Der Generator, unser Generator

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Bildunterschrift:
Die Anrainer haben den Betonsockel für den Generator selbst gebaut.

Im März 2006 traf er ein, wenige Tage bevor der April seine heftigen Regengüsse auf uns niederschickte. Er kam in einem Lastwagen, makellos neu, glänzend und nützlich. Es war unser kleines Kraftwerk, unser eigener Generator, der den Fahrstuhl und das Licht in den Korridoren in Gang setzen würde, wenn ein plötzlicher Stromausfall das Gebiet verdunkelt. Wir waren gerettet. Die Energierevolution ließ uns jenes Gerät zukommen, das die Form einer stillgelegten Lokomotive hatte. Um die Ähnlichkeit mit einer Eisenbahn noch zu verstärken, gipfelte seine imposante Bauart in einem Schornstein, aus dem wir niemals auch nur eine einzige Rauchwolke würden aufsteigen sehen.

An jenem Maifeiertag machte Fidel Castro auf der Plaza die Mitteilung, dass jetzt alle hohen Gebäude in der Gegend ihre eigene Stromversorgung hatten. „Unser Generator“ hatte jedoch bisher nicht ein einziges Watt erzeugt, kein einziges Mal geschnurrt. In dem Zeitraum zwischen der Ankunft jenes Objekts und seiner öffentlichen Ankündigung wurden drei Arbeitsplätze geschaffen, um es zu bewachen und wieder aufzutanken. Die Angestellten machten Schichtdienst, obwohl sie anfangs nichts anderes zu tun hatten, als unsere wunderschöne ‘Lichtmaschine‘ zu überwachen. Es wurden mehrere Versuche unternommen, sie anzuwerfen, aber es funktionierte nicht gut. Vielleicht hatten wir sie nicht richtig installiert, vielleicht brauchte sie mehr Öl, vielleicht …

Nach ein paar Wochen, nachdem sie ein weiterer Punkt in der Ansprache des ‘Máximo Líder‘ gewesen war, wurde sie weggeschafft. Der Betonsockel, den die Anwohner bauten, um sie darauf aufzustellen, wurde zu einer Sitzbank für Kinder. Die drei Angestellten, die sie bewachten, genossen ein paar weitere Monate, in denen sie bezahlt wurden, ohne dafür arbeiten zu müssen, bis diese Arbeitsplätze dann letztendlich gestrichen wurden. Der Generator wurde – so erklärte uns der Lkw-Fahrer, der ihn abholte – in eine Schule für lateinamerikanische Studenten verlagert. Aber nicht ohne uns vorher zu geloben, dass der, der wirklich für uns gedacht war – größer und mit höherer Kapazität –, in ein paar Tagen ankommen würde.

Das ist nun sechs Jahre her. Die Leute reden über diesen Generator wie jemand, dem ein verwunschenes Gespenst über den Weg gelaufen ist. Andere, die lustigsten unter ihnen, flachsen herum und rufen von Balkon zu Balkon: “Hört …, ich glaube, der Generator kommt, unser Generator“.

Übersetzung: Angelika Münch-Holzmeier

Handbuch

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Ein Freund von mir schenkte mir vor Monaten schon diesen ausgezeichneten Leitfaden mit dem Titel „Handbuch für die Bürger-Kontrolle der Korruption“. Es ist von einer CD begleitet und mit einer Vielzahl von praktischen Beispielen ausgestattet. Ich habe es auf der Suche nach Antworten gelesen angesichts dieser Geißel, die jeden Tag mehr auf uns eindrischt. Gerade jetzt werden wir von Aufrufen bombardiert, um das Abzweigen von Ressourcen und den Diebstahl in staatlichen Firmen zu beenden. Aufgrund dessen habe ich mich in die Seiten dieses Buches vertieft, um zu lernen, was man als Einzelner angesichts solcher Handlungen tun sollte. Ohne überrascht zu sein, entdecke ich ein Wort, das sich immer wieder in jedem Kapitel wiederholt: Transparenz. Eine effektvolle Anti-Korruptions-Kampagne sollte begleitet werden von den sich daraus ergebenden Enthüllungen und öffentlichen Anklagen in den nationalen Medien. Jeder Unterschlagung muss die Berichterstattung folgen, jeder Hinterziehung die schärfste aller öffentlichen Kritiken.

Jedoch hat es den Anschein, dass die Appelle des Generalpräsidenten in der letzten Konferenz der PCC, die Geheimniskrämerei aufzugeben, noch nicht in dem Maße umgesetzt worden sind, um ausreichend Licht auf derartige Machenschaften zu werfen. Es gibt eine offensichtliche Auswahl von dem, was man sagen darf und was nicht, eine klare Linie zwischen dem, was man veröffentlichen darf und was nicht. Bis zum heutigen Tag, zum Beispiel, wurden in der nationalen Presse noch keine Details von der Korruption im Zivilen Luftfahrtamt veröffentlicht, welche zur Abberufung des betreffenden Präsidenten Rogelio Acevedo führte. Noch kein einziges Wort zum neuesten Skandal im Bankgeschäft, welcher dazu führte, dass Untersuchungen gegen einige Angestellte laufen, obwohl immer noch keiner in der Führungsebene „angerührt“ wurde. Und wozu von dem Glasfaserkabel zwischen Kuba und Venezuela sprechen, das uns kein Internet gebracht hat, sondern Gerüchte über Beamte, die gestürzt wurden, weil sie einen Teil des Budgets veruntreuten. Es geht nicht nur um Gerüchte: es genügt wenn man durch den eben erst reparierten Tunnel der Linea-Strasse fährt, um zu erkennen, dass ein großer Teil des Materials, welches für dessen Renovierung bestimmt war, dort nicht zum Einsatz gekommen ist. Warum wird im Fernsehen nicht über all das berichtet?

Man fällt wieder dem alten Fehler anheim: die vertikale Ausrichtung. Der Kampf gegen Korruption ist nicht nur Aufgabe eines Staates oder der Generalkontrolle der Republik. Wir Bürger müssen uns alle mit einbringen in der Gewissheit, dass auf jeden gezeigt werden kann, der seine Hand in die nationale Schatztruhe steckt. Wenn weiterhin der Eindruck vorherrscht, dass es „Unantastbare“ gibt, Diebe, die nicht verurteilt werden können aufgrund ihres politischen Werdegangs oder ihrer ideologischen Ausrichtung, dann können wir auch nicht vorwärts kommen. An dem Tag, an dem ich sehe, dass einer dieser „Unantastbaren“ im Fernsehen kritisiert wird, weil er Waren abzweigt, Preise verfälscht oder über Produktionszahlen lügt, dann werde ich allmählich glauben, dass wir auf dem Weg sind, dieses weit verbreitete Problem auszumerzen. Währenddessen schaue ich auf den Leitfaden, den ich in meinen Händen halte, und er erscheint mir nur wie eine Auflistung von unwahrscheinlichen Aktionen, eine Sammlung von Wunschträumen, die hier nicht erfüllt werden können.

Übersetzung: Birgit Grassnick

Manche schon, andere nicht

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Foto: li: Raúl Castro / re: Miriam Celaya

Ich schaltete den Fernseher in einem dieser Anfälle von Leichtgläubigkeit ein, die mich ab und zu befallen. Ich wollte die Nachmittagsnachrichten hören, etwas Neues erfahren, etwas wissen von der weit entfernten und doch so nahen Realität in Syrien. Aber hier werden die Informationen nicht nach der Wichtigkeit bemessen, die sie für den Rest der Welt haben …so dass man Geduld braucht, viel Geduld. Zuerst kam eine Reportage über irgendeine landwirtschaftliche Ernte, deren Anstieg wir nicht auf unseren Tellern bemerkt haben. Eine Auflistung der Mehrung von Bohnen, Bananen oder Litern von Milch, die vor unseren Mündern versteckt bleiben. Ich hielt durch. Ich würde die Augen nicht vom Bildschirm nehmen, bis ich von den Toten in Homs hörte, von den Erklärungen der Arabischen Liga und vom Sterben zweier Journalisten in einem Bombardement.

Minuten verstrichen, desinformiert und beklommen. Plötzlich sehe ich ein Foto der Bloggerin Miriam Celaya und anderer Bekannter, die mit Beinamen wie „Söldner“ und „Verräter“ versehen sind. Der Grund war ihre Teilnahme an einem Workshop über die digitale Presse, der im Wohnsitz eines Beamten der Interessenvertretung der Vereinigten Staaten abgehalten wurde. In der Umgebung des Ortes fotografierte eine Gruppe von offiziellen rührigen Paparazzi die Veranstaltung, um danach auf ihre Art im nationalen Fernsehen darüber zu berichten. Immer wenn so etwas passiert, frage ich mich, warum die kubanische Regierung eine Vertretung der USA auf der Insel aufrecht erhält, wenn diese, wie es heißt, ein „Nest der Provokation“ ist. Die Antwort liegt in der Frage selbst: sie könnten nicht regieren, ohne die Schuld für die wachsende Unzufriedenheit einem anderen zuzuschieben. Wenn zudem die Zigtausend Menschen, die jede Woche vor diesem diplomatischen Sitz Schlange stehen, um auszuwandern, merken würden, dass es keinen Ausweg für ihre Frustration gibt, würde sich diese wahrscheinlich auf unsere Straßen und auf unsere Plätze ergießen. Schließlich leidet das Ministerium für äußere Angelegenheiten unter einem offensichtlichen Konflikt zwischen Vermeidung und Annäherung, Liebe undHass, hau ab und ich brauche dich.

Ich würde auch gerne wissen, was mit den US-Bürgern geschieht, die das entsprechende kubanische Büro auf dem Boden unseres Nachbarn im Norden aufsuchen. Erscheinen ihre Gesichter auch in den Nachrichten, begleitet von Beschimpfungen? Diplomatie vollzieht sich nicht, wie viele glauben, auf der Ebene der Regierungen oder in den Präsidentenpalästen, sondern von Mensch zu Mensch. Deswegen sollte jedem Kubaner das hohe Recht zustehen, die Botschaft von Iran, von Israel, Bolivien, Chile, Russlandoder Deutschland aufzusuchen. Solange diese Kontakte kein Vergehen im Sinne des Strafrechts sind, sollen sie erlaubt und unterstützt werden. Der Regierung stände es an, diesen Austausch zu schützen und nicht ihn zu sprengen.

Zu meinem größten Erstaunen sehe ich am nächsten Tag in derselben langweiligen Nachrichtensendung Bilder von Raúl Castro, wie er sich mit zwei wichtigen US-Senatoren bespricht. Aber in seinem Fall redet man nicht von „Vaterlandsverräter“ oder „Gewürm“, sondern vom Ersten Sekretär der Kommunistischen Partei. Ich weiß schon, dass viele mir erklären werden, dass „er das doch darf, weil er der Regent ist“. Erlauben Sie mir, dass ich diese daran erinnere, dass der Präsident einer Nation nur der Diener seines Volkes ist, der keine Handlung begehen darf, die seinen Landsleuten verboten oder für sie verteufelt ist. Wenn er berechtigt ist, das zu tun, warum Miriam Celaya nicht? Warum lädt man diese Frau , die genau im Revolutions-Jahr 1959 geboren wurde und eine Anthropologin und wunderbare Bürgerin und Journalistin ist, nicht in ein öffentliches Zentrum ein, damit sie über ihre Erfahrungen im Umgang mit der digitalen Presse berichten kann, damit sie sich nicht mit einem Ort zufrieden geben muss, den ihr „die anderen“ anbieten. Warum wagen sie es nicht,- und sei es auch zur schlechtesten Sendezeit am frühen Morgen- ihr eine Minute Redezeit im offiziellen Fernsehen zuzugestehen, das sie statt dessen zensiert und stigmatisiert ?

Das Traurigste ist der Umstand, dass die Antwort auf all diese Fragen niemals in diesen faden Nachrichten erscheinen werden, weder um ein Uhr nachmittags, noch früh, noch um acht Uhr abends, noch um …

Übersetzung: Iris Wißmüller
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Das Jogging der Gesellschaftsklasse

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Der Tag bricht an auf dem Boulevard „5. Avenida“. Die Autos fahren schnell und auf den Diplomatenkennzeichen heben sich die weißen Buchstaben vom schwarzen Hintergrund ab. Die Bäume der Zentralpromenade zeigen ihre beschnittenen Blätter und die ehemalige Sowjetische Botschaft gleicht einem Excalibur, das – ohne architektonisches Erbarmen – in Havannas Brust gerammt ist. Noch ist es nicht heiß, aber einige schwitzen bereits, während sie die Zentralpromenade entlang joggen. Sie tragen Adidas-Tennisschuhe, Wasserflaschen und weiße Kopfhörer. Unter freiem Himmel – aber mit seinem Hauch von Exklusivität – erstreckt sich das größte Sportareal der Stadt, welches genau am Tunnelausgang des Flusses Almendares beginnt. Laufstrecke für eine soziale Klasse, die bereits Pfunde anhäuft, aber es noch vorzieht, im Freien umher zutraben, und nicht auf dem Laufband eines Fitnessstudios.

Die „Avenida de Las Américas“, wie sie auch genannt wird, ist ein Ort der Begegnungen und Begrüßungen, mit dem Sirenenbrunnen an einem Ende und seinen Luxusvillen auf beiden Seiten. An jener Ecke trafen sich soeben der Oberst im Ruhestand und der neue Vorstandvorsitzende einer Genossenschaft, um über das Klima zu reden, über die Kinder,… wie herrlich dieser Morgen ist. Dort kommt die Tochter eines Funktionärs, zusammen mit ihrer Freundin aus der Kindheit, mit der sie Spiele und Barbecues geteilt hat. Ebenfalls überquerten gerade – mit Vorsicht – der Dichter mit dem weißen Bart und sein Rassehund die Straße. Und die Schauspielerin, die von ihrer Europatour zurückgekehrt ist, schließt sich ebenfalls der morgendlichen Prozession der Kalorienverbrenner an. Denn wenn es auf zehn Uhr morgens zugeht und die Sonne ihnen eine Gratis-Sauna anbieten möchte, ist keiner von ihnen mehr da.

Verglichen mit dem Rest Kubas, ist die 5. Avenida etwas Besonderes. Und dies nicht, weil urbane Schönheit ein knappes Gut auf dieser Insel wäre – bei weitem nicht –denn sogar die zerstörten Paläste des Stadtbezirks „Centro Habana“ haben sich etwas von ihrer ehemaligen Schönheit bewahrt. Das Eigenartige in diesem Fall sind nicht die perfekt gestutzten Bäume, nicht die intakten Granitbänke oder die Villen mit Eisengittern und Garten, sondern die Leute selbst. Das Ungewöhnlichste, was ins Auge sticht, ist das Benehmen der Passanten, die joggen oder ihre Haustiere spazieren führen. Ein Hauch von Wohlbehagen liegt über dem Erscheinungsbild der Leute, von Sorgfalt, wie sie sich um ihre Körper und Kleidung kümmern, von Gelassenheit, die aus den fehlenden täglichen Ärgernissen herrührt. Sie sind wie jene Karikatur des Bürgertums, das wir nach dem Willen des offiziellen Diskurses von klein auf hassen sollten. Nichtsdestotrotz, dort sind sie, mit ihrem lockeren Trab, ihrer Sportkleidung und den Kilos zu viel auf den Hüften, die sie durch Privilegien, das Abzweigen von Fördermitteln oder durch die Mächtigen hinter unserem Rücken bekommen haben, auf unsere Kosten.

Übersetzung: Nina Beyerlein

Der gute Intellektuelle

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Versunken in der Metapher vermeidet es der gute Intellektuelle, sich der Realität zu nähern, unter dem Vorwand, dass Universelles sein Werk bedeutsamer machen wird als lokale Themen. In irgendeiner symbolischen Passage seines Theaterskripts, im Gleichnis eines Verses oder in einer kaum sichtbaren, klitzekleinen Figur an der Leinwandecke versteckt er gerade so viel Kritik, dass er sich später damit brüsten kann, ‘niemals geschwiegen zu haben‘. Er kennt die Zensur, die Heuchelei und die Angst sehr gut, die seine Arbeit zerstören, aber er reagiert zornig auf jeden, der ihn daran erinnert. ‘Was willst du denn, soll ich vielleicht auf dem Bau arbeiten?‘ wirft er demjenigen an den Kopf, der ihn dafür kritisiert, zu viele Zugeständnisse zu machen. Er befasst sich lieber mit erotischen als politischen Inhalten, lieber mit der Vergangenheit als mit der Gegenwart, lieber mit den klassischen als den aktuellen Themen. Sein Name war einmal auf den Schwarzen und Grauen Listen, heute aber werden ihm Ehrungen zuteil und Medaillen verliehen. Er hat in seinem eigenen Haus einen Internetzugang und vor ein paar Jahren genoss er ein kostenloses Wochenende in einem Hotel in Varadero.

Der gute Intellektuelle steht Schlange vor dem Büro der Interessenvertretung der Vereinigten Staaten von Amerika, in der Hoffnung auf ein Visum, aber an diesem Tag trägt er Sonnenbrille und Hut, damit ihn keiner erkennt. Er hält Vorträge und macht Rundreisen durch die Universitäten des ‘Reiches‘, derweil er seine Sprache hier und da zu modulieren versucht, damit sie einerseits nicht veraltet, andererseits auch nicht zu liberal wirkt. Kommen ausländische Delegationen, hält er sich gern in der Nähe auf, nimmt einen Besucher mit nach Hause und appelliert ein wenig an dessen Gefühle, damit er ihm eine Einladung irgendwohin auf der Welt ausspricht, denn letztendlich ‘kann hier ja niemand leben‘. Im hintersten Zimmer hat er eine Satellitenschüssel gut versteckt, wenn er sich aber mit seinen Kollegen unterhält, gibt er vor, gestern Abend die nationale Nachrichtensendung oder letzten Dienstag den Runden Tisch gesehen zu haben. Ein Freund reicht ihm Kopien jener verbotenen Seiten weiter, die er von seinem eigenen Computer aus nie aufzurufen wagt.

Der gute Intellektuelle hält ganz still, während er auf einen Bescheid über seine Ausreisegenehmigung wartet, und wenn er zurückkehrt, wird er sich gut benehmen, damit sie ihm die nächste Reise gestatten. Er ist der Ansicht, dass jede Art von Aktivismus oder offenkundiger politischer Positionierung Aufgabe derjenigen Menschen ist, die nicht sein Talent zu schreiben oder zu malen besitzen. Er schaut auf diejenigen herab, die sich in Diskussionen über ‘Reformen‘‚ ‘Veränderungen‘ oder in anderen flüchtigen Nichtigkeiten verschleißen. Aber nach ein paar Gläsern fragt er sich, ob er diese künstlerischen Höhen wegen seines wahren Talentes erklommen hat oder weil diejenigen, die seine Konkurrenten sein könnten, massenhaft ins Exil gegangen sind. Er bewahrt in einer Schublade jenes von ihm komponierte Lied auf, in dem er sein Innerstes nach außen kehrte, jenes Gedicht, in dem er sich vollständig entblößte, oder jenen zu einem Schrei geformten Mund, den er einmal zeichnete. Denn ein ‘guter Intellektueller‘ verliert niemals die Fassung, lässt sich niemals für soziales Engagement anwerben, lässt sich niemals auf die Straße ziehen.

Übersetzung: Angelika Münch-Holzmeier

Sie wissen nicht alles, mein Liebling, sie wissen es nicht …

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„Gibt es Mikrofone hier?“, fragst du mich, während dein Blick jede Ecke des Zimmers fixiert. Mach dir keine Sorgen, sage ich, mein Dasein ist komplett durchleuchtet, das Innerste nach außen gekehrt. Es gibt keinen dunklen, verschlossenen oder privaten Rückzugsort … da ich mein Leben lebe, als würde ich durch ein enormes Röntgengerät laufen. Hier ist das Schlüsselbein, welches ich mir als Kind gebrochen habe, der Streit, den wir gestern wegen einer häuslichen Nichtigkeit hatten, der vergilbte Brief, den ich in der hintersten Schublade aufbewahre. Nichts bewahrt uns davor, durchleuchtet zu werden, Liebling, nichts bewahrt uns davor. Aber denk heute einfach nicht an den Polizisten am anderen Ende der Telefonleitung – wenigstens für ein paar Stunden – und auch nicht an die Kamera mit dem runden Auge die uns aufnimmt. Lass uns heute Nacht daran glauben, dass nur wir uns gegenseitig beschnüffeln. Schalten wir das Licht aus und schicken sie für eine Weile zum Teufel, berauben wir sie ihrer abgedroschenen Strategien der Schnüffelei.

Trotz des so großen Aufwandes an Mitteln für unsere Überwachung haben wir ihnen die Hauptfacette unseres Lebens verheimlicht. Zum Beispiel kennen sie kein einziges Wort dieser Sprache, die sich in 20 Jahren gemeinsamen Lebens geformt hat und die wir benutzen, ohne auch nur die Lippen zu öffnen. Sie würden in jeder Prüfung eine 6 bekommen, bei der es darum geht, diesen komplexen Code zu entschlüsseln, mit dem wir uns das Unbedeutendste sagen oder das Wichtigste, das Alltägliche und das Außergewöhnliche. Mit Sicherheit wird in keinem der psychologischen Profile, die sie über uns erstellt haben, davon berichtet, wie du mir meine Augenbrauen glatt streichst und mich im Spaß ermahnst, dass ich, wenn sie weiterhin so durcheinander sind, am Ende noch Breschnew ähneln werde. Unsere Aufpasser, die Ärmsten, haben nie das erste Lied, welches du mir geschrieben hast, gelesen, und noch viel weniger das Gedicht, in welchem du sagst, dass wir eines Tages nach Sydney oder Bagdad gehen werden. Zudem verzeihen sie uns nicht, dass wir ihnen immer wieder von einer Sekunde auf die andere entwischen, ohne eine Spur zu hinterlassen.

So wie der Agent Wiesler in dem Film “Das Leben der Anderen”, hört uns in diesem Moment jemand und versteht uns nicht. Sie begreifen nicht, weshalb wir, nachdem wir eine Stunde diskutiert haben, aufeinander zugehen und uns einen Kuss geben. Der verblüffte Polizist, der unseren Schritten folgt, schafft es nicht, unsere Umarmungen einzuordnen, und fragt sich, wie gefährlich die Sätze für die „nationale Sicherheit“ sind, die du mir nur ins Ohr flüsterst. Deshalb schlage ich Dir vor, mein Liebling, machen wir ihm heute Nacht einen Skandal oder bekehren wir ihn. Bringen wir ihn dazu, dass er sein Ohr von der Wand nimmt und statt dessen auf ein Blatt kritzelt: „1.30 Uhr, die Objekte tun so, als würden sie sich lieben“.

Übersetzung: Birgit Grassnick

Der andere Papst

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Foto: Johannes Paul II. 1998 in Kuba

Es sind noch Monate, bis der Papst Joseph Ratzinger nach Kuba kommt und doch lässt sich von fern schon etwas Weihrauchgeruch erahnen. In einem Land, wo viele tagsüber in der Kirche beten und nachts eine Kerze vor einer afrikanischen Gottheit anzünden, entfacht der Besuch seiner Heiligkeit Begeisterung, aber auch Neugier. Während die Katholiken ihre Liturgien und einen prunkvollen Empfang von Benedikt dem XVI. vorbereiten, fragen sich viele andere, ob seine Ankunft irgendeine bedeutsame Veränderung in der politischen und sozialen Situation der Nation bringen könnte. Die Leute möchten glauben, der Heilige Vater werde mit seinem Kommen dem Reformprozess von Raul Castro einen Impuls geben und ihm zu größerer Schnelligkeit und Gründlichkeit verhelfen. Die größten Illusionisten träumen sogar davon, dass der bedeutendste Würdenträger aus dem Vatikan das erreichen wird, was eigentlich ein Volksaufstand erreichen sollte: eine wahrhafte Veränderung.

Es gibt zu viele Unterschiede zwischen diesem Monat März, in dem seine Heiligkeit auf dem Flughafen von La Habana landen wird und jenem Januar 1998, als es Juan Pablo II. tat. Er war bekannt unter dem Namen „Reise- Papst“ und ihm eilten Geschichten voraus, die ihn mit dem Fall der Regierungen in Osteuropa in Verbindung brachten. Ratzinger jedoch wird zu einem Zeitpunkt ankommen, in dem es bereits eine ganz Generation von Kubanern gibt, die nach dem Fall der Berliner Mauer geboren wurde und die nicht einmal mehr weiß, was die Abkürzung UDSSR bedeutet. Ende der neunziger Jahre ließ Karol Wojtyla unsere Herzen entflammen, – sogar Agnostikern wie mir- als er mehr als ein Dutzend Mal das Wort „Freiheit“ auf dem Platz der Revolution aussprach. Doch jetzt werden Apathie und Mutlosigkeit es schwer machen, dass die Sätze von Ratzinger die gleichen Gefühle hervorrufen. Sein Besuch wird nur ein schwacher Abglanz von jenem anderen sein, denn wir sind nicht mehr dieselben und es ist auch nicht derselbe Papst.

Übersetzung: Iris Wißmüller
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Außer Betrieb

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Foto: Erinnerungstafel in Havanna an die ersten Telefongespräche in spanischer Sprache in dieser Stadt am 31. Oktober 1877.

Es wiegt schwer wie eine „schlechte Ehe“, sagte meine Großmutter über das riesige schwarze Telefon, das in dem Haus einer Nachbarin stand. Es hatte eine sehr kurze Schnur und nach einem Anruf war mein Zeigefinger fleckig vom Staub, der sich unter der Wählscheibe befand. Dennoch wartete ich immer gespannt auf den Ruf, der ankündigte, dass man meine Mutter von der Arbeit oder aus irgendeiner Provinz anrief. Wir rannten die Treppen hoch, um den Hörer an unser Ohr zu pressen und zu hören, was eine fast metallisch klingende Stimme am anderen Ende sagte. Unter den mehr als zehn Familien, die in diesem Haus lebten, gab es nur zwei mit Telefonleitung. So konnte ein Streit mit den Besitzern dieses wichtigen Gerätes dazu führen, dass man verlassen und isoliert blieb.

Wenn Raúl Castro im März 2008 geahnt hätte, was für eine Rolle das Mobiltelefon in der aufkeimenden Zivilgesellschaft Kubas spielen würde, hätte er wahrscheinlich seine Nutzung nie genehmigt. Vor diesem Datum mussten die Kubaner einen Ausländer finden, der den Mobilfunkvertrag unterschrieb, sodass sie danach den Service nutzen konnten. Die begehrte SIM-Karte konnte nur von denjenigen erworben werden, die sich an Hotelzimmern und Mietwagen erfreuen konnten, also von Leuten, die nicht auf dieser Insel geboren sind. Zum Glück endete diese Apartheid vor fast 4 Jahren und seitdem haben mehr als 1,2 Millionen Nutzer einen Vertrag mit den Prepaid-Diensten von Cubacel abgeschlossen. Diese Zahl sollte uns nicht freuen, denn immer noch liegen wir weit hinter dem Rest der lateinamerikanischen Staaten.

Trotz der Einschränkungen aufgrund der hohen Kosten, des schlechten Empfanges in manchen Regionen des Landes und der vorübergehenden Sperrung der Dienste für „unbequeme“ Nutzer hat die Mobiltelefonie unser Leben verändert. Heutzutage hat die Möglichkeit, Text-Nachrichten zu versenden und zu erhalten, den Kontakt zwischen den Bürgern vervielfacht, ebenso den Austausch von Nachrichten und die wertvolle Möglichkeit, auch ohne Internetzugang etwas auf Twitter zu veröffentlichen. Vor einigen Tagen wurden die Preise auf nationale SMS um 44% gesenkt, obwohl wir immer noch Lichtjahre von den geltenden Preisen im Rest der Welt entfernt sind. Wenn es das Ziel der einzigen Telefongesellschaft des Landes ist, auf diese Art mehr Kunden zu gewinnen und somit die Gewinne zu erhöhen, werden sie auch die Nebenwirkung der informativen und kommunikativen Befreiung, die damit verbunden ist, akzeptieren müssen. Cubacel berechnet den ökonomischen Nutzen, doch ist es nicht in der Lage, das mächtige soziale Werkzeug, das wir nun in unseren Hosentaschen tragen, in seinem wahren Potential zu erkennen.

Übersetzung: Valentina Dudinov
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