben, da er schon mehrere Jahre lang eine monatliche Miete bezahlt hatte. Schließlich, vor einem Notar, erweiterte der FIAT die Liste der 8390 Wagen, die im ersten Quartal des Jahres 2012 verkauft wurden. Mit dem verdienten Geld kaufte der Arzt Material, um das Dach seines Hauses zu reparieren und sich von den beschädigten, fast hundert Jahre alten Dachziegeln zu befreien. Auf diese Weise ersetzte er das Objekt, das einst sein größter Stolz gewesen ist, durch eine Betonplatte, die er sich mit seinem Gehalt nie hätte errichten können.

Übersetzung: Valentina Dudinov

Schwein im “Kistchen”

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Der Markt ist fast leer. Es ist noch sehr früh, und jemand schreibt die neuen Preise für ein Pfund Schweinefleisch auf eine Tafel. Eine scheinbar einfache Geste dieser Hand, die kaum eine Ziffer im Preis der Rippchen, der Beine oder des Schmalzes verändert hat. Was in Wirklichkeit jedoch auf dieser Schiefertafel – auf der Zahlen mit Kreide geschrieben stehen – zum Ausdruck gebracht wird, ist wirklich eine kaufmännische Katastrophe. Die kubanische Binnenwirtschaft leidet unter einer Schwäche, bei der schon eine leichte Preisanhebung eines Kilogramms Steak oder Schweinemalzes ausreicht, um unser schwaches Handelsnetz durcheinander zu bringen. Mit ein paar “Centavos”, die auf ein Lebensmittel aufgeschlagen werden, nimmt das Ausmaß der alltäglichen Angst zu und der Grad der Besorgnis steigt.
 
In der Tat macht sich in diesen Tagen ein gewisser Alarmzustand im Land bemerkbar. Schwein ist knapp aufgrund von Einschränkungen der Futtermittel, deren Importe gesunken sind und deren lokale Produktion nicht in die Gänge kommt. Der Sektor der privaten Produktion leidet unter der Knappheit des Produkts, welches die Basis der so genannten “Kistchen” ist, dessen Inhalt fast immer aus Reis, einem Knollengemüse und etwas Fleisch besteht. Dieses Mittagessen “auf die Hand” ist der Stützpfeiler vieler Kubaner, die außer Haus arbeiten und bildet auch eine grundlegende Einheit der privaten Gastronomie. Wenn der Preis des “Kistchens” steigt, wirkt sich dies auf alles andere aus: Der Schuhverkäufer erlangt das durch den Mittagsimbiss Verlorene wieder, indem er es auf seine Ware aufschlägt, die Ladenbesitzerin, die für die Sandalen mehr bezahlt hat, wird versuchen, die Differenz durch unachtsame Kunden, die ihr Wechselgeld nicht überprüfen, wieder hereinzuholen; und die pensionierte Hausfrau wird ihrem Sohn in Frankfurt oder Miami schreiben, damit er die Überweisungen etwas anhebt, denn heutzutage ist das Leben sehr teuer. Und diese ganze Kette an Problemen und Unbehagen beginnt in einem Schweinestall, dort, wo Futtermittel und Tierpflege sich kilogrammweise in Fleisch verwandeln müssten, was aber nicht gelingt.

Übersetzung: Nina Beyerlein

Der Trägheit entkommen, nach links oder nach rechts?

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Ich war noch nicht alt genug, um in die Schule zu gehen, und war gerade in dem Park, den die Anwohner dieses Viertels „Carlos III“ nennen, obwohl alle Karten auf dem Namen „Carlos Marx“ bestehen. Meine Schwester und ich spielten am trockenen Brunnen und sprangen von einer Bank zur anderen. Wir schauten zum Sitz der Freimaurerloge hinüber, die sich an der Ecke zur Straße Belascoaín befindet, und sahen grauen Rauch aus der Weltkugel auf ihrem Dach aufsteigen, die langsam vor unseren Augen in Flammen aufging. Ich erinnere mich, dass wir zu meinem Vater „Papa, die Welt brennt!“ hinüberriefen und zu dritt zum Hausmeister des Gebäudes liefen, um es ihm zu sagen. Wenige Minuten später kam die Feuerwehr. Seit jenem Tag hat sich dieses Abbild unseres Planeten nicht mehr gedreht. Der Drehmechanismus ging kaputt … und ist es bis heute, Jahrzehnte später.

In eben diesem Park, den ich aus meiner Kindheit kenne, organisierte das Forum Observatorio Crítico (deutsch: Kritische Beobachtungsstelle) am vergangenen Samstag ein Treffen in Solidarität mit der weltweiten Bewegung der „Empörten“. Schon Stunden bevor die Teilnehmer ankamen, hatten die politische Polizei und uniformierte Wachposten die nähere Umgebung gesichert. Mehrere Aktivisten und Journalisten wurden schon vor ihrer Ankunft festgenommen und in entfernte Stadtteile gebracht, um sie an der Teilnahme zu hindern. Das Treffen fand schließlich statt, wenn auch geprägt von Eile und einer geringen Teilnehmerzahl. Trotzdem konnten die Anwesenden ein paar antikapitalistische Transparente entfalten, einige Fotos machen und aus der Ferne an eine nonkonformistische Bewegung erinnern, die Länder wie Spanien, England und die USA erschüttert. Die Teilnehmer sangen die Internationale und einige Ortskundige entdeckten – erst an diesem Tag – das Antlitz des Autors von „Das Kapital“, das dort in die Mauer gemeißelt ist. Fünfzehn Minuten später endete der #12MGlobal in Havanna auch schon und die Kinder machten sich den leeren Brunnen, die Bänke und das Relief eines Mannes, der 1818 in Deutschland geboren wurde, wieder zu eigen. Am Abend wurde in den Nachrichten über die Proteste in London und Madrid berichtet, während man über die Demonstration im eigenen Land Stillschweigen bewahrte.

Trotz der geringen Teilnehmerzahl und des breiten ideologischen Spektrums des Aufrufs ist das Ereignis eine Bereicherung für die bürgerliche Gesellschaft Kubas. Der staatliche Fanatismus unterscheidet nicht zwischen linken oder rechten Nonkonformisten, er verdächtigt alle, die es wagen, ihn zu kritisieren, ohne sich groß darum zu scheren, welcher Gesinnung sie sind. In den Büros der Staatssicherheit führt man sowohl gegen José Daniel Ferrer als auch gegen Pedro Campos eine Untersuchung durch und ist mit Misstrauen der Patriotischen Union Kubas und auch dem Forum Observatorio Crítico auf der Spur. Einem totalitären Regime ist es egal, ob seine Dissidenten sagen, sie schlössen sich derselben Doktrin der ehemals offiziellen Handbücher an. Es reicht, Kritik zu üben, um mit den Feinden in einen Topf geworfen zu werden. Dieses Land, das in politischer Trägheit feststeckt, muss den Stein ins Rollen bringen und dringend den Pfad der Pluralität und Demokratie einschlagen. Genau wie die Weltkugel an der Ecke Carlos III und Belascoaín muss auch Kuba anfangen, sich zu bewegen. Vielleicht dreht es sich am Anfang nach links oder nach rechts, taumelt etwas oder schwankt, bis es seinen eigenen Rhythmus gefunden hat. Von nun an kann ihm jedoch niemand mehr eine einzige feste Richtung vorschreiben, niemand hat mehr das Recht, ihm einen einzigen vorgeschriebenen Weg aufzuzwingen.

Übersetzung: Falko Blümlein

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Foto: Die Weltkugel an der Ecke Carlos III und Belascoaín

Mehr rot als Kreuz

In der letzten Woche haben die offiziellen Medien die Anfänge und das Wirken des Roten Kreuzes in Kuba ganz besonders hervorgehoben. Rund um den 8. Mai, dem Gründungsdatum dieser humanitären Organisation, brachten sie mehrere Berichterstattungen über dessen helfenden und neutralen Charakter. Für die staatlichen Fernsehnachrichten wurden Interviews mit Leuten geführt, die sich aufopfernd dafür einsetzen, Opfern von Unfällen oder Konflikten zu Hilfe zu kommen. Zweifellos sind das Geschichten, in denen persönliche Uneigennützigkeit und Nächstenliebe ein Menschenleben gerettet oder körperliche Beeinträchtigungen verhindert haben. Aber der Anlass für diese Huldigungen und Reportagen liegt nicht nur darin, des 1863 von Henri Dunant gegründeten Komitees zu gedenken und ihm seine gebührende Anerkennung zukommen zu lassen. Das nationale Fernsehen versucht damit auch, das klägliche Bild zu korrigieren, das einer dieser freiwilligen Kubaner bei einer Messe von Benedikt XVI. in Santiago de Cuba hinterlassen hat.

Inzwischen gibt es nur wenige Menschen auf dieser Insel, die dieses Video, auf dem ein Mann in der Einsatzkleidung des Roten Kreuzes auf Andrés Carrión, der eine systemfeindliche Parole schrie, einschlug und eine Tragbahre nach ihm warf. Diese Szene erregt so viel Abscheu, zeugt von so viel Niedertracht, dass sogar Regierungsanhänger ihre Ablehnung solchen Praktiken gegenüber äußern. Das Missverhältnis der Kräfte ist empörend: auf der einen Seite jemand, der sich nicht verteidigen kann, und auf der anderen Seite jemand, der ihn ohrfeigt und mit einem Erste-Hilfe-Artikel angreift. Der Vorfall führte dazu, dass das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (CICR) eine Erklärung und sogar ein bislang einmaliges Entschuldigungsschreiben seitens seines kubanischen Partners einforderte. Aber das ist noch nicht alles. Offenkundig geworden ist nicht nur der Zorn eines als Sanitäter getarnten Paramilitärs oder der ideologische Groll, der mit jedem Schritt geschürt wird, ohne die Folgen abzuwägen. Es wurde auch unleugbar deutlich, dass die Behörden unseres Landes keine ethischen Grenzen kennen, wenn es darum geht, eine fremde Meinung zu unterdrücken. Wenn sie dafür ihre Stoßtruppen als eine Gruppe von Sportlern, ‘spontanen Studenten‘ oder Ärzten verkleiden müssen, dann werden sie es tun. Sie schrecken nicht davor zurück, sich internationaler Embleme zu bedienen und sogar das Renommee ausländischer NGOs für politische Zwecke zu benutzen. Dessen muss man sich bewusst werden, Schluss mit der Blauäugigkeit.

Rotkäppchen hat kaum eine Chance: der Wolf der Intoleranz kann sich als Großmutter verkleiden, als die Mutter, die ihm Kuchen gab, oder gar als der Holzfäller, der kommt, um es zu retten.

Übersetzung: Angelika Münch-Holzmeier