Grün, ich möchte dich frei *

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Als Mahmud Ahmadineyad das letzte Mal kubanischen Boden betrat, war die Krankheit Fidel Castros schon seit ein paar Wochen bekannt und hatte Unmengen an Spekulationen geweckt. In jenem September 2006 wurde der iranische Präsident Zeuge davon, wie der Vorsitz der ‘Bewegung der blockfreien Staaten‘ einem Staatschef übertragen wurde, welcher körperlich nicht in der Lage war, dieses Amt auszuführen. Anstelle des ‘Máximo Líder‘ hörte man im Palacio de las Convenciones die Ansprache seines jüngeren Bruders, während auf den Fluren und vor den Kameras die offiziellen Sprecher verkündeten, dass der ‘Comandante en Jefe‘ bald wieder auftreten werde. Aber sie erzählten Lügen. Auf dem Abschlussfoto dieses Ereignisses – aufgenommen auf einem Rasen in heiterem Sonnenlicht – waren die eingeladenen Staatsoberhäupter zu sehen, aber nicht der hochgestellte Gastgeber. Aus heutiger Sicht betrachtet war dieses Bild gleichsam eine Vorwarnung, denn es markierte den Verlust der führenden Rolle, die der ehemalige Guerillakämpfer im internationalen politischen Leben innegehabt hatte.

Nun ist Ahmadineyad zu einem erneuten Fotoshooting wiedergekommen. Dieses Mal hinter geschlossenen Türen, fast ohne Zeugen und an einem Ort, an dem Fidel Castro sich erholt und seine endlos langen Gedankengänge niederschreibt. In diesen letzten 5 Jahren hat sich für beide viel getan. Ersterer steckt in einer Eskalation von Spannungen mit Washington und hat sogar damit gedroht, die Straße von Hormus zu blockieren. Der Zweite durchläuft eine Phase, in der sein Image innerhalb und außerhalb des Landes allmählich verblasst und er viel an seiner früheren Bedeutung verloren hat.

Der impulsive Politiker, der zur Zeit der Kubakrise im Jahr 1962 beinahe den Dritten Weltkrieg entfesselt hätte, empfängt heute den persischen Herrscher, der am nächsten Konflikt beteiligt sein könnte. Beide haben dieses neue Familienfoto bitter nötig. Der eine, um zu beweisen, dass er nicht so alleine da steht, wie es die US-Diplomatie gerne hätte. Der andere, weil er den Nachweis erbringen muss, dass er im Gegensatz zu den in den sozialen Netzwerken kursierenden Gerüchten noch am Leben ist. Es wird aber ein sepiafarbenes Bild sein, da das Grün fehlen wird, eine Farbe, die in den letzten 5 Jahren für beide unangenehm geworden ist. Fidel Castro erinnert sie an die Vergangenheit und an die Uniform, die einen wichtigen Bestandteil seiner Macht darstellte, wohingegen es bei Ahmadineyad die protestierende Jugend auf den Straßen, Neda und den Sommer 2009 ins Gedächtnis ruft.

Anm. d. Ü.
* Anlehnung an den Refrain ‘Verde que te quiero verde‘ aus der ‘Traumwandlerromanze‘ von García Lorca
Übersetzung: Angelika Münch-Holzmeier